Nichtwissenlernen

Alle Wissenschaften, und auch das darauf beruhende Bildungswesen, haben als primäres Ziel, Wissen zu generieren und es zu verbreiten.

Das erscheint selbstverständlich, sinnvoll und sogar zwangsläufig, denn wir Menschen sind homines sapientes, und Wissen ist die unabdingbare Voraussetzung für Denken und Handeln in einer modernen Gesellschaft. Das Wissen selbst, und das Wissen darum, welche Bedeutung Wissen hat, hat zudem eine beruhigende Wirkung, denn es lässt uns glauben, die Realität im Griff zu haben.

Zunehmend müssen wir aber feststellen, dass Letzteres ein Irrglauben ist und wir uns zu sehr auf das Wissen verlassen haben (und es immer noch tun). Denn selbst die gigantische Wissensexplosion der letzten Jahrzehnte reicht nicht aus, mit den komplexen Problemen der heutigen Realität klar zu kommen. Irgendetwas scheint dort zu fehlen und damit das Versprechen eines wissensbasierten Überlebens der Menschheit in Frage zu stellen. Als Reaktion darauf generieren wir noch mehr Wissen in der Hoffnung, bald den wissenden Stein der Weisen zu finden.

Wir wollen also letztlich das Nichtwissen auslöschen, und wenn wir das erreicht haben, dann muss doch alles gut werden, oder?

Meines Erachtens fehlt es uns aber nicht an Wissen, sondern am rechten Verständnis, am Durchblick, am klugen Handeln usw. Wie man diese Fähigkeiten erlernt?

Das ist komplex. Der erste notwendige Schritt wäre jedenfalls ein Bewusstsein unseres Nichtwissens. Es wäre sinnvoll, zumindest einen Eindruck davon zu haben, was wir alles nicht wissen, denn das würde uns schon einmal nachdenklicher, vorsichtiger und verantwortungsbewusster machen und verhindern, dass wir dem Wahn der Wissensmacht bzw. -mächtigkeit erliegen.

Es müssten also parallel zum Wissenserwerb bzw. in der Wissenskommunikation immer auch die weißen Flecken auf der Wissenslandkarte offengelegt werden, und daneben auch, wie man mit diesem Nichtwissen umgehen kann bzw. soll. Erst wenn ein Mensch diese Kompetenzen besitzt, verfügt er über eine echte Grundbildung.

Das aber wird in Bildungswesen gerade nicht vermittelt, von dem Medien ganz zu schweigen (dort berichtet man lieber über skurrile „Theorien“, die genau dieses Vakuum nutzen, um Anhänger zu finden.

Abgesehen von der Unfähigkeit zum unvoreingenommenen Denken liegen diese Defizite vermutlich auch daran, dass ein solches Bewusstsein auch Ängste vor dem Unkontrollierten und vielleicht Unkontrollierbaren schüren kann, und das würde – wenn es (voraussehbar) irgendwann in Panik mündet – die zu bewältigende Lage noch schwieriger machen. Also wird das Thema lieber gemieden, selbst wenn unsere Wissenslücken eigentlich irgendwo bekannt sind, nur eben nicht Allgemeingut.

So bleibt der Einzelne abhängig davon, was man ihm preisgibt, und er tröstet sich weiter damit, dass er ja nicht alles wissen müsse, sondern sich auf das System verlassen könne. Das ist aber ein weiterer Irrtum, denn das System besteht aus der Summe der Einzelnen und ist letztlich nicht klüger als diese, sondern spiegelt allenfalls deren Durchschnitt oder Dummheit. Vielleicht ist es sogar so, dass analog zum schwächsten Glied einer Kette die Verbildeten (im oben genannten Sinn) der Schwachpunkt im Überlebenskampf unserer Gesellschaft sind.

So bleibt unser Bildungssystem jedenfalls eines von Einbildung und Scheinbildung, solange wir nicht lernen, unser Nichtwissen zu erkennen und damit umgehen zu können.