Gestohlene Kindheit

Was machen wir bloß mit der Kindheit unserer Kinder?

Wir haben das Vertrauen in ihre natürliche Entwicklungsfähigkeit verloren, saugen uns mit Erziehungsratgebern voll, die vorgeben, wie man „das“ Kind (als standardisierter neutraler Gegenstand) zu erziehen habe, und wollen sie gegen jegliche Gefahren und negative Erfahrungen schützen. Wir geben ihre Erziehung an Schulen ab, welche ihre individuelle Persönlichkeitsentwicklung vor allem behindern, von zu viel überforderten Lehrern bevölkert werden und vor lauter Regularien ihrem eigentlichen Sinn und Zweck aus den Augen verloren haben. Und wir treten vehement dafür ein, dass diese schulbedingte Unmündigkeit möglichst bis zum 19. Lebensjahr durchgehalten wird. Die Talentierten werden unterfordert, die weniger Begabten überfordert, wirklich in seinen persönlichen Eigenheiten gefördert wird kaum jemand. Das Alles beschönigen wir mit dem Ziel der „gleichen Bildungschancen für alle“, das als möglichst einförmiges Beschulen für alle missverstanden wird.

Damit die Kinder im Schulsystem auch möglichst gut „performen“ – davon hängt schließlich der Zugang zur Hochschulbildung ab, und teilweise sogar die Chance auf eine qualifizierte Ausbildung, die beide letztlich für das Lebenszeiteinkommen entscheidend sind – , wird ihre Entwicklung kontinuierlich optimiert. Bei manchen beginnt das schon im fötalen Status (Berieselung mit der richtigen Musik), bei anderen in der Kita (spielerisches Erlernen einer Fremdsprache), auf jeden Fall im Kindergarten, in dem es zwingend intelligenz- bzw. schulerfolgsfördernde Beschäftigung geben muss.

Und wenn der Nachwuchs-Produktionsgegenstand sich dann doch nicht wie gewünscht entwickelt, werden Nachhilfelehrer, Kinderpsychologen, Kieferorthopäden oder gar Schönheitschirurgen engagiert, um das angestrebte Optimierungsziel doch noch zu erreichen.

Was mögen diese Kinder wohl darüber denken, wenn sie dereinst erwachsen geworden sind? Welche Art Menschen werden sie sein? Werden sie nach jahrelanger Indoktrinierung überhaupt noch erkennen können, was ihnen fehlt? Werden sie ihre fehlende Kindheit unbewusst nachholen und dem Druck des Erwachsenendaseins ausweichen wollen? Werden sie angesichts der misslungenen Kindheit körperlich und seelisch anfälliger sein und ihren hart erkämpften materiellen Wohlstand dazu nutzen (müssen), ihre Gesundheit und ihr Gleichgewicht zu retten? Wie werden sie ihrerseits ihre Kinder erziehen?

Warum hat ausgerechnet die Elterngeneration, der es in der Menschheitsgeschichte materiell am besten geht/gegangen ist, so wenig Verständnis für das Kindseinbedürfnis? Welche eigenen Defizite versuchen wir dadurch zu kompensieren? Warum übertragen wir unseren Wunsch nach Lebensglück in diesem Ausmaß auf die „Leistungen“ unserer Kinder? Warum betrachten wir jene misstrauisch, die den Mut haben, ihre Kinder nicht diesem Zeitgeist zu unterwerfen?

Die Zukunft wird diese Fragen mehr oder wenig deutlich beantworten. Wenn alles gut läuft, wird die heranwachsende Generation aus unseren Fehlern lernen. Ob und in welchem Maße die Umstände dann noch ein Umdenken und Umschwenken erlauben, wird sich zeigen. Die Gentechnik jedenfalls steht bereit, den Wunsch der generationsweisen Weiteroptimierung der Nachkommen zu verstärken und damit die Neigung, den Verlust der unbeschwerten Kindheit als überholte Nostalgie einzelner Zukunftsverweigerer darzustellen. Retten könnte die zukünftigen Kinder vielleicht das angeborene Bedürfnis nach unbeschwerter Persönlichkeitsentwicklung. Aber vielleicht kann man ja auch das wegtherapieren.

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„Wir zögerten das Ende der Kindheit so lange wie möglich hinaus. Heute ist die Welt voller Pläne, wie man Kinder am schnellsten zu Erwachsenen macht. Kindheit ist kein Zeitabschnitt, Kindheit ist ein Lebewesen, das nach und nach wie viele andere Lebewesen ausgerottet wird. Die Kinder der Welt gehören ihren Völkern nicht mehr. Sie sind ein über den Erdball verstreutes Volk, das nun vom Volk der Erwachsenen besiegt unter den Bedingungen des Siegers lebt. Dieser Gedanke fällt mir immer wieder ein, wenn ich durch deutsche Städte gehe und die Spielplätze der Kinder sehe. Es sind Reservate. Wir hatten in Damaskus richtige Bäume mit Früchten, Dornen und Blüten. Hier stehen auf den Spielplätzen merkwürdige Konstruktionen aus totem Holz, Kunststoff, Beton und Stahl.“

Rafik Schami, Die Farbe der Worte. 34 Kalendergeschichten, Hörbuch WDR 1999, CD 2, Track 14

Menschheitssinn und Menschendemut

Wir Menschen – zumindest in den westlichen Zivilisationen – betrachten uns mit größter Selbstverständlichkeit als etwas Spezielles, ja sogar Einzigartiges, sowohl auf unserem Planeten als auch im uns bekannten Universum. Und ebenso selbstredend verbinden wir mit diesem Sonderstatus eine positive Bedeutung.

Dabei haben die Wissenschaften uns ausreichend Erkenntnisse beschert, die uns nicht nur wesentlich bescheidener auftreten, sondern demütiger mit dem Sinn unseres Daseins beschäftigen lassen sollten.

Die Astronomie z. B. hat dem Menschen als erste eine Reihe von Demütigungen beschert: Zuerst verschob sie die Erde aus dem Zentrum der Welt auf eine Bahn um die Sonne. Dann verzwergte sie die Sonne zu einem unbedeutenden Stern am Rande einer mittelgroßen Galaxie. Diese wiederum positionierten Astronomen bald in ein Universum, in dem es vor Galaxien so wimmelt. Von der Menschheit bleibt da allenfalls Nanostaub.

Die Genetik (inkl. Paläogenetik) machte dasselbe im Kleinen mit der Rolle der Menschen auf diesem Globus: Es ist gar nicht so lange her, dass wir uns vom Tier zum homo sapiens entwickelt haben, sodass auch heute noch 99% unseres Erbguts mit dem der Mäuse übereinstimmt.

Gesellschafts- und Verhaltenswissenschaften haben uns gezeigt, wie unbewusst, irrational, aggressiv, verantwortungslos usw. unser individuelles und kollektives Verhalten ist. Naturwissenschaft und Technik haben uns eine unvergleichliche Macht über das Naturgegebene verschafft, aber es wird immer deutlicher, dass die Auswirkungen unserer Erfindungen zunehmend unbeherrschbar werden, insbesondere weil wir von der Komplexität des Geschaffenen überfordert sind, da die Realität – auch die von Menschen geschaffene – sich schneller entwickelt als die menschlichen Fähigkeiten zum Umgang mit dieser.

Und nicht zuletzt sind die mentalen Modelle, nach denen wir unser Zusammenleben gestalten, und die Instrumente, derer wir uns dabei bedienen, zu einseitig und simpel, um ein friedvolles und geordnetes Miteinander zu schaffen, das auch die Lebensgrundlagen nicht nur der Menschen, sondern auch der gesamten Natur, nachhaltig sichern würde. Weiterlesen

Schatzsucher und Goldgräber

Es scheint mir, als fühlten wir Menschen ohne Existenzsorgen uns wie Schatzsucher auf der Suche nach dem Lottoglück, dem perfekten Partner, dem Traumjob, dem idealen Urlaub, dem Stein der Weisen usw. usw. Clever sein ohne sich anzustrengen, sich die Hände nicht schmutzig machen, die anderen (notfalls) austricksen und sich das holen, was ‒ so sagt es uns ja ohne Unterlass die Werbung ‒ für jeden im Prinzip erreichbar ist und einem im Grunde ja auch irgendwie zusteht, oder?

Leider gibt es die meisten Schätze nur in Märchen. Das Leben ähnelt in Wirklichkeit eher der Goldgräberei in unzugänglichem Gelände, oder gar in einem finsteren, schmutzigen und manchmal gefährlichen Stollen, in dem schon viele andere ihr Glück gesucht haben oder immer noch buddeln, oder einfach darauf warten, anderen den gefundenen Nugget wegzunehmen.

Dass wir diese Einsicht scheuen, könnte auch einer der Gründe dafür sein, dass Krimis so in Mode sind: Diese vermitteln uns den Eindruck, dass im Grunde jeder Fall lösbar ist, jede Folge gibt uns das Etappensiegfeeling, das die Hoffnung nährt, auch wir könnten zumindest einige unserer Schätze heben.

Das mag etwas weltfremd sein, hält aber die Wirtschaft am Laufen und gibt uns einen gewissen Lebenssinn. Nur: Was passiert, wenn das Heer der Enttäuschten zu groß wird?

Lebenslänge und Lebensgelingen

„Alle Menschen sind sterblich.“ Noch gilt dieser Spruch. Aber wie lange noch?

Wenn man den neuesten Forschungsergebnissen Glauben schenkt (s. ZEIT 6.4.17, S. 29 ff., SPIEGEL 16/2017, S. 12 ff.), sind die Erkenntnisse so weit gediehen, dass zumindest die jüngere Generation ernsthaft davon träumen darf, ihr Leben nennenswert verlängern zu können, und zwar in einem frühen Stadium und nicht erst als Greise.

Es liegt nahe, zu vermuten, dass die meisten Menschen diese Chance werden nutzen wollen. Aber geht damit wirklich ein Menschheitstraum in Erfüllung, wie gerne behauptet wird? Vieles spricht dafür, dass dies für die Menschheit insgesamt (und unseren Planeten) eher zum Albtraum wird.

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