Panem, itinera et circenses

Schon im alten Rom war man sich bewusst, dass man mit Brot und Spielen die Bevölkerung bei Wahlen positiv stimmen und die Lust auf Revolten erfolgreich dämpfen konnte. Heute gilt das immer noch, sowohl in Diktaturen als auch in Demokratien. Denn es funktioniert. Das Volk ist dumm und, wenn seine Primärbedürfnisse befriedigt sind, auch ungefährlich.

Ernährung und Entertainment nehmen in der Tat in zunehmendem Maße die körperlichen und geistigen Ressourcen der Menschen in Beschlag, da bleibt keine Energie für anderweitige Anstrengungen:

  • Essen gibt es in allen Varianten fast überall, zumindest in Städten wird es sogar problemlos nach Hause geliefert, und kosten tut es im Verhältnis zu anderen Gütern auch äußerst wenig. Wer sich von diesem Massen-Fast-Food absetzen möchte, erhebt die geschmackliche Genussfähigkeit zum neuen Statussymbol der Möchtegern-Upperclass.
  • Entertainment ist spätestens seit Einführung des Privatfernsehens und der Verbreitung des Internets der absolute Brainkiller Nr. 1, und Kochshows sind dabei ein perfektes Beispiel für eine hirnlosen Bedürfnisbefriedigung unserer Mitmenschzombies.
  • Im Gegensatz zum Altertum spielt heute zusätzlich das Reisen eine wichtige Rolle, wobei dann auch die motorisierte (oder neuerdings elektrifizierte) Individualmobilität das Bedürfnis der eigenen Gestaltungsmacht und Scheinfreiheit optimal bedient.

Das Schöne für die Machthaber war bislang, dass sie diese Primitivbedürfnisbefriedigung nicht einmal besonders viel Aufwand kostete. Die Menschen konnten/können sich inzwischen vieles leisten, und bei der Konstellation sind natürlich auch die Anbieter nicht weit, die damit Gewinne machen wollen. Der Markt richtet es also fast von alleine. Der Staat muss nur die Rahmenbedingungen optimieren (steuerliche Begünstigung und Subventionierung, Polizeiunterstützung bei Großveranstaltungen, unentgeltliche Bereitstellung öffentlicher Infrastruktur, notfalls erweiterte Öffnungs- und Feierzeiten, Aufhebung von Reisebeschränkungen und dgl.) und den Eindruck erwecken, dass sei alles wichtig und der Erfolg seiner Wohlstand-für-alle-Politik.

Kein Wunder, dass in einem solchen Kontext auch die öffentlich-rechtlichen Instanzen (relevant in erster Linie: Medien) mitmischen und beim Publikum bloß nicht den Eindruck erwecken wollen, dass wir in die falsche Richtung laufen. Klar ist man dort ausdrücklich für Umweltschutz, Nachhaltigkeit und all diese Gutmenschdinge, aber nur als Gegenstand der Berichterstattung über andere, nicht als Maßstab für das eigene Handeln.

Pech nur, dass inzwischen Umwelt-, Covid 19- und Energiekrise (und vielleicht bald Lebensmittelknappheit) unser angenehmes Junkietum mit Entzugserscheinungen bedrohen, was dann bislang zwecks Beruhigung aller in vielerlei staatlichen Stützungs- und Beruhigungsmaßnahmen zugunsten der Bevölkerung gemündet ist. Das bezahlt die Menschen dann zwar selbst wieder über die Steuern, aber sie fühlen sich behütet und betreut, und die Zusatzbelastungen gehen vermutlich bald ohnehin im Inflationsgeschehen unter (was langfristig auch die Staatsschulden entwertet, was immerhin zukünftige Generationen freuen wird).

Satte, gebrainwashte und kaum noch in irgendetwas verwurzelte Menschen sind es inzwischen eben dummerweise gewohnt, laut um Hilfe zu rufen und ihre sogenannten Rechte geltend zu machen, die von der Allgemeinheit (d. h. den anderen) bedient werden müssen, und zu bequem, selbst aktiv zur Problemlösung beizutragen. Wer es nie gelernt hat, selbständig vorausschauend zu denken, sich zu engagieren und Eigenverantwortung zu übernehmen, wird auch durch Appelle kaum zu Raison und Fähigkeitsäußerung gebracht werden. Da die Corona-Maßnahmen auch schon einiges an Zumutungen und Einschränkungen gebracht haben, die kaum verdaut sind, lässt die Obrigkeit lieber Manna regnen, um alle bei Laune zu halten und bloß nicht die Idee des Verzichtens propagieren zu müssen.

Wenn dann in absehbarer Zeit die öffentlichen Geldquellen doch versiegen, das Ersparte knapp wird und das Aufwachen aus dem Schlaraffenlandtraum unvermeidlich ist, könnte bzw. wird es dann doch ungemütlich für alle werden. Und wir wissen ja, wie es damals in Rom ausging.

Unterlassensfehler

Will man die Qualität von Politik oder Management beurteilen, darf man sich nicht auf das beschränken, was entschieden wurde, sondern muss viel mehr darauf achten, was nicht getan und in Angriff genommen wurde.

Die größten Fehler, die in diesen Bereichen gemacht werden, bestehen nämlich darin, Probleme nicht zu sehen (bzw. nicht sehen zu wollen), nicht präventiv und langfristig zu denken, keine geeigneten Problemlösungen zur Diskussion zu stellen, keine mutigen Schritte zu unternehmen, keinen Plan B zu haben usw. usw.

Das funktioniert deshalb so gut, weil auch die „Aufseher“, und dazu zählen in vorderster Linie die Medien, nicht in der Lage sind, eigenständig zu denken und diese Lücken bloßzulegen, sondern sich ausschließlich am konkret Gesagten, Beschlossenen, Umgesetzten orientieren. Und das Volk schafft es erst recht nicht, diese Unterlassens-Perspektive einzunehmen.

Da demnach nichts Schlimmes droht, solange das konkret Beobachtbare nicht offensichtlich fehlerhaft ist, besteht die beste Strategie der Verantwortungsträger darin, wenig zu tun und dabei auch noch immer auf der sicheren Seite zu bleiben.

Kann man daran etwas ändern?

Das praktische Problem, fehlendes Denken und Handeln erkennen zu können, besteht darin, dass es voraussetzt, das Potenzial des Möglichen ermitteln zu können. Dieses Talent ist nicht jedem gegeben, aber solche kreativen Köpfe gibt es. Nur: Wer schenkt ihnen Gehör? Denn auch hier ist es von Vorteil für Politiker und Manager, diese Ideen erst gar nicht aufkeimen und sich verbreiten zu lassen, um sich nicht selbst unter Druck zu setzen.

Gesucht wird also ein Mechanismus, der diese Lücken transparent macht und dabei nicht von „interessierten Personen“ außer Kraft gesetzt werden kann. Letzteres wird gerne durch Diffamierung („Spinner“, „Verschwörungstheoretiker“ und dergleichen) prophylaktisch initiiert, und auch Fake News, persönliche Angriffe, Entzug von Forschungsmitteln oder Kündigungen sind beliebte Mittel, die Sichtbarmachung des Potenzials zu unterbinden (Denn – auch wenn es hier nicht weiter thematisiert werden soll – natürlich geht es dabei auch um Wohlstandsverteilung und Gewinnströme, und deren aktuelle Profiteure haben mit Sicherheit erst recht kein Interesse daran, dass sich etwas ändert.).

Es wäre schade, wenn erst die Macht des Faktischen, also akute Probleme, die Menschen zur Einsicht in Versäumnisse und zur Bereitschaft, neue Wege zu gehen, bringen würde. Man darf gespannt sein, ob die Corona-Krise diesbezüglich eine Änderung herbeiführt. Die bisherige Entwicklung deutet allerdings nicht darauf hin.

#MeNot

Ich bestätige hiermit, dass ich nie eine Frau vergewaltigt habe, und dass ich mich niemals Frauen gegenüber übergriffig, unsittlich, erniedrigend oder vergleichbar unschicklich verhalten habe, zumindest nicht bewusst und in konkreten Taten. (Die Lebensumstände – genauer: Das Verhalten mancher Frauen in jüngeren Jahren – verhinderten allerdings nicht, dass ich der einen oder anderen gegenüber ziemlich böse gewesen bin, was ich nur z. T. bedaure.)

Mein bescheidener Reichtum, meine eher einflusslose berufliche Stellung, mein durchschnittliches Aussehen und meine eher spröde Emotionalität hatten zudem zur Folge, dass ich mich nur äußerst selten weiblicher Zudringlichkeit oder auch nur weiblichen Interesses erwehren musste, die ich gezielt hätte ausnützen können. Wo sich ausnahmsweise trotzdem die Gelegenheit dazu ergab, führten meine Schüchternheit, fehlende Geistesgegenwart, ungünstige äußere Umstände und meine christliche Erziehung dazu, dass nichts passierte, was in die oben genannten Kategorien fallen würde, es sei denn einvernehmlich.

Insofern müsste ich eigentlich dem Idealbild des Mannes entsprechen, das die zumindest in den Medien dominierende öffentliche Frauenmeinung zum Ausdruck bringt. Aber aufgrund meiner Lebenserfahrung kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass ein erheblicher Teil der weiblichen Bevölkerung in Wirklichkeit merklich „angepisst“ wäre, wenn alle Männer solche Langeweiler wären wie ich.

Vielleicht bringen die Frauen ja erst einmal untereinander mehr Klarheit darüber zustande, wen bzw. was sie eigentlich wollen, statt pauschal alle Männer unter Sexualbelästigungs-Generalverdacht zu stellen. Das würde auch die Akzeptanz der Letzteren erhöhen, die unzweifelhaft existierenden und für die ernsthaften #MeToo-Fälle verantwortlichen schwarzen Schafe aktiv und konsequent zu disziplinieren.

Denn solange Frauen selber ihre berechtigten Anklagen brutaler Übergriffe dadurch verharmlosen, dass sie diese in einen zum Kochen gebrachten Sexismustopf werfen, der mit Befindlichkeitsstörungen überfüllt ist, die vielleicht durch männliche Geschmacklosigkeiten hervorgerufen wurden, die jedoch keines Geschlechterkampfs bedürfen, sondern einer einfachen sofortigen Gegenwehr selbstbewusster Frauen, solange werden die echten und potenziellen Verbrecher sich einreden können, das Problem liege doch in erster Linie bei den Frauen.

#MeNot-Männer wollen jedenfalls mit diesen Typen nicht in besagten selben Topf geschmissen und für deren Taten verantwortlich gemacht werden. Wenn sie wegen irgendetwas anzuprangern sind, dann allenfalls wegen unterlassener – und sei es nur verbaler – Hilfeleistung. Da sind Männer in der Breite wohl tatsächlich auch nicht mutiger als Frauen. Das hat allerdings nichts mit Sexismus zu tun. Denn Männer sind eben auch nicht bekannt dafür, dass sie schwachen Geschlechtsgenossen gerne zu Hilfe eilen.

(Nachtrag 30.11.: Der Beitrag wurde in Unkenntnis des gleichnamigen Twitter-Hashtags geschrieben. Mit dem dortigen Geschreibsel kann ich nichts anfangen.)