Das Ende der Normalität

„Krisen sind nicht mehr die Ausnahme von der Normalität, sondern die Normalität der Ausnahme“ schreibt Bernd Ulrich in der ZEIT (24.3.2022, S. 4).

Mir gefällt der Normalitätsvergleich nicht, denn wir kommen nicht aus einem Normalzustand, sondern aus einem Zustand der Verdrängung, der Beschönigung, des bewussten Wegsehens und des Verschiebens auf die Zukunft.

Dass wir auf massive Probleme zusteuern, ist jedem halbwegs Informierten seit Langem bekannt. Aber da die Ankündigung des Untergangs des Abendlandes vor gut 100 Jahren dann irgendwann doch nicht eingetreten ist, haben wir täglich einen kleinen Schritt in Richtung Totaldesaster gemacht, dabei allerdings darauf vertraut, dass es wie bisher immer am Ende doch gutgehen wird.

Ulrich diagnostiziert, dass wir zwar möglicherweise genügend Geld haben, um etwas zu unternehmen (was allerdings auch eher unwahrscheinlich ist, wenn die Geldverbreitung Marktmechanismen unterworfen bleibt), aber insbesondere nicht genügend menschliche Kapazitäten, um all das zu investieren, was wir jahrzehntelang trotz Mahnungen unterlassen haben (wovon die Kanzlerschaft Merkels nur den Höhepunkt bildete). Im Grunde geht auch er noch davon aus, dass die Wende „machbar“ wäre, wenn bestimmte Rahmenbedingungen gegeben wären.

Ich glaube nicht, dass die Rahmenbedingungen das Problem sind, sondern dass sehr vieles machbar wäre, wenn die Menschen – möglichst alle – mitzögen. Leider haben m. E. aber zu viele Menschen psychische und intellektuelle Defizite, um mit den aktuellen Problemen umgehen zu können, geschweige denn sie zu lösen.

Wenn die Regierung demnach eine Aufgabe hat, dann besteht sie nicht darin, Maßnahmenbündel zu schnüren, die dann doch in der Bürokratie und Inkompetenz versanden. Ihre einzige Chance ist, die Menschen zu überzeugen und mitzureißen, keine Zeit mit Rechtfertigungen für Zumutungen zu vergeuden, sondern den Selbstbehauptungswillen der Menschen zu reaktivieren und in die richtigen Bahnen zu leiten.

Wenn die Menschen allerdings nicht aus dem Verdrängen in die Realität zurückwollen, die sehr Unangenehmes für sie bereithält (z. B. Verzicht), dann bleibt ihnen nur der Ausweg in den Wahn. Einige (nicht nur in Russland) haben sich schon auf diesen Weg gemacht. Dass das keine vielversprechende Basis für friedliche und vernünftige Lösungen ist, benötigt wohl keine vertiefte Beweisführung.

Aber da am Ende doch immer die Realität siegt, an der wir alle mit unseren wie auch immer gearteten Überzeugungen gleichermaßen teilhaben, vereint uns dann das Schicksal irgendwie wohl oder übel. Aber ob das zu mehr Einsicht und Vernunft führt? Und ob diese noch rechtzeitig einsetzt?

Nur wenn diese Fragen mit ja beantwortet werden, kann es zur Wiedereroberung einer wie auch immer gearteten Normalität kommen.

Angstkollektiv

Die Warnrufe der Umwelt- und Klimaschützer, der Wirtschafts- und Sozialweisen, der Wissenschaftler und Philosophen usw. werden lauter und dringender. Aber die große Mehrheit der Bevölkerung (es soll hier nur die Rede sein von Ländern, in denen entsprechende Informationen überhaupt zugänglich sind bzw. verbreitet werden) verhält sich trotzdem weitgehend irrational und ist offenbar nicht bereit bzw. dazu in der Lage, geeignete Rettungsmaßnahmen zu treffen.

Die Gründe für diese Negierung und Passivität sind sicherlich vielfältig. Mein persönlicher Erklärungsansatz leitet sich aus der Idee bzw. Überzeugung ab, dass die Menschen (zumindest unbewusst) Angst haben, dass zudem Menschenkollektive sich analog zum Einzelmenschen verhalten (Sozial- und Individualverhalten spiegeln sich), und dass daher Angst als prägendes Element menschlichen Verhaltens auch eine brauchbare Erklärung für unser kollektives Verhalten im Zusammenhang mit dem Klimadrama darstellen kann.

In der Tat führt Angst beim Menschen typischerweise zu i. W. fünf möglichen Verhaltensweisen, die man auch auf kollektiver Ebene als Erklärungsansatz wiederfinden kann. Weiterlesen

Menschheitssinn und Menschendemut

Wir Menschen – zumindest in den westlichen Zivilisationen – betrachten uns mit größter Selbstverständlichkeit als etwas Spezielles, ja sogar Einzigartiges, sowohl auf unserem Planeten als auch im uns bekannten Universum. Und ebenso selbstredend verbinden wir mit diesem Sonderstatus eine positive Bedeutung.

Dabei haben die Wissenschaften uns ausreichend Erkenntnisse beschert, die uns nicht nur wesentlich bescheidener auftreten, sondern demütiger mit dem Sinn unseres Daseins beschäftigen lassen sollten.

Die Astronomie z. B. hat dem Menschen als erste eine Reihe von Demütigungen beschert: Zuerst verschob sie die Erde aus dem Zentrum der Welt auf eine Bahn um die Sonne. Dann verzwergte sie die Sonne zu einem unbedeutenden Stern am Rande einer mittelgroßen Galaxie. Diese wiederum positionierten Astronomen bald in ein Universum, in dem es vor Galaxien so wimmelt. Von der Menschheit bleibt da allenfalls Nanostaub.

Die Genetik (inkl. Paläogenetik) machte dasselbe im Kleinen mit der Rolle der Menschen auf diesem Globus: Es ist gar nicht so lange her, dass wir uns vom Tier zum homo sapiens entwickelt haben, sodass auch heute noch 99% unseres Erbguts mit dem der Mäuse übereinstimmt.

Gesellschafts- und Verhaltenswissenschaften haben uns gezeigt, wie unbewusst, irrational, aggressiv, verantwortungslos usw. unser individuelles und kollektives Verhalten ist. Naturwissenschaft und Technik haben uns eine unvergleichliche Macht über das Naturgegebene verschafft, aber es wird immer deutlicher, dass die Auswirkungen unserer Erfindungen zunehmend unbeherrschbar werden, insbesondere weil wir von der Komplexität des Geschaffenen überfordert sind, da die Realität – auch die von Menschen geschaffene – sich schneller entwickelt als die menschlichen Fähigkeiten zum Umgang mit dieser.

Und nicht zuletzt sind die mentalen Modelle, nach denen wir unser Zusammenleben gestalten, und die Instrumente, derer wir uns dabei bedienen, zu einseitig und simpel, um ein friedvolles und geordnetes Miteinander zu schaffen, das auch die Lebensgrundlagen nicht nur der Menschen, sondern auch der gesamten Natur, nachhaltig sichern würde. Weiterlesen

Weiße Autos

Weiße Autos sind in. Das automobile schwarz-anthrazit-silberne Einerlei erhält immer mehr Kontrapunkte. Warum wohl? Lohnt sich eine kollektiv-psychologische Betrachtung?

Die bunten Farben der Nachkriegsjahre bis in die Siebziger sind wohl nicht schwer zu deuten. Etwas unverständlicher sind die seither Überhand nehmenden dunklen Langeweilerfarben. Materiell ging und geht es uns so gut wie nie, aber Lebensfreude scheint das nicht zu vermitteln. Oder trauen wir uns bloß nicht, das auszudrücken? Teure Autos ja, aber understatement in der Außenwirkung? Das erscheint mir nicht plausibel. Eher schon der Dienstwageneinfluss. 70-80% der wohl auch farblich tonangebenden Nobelkarossen sind Dienstwagen, und die müssen seriös daherkommen. Dem haben sich die privaten Selbstzahler angepasst, um davon zu profitieren, zumal man ja auch immer den Wiederverkauf im Blick haben muss, und der ist offenbar schwieriger bei ausgefallenen Farben.

Aber warum dann neuerdings der Wechsel zu einer anderen – wenn auch helleren – Nichtfarbe?

Haben wir ein schlechtes Gewissen, weiter Auto zu fahren, und wollen mit dem Weiß unsere Unschuld zumindest farblich demonstrieren? Die moderne Form von Pilatus‘ „Hände in Unschuld waschen“, nur eben mit Absicherung gegen den Wertverlust?

Vielleicht ist es ja auch ein Keim der Hoffnung auf einen Neuanfang von ich weiß nicht was; eine Andeutung der Bereitschaft, anders zu sein, ohne echt aufzufallen; ein Signal des schüchternen Aufbegehrens gegen die dunkle Übermacht.

Die absichtliche Kontrastbildung von weiß und dunkelgrau findet sich im Übrigen auch in vielen neu gebauten Immobilien, was bei mir den gedanklichen Reflex auslöst, dass die Bauherren (und Architekten) keine Ideen haben oder vielleicht sogar Angst, klare Statements abzugeben. Diese Farben sind im wahrsten Sinne des Wortes cool und sehen modern aus, da liegt man im Trend und muss nicht zuviel Persönliches investieren und sich positionieren. Vielleicht gilt das ja auch für weiße Autos.

Ich bin mal neugierig, wie die Dinge sich weiterentwickeln. Große Hoffnung auf einen Wechsel zu mehr Farbe habe ich allerdings nicht. Und irgendwie fühle ich mich als Gebrauchtwagenkäufer diskriminiert, weil ich vermutlich weiter vergeblich darauf warten muss, mal endlich wieder echte Farbe zu fahren.

Nachtrag 24.5.18: Vielleicht sind weiße Autos auch nur unbewusste Zeichen (und Vorboten) des Klimawandels. In südlichen Ländern sind weiße Autos nämlich beliebt, weil sie Sonne und Hitze besser reflektieren als dunkle.

Die Welt im Theatermodus

Die Welt ist voller Probleme und Herausforderungen, und um hiermit adäquat umgehen zu können muss die Realität richtig erfasst werden.

Als Quelle der Erkenntnis dienen dabei in erster Linie die Wissenschaften. Leider leben sie in einer komplizierten und einigermaßen abgeschotteten Welt. Und damit sie nach außen dringen und dort etwas bewirken, müssen ihre Ergebnisse vereinfacht und verständlich gemacht werden. Diese Translation bzw. Filterung besorgen weitgehend die Medien. Da die Wissenschaften auch noch langsam sind, nimmt ihre Rolle in einer beschleunigten Welt mit einem hohen Bedarf an einfachen Entscheidungshilfen stark ab.

Ersetzt werden sie durch Journalismus, der sich jedoch seinerseits kaum mit Fakten beschäftigt (außer natürlich die wenigen Qualitätsjournalisten), sondern damit, was andere über Fakten, Probleme und Lösungen sagen. Diese „Anderen“ sind manchmal mehr oder weniger Kundige, manchmal mehr oder weniger Zuständige, manchmal auch nur mehr oder weniger Prominente, manchmal sogar Normalbürger. Und wenn es einigermaßen wichtig ist (oder als solches deklariert wird, von wem auch immer), dann wird die Massenmeinung (bzw. „öffentliche Meinung“) abgefragt.

Die Omnipräsenz der Medien, deren Wirkung durch das Internet noch vielfach potenziert wird, hat dazu geführt, dass unsere Kenntnis der Welt – bzw. das, was wir über sie zu kennen glauben – medial vermittelt ist. Zwar gibt es noch unsere persönliche Lebenserfahrung, aber diese ist nicht nur begrenzt, sondern wird auch durch das multimediale Trommelfeuer permanent in Frage gestellt und bei einer steigenden Anzahl Menschen zudem von Fremdmeinungen überlagert. Selbst bei solchen, die nicht in der virtuellen Welt leben, wird jedenfalls der Realitätswahrnehmungssinn durch die mediale Vorprägung massiv beeinflusst.

Daraus hat sich eine Kultur entwickelt, bei der alle derart Befragten und Inszenierten – aber nicht minder die Befragenden und Inszenierenden – sich wie auf einer Theaterbühne verhalten, deren Zuschauer die Medienkonsumenten sind. Sie verhalten sich nämlich nicht authentisch, sondern so, wie es ihre Rolle verlangt bzw. so wie sie glauben, dass sie es verlangt, oder noch so, wie sie ihre Rolle persönlich gestalten wollen.

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Terror-Tote und andere Leichen

Die Amokfahrt eines offenbar unter Drogen stehenden Mannes in New York  hat einen Trend bestätigt, den man schon seit einiger Zeit beobachten kann: Kriminelle Handlungen erreichen blitzschnell weltweite Aufmerksamkeit, wenn man sie mit Terror in Verbindung bringen kann, worin in erster Linie islamistisch inspirierter Terror verstanden wird und sich gegen Menschen westlicher Gesellschaften richtet.

Mögen Anhänger der unterschiedlichen islamischen Glaubensrichtungen sich gegenseitig massakrieren, wen interessiert’s? Mögen weiße Männer ihre Kinder zu Tode prügeln, das trifft uns nicht, darum soll sich die Justiz kümmern. Diese Liste könnte man endlos weiter führen. Kriminalität interessiert uns eigentlich nur noch dann, wenn es irgendwie speziell ist und wir Gaffer sein dürfen und uns die Chance geboten wird, uns zu entrüsten.

Da kommt der sogenannte „Terror“ gerade recht, zumindest machen Politiker und Medien uns das weis. Mir will nur nicht einleuchten, warum uns Terror-Tote mehr interessieren sollten als normal Umgebrachte: Was ist daran besonders schlimm? Den Getöteten wird es vollkommen egal sein, warum ihnen letztlich jemand unverdienterweise das Leben nimmt, verachtungswürdig ist es so oder so. Warum also das Buhei um den Terror?

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Ende, Wende oder Blende?

Ende?
Nichts scheint die Menschen derzeit mehr zu beschäftigen als die Gefahren, die von Donald Trump ausgehen. Natürlich ist es äußerst bedenklich, wenn ein psychisch schwer gestörter Mann in eine solche Machtposition gerät. Aber sein Irresein bleibt einigermaßen kalkulierbar, und selbst wenn er mit Atomwaffen spielen möchte, wird das keine Kettenreaktion zur Folge haben, die das Ende der Menschheit zur Folge hat. Dazu bedürfte es noch einiger Irrer an anderer Stelle, was zwar nicht unmöglich ist, aber verrückte mächtige Herrscher mit Selbstmordneigung gibt es zum Glück dann doch nicht so viele. Die Welt hat zwölf Jahre Hitler überstanden, sie wird auch (maximal) acht Jahre Trump überstehen. (Die Möglichkeit eines zwischenzeitlichen rechten Putsches in den USA dürfte derzeit nicht all zu groß einzuschätzen sein.) Weiterlesen

Gefühlte Wahrheit und die Vernunft des Wahlvolks

Viele politische Beobachter scheinen irritiert, weil das (Wahl)Volk sich offenbar irrational verhält, ja sogar bereit ist, gegen seine objektiven Interessen zu handeln und entscheiden.

Schlimmer noch: Nicht wenige Politiker selbst, ehedem natürlich noch authentisch und ehrlich, dann nur noch politisch korrekt, lügen inzwischen hemmungslos drauflos, ohne dass das Volk sie abstraft. Im Gegenteil: Viele Wähler scheinen sogar darauf gewartet zu haben, dass ihnen endlich einer sagt, was sie schon immer hören wollten, aber niemand sich getraut hat, zu fragen/sagen, weil es Unsinn ist.

Kommt das wirklich überraschend?

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Die Sättigungsparadoxie

Neulich beklagte sich EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, ihm sei unverständlich, warum ausgerechnet heute, nach der längsten Friedensperiode in Europa und dem Erreichen der größten individuellen Freiheitsrechte, viele Menschen in allen europäischen Staaten Nationalismen u entwickeln, fremdenfeindlich werden, autoritäre politische Führung befürworten und andere rückwärts gewandte Haltungen einnehmen.

Wenn man mal die hausgemachten EU-Probleme beiseite lässt, erscheint es in der Tat schwer nachvollziehbar, warum Menschen ausgerechnet die Äste absägen wollen, auf denen sie sitzen und die sie nur mit sehr viel Mühe über einen langen Zeitraum erklommen haben.

Lässt man Verschwörungstheorien beiseite, gibt es folgende mögliche (miteinander kombinierbare) Erklärungen: Weiterlesen