KrisenZEIT

Wir leben in einer Zeit des Umbruchs, die offenbar vor allem als Bedrohung und nicht als Chance wahrgenommen wird. Die Zukunftsfurcht könnte daran liegen, dass es uns schon sehr lange sehr gut geht und wir viel zu verlieren haben, aber sie ist m. E. vor allem darauf zurückzuführen, dass wir verlernt haben, gedanklich und emotional mit „Bedrohungen“ umzugehen. Und diese fehlende Kompetenz ist letztlich weitaus besorgniserregender als das, was tatsächlich passiert.

Eine entscheidende Rolle bei der Wahrnehmung der Geschehnisse, ihrer Bewertung und unserer Reaktion hierauf (inkl. der Wahrnehmung dieser Reaktion und ihres Impakts) spielen die (Massen)Medien. Denn sie entscheiden, welche Informationen über das Weltgeschehen, welche Einschätzungen und Ideen für Handlungsoptionen und welche hieraus abgeleiteten Stimmungen die Menschen prägen. Sie – oder genauer: die Menschen, welche die Medien mit Inhalten füllen – sind keine neutralen externen Beobachter, sondern Teilnehmer und Multiplikatoren vorherrschender Haltungen und damit auch Verstärker dessen, was jetzt gerade (und zukünftig) geschieht.

Goldene Jahre

Zu den Problemlösungsansätzen zur Bewältigung der aktuellen globalen und regionalen gesellschaftlichen Herausforderungen zählt die Befragung der Geschichte, um daraus Lektionen für die Zukunft zu übernehmen.

Das ist z. B. die Herangehensweise von Johan Norberg, der in seinem neuen Buch Peak Human (London 2025) untersucht, was wir aus den „golden ages“ der Vergangenheit lernen können, von denen er sieben sehr unterschiedliche untersucht, vom alten Griechenland bis in die aktuelle Zeit.

Eine „goldene Ära“ ist für ihn eine mehr oder weniger lange Periode, die durch sozialen, kulturellen, intellektuellen, technologischen und wirtschaftlichen Fortschritt und darauf aufbauenden materiellen Wohlstand gekennzeichnet ist, und die sich deutlich von der vorangegangen Periode oder anderen Ländern bzw. Regionen im gleichen Zeitraum unterscheidet.

Kennzeichnend für solche meist unerwartet auftretenden Perioden (bzw. Voraussetzungen hierfür) sind „free minds and free markets“, d. h. günstige institutionelle Rahmenbedingungen (eine tolerante, intellektuelle, religiöse und manchmal auch soziale Freiheiten gewährende Elite; Friedenszeiten mit verlässlichen Rechtsordnungen, Eigentumsgarantien und Freihandel; urbane Gesellschaften), die von der Bevölkerung genutzt werden, um neue Produkte, Ideen, Methoden und Technologien aus anderen Ländern nicht nur zu übernehmen, sondern auch zu adaptieren und kreativ weiterzuentwickeln, sich durch kulturelle Offenheit (inkl. Akzeptanz von Migration) und Austausch mit anderen Völkern geistig, wissenschaftlich und kulturell weiterzuentwickeln und auf friedliche, organisierte Weise Vielfalt zu leben und produktiv zu nutzen. Fortschritt wird nicht nur akzeptiert, sondern gesucht, und so schrittweise Teil eines positiv-optimistischen Selbstverständnisses dieser Gesellschaften, die Stolz auf ihr Land und ihre Leistung sind und darin auch durch „clevere Propaganda“ der Herrschenden bestärkt werden.

Der Niedergang trat meist genau so unerwartet ein, wenn durch externe Einflüsse (aufgezwungene Kriege, Invasion, Naturkatastrophen oder starke Wettbewerber, die das Erfolgsmodell kopierten) Situationen von Bedrohung und Unsicherheit entstanden, die Ängste schürten, welche eine lähmende Wirkung auf die Dynamik und den Zukunftsoptimismus entfalteten sowie die Elite bzw. Gewinner dieser Ära dazu verleiteten, ihren Status, ihre Privilegien oder ihr Vermögen zu sichern. Letzteres geschah durch materielle und geistige Abschottung nach außen sowie Einschränkung aller Arten von Freiheiten bis hin zur Etablierung strenger Orthodoxien nach innen, das alles verbunden mit Kontrolle und Unterdrückung bzw. Repression. Obschon die äußeren Umstände immer wichtig waren, geschah der Verfall letztlich vor allem von innen heraus.

American Nero

Vom römischen Kaiser Nero wird berichtet, er habe Rom angezündet, aus Verrücktheit oder um sich einen neuen Palast bauen zu können. Historisch belegt ist das keineswegs, aber das ist letztlich auch irrelevant. Viel interessanter ist, dass die Menschen es seit Jahrhunderten als plausibel erachten, dass ein Herrscher zu so etwas fähig sein kann, wenn er im Kopf nicht ganz dicht ist.

Aber sind nicht alle Diktatoren dieser Gefahr ausgesetzt? Natürlich geben sie vor, ihrem Land zu neuer oder alter Größe zu verhelfen, aber (wenn sie nicht ohnehin nur primitive Kleptomanen sind, die ihr Volk plündern) in ihrer ideologischen Verquertheit sind sie nicht mehr in der Lage, (selbst wenn si es wollten, was man sicher nicht standardmäßig unterstellen kann), wirklich Großes zu leisten. Mag es auch eine Weile so sein, dass die Menschen glauben, dass alles besser wird und nicht nur der Staat, sondern jeder Einzelne an Größe gewinnt, am Ende kommt der Niedergang, wenn nicht die Zerstörung. Die Deutschen kennen das nur all zu gut. Ein angeblicher hero entpuppt sich fast immer als zero, und je länger jemand an der Macht ist, desto wahrscheinlicher ist das.

Natürlich sind die Umstände dieser sozialen Gesetzmäßigkeit immer andere, aber gut ausgehen tut es nur, wenn diese Typen noch rechtzeitig genug entmachtet werden, sei es durch einen demokratischen Prozess, sei es durch Gewalt von innen oder außen.

Auch heute dürfen wir wieder miterleben, wie jenseits des Atlantiks jemand ein Imperium zugrunde richtet. Mal schauen, wie lange man ihn agieren lässt, sobald die ersten erwartbaren negativen Folgen offenkundig werden. Denn von alleine wird er sich nicht eines besseren belehren. So etwas gibt es nur in Kitsch-Filmen wie American Hero.

Die Europäer machen sich zurecht Sorgen über die Zukunft, aber aus einem falschen Grund: Es sind nicht in erster Linie die kurzfristigen Europa-schädlichen Entscheidungen, die sie fürchten müssen, denn diese können (und werden früher oder später) rückgängig gemacht werden. Problematischer ist, dass die Amerikaner – wenn das Spielchen länger dauert – nicht mehr in der Lage sein werden, die Pax Americana, von der der Westen massiv profitiert hat, aufrecht zu erhalten, weil das Land zu sehr mit sich und seinen Problemen beschäftigt sein wird.

Selbst wenn der MAGA-Mann relativ zügig ein zahnloser Tiger wird, hat der Vertrauensverlust der Verbündeten und die Verachtung der Feinde schon erheblichen Schaden angerichtet. Damit wären alle Voraussetzungen gegeben, dem Golden American Age endgültig Farewell zu sagen und hierzulande neue Überlebensstrategien für die nächsten Jahrzehnte zu entwickeln.

Weltversteher

Es gibt so viele Menschen, die Weltverbesserer oder zumindest Weltweiser sein wollen. Aber wie soll das gelingen, wenn sie nicht einmal Weltversteher sind?

Sollte diese Feststellung den Eindruck erwecken, ich würde mich zu letzter Kategorie zählen, dann widerspreche ich ausdrücklich. Nicht einmal etablierte Philosophen würde ich per se als Weltversteher betrachten, sondern eher als Weltdeuter. Und Theologen schon gar nicht, da diese sich ja grundsätzlich nicht mit der realen Welt beschäftigen.

Was sind denn Weltversteher? Tja, wenn das so einfach wäre.

In Frage kämen naheliegenderweise Wissenschaftler, aber diese beschäftigen sich leider nicht mehr mit der ganzen Welt, sondern nur noch mit Teilen derselben. Vermutlich würden hier alle Grundlagenwissenschaftler aus Natur- und Gesellschaftswissenschaften widersprechen. Daher muss präzisiert werden: Sie beschäftigen sich zwar mit der ganzen Welt, aber nur in ihrer jeweiligen Wissenschaftsperspektive, mit ihren spezifischen Methoden und Begriffen.

Wenn also schon die Wissenschaftler nur einen Teildurchblick haben, wer soll dann noch ein echter Weltversteher sein? Tja, wenn man das mal wüsste.

Genau das ist das entscheidende Problem: Die Welt ist so vielfältig und komplex, so veränderlich und undurchschaubar, so widersprüchlich und widerspenstig, dass die Menschheit überfordert ist, daraus ein Gesamtverständnis zu entwickeln, das alle Dimensionen berücksichtigt. Wenn aber einseitig qualifizierte Experten (also Fachidioten) an einem hyperkomplexen System herumwerkeln, dann führt das zwar nicht zwangsläufig zu dem, was die Chaostheorie postuliert (dass ein Schmetterlingsflügelschlag in Australien in New York ein Hochhaus zum Einsturz bringen kann), aber je nachdem, was wir zur Rettung der Welt unternehmen, muss man angesichts des Vorstehenden in Kauf nehmen, dass es sich um ein ernstes Vabanque-Spiel handelt, weil wir nicht verstehen, was wir da tun bzw. anrichten. Tja, wenn das mal gut geht.

In den Sinn kommt mir da das Potenzial der KI, der man ja jetzt schon den Status einer modernen Version des Steins der Weisen zuerkennen kann bzw. muss. Da kann man nur hoffen, dass sich diesmal tatsächlich die Hoffnungen auf die Existenz und das Leistungsvermögen des Übermenschlichen bewahrheiten werden und nicht alles im genauen Gegenteil endet. Tja, schau‘n mer mal.

MAGA? MEGA!

Trump&Co stellen zweifellos eine Herausforderung für Europa dar, und auch eine Belastung. Aber ihre Politik hat auch etwas Positives: Langfristig wird diese Politik nicht nur „Not Make America Great Again“, sondern insbesondere auf Europa den nötigen Druck ausüben, sich zu besinnen, neu auszurichten und letztlich gestärkt aus dieser Erfahrung hervorzugehen.

„Mit Europa Geht Alles!“* könnte der eigene Leitspruch lauten, aber nicht im Sinne von „Make Europe Great Again“ als machtambitionierte Staatengemeinschaft nach dem Modell der Amerikaner oder Chinesen, sondern als starker, selbstbewusster und global verantwortlich handelnder Kontinent in der Mitte des Weltgeschehens. Das könnte z. B. bedeuten: Vorbild ohne besserwisserisches Auftreten, Kooperation statt Ausbeutung, Ideengeben statt Profitsuchen, interne Dynamik von unten statt politischer Vorgaben von oben.

Das wird allerdings nicht einfach und der Erfolg ist nicht selbstverständlich. Das liegt nicht daran, dass Europa nicht die nötigen Ideen und Ressourcen hätte, wohl aber an weit verbreiteten falschen und widersprüchlichen Geisteshaltungen (die einen sind zu ängstlich, die anderen zu großspurig), nationalstaatlichen Egoismen und zu diffusen Idealvorstellungen, was Europa zukünftig bedeuten und darstellen könnte/sollte, ohne sich auf den Brüsseler Zentral-Bürokratismus zu fokussieren.

Aber noch stehen wir erst am Anfang. Europa ist gerade erst dabei, geweckt zu werden, und es wird noch etwas dauern, bis es institutionell gestützt startklar ist. Aber die Basis sollte keine Zeit verlieren, Initiativen zu starten, Ziele zu diskutieren und sich Strategien auszudenken, und dabei jene politischen und wirtschaftlichen Bedenkenträger und nicht zuletzt Störer einfach außen vor lassen, die nicht bereit und in der Lage sind, diese Gunst der Stunde zu konstruktiv nutzen.

*Alternativen wäre z. B.: Macht Europa Ganz Anders! Mein Europa Gehört Allen! Modell Europa Gegen Amerika! Magie Europas Mehr Europa Geht Auch! Motiviertes Europa Geschickt Aktiv! Mit Europas Genius Arbeiten! Mutiges Europa, Geistige Alternative!

Neue Demokratie

Ich bin leider kein Demokratietheoretiker, aber als Mitglied des Wahlvolks nicht nur ein kleines Rädchen in der Demokratiemaschinerie, sondern zunehmend auch ein zweifelnder Beobachter derselben.

Demokratie ist sicher eine zivilisatorische Errungenschaft, allerdings in erster Linie für jene, die sie tatsächlich erkämpft haben, und das ist im Westen schon lange her. Leider hat sich dieses Gesellschaftsorganisationsmodell seither nicht weiterentwickelt, und es kann daher nicht überraschen, dass seine Schwächen und Defizite zunehmend offenkundig werden.

Zu nennen wären insbesondere: Auf der Wahlstufe ist das System zu undifferenziert hinsichtlich der inhaltlichen Wahlmöglichkeiten, unvorhersehbar hinsichtlich der zukünftigen Politik angesichts auszuhandelnder kompromissbasierter Regierungspro-gramme, und geprägt von primär emotional-irrational wählenden Bürgern und entsprechend zufallsgeprägten Mehrheiten (was zudem zu populistischen und Werbemaßnahmen gleichenden Simpel-Wahlkämpfen führt). Auf der Gewähltenebene dominieren eine starre Parteibindung mit ideologisch fixierten und kompromiss-unfähigen Parteiapparatschiks, zu langsame Entscheidungsprozesse im Parlament, medien- und öffentlichkeitszentrierte Politik ohne ernsthafte Problemlösungs-fokussierung, Überforderung der Regierenden, und fehlende Rechenschaftspflichten hinsichtlich der Realisierung des ursprünglich Versprochenen (bzw. dessen, wofür sie gewählt wurden). Aus all dem resultieren Instabilität und Orientierungslosigkeit sowie eine zurückgehende Akzeptanz des Demokratiemodells als zukunftstauglicher Form der Realisierung des Gemeinwohlinteresses auf friedlichem Wege.

Vor allem die Überforderung der Wähler, Gewählten und Regierenden, die Realität überhaupt zu verstehen, die zu lösenden Probleme zu priorisieren und auf allen Ebenen eine Bewegung in Gang zu setzen, bei der „die da oben“ und „die da unten“ zusammenarbeiten, sind – obschon dies die zentralen Herausforderungen sind – mit dem aktuellen System nicht in den Griff zu bekommen. Zu retten ist die Demokratie nur, wenn sie sich so weiterentwickelt, dass die talentiertesten, führungsfähigsten und verantwortungsbereitesten, am Gemeinwohl orientierten, Menschen in diesem System das Volk vertreten. Wenn es nicht gelingt, die Demokratie in diese Richtung weiterzuentwickeln, wird das System sich auf demokratische Weise selbst abschaffen, um Platz für Autokraten, Oligarchen oder Diktatoren zu schaffen, für die das Gemeinwohl nur insoweit relevant ist, als es ihren individuellen Interessen dient.

Paradoxerweise können solche postdemokratischen Systeme die Mehrheit der Menschen tatsächlich zufriedener machen und vielleicht sogar das Überleben der Menschheit eher sichern als die Demokratie. Und zunehmend sind die Menschen offenbar bereit, sich auf solche Experimente einzulassen.

Wenn die Demokratieschutzrhetorik, die man immer häufiger hört und liest, hierauf keine fundierte Antwort findet, die insbesondere darin besteht, die Ideale der Demokratie nicht nur zu predigen, sondern die Vorzugswürdigkeit der Demokratie gegenüber anderen Staatsformen tatsächlich unter Beweis zu stellen, dann wird die Demokratie früher oder später in die Geschichtsbücher ehemaliger Staatsformen aufgenommen werden.

Derzeit sieht es nicht so aus, dass die Demokraten dies verstanden hätten und umzusetzen in der Lage wären. Die ständige Aufforderung, an den Wahlen teilzunehmen, ist jedenfalls kein probater Lösungsansatz, sondern verhilft bloß den mehr oder weniger zufällig Gewählten zu einer gewissen Legitimation des weiter so. An den Defiziten des Systems ändert dies jedenfalls nichts.

(Zur heutigen Bundestagswahl, deren Ergebnisse letztlich irrelevant sind, weil niemand der Möchtegern-Verantwortungsträger auch nur den Eindruck erweckt, dass er die Grundprobleme der Demokratie verstanden hat, und einen Plan, wie sie behoben werden könnten.)

Zukunft in Sicht !

Die Zeiten sind schlecht, und es sieht nicht danach aus, als würden sie von alleine in absehbarer Zeit mal wieder nennenswert besser. Alle Welt bläst Tristesse, Gelassenheit und Optimismus weichen Alarmismus und Depressivität.

Dabei ist das alles nicht zwingend, sondern nur möglich oder allenfalls wahrscheinlich. Es gibt auch gute Gründe, gelassen zu bleiben und Vertrauen in die Zukunft bzw. seine eigene Zukunft zu wahren.

Meine Demokratie

Sobald Wahlen anstehen, sehen seit einiger Zeit die meisten (sich in der Mitte wähnenden) Medien „die“ Demokratie in Gefahr, weil Populisten (insbesondere von rechts, aber auch von links) und verwirrt-unberechenbare Bürger (von überall her) die vertrauten Verhältnisse in Frage stellen und damit politische Verschiebungen drohen, welche eine funktionierende Demokratie zunichte machen könnten.

In der Tat ist die Demokratie die einzige Regierungsform, die vom Konzept her den Keim in sich trägt, sich gewollt selbst zu zerstören. Das wäre zwar nicht fein, aber demokratisch, wenn es von der Mehrheit gewollt wäre, was aber im Übrigen bisher selbst in den bereits existierenden, kritisch beäugten (früher eher demokratischen) „Problemstaaten“ bzw. durch deren Problempräsidenten noch nicht geschehen ist.

Wenn nun allerdings vorgeblich überzeugt demokratisch Gesinnte appellieren, „die“ Demokratie müsse geschützt werden, dann meinen sie in Wirklichkeit „ihre“ Demokratie, nämlich ein System, in dem wie bisher zwar das Volk abstimmt, aber letztlich trotz Wahlen die tatsächlichen Machtverhältnisse strukturell gewahrt bleiben, d. h. die etablierten gesellschaftlichen Eliten (von Reichen über Gutbürger bis hin zu Parteispitzen) wechseln hin und wieder die Stühle, aber fundamental ändert sich nichts. Das ist die Demokratie, wie wir sie kennen und offenbar die meisten sie mögen.

Die demokratische Minderheit (Opposition) baut dabei typischerweise darauf, dass diese Demokratie es ihnen grundsätzlich ermöglicht, auch einmal zur Mehrheit zu gehören, oder dass zumindest ihre Anliegen von der Mehrheit ernst genommen werden. Wenn aber zu viele Menschen finden, dass sie im Demokratiespiel kaum mehr als Stimmvieh sind und keinen Zugang zur Mehrheit oder zumindest Berücksichtigung ihrer Interessen erwarten können, dann ist das nicht mehr „ihre“ Demokratie, und dann drohen jene Veränderungen, welche die anderen fürchten.

Wenn man die Demokratie also retten will, dass muss man „mehr (echte) Demokratie wagen“, wie Willi Brandt das mal formuliert hat. Dazu hat die traditionelle Mehrheit zwar wenig Lust (umso weniger, je häufiger man an der Macht ist), aber die „Alternativen“ und ihre Anhänger haben sich offenbar in ausreichender Anzahl auf den Weg gemacht, das nun zu ändern.

Das sollte man als Demokratiegesinnter eigentlich begrüßen. Was einen aber zögern lässt, ist die Erkenntnis oder zumindest Befürchtung, dass die vorgeblichen „Alternativen“ im Demokratiespiel nicht vertrauenswürdiger sind als die Etablierten: Sie kochen vermutlich ihr eigenes Süppchen und denken gar nicht daran, den Rest des Volkes (bzw. die bisherige Mehrheit) daran mitlöffeln zu lassen. Ob die sie unterstützenden Menschen, sobald sie das merken, dann noch die Wahl haben werden, auch diese an die Macht gelangten „Demokraten“ abzuwählen, das ist die spannende Frage.

Echte Sorgen machen muss man sich letztlich nur, wenn man diese Frage wahrscheinlich mit nein beantworten muss. Alles andere müssen wir als Anhänger der Demokratie aushalten. Auch Andersdenkende sollen schließlich die Chance haben, ihre Inkompetenz, Gier, Ideenlosigkeit usw. unter Beweis zu stellen. Denn nichts spricht dafür, dass sie in der Lage wären, ein Land besser zu führen als ihre politischen Gegner.

Solange es also funktionierende Institutionen im Staat gibt, die auch den tatsächlichen Rückwechsel sicherstellen, können wir also gelassen bleiben. Wenn hingegen neue Machthaber versuchten, das Staatssystem zur eigenen Machtsicherung umzuschreiben, dann wäre nicht bloß Alarmgezeter angesagt, sondern tatsächliches Handeln.

Davon sind wir aber noch ein gutes Stück entfernt. Und die beste Prävention, es nicht soweit kommen zu lassen, ist Demokratie zu leben: Nicht durch Ablehnung und Verbote der Andersdenkenden, sondern durch Diskussion, Überzeugung und Gewinnung neuer Mehrheiten. Diese werden Entgegenkommen und Kompromisse erfordern, und hier liegt die echte Gefahr für die Demokratie: Der Unwille, sich mit Andersdenkenden zu arrangieren und gemeinsame Lösungen zu finden. Das ist anstrengend, aber gerade das würde es allen erlauben, und nicht nur der jeweiligen Mehrheit, die Demokratie als die ihrige zu betrachten. (s. auch Gläubigen predigen)

Gläubigen predigen

Derzeit läuft eine große Anzeigenkampagne, in der deutsche Unternehmen unter dem Slogan #zusammenland ihre Ablehnung rechter Fremdenfeindlichkeit zum Ausdruck bringen. Aber was will man damit erreichen, außer den ausgewählten Zeitungen über die verkaufte Werbefläche Zusatzeinnahmen zu bescheren?

Die Unternehmen haben erst einmal allen Grund, sich entsprechend der politischen Mehrheitsverhältnisse „politisch korrekt“ zu verhalten und bei der Aktion mitzumachen. Die Nazizeit hat allerdings deutlich genug gezeigt, dass die unternehmerische Gesinnung bei ernsten Machtwechseln auch gerne mal die Richtung ändert.

Vor allem aber: Wen will man damit erreichen und beeindrucken? Die Leser dieser Zeitungen sind weit überwiegend ohnehin derselben Meinung. Und auf welcher Erkenntnisgrundlage glaubt man, durch Zeitungsanzeigen sonstigen Andersdenkende zum Umdenken zu bringen? Wer lässt sich von einer solchen Art Demonstration von seiner Meinung abbringen?

Fast könnte man denken, es werden auf diese Weise Durchhalteparolen ausgegeben, weil man Sorge hat, der Widerstand oder Kampfesmut der „Zusammenhaltenden“ könnten brechen (wenn diese militärische Analogie erlaubt ist).

Ein ähnliches Phänomen beobachtet man im Übrigen bei den großen Telemedien: Dort berichtet man über Rechts (und die AfD), so als handelte es sich um einen fremden Eindringling. Mit neutraler und inhaltlich kritischer Berichterstattung hat das nur noch gelegentlich zu tun, das Ganze erinnert eher an Berichte über Russland bzw. Putin.

Ist das nur ideologische Beschränktheit oder schon Angst, wenn man quasi zur Solidarität aller politisch „Rechtgläubigen“ aufruft? Der Aufrechterhaltung der Demokratie dient es jedenfalls nicht, Feinde im eigenen Land zu suchen und diese so lange vor den Kopf zu stoßen, bis sie diese Medien nicht mehr ernst nehmen und sich gar nicht mehr ansprechen lassen, sondern nur noch unter Ihresgleichen bleiben (wie dies ja offenbar jetzt schon weitgehend der Fall ist).

Das Ganze ähnelt der Situation in den Kirchen: Überzeugungsarbeit leistet man am liebsten bei Überzeugten, mit den „verlorenen Schafen“ setzt man sich lieber nicht auseinander, vermutlich weil das die eigenen Überzeugungen in Frage stellen könnte. Was aus solchem Vermeidungsverhalten langfristig wird, kann man an der gesellschaftlichen Entwicklung feststellen, welche Kirche und Religion zu kulturellen Randerscheinungen werden lässt. Wenn man daraus keine Lehren zieht, wird es mit der Demokratie ähnlich enden.

Es führt daher kein Weg drumherum, sich mit den Kerninhalten rechten Denkens zu beschäftigen, dieses mit den davon Überzeugten zu diskutieren und auf diese Weise Einfluss zu nehmen, statt sich rechthaberisch zu verweigern, das unangenehme Gedankengut verbieten zu wollen und zu hoffen, dass das „Problem“ sich irgendwie von alleine erledigt. (s. auch Meine Demokratie)

Nichtwissenlernen

Alle Wissenschaften, und auch das darauf beruhende Bildungswesen, haben als primäres Ziel, Wissen zu generieren und es zu verbreiten.

Das erscheint selbstverständlich, sinnvoll und sogar zwangsläufig, denn wir Menschen sind homines sapientes, und Wissen ist die unabdingbare Voraussetzung für Denken und Handeln in einer modernen Gesellschaft. Das Wissen selbst, und das Wissen darum, welche Bedeutung Wissen hat, hat zudem eine beruhigende Wirkung, denn es lässt uns glauben, die Realität im Griff zu haben.

Zunehmend müssen wir aber feststellen, dass Letzteres ein Irrglauben ist und wir uns zu sehr auf das Wissen verlassen haben (und es immer noch tun). Denn selbst die gigantische Wissensexplosion der letzten Jahrzehnte reicht nicht aus, mit den komplexen Problemen der heutigen Realität klar zu kommen. Irgendetwas scheint dort zu fehlen und damit das Versprechen eines wissensbasierten Überlebens der Menschheit in Frage zu stellen. Als Reaktion darauf generieren wir noch mehr Wissen in der Hoffnung, bald den wissenden Stein der Weisen zu finden.

Wir wollen also letztlich das Nichtwissen auslöschen, und wenn wir das erreicht haben, dann muss doch alles gut werden, oder?

Meines Erachtens fehlt es uns aber nicht an Wissen, sondern am rechten Verständnis, am Durchblick, am klugen Handeln usw. Wie man diese Fähigkeiten erlernt?

Das ist komplex. Der erste notwendige Schritt wäre jedenfalls ein Bewusstsein unseres Nichtwissens. Es wäre sinnvoll, zumindest einen Eindruck davon zu haben, was wir alles nicht wissen, denn das würde uns schon einmal nachdenklicher, vorsichtiger und verantwortungsbewusster machen und verhindern, dass wir dem Wahn der Wissensmacht bzw. -mächtigkeit erliegen.

Es müssten also parallel zum Wissenserwerb bzw. in der Wissenskommunikation immer auch die weißen Flecken auf der Wissenslandkarte offengelegt werden, und daneben auch, wie man mit diesem Nichtwissen umgehen kann bzw. soll. Erst wenn ein Mensch diese Kompetenzen besitzt, verfügt er über eine echte Grundbildung.

Das aber wird in Bildungswesen gerade nicht vermittelt, von dem Medien ganz zu schweigen (dort berichtet man lieber über skurrile „Theorien“, die genau dieses Vakuum nutzen, um Anhänger zu finden.

Abgesehen von der Unfähigkeit zum unvoreingenommenen Denken liegen diese Defizite vermutlich auch daran, dass ein solches Bewusstsein auch Ängste vor dem Unkontrollierten und vielleicht Unkontrollierbaren schüren kann, und das würde – wenn es (voraussehbar) irgendwann in Panik mündet – die zu bewältigende Lage noch schwieriger machen. Also wird das Thema lieber gemieden, selbst wenn unsere Wissenslücken eigentlich irgendwo bekannt sind, nur eben nicht Allgemeingut.

So bleibt der Einzelne abhängig davon, was man ihm preisgibt, und er tröstet sich weiter damit, dass er ja nicht alles wissen müsse, sondern sich auf das System verlassen könne. Das ist aber ein weiterer Irrtum, denn das System besteht aus der Summe der Einzelnen und ist letztlich nicht klüger als diese, sondern spiegelt allenfalls deren Durchschnitt oder Dummheit. Vielleicht ist es sogar so, dass analog zum schwächsten Glied einer Kette die Verbildeten (im oben genannten Sinn) der Schwachpunkt im Überlebenskampf unserer Gesellschaft sind.

So bleibt unser Bildungssystem jedenfalls eines von Einbildung und Scheinbildung, solange wir nicht lernen, unser Nichtwissen zu erkennen und damit umgehen zu können.