Bloggen in Zeiten von KI

Bloggen ist wie ins Leere schreiben, in der Hoffnung, dass irgendwo eine Realität auftaucht, in deren mentalem Netz die Botschaft sich verfängt und etwas bewirkt. Früher waren damit Menschen gemeint, heute wohl in erster Linie KI-Robos.

Lohnt sich überhaupt noch der Versuch, die Menschen mit klugen Ideen zu versorgen, wenn sie schon überfordert sind, sich angesichts der Informationsüberlast nicht irgendwelchen vereinfachenden Denkmodellen zu verschreiben, egal wie dumm sie sind, Hauptsache, sie werden von anderen geteilt?

Der Meinung anderer zu folgen war immer schon einfacher, als selber zu denken. Je geringer die Bildung, desto leichter haben es die Rattenfänger. Dabei korreliert Bildung nur schwach mit einem schulischen oder selbst akademischen Qualifikationsnachweis, der schon vor dem Siegeszug der KI nur dokumentierte, dass das Gehirn mit einem bestimmten Quantum an Wissen vollgepfropft wurde, aber nicht, auf welchem Bildungsstand man ins Leben entlassen wurde.

Im Grundsatz könnte Bloggen ein Instrument sein, eigene Meinungsbildung und Denkfähigkeit zu „bilden“. Aber das ist wohl auch mehr Wunschdenken als ein realisierbares Ideal. Nur die wenigsten haben noch Zeit und Lust, längere Texte zu lesen und sich zu disziplinieren, um Erkenntnisfortschritte zu erreichen. Wozu auch? Es ist wesentlich lukrativer, mit Bild, Ton und wenig Inhalt Aufmerksamkeit zu erhalten und andere zu „influencen“.

Zwei Hoffnungsschimmer bleiben:

Der kleine ist, Blogbeiträge wie eine Art Flaschenpost im Meer der verrückten Realität zu verstehen, und auf das Schicksal zu hoffen, dass sie nicht untergeht, sondern einen geneigten und geeigneten Zufallsempfänger findet.

Der große ist die Zuversicht, dass nichts bleibt, wie es ist, und dass auch mal wieder bessere Zeiten kommen, in denen das Geblogte zumindest von der KI noch verstanden und (hoffentlich korrekt) verarbeitet wird.

KrisenZEIT

Wir leben in einer Zeit des Umbruchs, die offenbar vor allem als Bedrohung und nicht als Chance wahrgenommen wird. Die Zukunftsfurcht könnte daran liegen, dass es uns schon sehr lange sehr gut geht und wir viel zu verlieren haben, aber sie ist m. E. vor allem darauf zurückzuführen, dass wir verlernt haben, gedanklich und emotional mit „Bedrohungen“ umzugehen. Und diese fehlende Kompetenz ist letztlich weitaus besorgniserregender als das, was tatsächlich passiert.

Eine entscheidende Rolle bei der Wahrnehmung der Geschehnisse, ihrer Bewertung und unserer Reaktion hierauf (inkl. der Wahrnehmung dieser Reaktion und ihres Impakts) spielen die (Massen)Medien. Denn sie entscheiden, welche Informationen über das Weltgeschehen, welche Einschätzungen und Ideen für Handlungsoptionen und welche hieraus abgeleiteten Stimmungen die Menschen prägen. Sie – oder genauer: die Menschen, welche die Medien mit Inhalten füllen – sind keine neutralen externen Beobachter, sondern Teilnehmer und Multiplikatoren vorherrschender Haltungen und damit auch Verstärker dessen, was jetzt gerade (und zukünftig) geschieht.

Mentale Überdosis

Zu den wichtigsten gesellschaftlichen Problemstellungen der heutigen Zeit zählt die Frage, was die schöne neue Informations- und Medienwelt eigentlich mit unseren Gehirnen, aber letztlich mit uns und unserer Gesellschaft macht.

Die Jugendlichen werden mental verdummt und verwirrt sowie bio-psychisch vermurkst durch TikTok & Co, und KI verschlimmert das Ganze, weil ihnen nicht einleuchtet, warum sie noch etwas lernen sollten.
Die Erwachsenen (inkl. der Lehrer) haben genug eigene Probleme, die ständigen Updates und Innovationen der digitalen Welt zu verarbeiten.
Die Wissenschaft sucht nach Fakten und Wahrheiten, aber wenn sie wichtige Erkenntnisse gesammelt zu haben, ist die Realität schon wieder drei Schritte weiter.

Unter diesen Umständen ist Politik – selbst unter Berücksichtigung der extremen wirtschaftlichen Macht der Digitalkonzerne – nicht unmöglich, aber sie erfordert einen klaren Kopf, für den es ausreichend versierte und strategiefähige Experten geben sollte.

Aber was ist mit den gewöhnlichen Menschen? Die Politik wird sie nur begrenzt schützen können, also müssen sie sich selbst helfen.

Selbst wenn es zu diesem Zweck gut gemachte Informations- und Hilfsangebote gibt, haben diese kaum eine Chance gegen den nicht endenden Informationstsunami, der den Menschen die Kraft zu prüfen und denken nimmt. Sie wuseln so gut es geht vor sich hin, viele sogar noch berauscht von den vielen Informationen und dem Glauben an das Wissen der Menschheit, das in irgendwelchen Datenbanken schlummert und alles zum Guten wenden wird.

Was könnte man auch dem informationellen Overkill entgegensetzen?

Informationsabstinenz wäre schon mal ein guter Anfang, um aus der Abhängigkeit zu entkommen und die Sucht zu besiegen, aber das alleine reicht nicht.

Dazu müsste unabhängiges Denken kommen, wo erst gefragt und gedacht wird, und erst dann relevante Informationen gesucht werden. Das Modell des geistigen Zeit- und Raumreisenden kann dabei helfen.

Aber ehrlicherweise muss man eingestehen, dass man man auf diese Weise leicht in eine unangenehme Version des Philosophierens abgleitet, nämlich der existenziellen Selbstinfragestellung. Da tauchen dann Fragen auf wie: Wir sind nicht einmal ein Wimpernschlag in der Evolution der Erde und des Weltalls, selbst das Menschengeschlecht ist nur ein vorübergehendes Phänomen. Warum also das alles ernst nehmen, sich mühen usw.? Besteht unser einziger Sinn darin, ähnlich wie die Zelle eines Körpers zu funktionieren und unsere Bestimmung zu erfüllen? Ist selbst unsere Freiheit – soweit wir denn wirklich frei sind – letztlich etwas anderes als eine Illusion, weil das, was von unserem freien Denken und Handeln übrigbleibt, nur das ist, was auch ins Ganze und dessen Logik und Funktionsweise passt? Denn wirklich beeinflussen und verändern können wir das alles nicht. Und belastbare Antworten auf diese Fragen haben wir auch nicht.

Also warum sich nicht einlullen lassen und den Kick der Mediendrogen genießen?

Es wäre ohnehin illusorisch zu glauben, dass selbst eine nennenswerte Zahl „Erleuchteter“ eine Trendwende erreichen könnte. Weil die Menschen die Sinnleere mehr fürchten als den Overkill, wird es soweit nicht kommen, weil die meisten lieber die mentale Überdosis ertragen.

Wahrheitstabus und Demokratie

Wir preisen uns, in einer Gesellschaft zu leben, in der die Rede- und Meinungsfreiheit keiner Fremdzensur unterworfen ist – zumindest nicht durch einen Zensor „Staat“. Private Medien (Verlage, Zeitungen Fernsehanstalten usw.) haben ihre internen Mechanismen, ihre Autoren so zu „briefen“ bzw. korrigieren, dass der jeweilige Qualitätsstandard eingehalten wird oder die Grundhaltungen der Medien nicht in Frage gestellt werden. Wenn es dann zu einer Publikationsverweigerung kommt, gehört das zum „Business“ dazu und ist auch Teil der Meinungsfreiheit eines Informationsanbieters. Da hierdurch zudem bestimmte Meinungsäußerungen nicht vollständig, sondern nur in bestimmten Kreisen verhindert werden, auf gesellschaftlicher Ebene insgesamt bzw. an anderer Stelle aber möglich bleiben, wird dies zurecht hingenommen.

Wesentlich subtiler funktioniert eine Art verallgemeinerter Selbstzensur insbesondere der Massenmedien, die von gesellschaftlichen und/oder politischen Tabus gespeist wird.

Dazu zählen zum einen solche, die zwar erscheinen, aber nicht nennenswert wahrgenommen werden angesichts des Priorisierens von seichten Mainstreamthemen in den Hauptsendezeiten oder meistgelesenen Seiten. Solche Dokus werden z. B. ins Nachprogramm geschoben oder in Spezialsendungen versteckt, weil sie nicht quotenträchtig, aber als Alibi für die Breite des Angebots nützlich sind.

Zum anderen – und vor allem – geht es dabei um Wahrheiten (Erkenntnisse und Fakten), die dem offiziösen Sprech der Politik und/oder der gesellschaftlichen Schicklichkeit (political correctness) widersprechen, und um die man einen weiten Bogen macht, weil ihre Äußerung oder Publikation shitstormverdächtig ist und ggf. sogar das Ende einer Karriere bedeuten kann, obschon ja nichts Verbotenes oder Kriminelles geäußert wird, wohl aber Wahrheiten, die offenbar so „verstörend“ sind, dass sie zu gesellschaftlichen Tabus werden.

Widerspruchsungeist

Im Journalismus, aber auch im Privatleben, gibt es die ewigen Infragesteller, Besserwisser, Bedenkenträger und Grundsatznörgler, deren Charakter es ihnen offenbar unmöglich macht, Aussagen anderer einfach zu akzeptieren.

Gerade für diese Wichtigtuer, die im Übrigen meist über eine begrenzte Einsichtsfähigkeit verfügen, ist es daher nützlich, ein paar Tricks zu beherrschen, mit denen man die Meinung anderer in ihrer Wirkung und Bedeutsamkeit schwächen kann. Das kann man lernen, und wenn diese Menschen überhaupt etwas beherrschen, dann diese Techniken (die allerdings auch nicht sonderlich anspruchsvoll sind).

Wie also lernt man, auf polemische Weise Menschen bzw. ihre Meinungen infrage zu stellen?

Trick 1: Argumentiert der Gegenüber differenziert, bezichtigen Sie ihn der Erbsenzählerei, der unnötigen Verkomplizierung, des Ausweichens harter und einfacher Fakten, der gezielten Verwirrung oder mangelnder Klarheit u. ä.
Trick 2: Versucht er, Dinge gegeneinander abzuwägen, unterstellen Sie ihm wahlweise mangelnde Eindeutigkeit, Entscheidungsschwäche, unnötige oder falsche Abwägungskriterien usw.
Trick 3: Verweist der Andere auf die Komplexität eines Themas, fordern Sie eine einfache Stellungnahme, unterstellen Sie ihm ein Ausweichmanöver oder Angst vor unangenehmen Wahrheiten.
Trick 4: Äußert er seine persönliche Meinung, bemängeln Sie fehlende Objektivität, nicht erfolgte Abstimmung mit irgendwelchen Gremien, entgegenstehende Meinungen von Parteikollegen, Koalitionspartnern, Vorgesetzen usw.
Trick 5: Gibt Ihr Gesprächspartner Fehler zu, deuten Sie dies als Anbiederung, Offenbarungseid, fehlende Kompetenz oder fragwürdige Berechtigung zur Amtsausübung.
Trick 6: Suggerieren Sie ergänzend Unglaubwürdigkeit, private Schwächen u. ä. durch eingeflochtene sachfremde Informationen über Privates, Vergangenes, Irrelevantes, unpassende Aussagen Dritter usw.
Trick 7: Interpretieren Sie seine Körpersprache, die angeblich etwas anderes besage als seine Aussage.
Trick 8: Greift das alles nicht, hilft es ggf.  noch, den Kontrahenten zu ignorieren bzw. totzuschweigen.

Besondere Freude bereiten diese Techniken übrigens, wenn man es diesen Deutungsnörglern mit gleicher Münze heimzahlen kann …

Unterlassensfehler

Will man die Qualität von Politik oder Management beurteilen, darf man sich nicht auf das beschränken, was entschieden wurde, sondern muss viel mehr darauf achten, was nicht getan und in Angriff genommen wurde.

Die größten Fehler, die in diesen Bereichen gemacht werden, bestehen nämlich darin, Probleme nicht zu sehen (bzw. nicht sehen zu wollen), nicht präventiv und langfristig zu denken, keine geeigneten Problemlösungen zur Diskussion zu stellen, keine mutigen Schritte zu unternehmen, keinen Plan B zu haben usw. usw.

Das funktioniert deshalb so gut, weil auch die „Aufseher“, und dazu zählen in vorderster Linie die Medien, nicht in der Lage sind, eigenständig zu denken und diese Lücken bloßzulegen, sondern sich ausschließlich am konkret Gesagten, Beschlossenen, Umgesetzten orientieren. Und das Volk schafft es erst recht nicht, diese Unterlassens-Perspektive einzunehmen.

Da demnach nichts Schlimmes droht, solange das konkret Beobachtbare nicht offensichtlich fehlerhaft ist, besteht die beste Strategie der Verantwortungsträger darin, wenig zu tun und dabei auch noch immer auf der sicheren Seite zu bleiben.

Kann man daran etwas ändern?

Das praktische Problem, fehlendes Denken und Handeln erkennen zu können, besteht darin, dass es voraussetzt, das Potenzial des Möglichen ermitteln zu können. Dieses Talent ist nicht jedem gegeben, aber solche kreativen Köpfe gibt es. Nur: Wer schenkt ihnen Gehör? Denn auch hier ist es von Vorteil für Politiker und Manager, diese Ideen erst gar nicht aufkeimen und sich verbreiten zu lassen, um sich nicht selbst unter Druck zu setzen.

Gesucht wird also ein Mechanismus, der diese Lücken transparent macht und dabei nicht von „interessierten Personen“ außer Kraft gesetzt werden kann. Letzteres wird gerne durch Diffamierung („Spinner“, „Verschwörungstheoretiker“ und dergleichen) prophylaktisch initiiert, und auch Fake News, persönliche Angriffe, Entzug von Forschungsmitteln oder Kündigungen sind beliebte Mittel, die Sichtbarmachung des Potenzials zu unterbinden (Denn – auch wenn es hier nicht weiter thematisiert werden soll – natürlich geht es dabei auch um Wohlstandsverteilung und Gewinnströme, und deren aktuelle Profiteure haben mit Sicherheit erst recht kein Interesse daran, dass sich etwas ändert.).

Es wäre schade, wenn erst die Macht des Faktischen, also akute Probleme, die Menschen zur Einsicht in Versäumnisse und zur Bereitschaft, neue Wege zu gehen, bringen würde. Man darf gespannt sein, ob die Corona-Krise diesbezüglich eine Änderung herbeiführt. Die bisherige Entwicklung deutet allerdings nicht darauf hin.

Mediales Politiktheater – Akteure und Claqueure

B. Ulrich hat in einem Artikel in der ZEIT kürzlich zurecht angeprangert, dass zwei der wichtigsten gesellschaftlichen Akteure – Politik und Medien – unter einem bedenklichen, vielleicht schon gefährlichen Realitätsverlust leiden, und dass stattdessen die gesamte politische Debatte im „Als-ob-Modus“ abläuft.

Er beschreibt auch einige Facetten dieser Scheinwelt, die ich durch eigene zusätzliche Punkte noch einmal deutlich erweitert habe: Weiterlesen

Worum es wirklich geht

Die drängendste Frage der heutigen Zeit lautet nicht mehr, wie wir leben wollen und werden, sondern ob wir überleben werden.

Dabei geht es um mehr als nur ums Klima oder das Artensterben, nämlich um die Systemstabilität der Natur, deren integraler Bestandteil wir Menschen sind, allerdings mit der Besonderheit, dass wir der Störfaktor sind, der in immer stärkerem Maße dazu beiträgt, das System aus dem Gleichgewicht zu bringen: Überbevölkerung, grenzenloser Konsum, Verschwendung und Ressourcenausbeutung, Beschleunigung und Globalisierung, ineffiziente politische Systeme, die nicht in der Lage sind, das Gemeinwohl (und nicht Klientelpolitik) als zentrales Aufgabenfeld zu etablieren, verstärkt durch den Verlust ausgleichender moralischer und religiöser Werte, das Vorherrschen von Nationalismen, Regionalismen und Egoismen, Technikabhängigkeit gepaart mit Machbarkeitsphantasien, und nicht zuletzt die einseitige Fixierung auf die Wirtschaft und Reichtum bzw. Wohlstand – Die Mischung all dessen führt den Globus in eine Zukunft, die nichts Gutes verheißt.
Nun ist es nicht so, dass all diese Faktoren nicht bekannt wären. Wenn man aber die Welt um sich herum beobachtet, stellt man fest, dass diese Erkenntnisse zu viele Menschen nicht erreichen, dass die Kundigen (inkl. derjenigen, die es wissen könnten, wenn sie offen dafür wären) es oft nicht wahrhaben wollen, und dass die Handlungswilligen keine ausreichende Macht besitzen, Änderungen herbeizuführen (wenn sie nicht ohnehin schon der Mut verlassen hat).
Die Folgen dieser Erkenntnis- und Handlungsunfähigkeit kann man jeden Tag bestaunen: Wenn selbst eines der reichsten Länder der Erde lieber die Umwelt weiter verpestet, statt einige Tausend Arbeitsplätze im Kohletagebau sozialverträglich (d. h. durch alle finanziert) zügig abzubauen, oder wenn man sich scheut, den Aktionären der Dieselautobauer einen Teil der Gewinne bzw. Dividenden vorzuenthalten, um damit Umweltschäden zu vermeiden, was soll man dann von den anderen erwarten?
Wenn die Reichen nichts abgeben bzw. auf nichts verzichten wollen, und die Armen leben wollen wie wir, dann wird alleine das den Globus in kürzester Zeit aus dem Gleichgewicht bringen. Wenn dann noch ein paar verrückte politische Führer glauben, soziale „Probleme“ mit Gewalt lösen zu können, dann droht uns in der Tat einiges von dem, was man in Science-Fiction-Filmen schon bewundern kann.
Sind die westlichen Gesellschaften (und die ihrem Vorbild nacheifernden) mit ihrer Fokussierung auf die falschen Themen und Werte (von Liberalität über Wirtschaftswohlstand bis Geschlechtlichkeit) vielleicht schon so dekadent, dass sie sich selbst nicht mehr am Schopf aus dem Sumpf der Naturzerstörung ziehen können? Weiterlesen

Reizende Kommentare

Bernhard Pörksen liefert in „Die große Gereiztheit“ eine Analyse des „Zeitalters der indiskreten Medien“ (S. 7), der „Wirkungen einer nervösen, hoch reaktionsbereiten Medienmacht“ bzw. der Tiefeneffekte digitaler, vernetzter Medien, die als alles verändernde Einstrahlung im Hintergrund der realen Ereignisgeschichten wirken (S. 8, 12), sowie einige angedachte Lösungsvorschläge zur Bewältigung der hierdurch hervorgerufenen Krisen.

Das Ganze ist gekonnt aufbereitet und formuliert, und es unterhält, auch wenn man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, das Meiste schon mal irgendwo gelesen zu haben (Pörksen verwendet teilweise eigene bereits an unterschiedlichen Stellen veröffentlichte Texte, aber das ist verzeihbar, weil man sie so im Zusammenhang lesen kann).

Je weiter man mit der Lektüre vordringt, desto stärker wird aber das Gefühl, dass die scheinbar so überzeugende Rhetorik auf wackligen Füßen steht. Liest man das Buch dann noch einmal mit der kritischen Frage, welchen Mehrwert es letztlich bietet, dann summieren sich die Defizite zu einem Ergebnis, von dem man freundlicherweise sagen kann, es sei gut gemeint, oder kritischer, dass es nicht zu Ende gedacht ist und der Kommentator sich nicht aus seiner eigenen Gereiztheit lösen kann und damit einen Teil des Problems darstellt. Das ist angesichts der Tatsache, dass Pörksen ein intelligenter und angesehener Wissenschaftler ist, sehr schade, und es ist dann auch nicht verwunderlich, dass seine Lösungsvorschläge nicht überzeugen können.

Was ist insbesondere zu kritisieren?

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Die Welt im Theatermodus

Die Welt ist voller Probleme und Herausforderungen, und um hiermit adäquat umgehen zu können muss die Realität richtig erfasst werden.

Als Quelle der Erkenntnis dienen dabei in erster Linie die Wissenschaften. Leider leben sie in einer komplizierten und einigermaßen abgeschotteten Welt. Und damit sie nach außen dringen und dort etwas bewirken, müssen ihre Ergebnisse vereinfacht und verständlich gemacht werden. Diese Translation bzw. Filterung besorgen weitgehend die Medien. Da die Wissenschaften auch noch langsam sind, nimmt ihre Rolle in einer beschleunigten Welt mit einem hohen Bedarf an einfachen Entscheidungshilfen stark ab.

Ersetzt werden sie durch Journalismus, der sich jedoch seinerseits kaum mit Fakten beschäftigt (außer natürlich die wenigen Qualitätsjournalisten), sondern damit, was andere über Fakten, Probleme und Lösungen sagen. Diese „Anderen“ sind manchmal mehr oder weniger Kundige, manchmal mehr oder weniger Zuständige, manchmal auch nur mehr oder weniger Prominente, manchmal sogar Normalbürger. Und wenn es einigermaßen wichtig ist (oder als solches deklariert wird, von wem auch immer), dann wird die Massenmeinung (bzw. „öffentliche Meinung“) abgefragt.

Die Omnipräsenz der Medien, deren Wirkung durch das Internet noch vielfach potenziert wird, hat dazu geführt, dass unsere Kenntnis der Welt – bzw. das, was wir über sie zu kennen glauben – medial vermittelt ist. Zwar gibt es noch unsere persönliche Lebenserfahrung, aber diese ist nicht nur begrenzt, sondern wird auch durch das multimediale Trommelfeuer permanent in Frage gestellt und bei einer steigenden Anzahl Menschen zudem von Fremdmeinungen überlagert. Selbst bei solchen, die nicht in der virtuellen Welt leben, wird jedenfalls der Realitätswahrnehmungssinn durch die mediale Vorprägung massiv beeinflusst.

Daraus hat sich eine Kultur entwickelt, bei der alle derart Befragten und Inszenierten – aber nicht minder die Befragenden und Inszenierenden – sich wie auf einer Theaterbühne verhalten, deren Zuschauer die Medienkonsumenten sind. Sie verhalten sich nämlich nicht authentisch, sondern so, wie es ihre Rolle verlangt bzw. so wie sie glauben, dass sie es verlangt, oder noch so, wie sie ihre Rolle persönlich gestalten wollen.

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