Grünspalter?

Wenn man als Journalist sonst keine Anliegen hat (oder zu dumm ist, die echten zu erkennen), dann hilft es, Banales aufzubauschen und als problematisch hinzustellen. Das tun jedenfalls jene gerne, denen es im Übrigen an Durchblick fehlt.

Neuestes Beispiel: Die Tatsache, dass die Grünen vor allem von gebildeten und eher gut situierten (Groß)Städtern gewählt werden, stellt angeblich ein Problem dar, weil dies die Spaltung der Gesellschaft fördere, so die neuerdings kolportierte dramatische Einsicht.

Über kleine Dummheiten kann ich ja hinwegsehen, aber solche Schlussfolgerungen sind auch gefährlich, und daher muss ihnen entschieden widersprochen werden:

  1. Es gibt keine Partei, die gleichermaßen in allen Bevölkerungsschichten vertreten wäre, nicht einmal die sogenannten Volksparteien. Erst die Parteienvielfalt und das Wahlrecht sorgen dafür, dass die gesellschaftliche Vielfalt repräsentativ dargestellt wird, und zwar im Parlament, nicht in jeder Partei.
  2. Es ist schwer nachvollziehbar, warum eine einigermaßen gut eingrenzbare Wählerschaft bei den Grünen ein Problem darstellen soll, während dies bei der FDP z. B. als selbstverständlich betrachtet wird. Alle Parteien (auch die großen) haben ihre Klientel bzw. ihre typische Wählerschaft und es zählt ja gerade zu ihrem Parteiprogramm, gerade die Sorgen und Interessen dieser Menschen in den Mittelpunkt ihrer Politik zu stellen. Nirgendwo wurden bisher daraus Spaltungstendenzen abgeleitet.
  3. Eine echte Spaltung der Gesellschaft wird nicht durch die Option für eine bestimmte Partei hervorgerufen, sondern sie existiert unabhängig davon und wird durch die Wahlen nur transparent gemacht. Wahlverhalten und -ergebnisse werden erst dann problematisch, wenn die Gewählten dadurch die Chance erhalten, einseitig ausschließlich ihre Klientel zu bedienen und durch diese Politik die Spaltung der Gesellschaft zu fördern. Das ist angesichts der Koalitionskonstellationen in Deutschland aber nicht der Fall, schon gar nicht für eine (bisher) kleine Partei wie die Grünen.
  4. Gerade die Grünen haben (z. B. im Gegensatz zu FDP, Linke und AfD) kein Programm, dass bestimmte Menschengruppen bevorzugen soll, sondern Umwelt schützen und Ökologie fördern, und dies kommt gleichermaßen allen zugute. Dass viele Menschen trotzdem nicht die Grünen wählen, erklärt sich leicht dadurch, dass in ihrem Leben (bislang) andere Prioritäten (z. B. ihren Lebensunterhalt sichern, oder einer bestimmten Ideologie folgen) existieren oder sie nicht die Einsichtsfähigkeit besitzen, die andere wohl haben. Das hat nichts mit Spaltung zu tun, sondern mit Vielfalt und Entscheidungsfreiheit.

Wenn man sich fragt, ob die Gesellschaft eher durch die Grünen oder durch unqualifizierte Journalisten gespalten wird, dann dürfte die Antwort leichtfallen. Warum schreiben die Journalisten nicht mal darüber?

Schluss mit lustig? Schluss mit dumm!

Und wieder einmal hat Jan Schweitzer (Schluss mit lustig, ZEIT Nr. 3 vom 13.1.2022) die grobe Keule ausgepackt, um auf jene einzudreschen, die vom Pfad der naturwissenschaftlichen Rechtgläubigkeit abgewichen sind. Während ihm beim letzten Mal die Unlogik der Grünen als Vorwand diente, wird nunmehr dasselbe undifferenzierte Denken (allerdings auf einem noch niedrigeren Niveau) auf angebliche Esoteriker und Konsorten losgelassen.

Anhand des Beispiels des Tennisstars N. Djokovic, offenbar ein Anhänger esoterischer Methoden (vermutlich wegen seines Missionierungseifers hat Schweitzer sich nicht einmal die Frage gestellt, wie man denn trotz einer aus einer Sicht mindestens zu belächelnden ineffizienten Haltung weltbester Tennisprofi werden kann) und von uneinsichtigen Impfunwilligen (die der Autor der Einfachheit halber mit Esoterikern in einen Topf wirft) versucht Schweitzer eine große Bedrohung an die Wand zu malen, nämlich die „wissenschaftliche Medizin zu verunglimpfen und unpassende Fakten zu leugnen“.

Sein eigentliches Anliegen aber ist folgendes: „Esoteriker und Alternativmediziner hatten bislang erstaunlich viel Spielraum, viele Heilpraktiker etwa dürfen ohne nennenswerte Ausbildung erstaunlichen Unsinn treiben. […] Geht es aber um ernste Krankheiten, die mit wissenschaftsbasierten Methoden behandelt oder verhindert werden können, darf die Alternativmedizin keine Rolle spielen.“

Ein solcher Aufruf (Schluss mit lustig!) ist starker Tobak, vor allem wenn man berücksichtigt, wie schwach Schweitzers Argumentation ist: Weiterlesen

Experten-Entfremdung

In der Corona-Pandemie spielen Wissenschaftler eine wichtige Rolle. Den einen ist das zu viel Wissenschaftlichkeit, den anderen zu wenig. Zu Letzteren zählen die meisten Wissenschaftler selbst. So hat sich eine Gruppe von sieben Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen zu Wort gemeldet (ZEIT 18.2.2021, S. 33), die mit der bisherigen Strategie der „Politik“ und den darauf beruhenden Maßnahmen unzufrieden ist.

So weit, so gut. Nach der Lektüre ihres Textes fragt man sich aber, wo angesichts von Klugdünkel  und Realitätsferne der Mehrwert liegt. Und vor allem, welchen Kollateralschaden die Sieben damit anrichten und wie man der Wissenschaft mehr Gehör verschaffen könnte. Weiterlesen

Logikfalle?

Jan Schweitzer hat in der ZEIT (24.10.2019, S. 33) in seinem nimmermüden Feldzug gegen Impfgegner, Homöopathiegläubige und sonstige Naturheilkundeanhänger zur Abwechslung nicht nur die Dummheit und uneinsichtige Sturheit dieser Schulmedizinverächter angeprangert, sondern versucht es jetzt einmal mit den Argumenten der gedanklichen Inkonsequenz und fehlenden Logik.

Sein simples Argument (mit einigen überflüssigen Zutaten aufgepeppt): Wenn der Feind (in diesem Fall müssen die Grünen dafür herhalten) beim Klimawandel (zurecht) die eigene Position auf naturwissenschaftliche Erkenntnisse stützt, dann könne er unmöglich gleichzeitig Anhänger der Homöopathie sein, da die Naturwissenschaft wiederholt deren Wirkungslosigkeit nachgewiesen habe. Wer so inkonsequent sei, der tappe in eine (inakzeptable) Logikfalle und müsse sich endlich der Naturwissenschaft und Schulmedizin beugen.

Es kann hier nicht dazu Stellung bezogen werden, ob Homöopathie Scharlatanerie ist oder nicht, aber wohl muss festgestellt werden, dass der Autor als offensichtlich blinder Anhänger der Naturwissenschaft und Schulmedizin weitaus größere gedankliche Defizite aufweist als die Grünen.

Seine wesentlichen persönlichen Logikfallen sind die folgenden: Weiterlesen

White man blues?

Manchmal weiß ich nicht, ob ich angesichts des Verhaltens anderer lachen oder weinen soll. So geht es mir bei dem Opfergehabe all jener, die keine heterosexuellen weißen Männer (hwM) sind, letztere aber zum Feindbild par excellence erkoren haben.

Solche Opfer vom zumindest mikroaggressivem (!) hwM-Reden und Handeln scheint es viele zu geben. Jede sich benachteiligt fühlende mikroidentitäre Gruppe, die irgendein anderes Merkmal als das der typischen hwM an sich entdeckt, betrachtet sich schon mal potenziell als Geschädigtenkollektiv. Und falls es dann einen echten (zumindest von ihr so empfundenen) hwM-Sündenfall anzuprangern gilt, tut man dies der Welt mit solcher begeisterter Verachtung und Forderungen nach Ächtung kund, dass man glauben muss, pauschales public bashing sei die neue Form gerechter Urteile und alle hwM seien der letzte Dreck.

Auch ich bin ein hwM, aber alles andere als schuldbewusst und bußbereit.

Warum? Weiterlesen

Great, Greater, Greta

Die Persönlichkeit von Menschen, insbesondere ihre Ein- und Weitsichtsfähigkeit, erkennt man besonders gut dann, wenn etwas Ungewöhnliches geschieht und sie nicht mehr ihre eingeübten Routinen abspielen können.

Die „Fridays For Future“-Schüler-Demos sind hierfür ein probates Beispiel.

Weiterlesen

Ökonomische Bildung und Befähigung

Im Augenblick gibt es offenbar (mal wieder) ernste Bemühungen, „Wirtschaftsbildung“ zu promoten. Das ist zwar nicht so hip wie Digitalisierung, aber da alles irgendwie Ökonomie ist und es schließlich um unser aller materielles Wohlergehen geht, darf man hier von einer einigermaßen sicheren Aufmerksamkeits- und Zustimmungsrate ausgehen.

Schon seit Jahren ist daher die durchweg als defizitär qualifizierte wirtschaftliche Bildung regelmäßig in allen wichtigen Medien präsent (z. B. FAZ, Handelsblatt, Spiegel, Welt).
Jetzt hat die ZEIT das Thema intensiv aufgegriffen und als Grundlage für ihre Position eine Studie des briq Institute on Behavior & Inequality von Prof. Armin Falk (Uni Bonn) herangezogen.

Wer bei so viel Kompetenz und darüber hinaus selbstbewusster Verkündung jetzt besondere Einsichten erwartet, wird allerdings enttäuscht. Die einfache Botschaft lautet: Die Menschen sollen durch ökonomisches Wissen gebildet und befähigt werden, und zwar in der Schule, wenn nicht sogar in der Vorschule.

Je öfter man jedoch die journalistische Verarbeitung der (im Übrigen nicht veröffentlichten) Studie liest, desto offenkundiger werden ihre Defizite: Keine Präzisierung dessen, was Wirtschaftswissen auf Schulniveau bedeuten könnte, keine Analyse von Wirtschaftsbildung und -befähigung, und schon gar keine empirische Überprüfung der einleuchtenden, aber falschen Thesen.

Den Journalisten mangelt es selbst nicht nur an Wirtschaftsbildung, sondern vor allem auch an Bildungsbefähigung. Ihr Denken ist unterkomplex, einseitig ökonomisch, bildungspolitisch leer, ideologisch unehrlich oder unreflektiert. Selbst wenn man annimmt, dass die Überlegungen gut gemeint sind, sie sind nicht einmal im Ansatz zu Ende gedacht.

Das Ergebnis ist folglich ein unbrauchbares common-sense-Geschreibsel, das letztlich kontraproduktiv wirkt, weil es irreführt und echte Fortschritte verhindert. Das darf man als profnarr getrost nicht nur als Gedankenmüll des Monats bezeichnen, sondern auch mit dem Ehrenlabel „verdummungsstrategisch wertvoll“ versehen.

Wer die ausführliche Begründung dieser Kritik lesen möchte findet sie ausnahmsweise als Download hier. Bzgl. der Beeinflussung und Manipulation ökonomischer Bildung auf Hochschulniveau siehe die aktuellen Arbeiten von Silja Graupe.

Männererziehung durch Sex-Verträge?

Die Irrungen und Wirrungen des Zusammenlebens der Geschlechter werden derzeit durch eine neue Pointe bereichert, die einmal mehr beweist, dass bei diesem Thema ein Mix aus Vorurteilen, Ideologien und Emotionen einen fruchtbaren Humus für Gedankenunkraut bildet, das auch seriöse Themen überwuchert.

Es geht einmal mehr um den Schutz von Frauen vor sexuellen Übergriffen und Erniedrigungen durch Männer. Lassen wir einmal die empirisch zu klärende Frage beiseite, ob alle derzeit durch #MeToo dokumentierten Geschehnisse wirklich in diese Kategorie fallen und so verbreitet sind, dass man Männer per se unter Generalverdacht stellen muss, so wird man sich dennoch ohne Weiteres darauf verständigen können, dass es immer wieder zu nicht hinnehmbaren Grenzüberschreitungen durch Männer kommt und dass es gut wäre, dagegen ein probates Mittel zu besitzen.

Meist wird in dem Zusammenhang eine Verschärfung des Strafrechts ins Spiel gebracht. Aber die Erfahrungen mit den bereits bestehenden (und teilweise auch schon verschärften) Regeln zeigen, dass deren Umsetzung mit zahlreichen praktischen Problemen behaftet ist und diese letztlich wenig bewirken.

Jetzt wurde als neue Idee vorgebracht, das Problem doch über privatrechtliche Verträge zu lösen (s. z. B. L. Weisbrod, Regelt den Verkehr!, ZEIT 26.10.17, S. 39, dessen pauschalierende und wirre Argumentation hier allerdings lieber nicht weiter kommentiert werden soll). Was ist davon zu halten?

Weiterlesen

Spahnsinn

Verkrampfter Umgang mit der deutschen Sprache ist nicht neu, Anglizismen werden seit jeher gegeißelt, und das nicht erst, seit der Verein Deutsche Sprache sich der Sache mit Verve angenommen hat.

Die Politik hat dieses Themas zum Glück weitgehend ignoriert. Bis der Shooting Star (Verzeihung: aufstrebende Nachwuchspolitiker) Jens Spahn sich medienwirksam daran gestört hat, „dass in nicht wenigen Berliner Restaurants ausschließlich nur noch auf Englisch bedient wird.“ Weiterlesen