Neue Demokratie

Ich bin leider kein Demokratietheoretiker, aber als Mitglied des Wahlvolks nicht nur ein kleines Rädchen in der Demokratiemaschinerie, sondern zunehmend auch ein zweifelnder Beobachter derselben.

Demokratie ist sicher eine zivilisatorische Errungenschaft, allerdings in erster Linie für jene, die sie tatsächlich erkämpft haben, und das ist im Westen schon lange her. Leider hat sich dieses Gesellschaftsorganisationsmodell seither nicht weiterentwickelt, und es kann daher nicht überraschen, dass seine Schwächen und Defizite zunehmend offenkundig werden.

Zu nennen wären insbesondere: Auf der Wahlstufe ist das System zu undifferenziert hinsichtlich der inhaltlichen Wahlmöglichkeiten, unvorhersehbar hinsichtlich der zukünftigen Politik angesichts auszuhandelnder kompromissbasierter Regierungspro-gramme, und geprägt von primär emotional-irrational wählenden Bürgern und entsprechend zufallsgeprägten Mehrheiten (was zudem zu populistischen und Werbemaßnahmen gleichenden Simpel-Wahlkämpfen führt). Auf der Gewähltenebene dominieren eine starre Parteibindung mit ideologisch fixierten und kompromiss-unfähigen Parteiapparatschiks, zu langsame Entscheidungsprozesse im Parlament, medien- und öffentlichkeitszentrierte Politik ohne ernsthafte Problemlösungs-fokussierung, Überforderung der Regierenden, und fehlende Rechenschaftspflichten hinsichtlich der Realisierung des ursprünglich Versprochenen (bzw. dessen, wofür sie gewählt wurden). Aus all dem resultieren Instabilität und Orientierungslosigkeit sowie eine zurückgehende Akzeptanz des Demokratiemodells als zukunftstauglicher Form der Realisierung des Gemeinwohlinteresses auf friedlichem Wege.

Vor allem die Überforderung der Wähler, Gewählten und Regierenden, die Realität überhaupt zu verstehen, die zu lösenden Probleme zu priorisieren und auf allen Ebenen eine Bewegung in Gang zu setzen, bei der „die da oben“ und „die da unten“ zusammenarbeiten, sind – obschon dies die zentralen Herausforderungen sind – mit dem aktuellen System nicht in den Griff zu bekommen. Zu retten ist die Demokratie nur, wenn sie sich so weiterentwickelt, dass die talentiertesten, führungsfähigsten und verantwortungsbereitesten, am Gemeinwohl orientierten, Menschen in diesem System das Volk vertreten. Wenn es nicht gelingt, die Demokratie in diese Richtung weiterzuentwickeln, wird das System sich auf demokratische Weise selbst abschaffen, um Platz für Autokraten, Oligarchen oder Diktatoren zu schaffen, für die das Gemeinwohl nur insoweit relevant ist, als es ihren individuellen Interessen dient.

Paradoxerweise können solche postdemokratischen Systeme die Mehrheit der Menschen tatsächlich zufriedener machen und vielleicht sogar das Überleben der Menschheit eher sichern als die Demokratie. Und zunehmend sind die Menschen offenbar bereit, sich auf solche Experimente einzulassen.

Wenn die Demokratieschutzrhetorik, die man immer häufiger hört und liest, hierauf keine fundierte Antwort findet, die insbesondere darin besteht, die Ideale der Demokratie nicht nur zu predigen, sondern die Vorzugswürdigkeit der Demokratie gegenüber anderen Staatsformen tatsächlich unter Beweis zu stellen, dann wird die Demokratie früher oder später in die Geschichtsbücher ehemaliger Staatsformen aufgenommen werden.

Derzeit sieht es nicht so aus, dass die Demokraten dies verstanden hätten und umzusetzen in der Lage wären. Die ständige Aufforderung, an den Wahlen teilzunehmen, ist jedenfalls kein probater Lösungsansatz, sondern verhilft bloß den mehr oder weniger zufällig Gewählten zu einer gewissen Legitimation des weiter so. An den Defiziten des Systems ändert dies jedenfalls nichts.

(Zur heutigen Bundestagswahl, deren Ergebnisse letztlich irrelevant sind, weil niemand der Möchtegern-Verantwortungsträger auch nur den Eindruck erweckt, dass er die Grundprobleme der Demokratie verstanden hat, und einen Plan, wie sie behoben werden könnten.)

Zukunft in Sicht !

Die Zeiten sind schlecht, und es sieht nicht danach aus, als würden sie von alleine in absehbarer Zeit mal wieder nennenswert besser. Alle Welt bläst Tristesse, Gelassenheit und Optimismus weichen Alarmismus und Depressivität.

Dabei ist das alles nicht zwingend, sondern nur möglich oder allenfalls wahrscheinlich. Es gibt auch gute Gründe, gelassen zu bleiben und Vertrauen in die Zukunft bzw. seine eigene Zukunft zu wahren.

Aufklärung für dummes Volk

Die Demokratie ist irgendwann entstanden, um das Volk gegen „verrückte“ Herrscher zu schützen, die durch brutale Gewalt oder Blutsbande die Macht eroberten. Es gibt seither zwar immer noch Herrscher, aber diese werden auf Zeit gewählt, und die potenzielle (friedliche) Abwahl sowie der Wettbewerb durch andere Kandidaten führen dazu, dass im Normalfall einigermaßen vernünftige und ausgleichende Führer an die Macht kommen.

Je schlechter jedoch letztere Schutzmechanismen funktionieren, desto anfälliger ist das System für aus Wahlen hervorgegangene Diktaturen (wenn man mal die gefälschten Wahlen außer Betracht lässt). Die Vergangenheit hält einige Beispiele dafür bereit.

Als neues Phänomen stellen wir nun fest, dass Völker bewusst „verrückte“ (d. h. nicht am Gemeinwohl orientierte) Führer an die Macht wählen. Selbst dort, wo mediale Vielfalt eine einigermaßen rationale Meinungsbildung ermöglicht, wird diese nicht genutzt, sondern viele Menschen bleiben in ihrer ideologischen Blase und lassen sich zu Wahlhandlungen verführen, die ihnen bei objektiver Betrachtung sogar selbst schaden.

Die Demokratie kann dabei zwar formal weiterbestehen, aber zu Ergebnissen führen, die die gesamte Gesellschaft / ganze Staaten in den Abgrund führen, und wenn man es auf Umweltprobleme bezieht, auch die gesamte Menschheit.

Man könnte gewiss solche Phänomene mit einem durchschnittlich geringen Bildungsniveau der Bevölkerung korrelieren, und dabei sehr wahrscheinlich einen Zusammenhang finden. Aber schon eine oberflächliche Betrachtung zeigt ebenso, dass auch gebildete Menschen nicht davor gefeit sind, Teil des dummen Volkes zu sein, das letztlich gegen seine eigenen objektiven Interessen votiert, weil subjektive Argumente (die man wohl im Bereich der Emotionen verorten kann) ihre Haltung entscheidend prägen. Verstärkt wird dies durch massenpsychologische Wirkfaktoren, die von den Demagogen geschickt genutzt werden.

Wenn sich diese Tendenz verallgemeinert, wird das Ganze früher oder später zum Systemeinsturz bzw. -wandel führen, wobei noch keineswegs klar ist, in welche Richtung sich die Staaten (vielleicht Staatengruppen) dann bewegen werden, oder welches das Nachfolgemodell der Demokratie als herrschendes Machtorganisationssystem sein wird.

Wir bräuchten jedenfalls dringend eine neue Aufklärung. Im Mittelalter wurden den Menschen die Irrationalität religiös fundierter Meinungen als nicht tragbares Fundament der Gesellschaft vor Augen geführt und durch individualistische und rational-wissenschaftliche Perspektiven ersetzt. Deren Wirkung scheint aber zu verblassen, und entsprechend bräuchten wir heute eine neue Art Aufklärung, welche die Menschen von ihrer modernen „Dummheit“ befreit.

Während die mittelalterliche Aufklärung auf einem einheitlichen verheißungsvollen Grundmodell beruhte, führt die heutige Vielfalt der Zukunftsmodelle vor allem zu Verwirrung. Vielleicht ist das der wesentliche Grund für die heutigen Entwicklungen: Das Volk ist überfordert, und wenn dann Heilsversprecher mehrheitsfähige einfache Botschaften verkünden, sind die Menschen nur zu gerne bereit, ihnen zu folgen. Nicht aus Überzeugung, sondern um dem Gefühl der Überforderung zu entgehen. So betrachtet dokumentiert die heutige Demokratiekrise den Sieg der Gefühle über den Verstand.

Protestenergielenkung

Wenn Menschen protestieren, stellt dies eine erhebliche Energieleistung dar, unabhängig davon, wofür oder wogegen protestiert wird. Wenn den Machthabern – ob gewählt oder nicht – das nicht gefällt, neigen sie dazu, die Proteste unterbinden zu wollen. Aber schon ein altes Sprichwort sagt, dass man einen Fluss nicht aufhalten kann, sondern nur lenken. Das mag auf Menschen nicht ganz zutreffen, denn wenn die zu erwartenden Sanktionen hart genug sind, versiegen zumindest die sichtbaren Proteste. Aber was geschieht dann mit den vorher vorhandenen Energien?

Entweder sie versiegen irgendwann durch Krankheit, Alterung, Verzweiflung usw., oder sie werden umgewandelt in kleine alltägliche Sabotageakte, Kooperationsverweigerung oder auch Kriminalität. Es herrscht dann zwar Ruhe, aber gleichzeitig Energieverschwendung.

Auf einer deutlicher weniger sichtbaren Ebene geschieht das in noch größerem Ausmaß: Der stille Protest, der sich darin äußert, dass die Menschen sich nicht mehr z. B. für gemeinsame Ziele engagieren, sondern ihre Energien in Freizeitbeschäftigungen investieren, ohne dass ihnen meist selber bewusst wäre, wogegen sie sich damit wehren bzw. warum sie andere Optionen abwählen. Möglicherweise kann man auch die Priorisierung der Individual- gegenüber den Gemeinwohlinteressen analog deuten.

Wäre es nicht sinnvoller, die vorhandenen Energien positiv zu nutzen, indem man sie in eine produktive Richtung umleitet?

Die wichtigste Voraussetzung dafür wäre, motivierende Ziele und realisierbare Wege zu deren Erreichen aufzeigen zu können. Angesichts widerstreitender Überzeugungen in vielen Bereichen ist es sicher kein einfaches Unterfangen, den Energien eine gemeinsame Richtung zu geben, aber das ist eben die hohe Kunst nicht nur des Regierens, sondern grundsätzlich jeder Politik im Gemeinwohlinteresse und jeder Führungsaufgabe im öffentlichen oder auch privaten Bereich.

Das zu vertiefen würde ein ganzes Buch erfordern. Beispielhaft würde ich hier die Idee anführen, widerstreitende Strömungen in einer Gemeinschaft zuzulassen (ohne eine von beiden zu verbieten), wenn die Entwicklungslinien beider Strömungen mittel- bis langfristig konvergieren, und zwar zu einem Zustand, der vielleicht nicht ideal ist, aber zumindest zukunftstauglich.

Ohnehin muss man diese Energielenkung so verstehen, dass sie nie in einen statischen Endzustand mündet, sondern in ein Zwischenetappenziel, von dem aus die Entwicklung weitergeht. Gerade wenn die Zeit drängt, bestimmte Probleme anzugehen bzw. zu lösen, ist es kontraproduktiv, durch Konfrontation Energien zu blockieren und so eine gewünschte Entwicklung zu verlangsamen. Allerdings kann es in derselben Logik durch aus auch sehr begründet sein, durch Verbote Entwicklungen zu bremsen, wie z. B. im Umweltverschmutzungsbereich.

Wenn durch die konstruktive Nutzung der Energien eine positive gesellschaftliche Dynamik entsteht, kann dies zu einer drastisch gesteigerten Veränderungsrate führen. Der Vergleich Chinas und Russlands zeigt, dass von diesen beiden Diktaturen die Chinesen diese Strategie viel geschickter nutzen. Das Beispiel zeigt aber auch, dass ein solches Verständnis auch für falsche Ziele verwendet werden kann. Die Nazizeit ist im Übrigen die wohl beste Mahnung, dass eine durch eine gemeinsame Ideologie befeuerte Zielverfolgung innerhalb kurzer Zeit große Veränderungskräfte freisetzen kann, die aber eben auch in negativer Weise genutzt werden können.

Wir leben heute jedoch in Europa einer viel heterogeneren Gesellschaft als die vorerwähnten Beispiele. Entsprechend schwieriger ist die Herausforderung. Dennoch würde auch unter diesen Bedingungen viel verschwendete Energie positiv genutzt werden können, wenn man sich nicht immer nur auf der Ebene des „Für und Wider“ bewegte (wie dies insbesondere auch durch die Medien befeuert wird), sondern auf der des „Gemeinsam wohin?“.

Die derzeitige Ampelregierung ist ein Beispiel dafür, dass mit der gemeinsamen Einstellung, das Verbindende zu nutzen statt Gegensätze zu fördern, Blockadeenergien umgelenkt werden können. Dieses Prinzip müsste sich auch in der gesamten Gesellschaft als Basisverständnis verbreiten. Dann könnten auch z. B. aus der aktuellen Impfkontroverse positive Energien freigesetzt werden, die dringend für den Klimaschutz benötigt werden.

Engpässe

Die meisten Menschen haben sich so sehr an eine Wirtschaft im Überfluss gewöhnt, dass die neuerdings in vielen Bereichen auftretenden Engpässe in einzelnen Produkt- und Dienstleistungsmärkten (inkl. Arbeitsmarkt), erkennbar an drastischen Preissteigerungen, Lieferverzögerungen oder Nichtverfügbarkeit, nicht nur störend, sondern auch unverständlich erscheinen.

Natürlich kann man nachvollziehen, dass die Pandemie sowie Naturkatastrophen, die beide weltweit auftreten, das Funktionieren des globalen Marktes stören können (Kriege hingegen scheinen nicht dort stattzufinden, wo relevante Wirtschaft existiert, Rohstoffnachschub wird notfalls durch die Unterstützung von Diktaturen gesichert). Aber diese exogenen Faktoren sind nicht die einzigen Problemursachen, sondern diese sind grundlegend in unserem Wirtschaftssystem zu finden. Weiterlesen

Gestohlene Kindheit

Was machen wir bloß mit der Kindheit unserer Kinder?

Wir haben das Vertrauen in ihre natürliche Entwicklungsfähigkeit verloren, saugen uns mit Erziehungsratgebern voll, die vorgeben, wie man „das“ Kind (als standardisierter neutraler Gegenstand) zu erziehen habe, und wollen sie gegen jegliche Gefahren und negative Erfahrungen schützen. Wir geben ihre Erziehung an Schulen ab, welche ihre individuelle Persönlichkeitsentwicklung vor allem behindern, von zu viel überforderten Lehrern bevölkert werden und vor lauter Regularien ihrem eigentlichen Sinn und Zweck aus den Augen verloren haben. Und wir treten vehement dafür ein, dass diese schulbedingte Unmündigkeit möglichst bis zum 19. Lebensjahr durchgehalten wird. Die Talentierten werden unterfordert, die weniger Begabten überfordert, wirklich in seinen persönlichen Eigenheiten gefördert wird kaum jemand. Das Alles beschönigen wir mit dem Ziel der „gleichen Bildungschancen für alle“, das als möglichst einförmiges Beschulen für alle missverstanden wird.

Damit die Kinder im Schulsystem auch möglichst gut „performen“ – davon hängt schließlich der Zugang zur Hochschulbildung ab, und teilweise sogar die Chance auf eine qualifizierte Ausbildung, die beide letztlich für das Lebenszeiteinkommen entscheidend sind – , wird ihre Entwicklung kontinuierlich optimiert. Bei manchen beginnt das schon im fötalen Status (Berieselung mit der richtigen Musik), bei anderen in der Kita (spielerisches Erlernen einer Fremdsprache), auf jeden Fall im Kindergarten, in dem es zwingend intelligenz- bzw. schulerfolgsfördernde Beschäftigung geben muss.

Und wenn der Nachwuchs-Produktionsgegenstand sich dann doch nicht wie gewünscht entwickelt, werden Nachhilfelehrer, Kinderpsychologen, Kieferorthopäden oder gar Schönheitschirurgen engagiert, um das angestrebte Optimierungsziel doch noch zu erreichen.

Was mögen diese Kinder wohl darüber denken, wenn sie dereinst erwachsen geworden sind? Welche Art Menschen werden sie sein? Werden sie nach jahrelanger Indoktrinierung überhaupt noch erkennen können, was ihnen fehlt? Werden sie ihre fehlende Kindheit unbewusst nachholen und dem Druck des Erwachsenendaseins ausweichen wollen? Werden sie angesichts der misslungenen Kindheit körperlich und seelisch anfälliger sein und ihren hart erkämpften materiellen Wohlstand dazu nutzen (müssen), ihre Gesundheit und ihr Gleichgewicht zu retten? Wie werden sie ihrerseits ihre Kinder erziehen?

Warum hat ausgerechnet die Elterngeneration, der es in der Menschheitsgeschichte materiell am besten geht/gegangen ist, so wenig Verständnis für das Kindseinbedürfnis? Welche eigenen Defizite versuchen wir dadurch zu kompensieren? Warum übertragen wir unseren Wunsch nach Lebensglück in diesem Ausmaß auf die „Leistungen“ unserer Kinder? Warum betrachten wir jene misstrauisch, die den Mut haben, ihre Kinder nicht diesem Zeitgeist zu unterwerfen?

Die Zukunft wird diese Fragen mehr oder wenig deutlich beantworten. Wenn alles gut läuft, wird die heranwachsende Generation aus unseren Fehlern lernen. Ob und in welchem Maße die Umstände dann noch ein Umdenken und Umschwenken erlauben, wird sich zeigen. Die Gentechnik jedenfalls steht bereit, den Wunsch der generationsweisen Weiteroptimierung der Nachkommen zu verstärken und damit die Neigung, den Verlust der unbeschwerten Kindheit als überholte Nostalgie einzelner Zukunftsverweigerer darzustellen. Retten könnte die zukünftigen Kinder vielleicht das angeborene Bedürfnis nach unbeschwerter Persönlichkeitsentwicklung. Aber vielleicht kann man ja auch das wegtherapieren.

———————————————

„Wir zögerten das Ende der Kindheit so lange wie möglich hinaus. Heute ist die Welt voller Pläne, wie man Kinder am schnellsten zu Erwachsenen macht. Kindheit ist kein Zeitabschnitt, Kindheit ist ein Lebewesen, das nach und nach wie viele andere Lebewesen ausgerottet wird. Die Kinder der Welt gehören ihren Völkern nicht mehr. Sie sind ein über den Erdball verstreutes Volk, das nun vom Volk der Erwachsenen besiegt unter den Bedingungen des Siegers lebt. Dieser Gedanke fällt mir immer wieder ein, wenn ich durch deutsche Städte gehe und die Spielplätze der Kinder sehe. Es sind Reservate. Wir hatten in Damaskus richtige Bäume mit Früchten, Dornen und Blüten. Hier stehen auf den Spielplätzen merkwürdige Konstruktionen aus totem Holz, Kunststoff, Beton und Stahl.“

Rafik Schami, Die Farbe der Worte. 34 Kalendergeschichten, Hörbuch WDR 1999, CD 2, Track 14

Der bessere Staat

Gerade in Krisenzeiten zeigt sich die Qualität eines Sozialsystems, d. h. ob und wie „gut“ es funktioniert. Das gilt gleichermaßen für Familien, Organisationen und Staaten. Hier soll es nur um Letztere (und deren Unterteilungen) gehen. In der aktuellen Pandemie, aber nicht erst hier, zeigen sich beispielhaft die Überforderung, der Kompetenzmangel, die Langsamkeit oder die Planlosigkeit der öffentlichen Einrichtungen auf den verschiedenen staatlichen und überstaatlichen Ebenen, und sei es nur im Ermitteln entscheidungsrelevanter Daten.

Das wird gerne einseitig als (strukturelles) Systemproblem oder -versagen thematisiert, d. h. die Institutionen sind „schuld“ und müssen reformiert werden. Wenn es dann darum geht, wie dies geschehen sollte, beschränkten sich die Diskussionen der letzten Jahrzehnte auf die gedankliche Alternative „mehr bzw. weniger Staat“. Für die einen ist das Staatliche notwendig und positiv besetzt – also mehr davon – , für die anderen der Grund allen Übels und negativ besetzt – also möglichst weniger davon. Gründe für die jeweiligen Positionen ließen/lassen sich immer finden, auch wenn es sich meist um wenig substanziell untersuchte Beispiele handelt.

Gleichzeitig haben sich beide Denkrichtungen auch nicht durch eine übermäßige Differenzierungsfähigkeit hervorgetan. Zwar gab es Versuche, einen „dritten Weg“ irgendwo dazwischen zu finden, aber da fast alle Staaten faktisch irgendwie dazwischen waren, blieb es letztlich bei den beiden Polen, zwischen denen das Pendel der politischen Mehrheiten und Optionen sich hin und her bewegt(e).

In den letzten dreißig Jahren haben sich in den westlichen Ländern (wirtschafts)liberale Überzeugungen durchgesetzt und zu einem weitgehenden Rückzug des Staates geführt. Die Tatsachen, dass wir inzwischen in einer globalen Schicksalsgemeinschaft leben, und dass Öko-, Finanz- und Sozialsysteme am Rande ihrer Funktionsfähigkeit entlangschlittern, sollten aber heute zwingende Gründe dafür sein, nicht individuelle, sondern kollektive Interessen zu priorisieren, und das bislang einzige brauchbare System dazu sind Staaten und ihre zwischen- und überstaatlichen Organisationen.

Aber auch diese müssen sich weiterentwickeln. Sowohl für einzelne Staaten als auch für das globale Staatensystem geht es dabei inzwischen aber nicht mehr nicht um „mehr oder weniger“ Staat, sondern um einen „besseren“.

Die dominierende quantitative Sichtweise – mehr oder weniger – muss m. a. W. durch eine primär qualitative ersetzt werden. Ein besserer Staat kann dabei durchaus mit weniger Bürokratie, einfacheren Verfahren usw. agieren, er muss es nur besser tun.

Was ist also unter einem „besseren Staat“ zu verstehen?

Weiterlesen

Experten-Entfremdung

In der Corona-Pandemie spielen Wissenschaftler eine wichtige Rolle. Den einen ist das zu viel Wissenschaftlichkeit, den anderen zu wenig. Zu Letzteren zählen die meisten Wissenschaftler selbst. So hat sich eine Gruppe von sieben Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen zu Wort gemeldet (ZEIT 18.2.2021, S. 33), die mit der bisherigen Strategie der „Politik“ und den darauf beruhenden Maßnahmen unzufrieden ist.

So weit, so gut. Nach der Lektüre ihres Textes fragt man sich aber, wo angesichts von Klugdünkel  und Realitätsferne der Mehrwert liegt. Und vor allem, welchen Kollateralschaden die Sieben damit anrichten und wie man der Wissenschaft mehr Gehör verschaffen könnte. Weiterlesen

Biologisches Risiko Mensch

Bisher dachte man, die natürliche Umwelt sei das schwächste Glied in der ökologischen Kette. Durch Corona haben wir gelernt, dass es der Mensch selbst ist. Zwar wussten wir, dass er der Zerstörer ist, aber die Menschheit glaubte überwiegend, sie werde durch ihre Macht über die Technik überleben. Jetzt wissen wir, dass die Biologie des Menschen seine Schwachstelle ist.

Weiterlesen

Präsenz und Distanz

Die Covid 19-Pandemie ist eine gute Gelegenheit, über die Bedeutung von Präsenz und Distanz im Zusammenleben nachzudenken.

Neu ist das Thema nicht. In Zeiten einer großen Mobilität bei gleichzeitig drastisch gestiegenen Kommunikationsmöglichkeiten waren die beiden Pole in letzter Zeit verschwommen: Man konnte sich körperlich fern sein, aber virtuell-kommunikativ nah. Das erschien inzwischen irgendwie selbstverständlich und hat dazu geführt, die Bedeutung der tatsächlichen Präsenz – gleichzeitige körperliche Gegenwart am selben Ort – gering zu schätzen. Selbst Beziehungen auf Distanz waren Teil der modernen Normalität.

Was uns die Pandemie aber gelehrt hat, sind insbesondere folgende Erkenntnisse:

  • Freiwillige Distanz ist etwas anderes als verhinderte Präsenz.
  • Erzwungene Dauerdistanz ohne Kompensation im Präsenzbereich führt zu erheblichen Belastungen.
  • Präsenz ist zwar nicht dasselbe wie Nähe, aber sie erleichtert Nähe.
  • Dort wo Nähe keine nennenswerte Rolle spielt, sind Distanzkontakte ausreichend. Aber je wichtiger Nähe ist, desto wichtiger ist auch Präsenz.
  • Distanzkommunikation reduziert die Wirkung der non-verbalen Elemente, deren Bedeutung durch die fehlende Präsenz besonders deutlich wird.
  • Die meisten Menschen, von Einsiedlern und sonstigen Soziophoben abgesehen, sind nicht nur soziale Wesen, sondern sie sind soziale Präsenzwesen.