Richtig prompten

KIen sind bekanntermaßen immer nur so klug, wie die Frage, die man stellt (und wie man sie stellt). Die Kunst dieses klugen Promptens ist allerdings nicht neu: Denn auch heute schon ist eigentlich die Qualität des Fragens wichtiger als die Wissenschaft des Antwortens. Nur wird das zu häufig ignoriert oder unterschätzt.

In der Tat beruhen Fragen in aller Regel auf dem Wissensstand des Fragenden, nicht dem des Befragten. Und genau so wie ein informationsverarbeitendes System zwangsläufig nach dem Prinzip „garbage in, garbage out“ arbeitet, funktioniert das auch mit der Fragetechnik.

Natürlich gibt es kluge Fragende, die es schaffen, die Grenzen ihres Wissens zu erkennen und sich hierdurch nicht beschränken zu lassen, und es gibt manchmal verständnisvolle Antwortende, die ersteren ungefragt auf die (richtigen) Sprünge helfen.

Leider ist aber die Menschheit überwiegend dumm, weil überall nur gelehrt wird, wie man Antworten lernt. Da aber nun die KI alles weiß, werden wir uns hoffentlich endlich darauf fokussieren können, das richtige Fragen zu lernen. Aber möglicherweise könnte es trotzdem dazu kommen, warum wir trotz allgegenwärtiger KI längerfristig verblöden werden: Denn dumme Menschen können nicht klug prompten.

Es wird uns also nichts anderes übrigbleiben, als trotz KI unsere grauen Zellen weiter auf Trab zu halten – zumindest bis wir richtig prompten können.

homo prudens

Es wird Zeit, dass wir uns von der Ära des homo sapiens verabschieden und die nächste Stufe erklimmen, die des homo prudens.

Denn die Menschheit erstickt an verfügbarem Wissen, aber sie ist nicht bzw. nicht schnell genug in der Lage, dieses Wissen auch in problemvermeidende und -lösende Maßnahmen umzusetzen. Zudem sinkt der durchschnittliche IQ der Menschen, und KI macht auf bloßem Wissen basierte Bildung für Menschen obsolet.

Wenn wir daher als Menschheit überleben wollen, und wenn wir uns als Einzelne im Berufs- und Privatleben unersetzlich machen und/oder zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beitragen wollen, dann muss praktische Weisheit bzw. Klugheit unser Leitbild werden, d. h. die Fähigkeit, unter Nutzung aller verfügbarer Informationen für jede Aufgabe ein geeignetes Vorgehen zu finden, zukunftstaugliche Entscheidungen unter Komplexitätsbedingungen zu treffen und diese „Schlauheit“ nicht zu Lasten anderer einzusetzen, sondern in einem kooperativen Verhalten mit dem Ziel des bestmöglichen Ergebnisses für alle.

Dies erfordert eine tiefgreifende Änderung der Bildungssysteme auf allen Stufen, und zwar schnellstmöglich. Wissen wird dabei natürlich nicht überflüssig, aber alle Kompetenzen im Umgang hiermit werden Kern der Ausbildung, nicht der Erwerb des Wissens selbst.

KI und MI

Es ist gerade viel die Rede davon, wann wohl künstliche Intelligenz (KI) die menschliche (MI) übertrifft, und es wird gemunkelt, dass dies schon sehr bald sein wird, und dass wir uns dann auf einige disruptive Entwicklungen gefasst machen müssen.

Gemeint ist mit diesem „Übertreffen“ wohl, dass ein digitales Computerhirn in jeder Hinsicht (und es gibt viele „Hinsichten“…) intelligenter ist als das klügste menschliche Gehirn. Aber bei näherer Betrachtung müssen wir darauf eigentlich gar nicht warten. Bereits jetzt ist jede mittelprächtige KI intelligenter als (mind.) 95% der Menschheit (mich eingeschlossen). Was jetzt eigentlich nur noch fehlt, ist der endgültige Beweis der grundsätzlichen Minderwertigkeit der MI, damit wir aufhören, uns selbst einzureden, wir hätten noch irgendeine Chance, uns zu behaupten.

Aufklärung für dummes Volk

Die Demokratie ist irgendwann entstanden, um das Volk gegen „verrückte“ Herrscher zu schützen, die durch brutale Gewalt oder Blutsbande die Macht eroberten. Es gibt seither zwar immer noch Herrscher, aber diese werden auf Zeit gewählt, und die potenzielle (friedliche) Abwahl sowie der Wettbewerb durch andere Kandidaten führen dazu, dass im Normalfall einigermaßen vernünftige und ausgleichende Führer an die Macht kommen.

Je schlechter jedoch letztere Schutzmechanismen funktionieren, desto anfälliger ist das System für aus Wahlen hervorgegangene Diktaturen (wenn man mal die gefälschten Wahlen außer Betracht lässt). Die Vergangenheit hält einige Beispiele dafür bereit.

Als neues Phänomen stellen wir nun fest, dass Völker bewusst „verrückte“ (d. h. nicht am Gemeinwohl orientierte) Führer an die Macht wählen. Selbst dort, wo mediale Vielfalt eine einigermaßen rationale Meinungsbildung ermöglicht, wird diese nicht genutzt, sondern viele Menschen bleiben in ihrer ideologischen Blase und lassen sich zu Wahlhandlungen verführen, die ihnen bei objektiver Betrachtung sogar selbst schaden.

Die Demokratie kann dabei zwar formal weiterbestehen, aber zu Ergebnissen führen, die die gesamte Gesellschaft / ganze Staaten in den Abgrund führen, und wenn man es auf Umweltprobleme bezieht, auch die gesamte Menschheit.

Man könnte gewiss solche Phänomene mit einem durchschnittlich geringen Bildungsniveau der Bevölkerung korrelieren, und dabei sehr wahrscheinlich einen Zusammenhang finden. Aber schon eine oberflächliche Betrachtung zeigt ebenso, dass auch gebildete Menschen nicht davor gefeit sind, Teil des dummen Volkes zu sein, das letztlich gegen seine eigenen objektiven Interessen votiert, weil subjektive Argumente (die man wohl im Bereich der Emotionen verorten kann) ihre Haltung entscheidend prägen. Verstärkt wird dies durch massenpsychologische Wirkfaktoren, die von den Demagogen geschickt genutzt werden.

Wenn sich diese Tendenz verallgemeinert, wird das Ganze früher oder später zum Systemeinsturz bzw. -wandel führen, wobei noch keineswegs klar ist, in welche Richtung sich die Staaten (vielleicht Staatengruppen) dann bewegen werden, oder welches das Nachfolgemodell der Demokratie als herrschendes Machtorganisationssystem sein wird.

Wir bräuchten jedenfalls dringend eine neue Aufklärung. Im Mittelalter wurden den Menschen die Irrationalität religiös fundierter Meinungen als nicht tragbares Fundament der Gesellschaft vor Augen geführt und durch individualistische und rational-wissenschaftliche Perspektiven ersetzt. Deren Wirkung scheint aber zu verblassen, und entsprechend bräuchten wir heute eine neue Art Aufklärung, welche die Menschen von ihrer modernen „Dummheit“ befreit.

Während die mittelalterliche Aufklärung auf einem einheitlichen verheißungsvollen Grundmodell beruhte, führt die heutige Vielfalt der Zukunftsmodelle vor allem zu Verwirrung. Vielleicht ist das der wesentliche Grund für die heutigen Entwicklungen: Das Volk ist überfordert, und wenn dann Heilsversprecher mehrheitsfähige einfache Botschaften verkünden, sind die Menschen nur zu gerne bereit, ihnen zu folgen. Nicht aus Überzeugung, sondern um dem Gefühl der Überforderung zu entgehen. So betrachtet dokumentiert die heutige Demokratiekrise den Sieg der Gefühle über den Verstand.

Nichtwissenlernen

Alle Wissenschaften, und auch das darauf beruhende Bildungswesen, haben als primäres Ziel, Wissen zu generieren und es zu verbreiten.

Das erscheint selbstverständlich, sinnvoll und sogar zwangsläufig, denn wir Menschen sind homines sapientes, und Wissen ist die unabdingbare Voraussetzung für Denken und Handeln in einer modernen Gesellschaft. Das Wissen selbst, und das Wissen darum, welche Bedeutung Wissen hat, hat zudem eine beruhigende Wirkung, denn es lässt uns glauben, die Realität im Griff zu haben.

Zunehmend müssen wir aber feststellen, dass Letzteres ein Irrglauben ist und wir uns zu sehr auf das Wissen verlassen haben (und es immer noch tun). Denn selbst die gigantische Wissensexplosion der letzten Jahrzehnte reicht nicht aus, mit den komplexen Problemen der heutigen Realität klar zu kommen. Irgendetwas scheint dort zu fehlen und damit das Versprechen eines wissensbasierten Überlebens der Menschheit in Frage zu stellen. Als Reaktion darauf generieren wir noch mehr Wissen in der Hoffnung, bald den wissenden Stein der Weisen zu finden.

Wir wollen also letztlich das Nichtwissen auslöschen, und wenn wir das erreicht haben, dann muss doch alles gut werden, oder?

Meines Erachtens fehlt es uns aber nicht an Wissen, sondern am rechten Verständnis, am Durchblick, am klugen Handeln usw. Wie man diese Fähigkeiten erlernt?

Das ist komplex. Der erste notwendige Schritt wäre jedenfalls ein Bewusstsein unseres Nichtwissens. Es wäre sinnvoll, zumindest einen Eindruck davon zu haben, was wir alles nicht wissen, denn das würde uns schon einmal nachdenklicher, vorsichtiger und verantwortungsbewusster machen und verhindern, dass wir dem Wahn der Wissensmacht bzw. -mächtigkeit erliegen.

Es müssten also parallel zum Wissenserwerb bzw. in der Wissenskommunikation immer auch die weißen Flecken auf der Wissenslandkarte offengelegt werden, und daneben auch, wie man mit diesem Nichtwissen umgehen kann bzw. soll. Erst wenn ein Mensch diese Kompetenzen besitzt, verfügt er über eine echte Grundbildung.

Das aber wird in Bildungswesen gerade nicht vermittelt, von dem Medien ganz zu schweigen (dort berichtet man lieber über skurrile „Theorien“, die genau dieses Vakuum nutzen, um Anhänger zu finden.

Abgesehen von der Unfähigkeit zum unvoreingenommenen Denken liegen diese Defizite vermutlich auch daran, dass ein solches Bewusstsein auch Ängste vor dem Unkontrollierten und vielleicht Unkontrollierbaren schüren kann, und das würde – wenn es (voraussehbar) irgendwann in Panik mündet – die zu bewältigende Lage noch schwieriger machen. Also wird das Thema lieber gemieden, selbst wenn unsere Wissenslücken eigentlich irgendwo bekannt sind, nur eben nicht Allgemeingut.

So bleibt der Einzelne abhängig davon, was man ihm preisgibt, und er tröstet sich weiter damit, dass er ja nicht alles wissen müsse, sondern sich auf das System verlassen könne. Das ist aber ein weiterer Irrtum, denn das System besteht aus der Summe der Einzelnen und ist letztlich nicht klüger als diese, sondern spiegelt allenfalls deren Durchschnitt oder Dummheit. Vielleicht ist es sogar so, dass analog zum schwächsten Glied einer Kette die Verbildeten (im oben genannten Sinn) der Schwachpunkt im Überlebenskampf unserer Gesellschaft sind.

So bleibt unser Bildungssystem jedenfalls eines von Einbildung und Scheinbildung, solange wir nicht lernen, unser Nichtwissen zu erkennen und damit umgehen zu können.

Verdummungslernen

„Wer nichts lernt, bleibt dumm.“

Das ist per Definition richtig, aber interessanterweise ist die negative Umformulierung dieser Aussage falsch. Denn die Aussage „Wer etwas lernt, wird klug“ stimmt so nicht, zumindest nicht, wenn man dem eine allgemeingültige Bedeutung beimisst.

Denn es gibt ein rein wissensorientiertes Lernen, das verblödet, weil es Menschen zu Fachidioten macht. Je mehr Expertise nämlich jemand in einem Bereich erwirbt, desto mehr glänzt er durch Nichtwissen in anderen Bereichen und desto anfälliger wird er für einseitig begründete Entscheidungen und letztlich fehlgesteuertes Verhalten.

Das erklärt sich aus zweierlei Gründen:

  • Das aufgehäufte Wissen des Experten wird durch die im Übrigen herrschende Ignoranz entwertet, weil es seinen Kontext verliert, der Wissende es immer weniger einordnen und nutzbringend anwenden kann und sich als Fachmann letztlich in einer Wissensblase bewegt. Im Gesamtsystem wird die Kommunikation zwischen diesen Wissensinseln immer schwieriger und seltener, und komplexe Probleme werden zwangsläufig soweit vereinfacht, dass der Experte es mit seinem fachlimitierten Wissen und seinen fachspezifischen Methoden bearbeiten kann. Da die Realität nun mal aber komplex ist, führt dies zwangsläufig zu wissensinduzierten Irrtümern und Fehlern.
  • Diese einseitig Hochgebildeten sind meist nicht mehr in der Lage, ihr Nichtwissen zu erkennen und ihre Expertise zu relativieren, d. h. in ihrer Tragweite und Nützlichkeit realistisch einzuschätzen. Viele halten ihr Gedankengebäude für die Realität und propagieren Meinungen und Problemlösungen, die einseitig und damit inadäquat die Realität beschreiben und auch gestalten.

Natürlich trifft das nicht auf alle zu. Aber es ist sehr auffällig, wie stark Lehrer, Professoren, Wissenschaftler und sonstige Experten ihr Verständnis der Welt verabsolutieren und sich auf Meinungsstreitigkeiten einlassen, deren einziger Grund die Tatsache ist, dass jeder nur seine einseitige Sichtweise kennt und andere Perspektiven damit nicht verknüpfen kann.

Je mehr jemand das Fachspezifische beherrscht, desto mehr verlernt er die Intuition, den gesunden Menschenverstand, ein komplexes Problemverständnis und die Bereitschaft, andere Ansichten zu verstehen und mit der eigenen Perspektive in Einklang zu bringen.

Wirklich klug-gelernte Menschen dürfen gerne fachlich versiert sein. Sie verfügen aber immer auch über Meta-Wissen, sind sich der Grenzen ihrer eigenen Kompetenzen bewusst und jederzeit bereit, den eigenen Horizont durch andere Expertisen zu erweitern, Disziplingrenzen zu überschreiten und zu einem integrierten Verständnis zu gelangen.

Gesellschaftlich bedeutet dies insbesondere, dass es gefährlich ist, Experten zu Politikberatern zu machen, wenn hier nicht für Multidisziplinarität und Ausgleich gesorgt wird. Die jahrzehntelange ziemlich einseitige Dominanz der Ökonomen z. B. hat uns einen sehr prekären Wohlstand, aber maximale Umweltprobleme beschert. Wenn in diesen Pandemiezeiten nun Virologen und andere Naturwissenschaftler die Entscheidungshoheit erlangen, muss man sich nicht wundern, wenn ohne ausreichendes Gegengewicht demnächst soziale (und wirtschaftliche) Probleme aus dem Ruder laufen.

Künstliche Dummheit

Ich habe mich schon öfter über Dummschwätzerei und Künstliche Intelligenz ausgelassen. Der folgende Text von Harald Welzer (Quelle s. unten) geht in dieselbe Richtung und ergänzt das bestens:

[…] „Die fröhliche Unbedarftheit in Sachen Wirklichkeit ist symptomatisch für die gesellschaftliche Debatte über die Digitalisierung – sofern man von einer solchen überhaupt sprechen kann: Auf der einen Seite gibt es die Bequemlichkeitsreklame der Digitalwirtschaft, die Bedürfnisse zu befriedigen behauptet, die man kurz zuvor noch gar nicht hatte; auf der anderen Seite mit Spezialwissen ausgestattete Warner […], die alarmieren, aber den smarten betrieb in keiner Weise stören. Dazwischen: wenig oder nichts.

[…]  Die Entscheidung über ihren Einsatz kann nicht durch das Vorhandensein der Technologie begründet werden. Die Digitalisierung wirkt sich, wie jede andere Technologie, nach ihrem jeweiligen gesellschaftlichen Gebrauch höchst unterschiedlich aus, weshalb wir Digitalisierung endlich als gesellschaftspolitische Frage begreifen müssen […].

Und beim meist wenig kenntnisreichen Schwadronieren über 4.0, 5G oder KI werden schwach begründete, aber bestens finanzierte Interessen artikuliert, die Benutzeroberfläche des demokratischen Rechtsstaats upzudaten. Und war, wie bei Updates so üblich, ohne zu fragen, wer die eigentlich haben möchte. Und warum.

Das alles ist unterlegt mit einem Solutionismus, der die Welt nur insoweit zur Kenntnis nimmt, als sie in lösbare Probleme filettierbar ist. Ob und für wen diese Probleme Probleme sind oder in welchen Kontexten und Handlungsketten sie entstehen, tritt dabei nicht in den Blick. Alles, was in diesem Sinn dirty, also nicht binär ist, fliegt raus. Das erzeugt allerdings erst wirklich Probleme.

[…] Die Zuständigkeit der Profis beschränkt sich auf die Lösung von Problemen, deren Kontexte sie nicht interessieren oder zu interessieren haben. Das schon hinlänglich bekannte Problem der organisierten Unverantwortung erreicht hier eine neue Stufe.

Wenn auch ansonsten allerorts nach der Devise „Digitalisierung first, Nachdenken second“ gehandelt wird, muss die Absenz einer öffentlichen Aufmerksamkeit, geschweige denn einer Debatte doch irritieren. […]

Vielleicht ist es ja auch so, dass diese ganze Start-up- und Innovations- und Disruptionsberauschtheit die Menschen zunehmend unter Vollzeitablenkung stellt und kaum noch jemand in der Lage ist, zwischendurch mal einen klaren Gedanken zu fassen. Einen Gedanken etwa dazu, dass in der Demokratie der flächendeckenden Implementierung einer Großtechnologie eine Auseinandersetzung vorangehen muss, ob man das eigentlich will und wenn ja, wie und wofür. Das heißt: Nach einer vielleicht nicht so überraschenden Überwältigung durch all die Formen, in denen die Digitalisierung nachgerade über uns kommt, ist es jetzt mal Zeit, die Dinge politisch zu sortieren, und zwar nach Maßgabe der Frage, was von den zweifellos hervorragenden Möglichkeiten dieser Technologie für das zivilisatorische Projekt nützlich ist und was nicht.

[…] Wenn man Digitalisierung gesellschaftspolitisch wendet, füllt sich der Raum zwischen Euphorie und Alarmismus mit der Frage, wer wir als Gesellschaft sein wollen und wo uns die Technik dabei nutzt.

Solcher von der Frage nach ihrem zivilisatorischen Sinn geleiteter Einsatz digitaler Technologie wäre großartig. Das zivilisatorische Projekt der Moderne ist der schon ganz gut gelungene Versuch, die Verhältnisse zwischen den Menschen zu verbessern. Das aber geschieht durch soziale Intelligenz – durch rechtsstaatliche Ordnungen und Verfahren, funktionierende Institutionen, abwählbare Regierungen und einiges mehr.

Im Augenblick wedelt der Schwanz mit dem Hund. Sich von Algorithmen vorschreiben zu lassen, wie man leben soll, ist der Wiedereintritt der Menschen in die selbstverschuldete Unmündigkeit. Man könnte auch sagen: in künstliche Dummheit. Eine mündige Gesellschaft versteht Digitalisierung nicht als Schicksal, sondern als Gestaltungsaufgabe.“

(Harald Welzer, Künstliche Dummheit, ZEIT 15.8.2019, S. 6)

Dummkraut

Dummkraut wächst immer,
Klugblumen blühn kurz,
am meisten zählt Glimmer,
das Wahre nur’n Furz.

Es siegt der Großmaulbestimmer
meist über den Weisheitswurz,
doch droht dem Gipfelerklimmer
gelegentlich der krude Sturz.

Dann folgt meist ein heillos’ Gewimmer,
den Verstand deckt schließlich kein Schurz,
von Einsicht erscheint nicht mal ein Schimmer.
Und die Nachwelt? Ihr ist eh’ alles schnurz.

Die Welt im Theatermodus

Die Welt ist voller Probleme und Herausforderungen, und um hiermit adäquat umgehen zu können muss die Realität richtig erfasst werden.

Als Quelle der Erkenntnis dienen dabei in erster Linie die Wissenschaften. Leider leben sie in einer komplizierten und einigermaßen abgeschotteten Welt. Und damit sie nach außen dringen und dort etwas bewirken, müssen ihre Ergebnisse vereinfacht und verständlich gemacht werden. Diese Translation bzw. Filterung besorgen weitgehend die Medien. Da die Wissenschaften auch noch langsam sind, nimmt ihre Rolle in einer beschleunigten Welt mit einem hohen Bedarf an einfachen Entscheidungshilfen stark ab.

Ersetzt werden sie durch Journalismus, der sich jedoch seinerseits kaum mit Fakten beschäftigt (außer natürlich die wenigen Qualitätsjournalisten), sondern damit, was andere über Fakten, Probleme und Lösungen sagen. Diese „Anderen“ sind manchmal mehr oder weniger Kundige, manchmal mehr oder weniger Zuständige, manchmal auch nur mehr oder weniger Prominente, manchmal sogar Normalbürger. Und wenn es einigermaßen wichtig ist (oder als solches deklariert wird, von wem auch immer), dann wird die Massenmeinung (bzw. „öffentliche Meinung“) abgefragt.

Die Omnipräsenz der Medien, deren Wirkung durch das Internet noch vielfach potenziert wird, hat dazu geführt, dass unsere Kenntnis der Welt – bzw. das, was wir über sie zu kennen glauben – medial vermittelt ist. Zwar gibt es noch unsere persönliche Lebenserfahrung, aber diese ist nicht nur begrenzt, sondern wird auch durch das multimediale Trommelfeuer permanent in Frage gestellt und bei einer steigenden Anzahl Menschen zudem von Fremdmeinungen überlagert. Selbst bei solchen, die nicht in der virtuellen Welt leben, wird jedenfalls der Realitätswahrnehmungssinn durch die mediale Vorprägung massiv beeinflusst.

Daraus hat sich eine Kultur entwickelt, bei der alle derart Befragten und Inszenierten – aber nicht minder die Befragenden und Inszenierenden – sich wie auf einer Theaterbühne verhalten, deren Zuschauer die Medienkonsumenten sind. Sie verhalten sich nämlich nicht authentisch, sondern so, wie es ihre Rolle verlangt bzw. so wie sie glauben, dass sie es verlangt, oder noch so, wie sie ihre Rolle persönlich gestalten wollen.

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Denkblasen

Denken ist gut, aber Denker sollten sich mehr mit der Realität befassen als mit Büchern.

Sie laufen sonst Gefahr, sich in Denkblasen zu bewegen, am liebsten in solchen, die den eigenen Denkansätzen entsprechen. Filterblasen des Internets sind nichts Neues, man kennt sie in ähnlicher Form als Zitierkartelle in den Wissenschaften oder als Zeitgeist in der gesellschaftlichen Kommunikation. Neu ist nur, dass sie die abgeschlossenen Gedankenwelten der Denker auf das mentale Gruppenbewusstsein der Durchschnittsbürger erweitern, deren Denkquellen sich i. W. aus massentauglich aufbereitetem Infotainment und Netzmessages speisen. Und das bekommt der Gesellschaft insgesamt nicht gut.

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