Das ist alles nicht nur detailreich für die verschiedenen Beispiele nachgewiesen, sondern erscheint auch ohne weiteres inhaltlich nachvollziehbar, zumal man hier viele Parallelen zu erfolgreichen und gescheiterten Wirtschaftsunternehmen der Neuzeit ziehen kann.
Spannender und kritischer bleibt jedoch die Frage, ob und inwieweit uns diese Erkenntnisse zur Bewältigung der aktuellen Problemlagen weiterhelfen.
Norberg sieht in den sieben Beispielen (auch wenn er das nicht vertieft thematisiert) eine stete Weiterentwicklung im Laufe der Jahrhunderte, weil in relevantem Maße die Errungenschaften einer Ära an die nächste (manchmal auf verschlungenen Wegen) weitergereicht wurden. Die aktuell zweifellos existierende goldene Zeit speist sich zum Großteil aus der Ära der „Anglosphere“ (aber auch aus der griechischen Idee der Demokratie) und wird (aus Norbergs Sicht wohl wenig überraschend) von Amerika angeführt. Im Unterschied zu früher profitiert davon heute jedoch nicht nur die dominierende Gesellschaft, sondern real alle westlichen Industriestaaten und zumindest potenziell die ganze Welt.
Norberg erkennt zwar an, dass sich daraus eine gänzlich neue Konstellation ergibt, aber er argumentiert, dass die ermittelten Faktoren für „rise and fall“ dieselben bleiben, also auch für die aktuelle Lage gelten. Und in der Tat passen sowohl die Erfolgs- als auch die aktuellen Risikofaktoren fast schon erschreckend gut zu seinem Erklärungsschema.
Was die externen Feinde betrifft, beschwört Norberg daher die Einigkeit der derzeitigen Allianz der Erfolgreichen. Wenn die wichtigsten Staaten zusammenhalten, sieht er von außen keine größere Gefahr. Ganz anders ist es jedoch mit der inneren Zerstrittenheit: „the battle between freedom and coercion, reason and superstition, is not a clash of civilizations, but within civilizations” (S. 9).
In vielen Staaten erkennt man in der Tat die Muster des Niedergangs: Krisen, Abschirmung, Überregulierung, Innovationsschwäche, Pessimismus sowie Ablehnung von Offenheit und Diversität sowohl bei den national-konservativen Rechten als auch bei den radikal illiberalen Linken. Es werden „starke Männer“ gefordert und gewählt, aber die Vergangenheit hat gezeigt: „hard times create strongmen, and strongmen create even harder times“ (S. 436). Historisch betrachtet neigen Gesellschaften ohnehin dazu, sich selbst (von innen heraus) zu vernichten, ohne es jedoch selbst zu bemerken: „the biggest threat to an open world does not come from strong opponents, but from weak proponents“ (S. 442).
Obschon Norberg ein tumultuöses Ende der derzeitigen Ära nicht ausschließt, bleibt er optimistisch: Wenn wir bzw. unsere Gesellschaften offen bleiben, geht er davon aus, dass es für jedes Problem eine Lösung gibt und wir diese auch rechtzeitig finden und anwenden werden („open up to the broad diversity of millions and millions of answers, and the trial and error that will allow for better solutions to appear“: S. 443).
Hier hört die Argumentation auf, überzeugend zu sein, und Norberg drifted in eine Fortschrittsgläubigkeit, die man als unterkomplex bezeichnen muss, und das aus verschiedenen Gründen:
- „The age is golden, but not for everyone” (S. 9). Sklaverei war in der Vergangenheit in der Vergangenheit immer Teil des Erfolgsmodells, und profitiert von goldenen Zeiten hat vor allem eine überschaubare Elite. Das funktioniert heute aber nicht mehr so ohne weiteres. Die Frage der Verteilung des Wohlstands stellt sich dabei nicht nur innerhalb der Staaten, sondern auf globaler Ebene. Und möglicherweise ist heute eine faire Verteilung der Reichtümer grundlegende Voraussetzung für eine Fortführung der aktuellen goldenen Ära.
- „The divides will increasingly be seen within every society, between cities, regions, businesses and individuals – between those who embrace transformation to grow and adapt and those who cling to the comfort of stagnation; between those who stay open to acquiring something knew and those who seek to shut the world out to protect what they already have” (S. 445). Die historischen Mittel, mit denen man diese Gegensätze zumindest eine Zeitlang in den Griff bekommen hat (insbesondere ausreichend steigenden Wohlstand für die tonangebenden Teile der Gesellschaft), reichen jedoch heute offenbar nicht mehr und überzeugende neue sind nicht in Sicht.
- In der Geschichte war ein reger internationaler Handel ein wichtiger Faktor des Aufschwungs oder Niedergangs. Die Totalvernetzung aller Regionen dieses Globus (die Norberg zumindest andeutungsweise berücksichtigt) und die unzähligen Abhängigkeiten in einer extrem arbeitsteiligen Wirtschaft führen dazu, dass heutzutage schon der Ausfall eines einzigen relevanten Players Chaos und Niedergang auslösen kann. Das aktuelle Erfolgsmodell steht also auf sehr wackligen Füßen, und die erkennbaren Tendenzen, diese Entwicklung zurückzudrehen, werden zu Wohlstandseinbußen führen, die sich nicht mit optimistischen Durchhalteparolen bewältigen lassen.
- Als gänzlich neues und möglicherweise entscheidendes Phänomen (das von Norberg vollkommen ignoriert wird) kommen die Endlichkeit der natürlichen Ressourcen, ökologische Katastrophen und Klimawandel hinzu. Sollte es dazu kommen, dass es um Leben und Tod geht, werden in der Vergangenheit erprobte (positive) zivilisatorische Errungenschaften keinerlei Rolle mehr spielen.
Im Gegensatz zu dem, was Norberg im obigen Zitat suggeriert, fehlt es uns in der aktuellen Zeit nicht an Erkenntnissen und Lösungsideen, sondern in erster Linie an der Bereitschaft, heute Lasten im Zukunftsinteresse zu akzeptieren, kooperativ-konziliant notwendige Entscheidungen zu treffen und akzeptieren, sowie im Interesse des Gemeinwohls zukunftssichernde Maßnahmen auch konsequent umzusetzen.
Dass wir das nicht schaffen, obschon wir wissen (könnten), was zu tun wäre, ist wohl der wichtigste Indikator für einen selbstverschuldeten Niedergang nach Norbergs Modell. Vielleicht ist dies auch in den Wesensmerkmalen des homo sapiens angelegt, dem man zwar Intelligenz zubilligen kann, aber nicht minder wirres Gedankenpotenzial, das noch dazu ganz entscheidend von Emotionen gesteuert wird. Bei letzteren spielt nicht nur das Bedürfnis nach Sicherheit und Beherrschbarkeit eine wichtige Rolle (nicht überfordert werden), sondern auch das nach Identität und Respekt (nicht übersehen werden) und nicht zuletzt Neid und Gier (nicht weniger als andere bekommen). Da diese Bedürfnisse nach Selbsteinschätzung (sehr) vieler Menschen offenbar in erheblichem Maße verletzt werden, spielen Ängste, Wut und Hassgefühle eine zunehmend wichtige Rolle bei einer großen Anzahl von ihnen, und das prägt zwangsläufig auch das Gesellschaftsleben. Und in welche Richtung sich dieses dann entwickelt, hat Norberg überzeugend beschrieben.
Wer dieses Buch liest, ist am Ende mit Sicherheit ein Stück klüger. Aber ich glaube nicht, dass die Erkenntnisse helfen, den Glauben an eine weiterhin glorreiche Zukunft zu fördern, eher schon die Hoffnung auf ein rettendes „Etwas“, das Norberg nicht ermitteln konnte, weil es in der Geschichte noch nicht vorgekommen ist.
Denn das immerhin könnte optimistisch stimmen: Irgendwo erwähnt Norberg, dass natürlich jedes seiner Beispiele eine den jeweiligen Umständen entsprechende andere Art goldener Ära erlebt habt, und dass immer spezifische Faktoren zum Erfolg beigetragen haben. Also dürfen auch wir noch darauf hoffen (und die Mutigen gerne auch: vertrauen), dass etwas Innovatives geschieht (sobald der nötige Druck aufgebaut ist), das uns rechtzeitig „rettet“ (bzw. zumindest die derzeitige Ära bis zu unserem Ableben verlängert …).
Andernfalls sollten wir so fair sein, es unseren fernen Nachkommen in unabsehbarer Zukunft zu gönnen, aus unserem Niedergang zu lernen und die nächste goldene Ära zu erleben, wie auch immer sie beschaffen sein mag.