Meinungsfreisein

Meinungsfreiheit ist eine wichtige zivilisatorische Errungenschaft und zurecht grundrechtlich abgesichert. Sie steht jedem/jeder zu, egal wie klug oder denkfaul er/sie ist. In Zeiten einer multimedialen und internetbasierten Jederzeitundallerortmassenkommunikation führt dies unbestrittenerweise zu qualitativ sehr unterschiedlichen Ergebnissen, denen man leider auch nicht ohne weiteres ausweichen kann, auch wenn man sich mit etwas Übung und Erfahrung selbstdefinierte Warnindikatoren erarbeiten kann, welche Meinungsäußerungen man nicht zur Kenntnis zu nehmen braucht. Umgekehrt finden sich heutzutage natürlich auch ohne weiteres bestätigende Quellen zu allem, was man sich schon immer gedacht, aber vielleicht noch nicht gesagt hat (willkommen in der Blase).

Beim informationsberieselten Durchschnittsmenschen führt die Flut an Informationen und Meinungen, die man als Laie selbst ohne Berücksichtigung absichtlicher Fakenews kaum qualitativ einschätzen kann, dennoch zum Eindruck, er könne sich zu allem Möglichen eine belastbare Meinung bilden, Warum auch nicht, schließlich wird jedenfalls im politischen Diskurs ständig die Erwartung geäußert, man solle sich zu praktisch allem eine persönliche Meinung bilden. Als Folge mutiert das Ideal des aufgeklärten Bürgers, Konsumenten oder Anlegers dann fast zwangsläufig zur Realität des meinungsfreudigen Kommentators von allem und Jedem, vom Wert des Deutschseins über Trump zum Klimawandel usw. usw.

Meinungsfreiheit bedeutet damit zwangsläufig auch Meinungsvielfalt. Das wäre grundsätzlich ok, wenn nicht, ja wenn nicht mit der Meinung das psychische Bedürfnis des Rechthabens und -bekommens verbunden wäre. Objektiv betrachtet zwingt zwar nichts dazu, widerstreitende Meinungen einfach so stehen zu lassen. In der Realität ist aber Toleranz heute nicht weiter verbreitet als früher, nur dass damals die Meinungen weit überwiegend einheitlich waren, heute aber gerade nicht. Gerade wenn die Meinungen einen ideologischen oder moralisierenden Überbau haben, der heute zwar anders und weniger aussieht als früher, weil er nicht mehr sozial oder religiös geprägt ist, aber nicht weniger Geltung beansprucht, führt die Vielfalt zu Streit, Ablehnung und Hass.

Es ist zu vermuten, dass für Letzteres ein Programmfehler der menschlichen Psyche verantwortlich ist, der sich mangels abschwächender externer Autoritäten (wie z. B. christliche Nächstenliebe oder buddhistische Gelassenheit) virenhaft verbreitet hat und auch mit Achtsamkeitsübungen nicht zu beheben ist.

Am wirksamsten wäre wohl ein neuronales Update mit der Kognition, dass niemand verpflichtet ist, Meinungen zu äußern oder überhaupt Meinungen zu haben. Denn wer frei von Meinungen ist, kann sie nicht verkünden und muss sie auch nicht verteidigen, er muss sich nicht einmal bemühen, sich eine Meinung zu bilden. Individuell würde das zeitliche, mentale und psychische Ressourcen schonen, sozial zur Befriedung und leichteren Konsensfindung beitragen.

Natürlich muss man dabei differenzieren: Wenn etwas das eigene Leben, Wohlergehen usw. konkret betrifft und die eigene Meinung hierbei tatsächlich den Unterschied machen kann, dann sollte man auch den Aufwand betreiben, sich eine zu bilden. Aber die meisten medial diskutierten Themen erfüllen mindestens eine der beiden vorgenannten Bedingungen nicht, und dann sollte man sich auch nicht darum kümmern, zumal ohnehin die Informationslage definitiv immer so ist, dass man sich als im Endergebnis fehlinformiert betrachten muss, was erst recht eine Meinungsbildung vollkommen sinnfrei macht. Selbst der sogenannte öffentliche Diskurs ist genauer betrachtet reines Entertainment.

Wenn jemand das Meinen trotzdem mag und sein Leben damit vergeuden will, dann ist das ok: Auch das ist Teil unserer Freiheit. Aber das Thema Meinung wäre ein sehr geeigneter Anlass, nicht nur im Materiellen, sondern auch im Gedanklichen von der Suche nach Freiheit auf die nach Freisein überzuwechseln (auch das ist im Übrigen grundrechtlich abgesichert).

Geistige Raum- und Zeitreisende

Wir leben in einer Zeit von immer und überall im Überfluss verfügbaren Informationen, aber einer geringen Befähigung, diese einschätzen und sinnvoll nutzen zu können. Vor allem wirft dies die Frage auf, was unter diesen Umständen mit unserer gedanklichen Autonomie passiert. Wie muss unser Gehirn „programmiert“ sein, um in der Informationswunderwelt als eigenständiges Denkinstrument noch eine Rolle zu spielen und nicht zum Repositorium halbverstandener Informationsfetzen zu degenerieren, das durchaus in der Lage ist, das Dasein operativ zu bewältigen, dessen Individualität sich aber nur aus der zufälligen Agglomeration fremdgenerierter Infobits ergibt, die man jeweils für bare Münze nimmt?

Lob des Wissensverzichts

Eine der Grundlagen des westlichen – europäisch geprägten – Wissenschafts-verständnisses ist, dass mehr Wissen besser ist als weniger. Das erscheint selbstverständlich vor dem Hintergrund des Bemühens der Menschheit, ihre Lebensbedingungen stetig zu verbessern, was sie dann auch durch Umsetzung des Wissens in konkrete Maßnahmen getan hat und weiterhin tut.

Die Menschheit hat es also weitestgehend geschafft, sich durch das zunehmende Wissen die „Erde untertan“ zu machen. Dabei ist sie zweifellos in vielen Bereichen zu weit gegangen, aber angesichts der vorherrschenden Grundhaltung verwundert es nicht, dass wiederum das weitere Forschen der Hoffnungsträger dafür ist, Lösungen für die selbst geschaffenen Probleme zu finden. Angesichts der bisherigen Erfahrungen muss man nüchtern betrachtet aber befürchten, dass – wenn überhaupt noch etwas bewirkt werden kann, was wir im Übrigen nicht mit Sicherheit „wissen“ – durch zusätzliches Wissen nur alte Probleme durch neue ersetzt werden.

Ein kreativerer Ansatz bestünde darin, einmal innezuhalten und zu fragen, ob nicht weniger Wissen besser wäre, dafür aber relevantes und beherrschbares Wissen, das allen zugänglich ist, und das uns vor allem von der Wahnvorstellung befreit, wir könnten und müssten all unser Wissen auch immer konkret zur weiteren Optimierung von allem Denkbaren einsetzen.

Weniger Wissen würde uns die Grenzen unserer Gestaltungsmacht bewusst machen und vorsichtiger entscheiden lassen. Und durch den Verzicht auf das fast zwanghafte wissensbasierte Optimieren würden wir letztlich auch eine humanere Welt erschaffen.

Das möchte ich anhand von zwei Beispielen verdeutlichen. Diese sind zwar nicht aus dem Bereich der Natur-, sondern der Humanwissenschaften, aber gerade hier ist besonders offenkundig, wie fatal es ist, dass auch sie das naturwissenschaftliche Paradigma des Mehrwissens verbunden mit dem Optimierungszwang verinnerlicht haben. Weiterlesen

Ökonomische Bildung und Befähigung

Im Augenblick gibt es offenbar (mal wieder) ernste Bemühungen, „Wirtschaftsbildung“ zu promoten. Das ist zwar nicht so hip wie Digitalisierung, aber da alles irgendwie Ökonomie ist und es schließlich um unser aller materielles Wohlergehen geht, darf man hier von einer einigermaßen sicheren Aufmerksamkeits- und Zustimmungsrate ausgehen.

Schon seit Jahren ist daher die durchweg als defizitär qualifizierte wirtschaftliche Bildung regelmäßig in allen wichtigen Medien präsent (z. B. FAZ, Handelsblatt, Spiegel, Welt).
Jetzt hat die ZEIT das Thema intensiv aufgegriffen und als Grundlage für ihre Position eine Studie des briq Institute on Behavior & Inequality von Prof. Armin Falk (Uni Bonn) herangezogen.

Wer bei so viel Kompetenz und darüber hinaus selbstbewusster Verkündung jetzt besondere Einsichten erwartet, wird allerdings enttäuscht. Die einfache Botschaft lautet: Die Menschen sollen durch ökonomisches Wissen gebildet und befähigt werden, und zwar in der Schule, wenn nicht sogar in der Vorschule.

Je öfter man jedoch die journalistische Verarbeitung der (im Übrigen nicht veröffentlichten) Studie liest, desto offenkundiger werden ihre Defizite: Keine Präzisierung dessen, was Wirtschaftswissen auf Schulniveau bedeuten könnte, keine Analyse von Wirtschaftsbildung und -befähigung, und schon gar keine empirische Überprüfung der einleuchtenden, aber falschen Thesen.

Den Journalisten mangelt es selbst nicht nur an Wirtschaftsbildung, sondern vor allem auch an Bildungsbefähigung. Ihr Denken ist unterkomplex, einseitig ökonomisch, bildungspolitisch leer, ideologisch unehrlich oder unreflektiert. Selbst wenn man annimmt, dass die Überlegungen gut gemeint sind, sie sind nicht einmal im Ansatz zu Ende gedacht.

Das Ergebnis ist folglich ein unbrauchbares common-sense-Geschreibsel, das letztlich kontraproduktiv wirkt, weil es irreführt und echte Fortschritte verhindert. Das darf man als profnarr getrost nicht nur als Gedankenmüll des Monats bezeichnen, sondern auch mit dem Ehrenlabel „verdummungsstrategisch wertvoll“ versehen.

Wer die ausführliche Begründung dieser Kritik lesen möchte findet sie ausnahmsweise als Download hier. Bzgl. der Beeinflussung und Manipulation ökonomischer Bildung auf Hochschulniveau siehe die aktuellen Arbeiten von Silja Graupe.

Faktenchecker und Fakechaser

Das Gute am Schlechten ist, dass es uns vor Augen führt, wie wichtig das Gute ist.
Die Einsicht passt auch, wenn man „gut“ durch „Fakt“ ersetzt und „schlecht“ durch „Fake“.

So bemühen sich die Medien denn auch gerade um das, was eigentlich selbstverständlich sein sollte, aber vor lauter Quotengeilheit vernachlässigt wurde: Die Wahrheit der Fakten. Und weil man es jetzt ganz genau nimmt, kontrolliert man nicht nur sich selbst, sondern auch die anderen bzw. deren Fake-News. Das sorgt für Beschäftigung und Unterhaltung!

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Little and Big Brother

„Je mehr sich die Kommunikation ins Digitale verlagert, desto mehr Befugnisse benötigen Polizei und Geheimdienste, um ihre Aufgaben wahrnehmen zu können. Und je stärker Daten zur Währung der Zukunft werden, desto dringlicher das Bedürfnis nach der Regulierung privater Akteure. … Doch die Einseitigkeit, mit der die Diskussion geführt wird, erfordert eine kritischere Haltung gegenüber staatlichen Totschlagargumenten wie Kinderpornographie oder Terrorismusgefahr und ein besseres Verständnis dessen, wann und wozu vermeintliche „Datenkraken“ die Informationen ihrer Nutzer tatsächlich auswerten. Denn Wissen ist nicht nur Macht, sondern bestimmt auch darüber, wer die Macht über das Wissen erhält.“

BigBrotherMit diesen durchaus vernünftigen, wenn auch nicht gerade originellen, Feststellungen endet ein Artikel von C. van Lijnden in der ZEIT vom 7.4.16. Die Einseitigkeit der ‚Diskussion‘, die der Autor bemängelt (er meint vermutlich die ‚vorgebrachten Argumente‘, aber das ist noch der kleinste Patzer) bereichert er selbst aber keineswegs mit einer differenzierten Analyse, sondern mit Scheinargumenten, Denklücken und logischen Fehlern zuhauf.

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