Trumpophobiefolgen

Bereits mehrfach habe ich das Phänomen kommentiert, dass die deutsche Politik und genauso die deutschen Medien dem amerikanischen Präsidenten eine vollkommen überzogene Aufmerksamkeit schenken (s. insbesondere Aufgetrumpft (11/2016), Dumb Trump und wir (6/2017), MAGA? MEGA! (3/2025). Die ZEIT hatte sich vor Kurzem immerhin vorgenommen, dies zu reduzieren, nur um dann allerdings in der folgenden Ausgabe nicht weniger als 4 ganze Seiten Trump&Co zu widmen.

Verstörend ist daran vor allem (wenn man mal beiseite lässt, dass dies natürlich auch taktisch genutzt werden kann, um von eigenen Fehlern und Schwächen abzulenken), dass hier eine „German Angst“ zum Ausdruck kommt (der Sicherheitsradar ist auf die wahrgenommene Hauptrisikoquelle ausgerichtet), die leider nicht zu kluger Gegenwehr (Kampf), sondern zu Inaktivität und Ratlosigkeit (Flucht und Starre) führt.

Wenn man dann heute zudem feststellen muss, dass Deutschland (und Europa, das ähnlich tickt) fast 10 Jahre Zeit hatte, Gegenstrategien zu entwickeln und sich zu wappnen, dazu aber offensichtlich nicht in der Lage war und ist, dann ist zu erwarten, dass die hierdurch in der Bevölkerung generierte Angst vor der eigenen politischen Unfähigkeit (die so langsam ins Bewusstsein dringt) weitaus größere Erschütterungen bringen wird als Trumps Maßnahmen, insbesondere eine deutliche Verstärkung des Rechtsrucks und einen Ruf nach starker Führung, welche die Menschen aus ihrer Angst (und Wut über die bisherigen Regierungen) befreien soll. Bis dahin liefert gerade Trumps Theater paradoxerweise die benötigten Episoden, um die Öffentlichkeit zumindest kurzfristig von dieser Angst abzulenken. Aber die nächsten Wahlen kommen bestimmt. Und dann werden wir gebannt auf das Ergebnis starren, das sich die politische und intellektuelle Elite so gar nicht erklären kann …

KrisenZEIT

Wir leben in einer Zeit des Umbruchs, die offenbar vor allem als Bedrohung und nicht als Chance wahrgenommen wird. Die Zukunftsfurcht könnte daran liegen, dass es uns schon sehr lange sehr gut geht und wir viel zu verlieren haben, aber sie ist m. E. vor allem darauf zurückzuführen, dass wir verlernt haben, gedanklich und emotional mit „Bedrohungen“ umzugehen. Und diese fehlende Kompetenz ist letztlich weitaus besorgniserregender als das, was tatsächlich passiert.

Eine entscheidende Rolle bei der Wahrnehmung der Geschehnisse, ihrer Bewertung und unserer Reaktion hierauf (inkl. der Wahrnehmung dieser Reaktion und ihres Impakts) spielen die (Massen)Medien. Denn sie entscheiden, welche Informationen über das Weltgeschehen, welche Einschätzungen und Ideen für Handlungsoptionen und welche hieraus abgeleiteten Stimmungen die Menschen prägen. Sie – oder genauer: die Menschen, welche die Medien mit Inhalten füllen – sind keine neutralen externen Beobachter, sondern Teilnehmer und Multiplikatoren vorherrschender Haltungen und damit auch Verstärker dessen, was jetzt gerade (und zukünftig) geschieht.

Goldene Jahre

Zu den Problemlösungsansätzen zur Bewältigung der aktuellen globalen und regionalen gesellschaftlichen Herausforderungen zählt die Befragung der Geschichte, um daraus Lektionen für die Zukunft zu übernehmen.

Das ist z. B. die Herangehensweise von Johan Norberg, der in seinem neuen Buch Peak Human (London 2025) untersucht, was wir aus den „golden ages“ der Vergangenheit lernen können, von denen er sieben sehr unterschiedliche untersucht, vom alten Griechenland bis in die aktuelle Zeit.

Eine „goldene Ära“ ist für ihn eine mehr oder weniger lange Periode, die durch sozialen, kulturellen, intellektuellen, technologischen und wirtschaftlichen Fortschritt und darauf aufbauenden materiellen Wohlstand gekennzeichnet ist, und die sich deutlich von der vorangegangen Periode oder anderen Ländern bzw. Regionen im gleichen Zeitraum unterscheidet.

Kennzeichnend für solche meist unerwartet auftretenden Perioden (bzw. Voraussetzungen hierfür) sind „free minds and free markets“, d. h. günstige institutionelle Rahmenbedingungen (eine tolerante, intellektuelle, religiöse und manchmal auch soziale Freiheiten gewährende Elite; Friedenszeiten mit verlässlichen Rechtsordnungen, Eigentumsgarantien und Freihandel; urbane Gesellschaften), die von der Bevölkerung genutzt werden, um neue Produkte, Ideen, Methoden und Technologien aus anderen Ländern nicht nur zu übernehmen, sondern auch zu adaptieren und kreativ weiterzuentwickeln, sich durch kulturelle Offenheit (inkl. Akzeptanz von Migration) und Austausch mit anderen Völkern geistig, wissenschaftlich und kulturell weiterzuentwickeln und auf friedliche, organisierte Weise Vielfalt zu leben und produktiv zu nutzen. Fortschritt wird nicht nur akzeptiert, sondern gesucht, und so schrittweise Teil eines positiv-optimistischen Selbstverständnisses dieser Gesellschaften, die Stolz auf ihr Land und ihre Leistung sind und darin auch durch „clevere Propaganda“ der Herrschenden bestärkt werden.

Der Niedergang trat meist genau so unerwartet ein, wenn durch externe Einflüsse (aufgezwungene Kriege, Invasion, Naturkatastrophen oder starke Wettbewerber, die das Erfolgsmodell kopierten) Situationen von Bedrohung und Unsicherheit entstanden, die Ängste schürten, welche eine lähmende Wirkung auf die Dynamik und den Zukunftsoptimismus entfalteten sowie die Elite bzw. Gewinner dieser Ära dazu verleiteten, ihren Status, ihre Privilegien oder ihr Vermögen zu sichern. Letzteres geschah durch materielle und geistige Abschottung nach außen sowie Einschränkung aller Arten von Freiheiten bis hin zur Etablierung strenger Orthodoxien nach innen, das alles verbunden mit Kontrolle und Unterdrückung bzw. Repression. Obschon die äußeren Umstände immer wichtig waren, geschah der Verfall letztlich vor allem von innen heraus.

MAGA? MEGA!

Trump&Co stellen zweifellos eine Herausforderung für Europa dar, und auch eine Belastung. Aber ihre Politik hat auch etwas Positives: Langfristig wird diese Politik nicht nur „Not Make America Great Again“, sondern insbesondere auf Europa den nötigen Druck ausüben, sich zu besinnen, neu auszurichten und letztlich gestärkt aus dieser Erfahrung hervorzugehen.

„Mit Europa Geht Alles!“* könnte der eigene Leitspruch lauten, aber nicht im Sinne von „Make Europe Great Again“ als machtambitionierte Staatengemeinschaft nach dem Modell der Amerikaner oder Chinesen, sondern als starker, selbstbewusster und global verantwortlich handelnder Kontinent in der Mitte des Weltgeschehens. Das könnte z. B. bedeuten: Vorbild ohne besserwisserisches Auftreten, Kooperation statt Ausbeutung, Ideengeben statt Profitsuchen, interne Dynamik von unten statt politischer Vorgaben von oben.

Das wird allerdings nicht einfach und der Erfolg ist nicht selbstverständlich. Das liegt nicht daran, dass Europa nicht die nötigen Ideen und Ressourcen hätte, wohl aber an weit verbreiteten falschen und widersprüchlichen Geisteshaltungen (die einen sind zu ängstlich, die anderen zu großspurig), nationalstaatlichen Egoismen und zu diffusen Idealvorstellungen, was Europa zukünftig bedeuten und darstellen könnte/sollte, ohne sich auf den Brüsseler Zentral-Bürokratismus zu fokussieren.

Aber noch stehen wir erst am Anfang. Europa ist gerade erst dabei, geweckt zu werden, und es wird noch etwas dauern, bis es institutionell gestützt startklar ist. Aber die Basis sollte keine Zeit verlieren, Initiativen zu starten, Ziele zu diskutieren und sich Strategien auszudenken, und dabei jene politischen und wirtschaftlichen Bedenkenträger und nicht zuletzt Störer einfach außen vor lassen, die nicht bereit und in der Lage sind, diese Gunst der Stunde zu konstruktiv nutzen.

*Alternativen wäre z. B.: Macht Europa Ganz Anders! Mein Europa Gehört Allen! Modell Europa Gegen Amerika! Magie Europas Mehr Europa Geht Auch! Motiviertes Europa Geschickt Aktiv! Mit Europas Genius Arbeiten! Mutiges Europa, Geistige Alternative!

Meine Demokratie

Sobald Wahlen anstehen, sehen seit einiger Zeit die meisten (sich in der Mitte wähnenden) Medien „die“ Demokratie in Gefahr, weil Populisten (insbesondere von rechts, aber auch von links) und verwirrt-unberechenbare Bürger (von überall her) die vertrauten Verhältnisse in Frage stellen und damit politische Verschiebungen drohen, welche eine funktionierende Demokratie zunichte machen könnten.

In der Tat ist die Demokratie die einzige Regierungsform, die vom Konzept her den Keim in sich trägt, sich gewollt selbst zu zerstören. Das wäre zwar nicht fein, aber demokratisch, wenn es von der Mehrheit gewollt wäre, was aber im Übrigen bisher selbst in den bereits existierenden, kritisch beäugten (früher eher demokratischen) „Problemstaaten“ bzw. durch deren Problempräsidenten noch nicht geschehen ist.

Wenn nun allerdings vorgeblich überzeugt demokratisch Gesinnte appellieren, „die“ Demokratie müsse geschützt werden, dann meinen sie in Wirklichkeit „ihre“ Demokratie, nämlich ein System, in dem wie bisher zwar das Volk abstimmt, aber letztlich trotz Wahlen die tatsächlichen Machtverhältnisse strukturell gewahrt bleiben, d. h. die etablierten gesellschaftlichen Eliten (von Reichen über Gutbürger bis hin zu Parteispitzen) wechseln hin und wieder die Stühle, aber fundamental ändert sich nichts. Das ist die Demokratie, wie wir sie kennen und offenbar die meisten sie mögen.

Die demokratische Minderheit (Opposition) baut dabei typischerweise darauf, dass diese Demokratie es ihnen grundsätzlich ermöglicht, auch einmal zur Mehrheit zu gehören, oder dass zumindest ihre Anliegen von der Mehrheit ernst genommen werden. Wenn aber zu viele Menschen finden, dass sie im Demokratiespiel kaum mehr als Stimmvieh sind und keinen Zugang zur Mehrheit oder zumindest Berücksichtigung ihrer Interessen erwarten können, dann ist das nicht mehr „ihre“ Demokratie, und dann drohen jene Veränderungen, welche die anderen fürchten.

Wenn man die Demokratie also retten will, dass muss man „mehr (echte) Demokratie wagen“, wie Willi Brandt das mal formuliert hat. Dazu hat die traditionelle Mehrheit zwar wenig Lust (umso weniger, je häufiger man an der Macht ist), aber die „Alternativen“ und ihre Anhänger haben sich offenbar in ausreichender Anzahl auf den Weg gemacht, das nun zu ändern.

Das sollte man als Demokratiegesinnter eigentlich begrüßen. Was einen aber zögern lässt, ist die Erkenntnis oder zumindest Befürchtung, dass die vorgeblichen „Alternativen“ im Demokratiespiel nicht vertrauenswürdiger sind als die Etablierten: Sie kochen vermutlich ihr eigenes Süppchen und denken gar nicht daran, den Rest des Volkes (bzw. die bisherige Mehrheit) daran mitlöffeln zu lassen. Ob die sie unterstützenden Menschen, sobald sie das merken, dann noch die Wahl haben werden, auch diese an die Macht gelangten „Demokraten“ abzuwählen, das ist die spannende Frage.

Echte Sorgen machen muss man sich letztlich nur, wenn man diese Frage wahrscheinlich mit nein beantworten muss. Alles andere müssen wir als Anhänger der Demokratie aushalten. Auch Andersdenkende sollen schließlich die Chance haben, ihre Inkompetenz, Gier, Ideenlosigkeit usw. unter Beweis zu stellen. Denn nichts spricht dafür, dass sie in der Lage wären, ein Land besser zu führen als ihre politischen Gegner.

Solange es also funktionierende Institutionen im Staat gibt, die auch den tatsächlichen Rückwechsel sicherstellen, können wir also gelassen bleiben. Wenn hingegen neue Machthaber versuchten, das Staatssystem zur eigenen Machtsicherung umzuschreiben, dann wäre nicht bloß Alarmgezeter angesagt, sondern tatsächliches Handeln.

Davon sind wir aber noch ein gutes Stück entfernt. Und die beste Prävention, es nicht soweit kommen zu lassen, ist Demokratie zu leben: Nicht durch Ablehnung und Verbote der Andersdenkenden, sondern durch Diskussion, Überzeugung und Gewinnung neuer Mehrheiten. Diese werden Entgegenkommen und Kompromisse erfordern, und hier liegt die echte Gefahr für die Demokratie: Der Unwille, sich mit Andersdenkenden zu arrangieren und gemeinsame Lösungen zu finden. Das ist anstrengend, aber gerade das würde es allen erlauben, und nicht nur der jeweiligen Mehrheit, die Demokratie als die ihrige zu betrachten. (s. auch Gläubigen predigen)

Aufklärung für dummes Volk

Die Demokratie ist irgendwann entstanden, um das Volk gegen „verrückte“ Herrscher zu schützen, die durch brutale Gewalt oder Blutsbande die Macht eroberten. Es gibt seither zwar immer noch Herrscher, aber diese werden auf Zeit gewählt, und die potenzielle (friedliche) Abwahl sowie der Wettbewerb durch andere Kandidaten führen dazu, dass im Normalfall einigermaßen vernünftige und ausgleichende Führer an die Macht kommen.

Je schlechter jedoch letztere Schutzmechanismen funktionieren, desto anfälliger ist das System für aus Wahlen hervorgegangene Diktaturen (wenn man mal die gefälschten Wahlen außer Betracht lässt). Die Vergangenheit hält einige Beispiele dafür bereit.

Als neues Phänomen stellen wir nun fest, dass Völker bewusst „verrückte“ (d. h. nicht am Gemeinwohl orientierte) Führer an die Macht wählen. Selbst dort, wo mediale Vielfalt eine einigermaßen rationale Meinungsbildung ermöglicht, wird diese nicht genutzt, sondern viele Menschen bleiben in ihrer ideologischen Blase und lassen sich zu Wahlhandlungen verführen, die ihnen bei objektiver Betrachtung sogar selbst schaden.

Die Demokratie kann dabei zwar formal weiterbestehen, aber zu Ergebnissen führen, die die gesamte Gesellschaft / ganze Staaten in den Abgrund führen, und wenn man es auf Umweltprobleme bezieht, auch die gesamte Menschheit.

Man könnte gewiss solche Phänomene mit einem durchschnittlich geringen Bildungsniveau der Bevölkerung korrelieren, und dabei sehr wahrscheinlich einen Zusammenhang finden. Aber schon eine oberflächliche Betrachtung zeigt ebenso, dass auch gebildete Menschen nicht davor gefeit sind, Teil des dummen Volkes zu sein, das letztlich gegen seine eigenen objektiven Interessen votiert, weil subjektive Argumente (die man wohl im Bereich der Emotionen verorten kann) ihre Haltung entscheidend prägen. Verstärkt wird dies durch massenpsychologische Wirkfaktoren, die von den Demagogen geschickt genutzt werden.

Wenn sich diese Tendenz verallgemeinert, wird das Ganze früher oder später zum Systemeinsturz bzw. -wandel führen, wobei noch keineswegs klar ist, in welche Richtung sich die Staaten (vielleicht Staatengruppen) dann bewegen werden, oder welches das Nachfolgemodell der Demokratie als herrschendes Machtorganisationssystem sein wird.

Wir bräuchten jedenfalls dringend eine neue Aufklärung. Im Mittelalter wurden den Menschen die Irrationalität religiös fundierter Meinungen als nicht tragbares Fundament der Gesellschaft vor Augen geführt und durch individualistische und rational-wissenschaftliche Perspektiven ersetzt. Deren Wirkung scheint aber zu verblassen, und entsprechend bräuchten wir heute eine neue Art Aufklärung, welche die Menschen von ihrer modernen „Dummheit“ befreit.

Während die mittelalterliche Aufklärung auf einem einheitlichen verheißungsvollen Grundmodell beruhte, führt die heutige Vielfalt der Zukunftsmodelle vor allem zu Verwirrung. Vielleicht ist das der wesentliche Grund für die heutigen Entwicklungen: Das Volk ist überfordert, und wenn dann Heilsversprecher mehrheitsfähige einfache Botschaften verkünden, sind die Menschen nur zu gerne bereit, ihnen zu folgen. Nicht aus Überzeugung, sondern um dem Gefühl der Überforderung zu entgehen. So betrachtet dokumentiert die heutige Demokratiekrise den Sieg der Gefühle über den Verstand.

Panem, itinera et circenses

Schon im alten Rom war man sich bewusst, dass man mit Brot und Spielen die Bevölkerung bei Wahlen positiv stimmen und die Lust auf Revolten erfolgreich dämpfen konnte. Heute gilt das immer noch, sowohl in Diktaturen als auch in Demokratien. Denn es funktioniert. Das Volk ist dumm und, wenn seine Primärbedürfnisse befriedigt sind, auch ungefährlich.

Ernährung und Entertainment nehmen in der Tat in zunehmendem Maße die körperlichen und geistigen Ressourcen der Menschen in Beschlag, da bleibt keine Energie für anderweitige Anstrengungen:

  • Essen gibt es in allen Varianten fast überall, zumindest in Städten wird es sogar problemlos nach Hause geliefert, und kosten tut es im Verhältnis zu anderen Gütern auch äußerst wenig. Wer sich von diesem Massen-Fast-Food absetzen möchte, erhebt die geschmackliche Genussfähigkeit zum neuen Statussymbol der Möchtegern-Upperclass.
  • Entertainment ist spätestens seit Einführung des Privatfernsehens und der Verbreitung des Internets der absolute Brainkiller Nr. 1, und Kochshows sind dabei ein perfektes Beispiel für eine hirnlosen Bedürfnisbefriedigung unserer Mitmenschzombies.
  • Im Gegensatz zum Altertum spielt heute zusätzlich das Reisen eine wichtige Rolle, wobei dann auch die motorisierte (oder neuerdings elektrifizierte) Individualmobilität das Bedürfnis der eigenen Gestaltungsmacht und Scheinfreiheit optimal bedient.

Das Schöne für die Machthaber war bislang, dass sie diese Primitivbedürfnisbefriedigung nicht einmal besonders viel Aufwand kostete. Die Menschen konnten/können sich inzwischen vieles leisten, und bei der Konstellation sind natürlich auch die Anbieter nicht weit, die damit Gewinne machen wollen. Der Markt richtet es also fast von alleine. Der Staat muss nur die Rahmenbedingungen optimieren (steuerliche Begünstigung und Subventionierung, Polizeiunterstützung bei Großveranstaltungen, unentgeltliche Bereitstellung öffentlicher Infrastruktur, notfalls erweiterte Öffnungs- und Feierzeiten, Aufhebung von Reisebeschränkungen und dgl.) und den Eindruck erwecken, dass sei alles wichtig und der Erfolg seiner Wohlstand-für-alle-Politik.

Kein Wunder, dass in einem solchen Kontext auch die öffentlich-rechtlichen Instanzen (relevant in erster Linie: Medien) mitmischen und beim Publikum bloß nicht den Eindruck erwecken wollen, dass wir in die falsche Richtung laufen. Klar ist man dort ausdrücklich für Umweltschutz, Nachhaltigkeit und all diese Gutmenschdinge, aber nur als Gegenstand der Berichterstattung über andere, nicht als Maßstab für das eigene Handeln.

Pech nur, dass inzwischen Umwelt-, Covid 19- und Energiekrise (und vielleicht bald Lebensmittelknappheit) unser angenehmes Junkietum mit Entzugserscheinungen bedrohen, was dann bislang zwecks Beruhigung aller in vielerlei staatlichen Stützungs- und Beruhigungsmaßnahmen zugunsten der Bevölkerung gemündet ist. Das bezahlt die Menschen dann zwar selbst wieder über die Steuern, aber sie fühlen sich behütet und betreut, und die Zusatzbelastungen gehen vermutlich bald ohnehin im Inflationsgeschehen unter (was langfristig auch die Staatsschulden entwertet, was immerhin zukünftige Generationen freuen wird).

Satte, gebrainwashte und kaum noch in irgendetwas verwurzelte Menschen sind es inzwischen eben dummerweise gewohnt, laut um Hilfe zu rufen und ihre sogenannten Rechte geltend zu machen, die von der Allgemeinheit (d. h. den anderen) bedient werden müssen, und zu bequem, selbst aktiv zur Problemlösung beizutragen. Wer es nie gelernt hat, selbständig vorausschauend zu denken, sich zu engagieren und Eigenverantwortung zu übernehmen, wird auch durch Appelle kaum zu Raison und Fähigkeitsäußerung gebracht werden. Da die Corona-Maßnahmen auch schon einiges an Zumutungen und Einschränkungen gebracht haben, die kaum verdaut sind, lässt die Obrigkeit lieber Manna regnen, um alle bei Laune zu halten und bloß nicht die Idee des Verzichtens propagieren zu müssen.

Wenn dann in absehbarer Zeit die öffentlichen Geldquellen doch versiegen, das Ersparte knapp wird und das Aufwachen aus dem Schlaraffenlandtraum unvermeidlich ist, könnte bzw. wird es dann doch ungemütlich für alle werden. Und wir wissen ja, wie es damals in Rom ausging.

Das Ende der Normalität

„Krisen sind nicht mehr die Ausnahme von der Normalität, sondern die Normalität der Ausnahme“ schreibt Bernd Ulrich in der ZEIT (24.3.2022, S. 4).

Mir gefällt der Normalitätsvergleich nicht, denn wir kommen nicht aus einem Normalzustand, sondern aus einem Zustand der Verdrängung, der Beschönigung, des bewussten Wegsehens und des Verschiebens auf die Zukunft.

Dass wir auf massive Probleme zusteuern, ist jedem halbwegs Informierten seit Langem bekannt. Aber da die Ankündigung des Untergangs des Abendlandes vor gut 100 Jahren dann irgendwann doch nicht eingetreten ist, haben wir täglich einen kleinen Schritt in Richtung Totaldesaster gemacht, dabei allerdings darauf vertraut, dass es wie bisher immer am Ende doch gutgehen wird.

Ulrich diagnostiziert, dass wir zwar möglicherweise genügend Geld haben, um etwas zu unternehmen (was allerdings auch eher unwahrscheinlich ist, wenn die Geldverbreitung Marktmechanismen unterworfen bleibt), aber insbesondere nicht genügend menschliche Kapazitäten, um all das zu investieren, was wir jahrzehntelang trotz Mahnungen unterlassen haben (wovon die Kanzlerschaft Merkels nur den Höhepunkt bildete). Im Grunde geht auch er noch davon aus, dass die Wende „machbar“ wäre, wenn bestimmte Rahmenbedingungen gegeben wären.

Ich glaube nicht, dass die Rahmenbedingungen das Problem sind, sondern dass sehr vieles machbar wäre, wenn die Menschen – möglichst alle – mitzögen. Leider haben m. E. aber zu viele Menschen psychische und intellektuelle Defizite, um mit den aktuellen Problemen umgehen zu können, geschweige denn sie zu lösen.

Wenn die Regierung demnach eine Aufgabe hat, dann besteht sie nicht darin, Maßnahmenbündel zu schnüren, die dann doch in der Bürokratie und Inkompetenz versanden. Ihre einzige Chance ist, die Menschen zu überzeugen und mitzureißen, keine Zeit mit Rechtfertigungen für Zumutungen zu vergeuden, sondern den Selbstbehauptungswillen der Menschen zu reaktivieren und in die richtigen Bahnen zu leiten.

Wenn die Menschen allerdings nicht aus dem Verdrängen in die Realität zurückwollen, die sehr Unangenehmes für sie bereithält (z. B. Verzicht), dann bleibt ihnen nur der Ausweg in den Wahn. Einige (nicht nur in Russland) haben sich schon auf diesen Weg gemacht. Dass das keine vielversprechende Basis für friedliche und vernünftige Lösungen ist, benötigt wohl keine vertiefte Beweisführung.

Aber da am Ende doch immer die Realität siegt, an der wir alle mit unseren wie auch immer gearteten Überzeugungen gleichermaßen teilhaben, vereint uns dann das Schicksal irgendwie wohl oder übel. Aber ob das zu mehr Einsicht und Vernunft führt? Und ob diese noch rechtzeitig einsetzt?

Nur wenn diese Fragen mit ja beantwortet werden, kann es zur Wiedereroberung einer wie auch immer gearteten Normalität kommen.

Lockdown und Lebensschutz

Die meisten Menschen haben Angst vor dem Sterben, mit Ausnahme jener, für die das „Jenseits“ ein wie auch immer geartetes Paradies darstellt. Und je besser es den Menschen im Diesseits geht, oder je weniger sie auf das Paradies vertrauen, desto größer scheint ihre Angst zu sein.

Die Gesellschaft als Kollektiv hingegen nahm bis zur Corona-Pandemie das Sterben eher gelassen hin. Sterben gehörte zum Leben dazu, und die Gesellschaft ist deswegen nie in Panik geraten. Natürlich hat sie Maßnahmen gefördert, die „unnötiges“ Sterben (z. B. durch Unfälle oder Krankheiten) verhindern sollen, aber doch mit überschaubarem Einsatz. Dabei geht es in erster Linie darum, Systemfehler mit tödlichem Ausgang zu verhindern. Am prägnantesten geschieht dies bis heute im Strafrecht, das z. B. darauf abzielt, im gesellschaftlichen Interesse das gegenseitige Töten zu sanktionieren und möglichst zu unterbinden, wohl wissend, dass Letzteres nur sehr bedingt erfolgreich ist. Ähnlich sind z. B. das Gesundheits- und Sozialrecht konzipiert: Im Interesse der Lebenserhaltung, aber nicht um jeden Preis und mit letzter Konsequenz.

Es ging also nie darum, den Einzelnen vor seinem Schicksal zu bewahren oder ihm einen Anspruch auf Langlebigkeit zuzugestehen. Vor allem hat man nie versucht, anonym und unauffällig geschehendes Sterben zu verhindern. Nimmt man als Beispiele die Todesfälle durch Automobilverkehr (Unfälle, Feinstaub), Alkohol, belastete Lebensmittel, Grippeviren oder Krankenhauskeime (und die Liste ließe sich verlängern), dann wurde/wird das hierdurch hervorgerufenen Ableben offenbar als vertretbarer Kollateralschaden der Mobilität, des Vergnügens, des Wirtschaftswachstums oder des Gesundheitssystems betrachtet. Ebenso wurde/wird hingenommen, dass Menschen einfach „Pech“ haben können, selbst wenn es sozial bedingt war/ist (z. B. leben die Reichen länger als die Armen, die Gebildeten länger als die Ungebildeten).

Bis dato ist also niemand auf die Idee gekommen, Lock-down-Maßnahmen von dem Ausmaß zu treffen, wie es zum Schutz vor dem „verfrühten“ Sterben aufgrund einer Corona-Virus-Infektion geschehen ist (auch nicht bei der Hongkong-Grippe-Epidemie 1968-1970 ).

Dies wirft die Frage auf: Wodurch wird dieser gravierende Unterschied in der aktuellen Pandemie begründet? Eine zumindest plausible Begründung würde die Lebenseinschränkungen erträglicher erscheinen lassen und auch einen Teil jener Menschen „zurückholen“, die ihr Bedürfnis nach einer vernünftigen Erklärung in Verschwörungstheorien zu finden glauben. Weiterlesen

Biologisches Risiko Mensch

Bisher dachte man, die natürliche Umwelt sei das schwächste Glied in der ökologischen Kette. Durch Corona haben wir gelernt, dass es der Mensch selbst ist. Zwar wussten wir, dass er der Zerstörer ist, aber die Menschheit glaubte überwiegend, sie werde durch ihre Macht über die Technik überleben. Jetzt wissen wir, dass die Biologie des Menschen seine Schwachstelle ist.

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