Verzichtsverzicht

Derzeit wird viel darüber nachgedacht, wie man die Menschheit daran hindern könnte, sich und den Planeten Erde zu ruinieren. Ich habe dazu das Modell der Rettungskatastrophe  skizziert, das mir noch ehesten in der Lage erscheint, die Menschen zur Umkehr zu bewegen.

Zur Vertiefung möchte ich noch einmal auf die Alternativen „freiwilliger Verzicht“ und dessen Gegenpart „Zwangsregulierung“ eingehen, die beide unbeliebt sein mögen, wohl aber mehr Akzeptanz erfahren dürften als ein Katastrophenszenario.

Verzicht funktioniert nach verbreiteter Auffassung nicht, weil er auf Freiwilligkeit beruht. Und hier liegen gleich drei Stolpersteine:
– Er erfordert Einsicht in die Notwendigkeit einer geänderten Lebensweise,
– er funktioniert nur, wenn die Einsicht auch tatsächlich in praktische Handlungen umgesetzt wird,
– er wird die Gesamtlage nur dann nennenswert beeinflussen, wenn ein Großteil der Bevölkerung das Modell umsetzt,
und das alles nicht nur in Deutschland, sondern auf möglichst globaler Ebene.

Leider stehen dem nicht nur die menschliche Natur (und ihre Instinkte) im Wege, sondern auch die überwiegenden individuellen und kollektiven mentalen Modelle, in denen vielleicht Geiz geil ist, aber nicht Verzicht. Das Gift des Wohlstands (üblicherweise gleichgestellt mit Reichtum) und der liberalökonomischen Modelle ist uns in so starker Dosis verabreicht worden, dass es nicht wie eine Impfung gegen Gier und Vergnügen immunisiert, sondern einen krankhaften Wachstumswahn hervorgerufen hat, aus dem die große Masse sich nicht eigenständig befreien kann. Im Übrigen hat uns auch die Verhaltensökonomie gelehrt, dass die Masse grundsätzlich der Masse folgt und dass selbst bei vorhandener Einsicht die Menschen lieber im Nichtstun verharren, solange sie nicht sicher sein können, dass sie nicht die einzigen „Dummen“ sind, die verzichten und dadurch Nachteile erleiden, die große Masse der anderen hingegen nicht.

 

Als Alternative wird daher der kollektive Zwang mittels verbindlicher Rechtsnormen propagiert, die sozusagen die objektivierte gemeinsame Einsicht in erzwungenes Verhalten aller umsetzt und dadurch tatsächlich die zitierten Stolpersteine aus dem Weg räumt.

Allerdings wird dabei gerne übersehen, dass auch hier Hindernisse bestehen, die dem Erfolg einer Regulierung durch die Obrigkeit im Wege stehen:

– Die Vielfalt der Lebensrealität in Normen zu fassen ist schwieriger als man denkt. Wenn man mit Generalklauseln arbeitet, wird es ausreichend findige Zeitgenossen geben, die diese „kreativ“ auslegen; wenn man jedes Detail regelt, überfordert es die Menschen und wird einfach ignoriert.
– Regulierung ist allgemeingültig, ist aber dann auch gleichermaßen auf alle anwendbar, was aber nicht immer wünschenswert ist. Versucht man zu differenzieren, muss es dafür eine allgemein akzeptierte Werteskala geben (Warum wird dieses/dieser strenger behandelt als jenes/jener?), die in einem demokratischen System schwierig zu etablieren ist.
– Gesetzgebungsprozesse brauchen Zeit, und je größer der Anwendungsbereich bzw. der räumliche Geltungsbereich, desto schwerfälliger wird das Verfahren. Auf internationaler Ebene dürfte es äußerst schwierig sein, überhaupt verbindliche Normen für alle zu finden.
– Zwingende Normen verdienen diesen Namen nur, wenn ihre Einhaltung auch kontrolliert und sanktioniert wird. Hier müssten die Staaten intern nicht nur passende und „faire“ Strafen finden, sondern auch erheblich in Überwachung und Verfolgung investieren, was sie bisher ernsthaft nur im strafrechtlichen Bereich getan haben. Und auf internationaler Ebene müssten überhaupt erst Durchsetzungsmechanismen etabliert werden.

Diese Beispiele (und auch die bisherigen Erfahrungen in den unterschiedlichsten regulierten Bereichen) zeigen, dass Zwangsregeln nur dann ernsthaft funktionieren, wenn die Menschen deren Sinnhaftigkeit einsehen, insbesondere dass Umweltschutz wichtiger ist als Ökonomie, damit so das Repressionssystem auf ein akzeptables Maß beschränkt werden kann.

Scheitern wird das System aber auf jeden Fall auf internationaler Ebene, wenn hier nicht der Quantensprung einer echten globalen Rechtsordnung gelingt, was alles andere als wahrscheinlich ist. Viel wahrscheinlicher ist, dass nationale Egoismen und staatliche Wirtschaftsinteressen dazu führen, dass die erwähnten Verhaltensgesetze analog auch hier anwendbar sind.

Auch wenn Verzicht alleine betrachtet nicht ausreichend funktioniert, so wäre dennoch aus diesen Gründen eine grundsätzlichere und breitere Auseinandersetzung mit dem Verzicht als notwendigem Instrument auch in einem Regulierungsszenario nicht nur von Vorteil, sondern m. E. unabdingbar.

 

Der Verzicht auf den Lösungsansatz Verzicht forciert letztlich die Zwangsläufigkeit einer Katastrophe.

Eine „Rettungskatastrophe“ hätte den Vorteil, dass sie Einsicht und (faktischen) Zwang verbindet, nur passende Informationen über Handlungsoptionen usw. erfordert, aber keine umständlichen Normierungs-, Umsetzungs- und Sanktionsverfahren. Wenn der individuelle Anreiz gegeben ist, wird auch Verzicht kein Problem mehr darstellen.

Anstelle einer Naturkatastrophe könnte eine Wirtschaftskatastrophe eine abgeschwächte (und humanere) Variante eines Lösungsansatzes sein, wenn damit tatsächlich die Einsicht verbunden wäre, dass die bisherige Form des Wirtschaftens einen Irrweg dargestellt hat. Ob das allerdings reichen wird, ist zweifelhaft:
– Ein Zusammenbruch der Wirtschaft entlastet die Umwelt teilweise, kann diese aber auch erheblich belasten, weil Schutzmaßnahmen gegen bereits bestehende Gefahren nicht mehr finanzierbar sind.
– Die aktuelle soziale Friedfertigkeit wird weitgehend durch das Wirtschaftswachstum erkauft. Sollte es zu ernsthaften wirtschaftlichen Problemen kommen, wird dies vermutlich nicht so bleiben.
– Wenn (im schlimmsten Fall) Milliarden Menschen ums Überleben kämpfen, dann wird der Egoismus nicht nur Mitmenschen treffen, sondern auch die Umwelt und natürlichen Grundlagen. Wer nichts (oder alles) zu verlieren hat, dem wird das Wohlergehen des Planeten eher nicht am Herzen liegen.

Auch diese Argumente weisen darauf hin, dass nicht nur eine Rettungskatastrophe möglichst im Rahmen eines noch funktionierenden Wirtschaftssystems erfolgen sollte, sondern dass Verzichtsdenken, dass in einem funktionierenden Wirtschaftssystem schrittweise Platz greift, zu einem vorteilhaften „soft landing“ beitragen könnte.

 

Alles in allem ist Verzicht weder einfach noch sexy, aber m. E. unverzichtbar. Statt den Menschen einzureden, wir könnten es ohne Verzicht schaffen, wäre es dringend nötig, das Thema im öffentlichen Diskurs prominent zu behandeln. Je mehr dies geschieht, umso präsenter wird er in unseren Köpfen sein und umso größer sind die Chancen, dass wir irgendwie doch noch die Kurve kriegen.