Fetisch Foto

Dass wir in einer durchvisualisierten Welt leben, bedarf sicher keiner weiteren Erklärung, ebenso wie die Feststellung, dass in der visuellen Kommunikation Bildmanipulationen mehr oder weniger subtiler Art ein beliebtes Instrument sind, seit es die Fotografie gibt. Und das gilt erst recht in Zeiten digitaler Fotobearbeitung.

Interessanter ist die Frage, welche Wirkung Fotos nicht auf den fremden Betrachter, sondern auf den Fotografierten selber haben.

Wahre Literaten

Literaturkritik beschäftigt sich mit der Qualität bestimmter literarischer Produkte, aber damit geht immer – mal mehr, mal weniger explizit – eine Würdigung oder auch Beurteilung der Leistungen deren Urheber einher.

Meines Erachtens wäre der umgekehrte Prozess mindestens so relevant: Ausgehend von der Persönlichkeitseinschätzung des Autors (m/w/d) zu prüfen, was sich davon in der Literatur wiederfindet.

Natürlich erscheint es banal, Merkmale eines literarischen Werks mit der Persönlichkeit des Literaten zu verknüpfen. Denn aus einem Nichts könnte sich auch nur ein Nichts ergeben. In welchem Maße ein Werk aber nur die Persönlichkeit des Schaffenden reflektiert, ohne die Freiheitsgrade der Kreativität zu explorieren, sollte m. E. zumindest in die Nebenbewertung des Werks einfließen, auf jeden Fall aber für die Würdigung der Person ausschlaggebend sein.

Denn allzu oft ist Literatur nur ein fast zwanghafter Persönlichkeitsabdruck, und je auffälliger dessen Merkmale und Störungen, desto „origineller“ das Schreibergebnis. Schreiben ist für viele in erster Linie ein Versuch der Selbsttherapie oder -regulierung, abhängig und mehr oder weniger stark geprägt von den vor allem psychischen, seltener körperlichen Belastungen. Das ist vollkommen legitim, und wenn jemand das lesen möchte und sich davon angesprochen fühlt (vielleicht oder möglicherweise sogar wahrscheinlich), weil es ihm beim Selbsttherapieren oder -regulieren hilft, ist das eine glückliche win-win-Situation.

Aber darf bzw. sollte man daraus auf die literarischen Fähigkeiten von Literaten schließen? Sollte wahre Kunstfähigkeit oder Künstlerqualität nicht daran gemessen werden, wie breit und tief diese Personen in der Lage sind, das absolute Kreativitätspotenzial auszunutzen und nicht „bloß“ jene Optionen zum Ausdruck zu bringen, die sich in mehr oder weniger einseitiger und zwangsläufiger Weise aus seiner Persönlichkeit ergeben?

Wenn man Werke von Autoren aus dieser Perspektive betrachtet, fällt auf, wie wenig kreativ viele letzten Endes sind: Bei ihnen gibt es nur wenige thematische und stilistische Leitmotive, und diese werden endlos in immer neuen Kontexten eingesetzt. Das kann sehr unterhaltsam und kommerziell erfolgreich sein, aber wahre Literaten zeichnet es nicht aus.

Wenn ich eine Vermutung äußern sollte, warum meine Sicht so wenig verbreitet ist, dann wäre es diese: Auch Kunstkritiker tragen eine persönlichkeitsgeprägte Lesebrille und verwenden darauf beruhende Bewertungsmaßstäbe. Es ist einfacher, Literaten einmal zu taxieren, statt sich jedes Mal neu mit ihnen auseinanderzusetzen, und es überfordert Kritiker schnell, wenn sie sich mit neuen Kunstverständnissen auseinandersetzen und künstlerische Leistungen neu würdigen müssen.

Von den Lesern wird man ohnehin nichts anderes erwarten können. Sie suchen sich nicht nur ihre Lieblingsautoren, die ihnen routiniert immer dieselbe Qualität liefern, sondern orientieren sich – wenn überhaupt – an „verlässlichen“ Kritikern.

Und da alle Beteiligten zum Glück unterschiedlich sind, kann man nur hoffen, dass sich daraus eine entsprechende Vielfalt ergibt und auch hält. Sicher ist das allerdings nicht: Massengeschmack in Musik und Malerei wird inzwischen kommerziell orientiert bedient, natürlich auch schon in der Literatur, nur ist es dort nicht so dominant. In einer Welt, in der das eigene Lesen und Schreiben eine zunehmend unwichtige Zivilisationstechnik darstellt, die zunehmend ersatzweise von „künstlichen“ Maschinen ausgeübt wird, sind aber gerade taxierbare Literaten leicht kopier- und ersetzbar.

Umso wichtiger wäre es, wahre Literaten als Beispiele für echte menschliche Leistungsfähigkeit zu erkennen und fördern.

Risiken und Nebenwirkungen der Nächstenliebe

Zugegeben: Überzeugte/r Christ/in zu sein, fördert (vermutlich) die Gesundheit, zumindest auf psychischer Ebene. Aber – um die Analogie mit Medikamenten weiterzuführen – diese „therapeutische“ Wirkung ist nicht ganz risikolos.

Die christliche Tugend der Nächstenliebe funktioniert nämlich dann besonders gut, wenn alle Mitmenschen demselben Prinzip folgen. Wenn die „Anderen“ aber mit Ablehnung und/oder Undank reagieren, kann Nächstenliebe ganz schön frustrierend sein. Und zum echten Problem kann sie dann werden, wenn sie auf aggressiven Egoismus trifft, weil das sprichwörtliche Hinhalten der anderen Wange für den Betroffenen übel ausgehen kann und im Normalfall auch wird. Dass Jesus selbst seine Haltung mit dem Leben bezahlt hat, beweist diese Feststellung, hat aber seine Gefolgschaft (und die Institution Kirche) trotzdem nicht zur Aufgabe dieses Prinzips motiviert, sondern allenfalls dazu, Märtyrer besonders zu verehren.

So schlimm kommt es aber meistens nicht. Denn der gesunde Menschenverstand führt die meisten Christen (zu ihrem Glück) dazu, ihre Nächstenliebe zu dosieren (notfalls in homöopathischer Konzentration) und adressatengerecht einzusetzen, so dass unerwünschte Nebenwirkungen zwar vorkommen, aber verkraftbar sind.

Wenn man den Faden weiterspinnt und die Nächstenliebe weitergehend als ein kulturprägendes Phänomen betrachtet, dann kann man feststellen, dass Hilfsbereitschaft, Toleranz, Gutmenschentum, usw. durchaus auch zu kollektiven Werten werden können und als positiv gemeinte Grundrechte und Sozialstaatsmaßnahmen ganze Gesellschaften prägen.

Das sollte man durchaus als kulturellen und gesellschaftlichen Fortschritt bewerten. Dieser wird für ein Kollektiv aber dann zur selbst gestellten „Falle“, wenn daraus eine Infragestellung der eigenen Identität (analog Helfersyndrom) und/oder Wehrlosigkeit (Aufgabe der eigenen Interessenvertretung) entstehen. Dann fühlt sich die Gruppe der Wohlmeinenden nicht nur ausgenutzt, sondern möglicherweise auch schutzlos.

Wenn ein Staat also mit einer offiziell verkündeten Willkommenskultur wirbt und dann der Ströme von Immigranten und/oder Flüchtlingen nicht mehr Herr wird, wenn die staatlichen Mechanismen zur Sicherung der Selbstwirksamkeit nicht mehr verlässlich funktionieren (insbesondere die Armee, aber auch Gesetzgeber, Verwaltung und Gerichte), wenn durch die Offenheit für andere bzw. Anderssein die eigene Identität in Frage gestellt wird, dann ist das auch eine Langzeitnebenwirkung einer dominant christlichen Kultur (die es lt. manchen politischen Sichtweisen aber paradoxerweise gerade gegen die Migration zu schützen gilt). Dabei ist es im Übrigen erst einmal irrelevant, ob die damit verbundenen Nebenwirkungen eingebildet sind oder real. Denn auch Nocebo-Effekte führen zu echten Problemen, wenn die Menschen diese als solche empfinden.

Das bedeutet allerdings keineswegs, dass Nächstenliebe überholt wäre. Viele Studien weisen darauf hin, dass einzig kooperatives Verhalten (und nichts anderes ist Nächstenliebe) das Überleben der Gesellschaft bzw. der Menschheit sichern kann. Aber bis sich diese Erkenntnis in der Breite durchsetzt und praktiziert wird, sollten sich gerade Gesellschaften, in denen sie stark verankert ist, nicht selbst und die Durchsetzung des Prinzips gefährden, indem sie es zum echten Problem werden lassen. Insofern ist defensive Selbstbehauptung, Verteidigung der eigenen Interessen usw. erst einmal nicht nur vertretbar, sondern geboten.

Auch wenn man mit Bibelzitaten aufgrund der sprachlichen Verfälschungen durch Bedeutungsänderungen und Übersetzungen vorsichtig sein sollte, ist im Übrigen das folgende zumindest bedenkenswert: Jesus soll gesagt haben, man solle den Nächsten lieben wie sich selbst. Das kann man auch umdrehen: Man solle sich selbst nicht weniger lieben als den Nächsten. Und ob bzw. inwieweit er mit „Nächsten“ auch Menschen aus der Fremde gemeint hat, würde ich ihn gerne mal fragen.

sozusagen

Füllwörter sind ein bekanntes Sprachphänomen. Für die Einen sind sie dabei überflüssige Satzbausteine inkompetenter Sprecher, für die Anderen ein probates Mittel für subtile Ausdrucksnuancen.

Neuerdings scheint sozusagen en vogue zu sein, insbesondere seit Angela Merkel damit sozusagen „erwischt“ wurde, obschon auch sie wohl eher von einem schon seit einigen Jahren bestehenden Trend infiziert wurde.

Die Wörterbücher sehen es als Äquivalent (sozusagen) von Ausdrücken wie: wie man es ausdrücken könnte, gleichsam, quasi, ungefähr, so gut wie, gewissermaßen, in gewissem Grade/Sinne, in gewisser Weise, mehr oder minder/weniger … Kurzum: Nix Genaues weiß man nicht, aber sagen möchte man das so Qualifizierte trotzdem.

Warum ist das Wort heute so beliebt?

Eine rationale Erklärung gibt es nur für die Fälle, in denen es bewusst und gezielt eingesetzt wird, um eine Vagheit auszudrücken, eine absichtliche Unschärfe zu dokumentieren oder auch Unsinn mit Unterhaltungswert zu produzieren.

Spannender und schwieriger sind die Fälle, in denen das Wort unbewusst genutzt wird, meist in der gesprochenen Sprache. Hier scheinen unreflektierte sozio- und/oder psychologische Gründe für diesen Sprachtick eine Rolle zu spielen:

Da ist zum einen die Nachahmung und Anpassung an einen sprachlichen Modetrend, wie man ihn auch bei anderen Worten und Redewendungen kennt. Das hat keinen tieferen Sinn, außer dass man zum Ausdruck bringt, dass man dazugehören (oder seine Solidarität mit Merkel bekunden …) möchte.

Manche äußern sich zu Themen, deren Fachsprache sie nicht beherrschen, und um diese Schwäche zu entschuldigen, garnieren sie ihre Rede üppig mit sozusagen. Das Kaschieren der eigenen sprachlichen oder fachlichen Unfähigkeit ist dabei im Übrigen nicht nur ein Bedürfnis bildungsferner Bevölkerungsschichten, sondern auch von überforderten Politikern und Managern.

Bei Jugendlichen kommt noch hinzu, dass die omnipräsente Sprachökonomie und fehlendes Training im Schulkontext das schlummernde Sprachtalent verkümmern lassen, so dass diese sich mit Füllwörtern behelfen müssen, wenn sie sich zu Wort melden (was im Gegensatz zu früher heute offenbar erwartet wird).

Ein ebenfalls neueres Element dürfte die Angst vor Klarheit und Wahrheit sein. Jeder möchte eine Meinung äußern, aber nicht kritisch beim Wort genommen werden. Also relativiert man seine Aussagen, um sich unangreifbar zu machen. Gerade Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, wappnen sich so gegen karriereschädliche Versprecher, die infolge der omnipräsenten Überwachung der Sprachwächter („political correctness“ und seine Varianten) drohen.

Und nicht zuletzt gibt es die Viel- und Schnellredner, die erst dann wissen, was sie sagen, nachdem sie es gehört haben. Das Sozusagen ist sozusagen die eingebaute Bremse in diesem Redefluss, damit das bewusste Denken noch nachkommen kann. Es wäre spannend zu prüfen, ob Hochbegabte sozusagen-Dauernutzer sind.

Warum sozusagen sich gegen die anderen Füllwörter der deutschen Sprache durchgesetzt hat? Ich tippe auf Ansteckung. Aber immerhin ist die sozusagen-Pandemie beherrschbar – falls dieser Virus dann nicht zu einem anderen Füllwort mutiert.

Menschsein/Humanitude

„Eine weise Mischung aus Fürsorge und kritischem Geist, Unterstützung und Radikalität, Gegenseitigkeit und Feinfühligkeit. All das, wozu Maschinen nicht in der Lage sind.“

(« Un savant mélange de sollicitude et d’esprit critique, d’entraide et de radicalité, de mutualité et de délicatesse. Tout ce que les machines sont incapables de nous transmettre. »)

Hugues Dorzée, Editorial, Imagine N. 140 sept-oct 2020, S. 5

Menschheitssinn und Menschendemut

Wir Menschen – zumindest in den westlichen Zivilisationen – betrachten uns mit größter Selbstverständlichkeit als etwas Spezielles, ja sogar Einzigartiges, sowohl auf unserem Planeten als auch im uns bekannten Universum. Und ebenso selbstredend verbinden wir mit diesem Sonderstatus eine positive Bedeutung.

Dabei haben die Wissenschaften uns ausreichend Erkenntnisse beschert, die uns nicht nur wesentlich bescheidener auftreten, sondern demütiger mit dem Sinn unseres Daseins beschäftigen lassen sollten.

Die Astronomie z. B. hat dem Menschen als erste eine Reihe von Demütigungen beschert: Zuerst verschob sie die Erde aus dem Zentrum der Welt auf eine Bahn um die Sonne. Dann verzwergte sie die Sonne zu einem unbedeutenden Stern am Rande einer mittelgroßen Galaxie. Diese wiederum positionierten Astronomen bald in ein Universum, in dem es vor Galaxien so wimmelt. Von der Menschheit bleibt da allenfalls Nanostaub.

Die Genetik (inkl. Paläogenetik) machte dasselbe im Kleinen mit der Rolle der Menschen auf diesem Globus: Es ist gar nicht so lange her, dass wir uns vom Tier zum homo sapiens entwickelt haben, sodass auch heute noch 99% unseres Erbguts mit dem der Mäuse übereinstimmt.

Gesellschafts- und Verhaltenswissenschaften haben uns gezeigt, wie unbewusst, irrational, aggressiv, verantwortungslos usw. unser individuelles und kollektives Verhalten ist. Naturwissenschaft und Technik haben uns eine unvergleichliche Macht über das Naturgegebene verschafft, aber es wird immer deutlicher, dass die Auswirkungen unserer Erfindungen zunehmend unbeherrschbar werden, insbesondere weil wir von der Komplexität des Geschaffenen überfordert sind, da die Realität – auch die von Menschen geschaffene – sich schneller entwickelt als die menschlichen Fähigkeiten zum Umgang mit dieser.

Und nicht zuletzt sind die mentalen Modelle, nach denen wir unser Zusammenleben gestalten, und die Instrumente, derer wir uns dabei bedienen, zu einseitig und simpel, um ein friedvolles und geordnetes Miteinander zu schaffen, das auch die Lebensgrundlagen nicht nur der Menschen, sondern auch der gesamten Natur, nachhaltig sichern würde. Weiterlesen

Liebe und Überleben

Dass und wie zwischenmenschliche Liebe den Tod überleben kann, wurde schon oft beschrieben.

Der Pater und Zen-Meister Williges Jäger verweist darauf, dass auch das Überleben der Menschheit davon abhängen wird, ob die Durchsetzung des Prinzips Liebe gelingt:

„Eine Spezies, die nicht gemeinschaftsfähig war, wurde in der Evolution immer ausgeschieden. Nicht ein notorischer Mangel an Intellekt, sondern mangelndes „Wissen“ über die Bedeutung von Gemeinschaft und Liebe hat uns dieses gegenwärtige, weltweite Chaos beschert. Die Wiederentdeckung der alles verbindenden Kraft „Liebe“, die wir der Technisierung, Intellektualisierung und Aufklärung geopfert haben, wäre daher die Rettung unserer Spezies….

Leider entfernen wir Menschen uns immer weiter von dieser ganzheitlichen Auffassung des Seins. Damit verfehlen wir uns gegen das Innerste der Welt. Mit unserem Egozentrismus bedrohen wir unser Überleben als Menschheit. Wenn wir nicht aufwachen, werden wir daran zugrunde gehen. Unser derzeitiges Verhalten gleicht einer Krebszelle, die nur für ihr eigenes Wachstum sorgt und damit am Ende sich selbst und den ganzen Organismus vernichtet.“ (S. 64)

„Wir stehen als Menschheit wieder einmal vor einem epochalen Umbruch, vor einer Art kopernikanischen Wende. So wenig wie die Erde der Mittelpunkt des Weltalls ist, kann unser Ich der Mittelpunkt unserer Existenz sein. Nur eine Öffnung unserer rationalen Eingrenzung zugunsten eines transrationalen Begreifens wird uns weiterbringen. In dieser Öffnung zu unserem Seinsgrund liegt unsere Überlebenschance als Menschheit.“ (S. 67).

Aus: W. Jäger, A. Grün, Das Geheimnis jenseits aller Wege. Was uns eint, was uns trennt, Münsterschwarzach 2013

Die Welt im Theatermodus

Die Welt ist voller Probleme und Herausforderungen, und um hiermit adäquat umgehen zu können muss die Realität richtig erfasst werden.

Als Quelle der Erkenntnis dienen dabei in erster Linie die Wissenschaften. Leider leben sie in einer komplizierten und einigermaßen abgeschotteten Welt. Und damit sie nach außen dringen und dort etwas bewirken, müssen ihre Ergebnisse vereinfacht und verständlich gemacht werden. Diese Translation bzw. Filterung besorgen weitgehend die Medien. Da die Wissenschaften auch noch langsam sind, nimmt ihre Rolle in einer beschleunigten Welt mit einem hohen Bedarf an einfachen Entscheidungshilfen stark ab.

Ersetzt werden sie durch Journalismus, der sich jedoch seinerseits kaum mit Fakten beschäftigt (außer natürlich die wenigen Qualitätsjournalisten), sondern damit, was andere über Fakten, Probleme und Lösungen sagen. Diese „Anderen“ sind manchmal mehr oder weniger Kundige, manchmal mehr oder weniger Zuständige, manchmal auch nur mehr oder weniger Prominente, manchmal sogar Normalbürger. Und wenn es einigermaßen wichtig ist (oder als solches deklariert wird, von wem auch immer), dann wird die Massenmeinung (bzw. „öffentliche Meinung“) abgefragt.

Die Omnipräsenz der Medien, deren Wirkung durch das Internet noch vielfach potenziert wird, hat dazu geführt, dass unsere Kenntnis der Welt – bzw. das, was wir über sie zu kennen glauben – medial vermittelt ist. Zwar gibt es noch unsere persönliche Lebenserfahrung, aber diese ist nicht nur begrenzt, sondern wird auch durch das multimediale Trommelfeuer permanent in Frage gestellt und bei einer steigenden Anzahl Menschen zudem von Fremdmeinungen überlagert. Selbst bei solchen, die nicht in der virtuellen Welt leben, wird jedenfalls der Realitätswahrnehmungssinn durch die mediale Vorprägung massiv beeinflusst.

Daraus hat sich eine Kultur entwickelt, bei der alle derart Befragten und Inszenierten – aber nicht minder die Befragenden und Inszenierenden – sich wie auf einer Theaterbühne verhalten, deren Zuschauer die Medienkonsumenten sind. Sie verhalten sich nämlich nicht authentisch, sondern so, wie es ihre Rolle verlangt bzw. so wie sie glauben, dass sie es verlangt, oder noch so, wie sie ihre Rolle persönlich gestalten wollen.

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#MeNot

Ich bestätige hiermit, dass ich nie eine Frau vergewaltigt habe, und dass ich mich niemals Frauen gegenüber übergriffig, unsittlich, erniedrigend oder vergleichbar unschicklich verhalten habe, zumindest nicht bewusst und in konkreten Taten. (Die Lebensumstände – genauer: Das Verhalten mancher Frauen in jüngeren Jahren – verhinderten allerdings nicht, dass ich der einen oder anderen gegenüber ziemlich böse gewesen bin, was ich nur z. T. bedaure.)

Mein bescheidener Reichtum, meine eher einflusslose berufliche Stellung, mein durchschnittliches Aussehen und meine eher spröde Emotionalität hatten zudem zur Folge, dass ich mich nur äußerst selten weiblicher Zudringlichkeit oder auch nur weiblichen Interesses erwehren musste, die ich gezielt hätte ausnützen können. Wo sich ausnahmsweise trotzdem die Gelegenheit dazu ergab, führten meine Schüchternheit, fehlende Geistesgegenwart, ungünstige äußere Umstände und meine christliche Erziehung dazu, dass nichts passierte, was in die oben genannten Kategorien fallen würde, es sei denn einvernehmlich.

Insofern müsste ich eigentlich dem Idealbild des Mannes entsprechen, das die zumindest in den Medien dominierende öffentliche Frauenmeinung zum Ausdruck bringt. Aber aufgrund meiner Lebenserfahrung kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass ein erheblicher Teil der weiblichen Bevölkerung in Wirklichkeit merklich „angepisst“ wäre, wenn alle Männer solche Langeweiler wären wie ich.

Vielleicht bringen die Frauen ja erst einmal untereinander mehr Klarheit darüber zustande, wen bzw. was sie eigentlich wollen, statt pauschal alle Männer unter Sexualbelästigungs-Generalverdacht zu stellen. Das würde auch die Akzeptanz der Letzteren erhöhen, die unzweifelhaft existierenden und für die ernsthaften #MeToo-Fälle verantwortlichen schwarzen Schafe aktiv und konsequent zu disziplinieren.

Denn solange Frauen selber ihre berechtigten Anklagen brutaler Übergriffe dadurch verharmlosen, dass sie diese in einen zum Kochen gebrachten Sexismustopf werfen, der mit Befindlichkeitsstörungen überfüllt ist, die vielleicht durch männliche Geschmacklosigkeiten hervorgerufen wurden, die jedoch keines Geschlechterkampfs bedürfen, sondern einer einfachen sofortigen Gegenwehr selbstbewusster Frauen, solange werden die echten und potenziellen Verbrecher sich einreden können, das Problem liege doch in erster Linie bei den Frauen.

#MeNot-Männer wollen jedenfalls mit diesen Typen nicht in besagten selben Topf geschmissen und für deren Taten verantwortlich gemacht werden. Wenn sie wegen irgendetwas anzuprangern sind, dann allenfalls wegen unterlassener – und sei es nur verbaler – Hilfeleistung. Da sind Männer in der Breite wohl tatsächlich auch nicht mutiger als Frauen. Das hat allerdings nichts mit Sexismus zu tun. Denn Männer sind eben auch nicht bekannt dafür, dass sie schwachen Geschlechtsgenossen gerne zu Hilfe eilen.

(Nachtrag 30.11.: Der Beitrag wurde in Unkenntnis des gleichnamigen Twitter-Hashtags geschrieben. Mit dem dortigen Geschreibsel kann ich nichts anfangen.)

Freundschaft

„Freundschaft ist Ausdruck wechselseitigen Respekts in einer Balance von Nähe und Distanz, die von gegenseitigem Wohlwollen getragen ist und nach Eintracht strebt.“ (Bischöfe Heinrich Bedford-Strohm, Reinhard Marx, ZEIT 26.10.17, S. 54)