shapen

Neulich wurde mir bewusst, dass bodyshaper – die moderne Variante des guten alten Korsetts in den vielfältigsten Ausführungen – immer noch hoch im Kurs stehen, vermutlich als preisgünstige Alternative für Schönheits-OPs oder jahrelange Körpertrainingsquälerei.

Gäbe es analog bloß auch brainshaper, die unser natürliches Gehirn zwar nicht durch KI ersetzen, es aber ohne jahrelangen Schul- und Hochschulbesuch in ein leistungsfähiges Format bringen sollen, wird manch einer sich denken! Der Wunsch dürfte nicht lange unerfüllt bleiben: Chip-Gehirnimplantate werden wohl bald schon ihre ersten Interessenten finden.

Da Pharma- und Drogenindustrie auch schon gute Fortschritte in der Steuerung unserer Emotionslage gemacht haben und ihre emotionshaper einen reißenden Absatz finden, bleibt letztlich nur der soulshaper, um das Quartett zu vervollständigen. Religiöse, Spirituelle und sonstige Überirdische tun zwar seit Jahrtausenden diesbezüglich ihr Bestes, aber alle Modelle scheinen irgendeinen Konstruktionsfehler zu haben, so dass wir in dem Bereich wohl noch eine Weile auf uns selbst angewiesen sind, um Erlösung zu erreichen.

Und was bleibt bei all dem shapen vom „echten“ Menschen? Bloßer Rohstoff für geshapte Menschenkunstwerke? Die Natur wollen wir zwar retten, aber uns selbst betrachten wir offenbar nicht mehr als einen gelungenen Teil derselben.

Die Welt im Theatermodus

Die Welt ist voller Probleme und Herausforderungen, und um hiermit adäquat umgehen zu können muss die Realität richtig erfasst werden.

Als Quelle der Erkenntnis dienen dabei in erster Linie die Wissenschaften. Leider leben sie in einer komplizierten und einigermaßen abgeschotteten Welt. Und damit sie nach außen dringen und dort etwas bewirken, müssen ihre Ergebnisse vereinfacht und verständlich gemacht werden. Diese Translation bzw. Filterung besorgen weitgehend die Medien. Da die Wissenschaften auch noch langsam sind, nimmt ihre Rolle in einer beschleunigten Welt mit einem hohen Bedarf an einfachen Entscheidungshilfen stark ab.

Ersetzt werden sie durch Journalismus, der sich jedoch seinerseits kaum mit Fakten beschäftigt (außer natürlich die wenigen Qualitätsjournalisten), sondern damit, was andere über Fakten, Probleme und Lösungen sagen. Diese „Anderen“ sind manchmal mehr oder weniger Kundige, manchmal mehr oder weniger Zuständige, manchmal auch nur mehr oder weniger Prominente, manchmal sogar Normalbürger. Und wenn es einigermaßen wichtig ist (oder als solches deklariert wird, von wem auch immer), dann wird die Massenmeinung (bzw. „öffentliche Meinung“) abgefragt.

Die Omnipräsenz der Medien, deren Wirkung durch das Internet noch vielfach potenziert wird, hat dazu geführt, dass unsere Kenntnis der Welt – bzw. das, was wir über sie zu kennen glauben – medial vermittelt ist. Zwar gibt es noch unsere persönliche Lebenserfahrung, aber diese ist nicht nur begrenzt, sondern wird auch durch das multimediale Trommelfeuer permanent in Frage gestellt und bei einer steigenden Anzahl Menschen zudem von Fremdmeinungen überlagert. Selbst bei solchen, die nicht in der virtuellen Welt leben, wird jedenfalls der Realitätswahrnehmungssinn durch die mediale Vorprägung massiv beeinflusst.

Daraus hat sich eine Kultur entwickelt, bei der alle derart Befragten und Inszenierten – aber nicht minder die Befragenden und Inszenierenden – sich wie auf einer Theaterbühne verhalten, deren Zuschauer die Medienkonsumenten sind. Sie verhalten sich nämlich nicht authentisch, sondern so, wie es ihre Rolle verlangt bzw. so wie sie glauben, dass sie es verlangt, oder noch so, wie sie ihre Rolle persönlich gestalten wollen.

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Kulturelle Sicherheit

In die politische Kulturdiskussion hat ein neuer Terminus Einzug gehalten, der aufgrund seiner Vieldeutigkeit das Potenzial für eine steile Karriere hat: Kulturelle Sicherheit. Vor allem die Konservativen dürften diese Wortkombination in Zukunft nutzen, da sie das Sicherheitsthema ohnehin als ihre Domäne betrachten und die Rettung der bedrohten (deutschen) Kultur ihnen ein wichtiges Anliegen ist. Weiterlesen

Demokratiereife

Zu den Errungenschaften der westlichen Zivilisation zählt zweifellos das Demokratieprinzip als grundlegender Ordnungsgrundsatz unseres Gemeinschafts- bzw. Staatswesens. Es hat in den letzten 200 Jahren in vielen Staaten in verschiedensten Ausprägungen auch ordentliche Dienste geleistet und scheint hierzulande den meisten so selbstverständlich, dass leicht übersehen wird, dass dessen Konkretisierung – insbesondere durch das allgemeine Wahlrecht – schon seinerzeit (auch in Deutschland) keineswegs zügig und problemlos erfolgt ist.

Die Stärke der Demokratie ist, dass die Masse des Volkes nicht nur nach ihrer Meinung gefragt wird, sondern im Prinzip das Votum der Mehrheit auch tatsächlich in Macht und Führungsanspruch umgesetzt wird, und zwar so, dass alle paar Jahre jeder eine Chance auf Machtbeteiligung erhält (zumindest in der Form, dass er die „Richtigen“ wählt). Ihre Attraktivität verdankt die Demokratie daneben auch der Tatsache, dass sie mit den Freiheits- und Gleichheitsgrundsätzen gut vereinbar ist – sofern man diese denn (wie in den westlichen Staaten üblich) tatsächlich einführtl, was allerdings nicht zwingend denknotwendig ist.

Leider schwächelt die Demokratie aus verschiedenen Gründen, die in Verbindung mit der doppelten Frage stehen, ob die Demokratie in den westlichen Staaten nicht schon „überreif“ ist, und ob weniger entwickelte Staaten überhaupt schon reif für die Demokratie sind. Wenn dem so ist, kann die Demokratie dann über einen geeigneten Reifeprozess gerettet werden? Weiterlesen