Spiegeln

Es gibt einen Gegenstand, den wir mehrmals täglich nutzen, obwohl wir ihn normalerweise gar nicht anfassen. Er schaut uns an und von uns weg, er ist unentbehrlich und doch manchmal gleichzeitig lästig in seiner stummen Ehrlichkeit. Er ist der verkannteste Gebrauchsgegenstand unserer Alltagskultur: der Spiegel.

Ein Spiegel ist physikalisch ein interessantes Instrument: Man kann mit seiner Hilfe Dinge sehen, die nicht direkt wahrnehmbar sind. Nach hinten schauen, um die Ecke, Blicke hineinwerfen wie Billardkugeln gegen die Bande, oder auch die Sinne täuschen, Raumtiefe suggerieren oder ein Bild verzerren, all das ist möglich.

Man erzählt, der erste Mensch, der sich im Spiegel erblickte, erschrak zutiefst. Ob das stimmt, hängt wohl auch vom Alter ab. Als meine kleine Tochter sich im Alter von wenigen Monaten zum ersten Mal im Spiegel sah, war sie neugierig, distanziert, verdutzt und fand es eher lustig. Ein Erwachsener, der zum ersten Mal sein eigenes Spiegelbild sieht, wird vermutlich anders reagieren, zumindest, wenn er sich schon mit sich selbst auseinandergesetzt hat und ein „Bild“ von sich selbst hat.

Der Spiegel ist nämlich auch die Schnittstelle zum Metaphysischen durch die Augen, die sowohl Tür zur Seele und als auch ihr Spiegel sind. Nicht der Spiegel als Gegenstand, sondern das Spiegeln als Handlung ist dabei genau genommen das Spannende.

Das Selbst-Spiegeln bzw. Sich-selbst-Sehen beeinflusst unser Eigenbild viel subtiler, als wir dies wahrhaben. Denn unser Selbstverständnis wird entscheidend auch davon geprägt, wie wir uns äußerlich wahrnehmen und ob dieses Bild mit unserer Vorstellung von uns selbst übereinstimmt. Manchmal wäre es uns in der Tat lieber, wir wüssten gar nicht, wie wir aussehen, weil diese Kenntnis möglicherweise andere Menschen aus uns macht.

Allerdings ist das In-den-Spiegel-Schauen meist nur funktional oder zweckgebunden. Erst wenn wir uns aufmerksam und bewusst in Ruhe betrachten, zeigt sich die Macht der Spiegelung. Am deutlichsten trifft das wohl beim Altern zu, das körperlich viel eher zu erkennen ist als durch eine geistige Innenschau. Allerdings ist ein Spiegel zwar unbestechlich, aber es findet dennoch ein „Fotoshoppen“ im Kopf statt, sowohl aus einer gutmeinenden als auch aus einer kritischen Perspektive.

Wenn ich mein Spiegelbild betrachte, ist dies zudem insofern einseitig, als typischerweise ich selbst derjenige bin, der das Bild betrachtet und interpretiert. Was wir aber zusätzlich brauchen ist, dass andere uns den Spiegel vorhalten. Denn dabei entgleitet das Spiegelbild unserer Kontrolle und wir sind möglicherweise gezwungen, uns anders zu sehen als in unserer eigenen verzerrten Spiegelbetrachtung. Der Vergleich mit der Funktion des Hofnarren oder des Till Eulenspiegel, die Wahrheit mit Humor verbinden, ist dabei meine Lieblingsspiegelung. Heute wären wohl am ehesten Berater und Journalisten dazu berufen. R. Augstein wird wohl so etwas im Sinn gehabt haben, als er seiner Zeitschrift den Titel ‚Der Spiegel’ gab. Denn nicht nur der Einzelne, sondern die ganze Gesellschaft braucht dieses Spiegelbild, dieses Feed-back, um unser kybernetisches System im Gleichgewicht zu halten.

Wenn wir uns trauen, können wir also selbst zu „Spieglern“ für andere werden, nur dass wir dann mit Worten reflektieren. Nicht umsonst bedeutet „Reflexion“ ursprünglich: Widerspiegelung, Rückstrahlung, und die Welt da draußen wird mit Worten gespiegelt. Das „Spieglein, Spieglein, an der Wand“ wird dann zur modernen Variante „Spieglein, Spieglein, mein Verstand“.

Elefantenwahrheiten

Dass Wahrheit relativ und meist unvollständig ist, zeigt das seit Langem bekannte Gleichnis der blinden Männer und dem Elefanten.

Was anhand eines konkreten Gegenstands – nämlich des Elefanten – sowie des Befühlens leicht nachvollziehbar ist, gilt darüber hinaus aber auch für abstraktere Betrachtungsgegenstände oder -methoden: Jede Wissenschaft arbeitet dabei in der Tat wie ein blinder (oder sehr kurzsichtiger) Mensch, weil sie per Definition einseitig sein muss, um etwas kohärent erklären zu können, und dabei auch nur bestimmte Ausschnitte der Gesamtrealität fokussiert. Aus einem anderen Blickwinkel und in einer anderen Wissenschaftssprache stellt sich die Wahrheit über den Gegenstand hingegen schon anders dar. Selbst was ein einzelner Begriff bedeutet, hängt von der Perspektive und dem Definitionsansatz ab, und nur aus der Kombination unterschiedlicher Sichtweisen ergibt sich der „intrinsische Sinn“ eines Wortes, einer Idee, einer Aussage usw.

Wer aber mit der komplexen Realität bzw. dem Wesenskern eines Gedankens – d. h. dem Elefanten selbst – in der Praxis umgehen will, muss alles im Blick haben und aus vielen „Blinden“ oder „Kurzsichtigen“ einen „Sehenden“ machen. Auf dieser Ebene verabschieden sich dann die Wissenschaften, weil Interdisziplinarität nicht ihre Stärke ist, und sie überlassen es den Künsten und Kunstfertigkeiten, aus den vielen Einzelteilen ein Gesamtbild zu entwerfen und gestalten.

Man könnte sicher modernere Alternativen zum vorgenannten Gleichnis finden, z. B. durch die Verwendung von Farbfilteranalogien oder Spektroskopievergleichen. Aber es hapert letztlich weniger an einem passenden Gleichnis als vielmehr an der Bereitschaft der Beobachter und Erklärer, die Relativität der eigenen Perspektive zu erkennen, ihren eigenen Erkenntnissen zugrunde zu legen und ihren Argumenten vorauszuschicken. Das würde in der Tat dazu beitragen, viele unnütze Diskussionen zu vermeiden, und der Überzeugung entgegenwirken, die Wahrheit sei ja grundsätzlich einfach und einseitig.

Aber was schert einen die (komplexe) Wahrheit, wenn man eine (einfache) Überzeugung besitzt? Der Elefant mag eigentlich unübersehbar sein, aber wenn man eben doch nur den Rüssel sehen will, dann bieten sich auch Teilwahrheiten an, d. h. wenn man ihn wegen der eigenen verzeihlichen „Blindheit“ mit einer Schlange verwechselt, wer kann einem das schon übelnehmen? Wer nicht sehen will sieht auch nicht.

Dummerweise setzt die „Elefantenwahrheit“ zudem voraus, dass Elefanten tatsächlich existieren und dass man in der Lage ist, einen solchen zu erkennen, wenn man ihm gegenübersteht, was aber wiederum voraussetzt, dass Elefanten (und sei es nur als Bild oder Vorstellung) dem Wahrheitssuchenden bereits bekannt sind.

Dass eine Wahrheit schon existieren muss, bevor ich sie erkenne, leuchtet ein. Aber muss man auch Wahrheiten schon kennen, um sie er-kennen zu können? Muss ich nicht zumindest eine genaue Vorstellung eines Elefanten haben, wenn ich in der Lage sein soll, Einzelmerkmale eines Elefanten richtig zu erkennen?

Hier zeigt sich die Grenze des Elefantengleichnisses: Die Wahrheit ist nicht vergleichbar mit einem Elefanten, weil sie nicht zwangsläufig außerhalb von uns ist, sondern auch in uns konstruiert wird, und die Wahrheit, die ich er-kenne, in vielen Fällen eine ist, die ich er-schaffe oder er-baue.

Wahrheit und Mehrheit

Wir brauchen wahrheitsorientierte Einsichten, nicht mehrheitssuchende Meinungen.

Es geht nicht darum, mit der Mehrheit im Gleichschritt zu sein, sondern mit der Wahrheit im Einklang.

Die Demokratie beruht auf der Illusion der Mehrheitsintelligenz. Leider findet sich die Wahrheit immer öfter in der Opposition.

Auch in der Wissenschaft ist die heute herrschende Überzeugung (oder das gerade geltende Paradigma) nichts anderes als der morgen kritisierte Irrtum oder Fehler.

Solange es in der Führung des Gemeinwesens (Politik) und in der Führung von Organisationen (insbesondere Unternehmen) weniger risikoreich und karriereschädigend ist, der Mehrheit zu folgen als einer Einsicht folgenden eigenen Überzeugung, solange fehlt diesem System das notwendige Gegengewicht, das es vermutlich richtigere bzw. zielführendere Entscheidungen treffen lassen würde.

Die Welt im Theatermodus

Die Welt ist voller Probleme und Herausforderungen, und um hiermit adäquat umgehen zu können muss die Realität richtig erfasst werden.

Als Quelle der Erkenntnis dienen dabei in erster Linie die Wissenschaften. Leider leben sie in einer komplizierten und einigermaßen abgeschotteten Welt. Und damit sie nach außen dringen und dort etwas bewirken, müssen ihre Ergebnisse vereinfacht und verständlich gemacht werden. Diese Translation bzw. Filterung besorgen weitgehend die Medien. Da die Wissenschaften auch noch langsam sind, nimmt ihre Rolle in einer beschleunigten Welt mit einem hohen Bedarf an einfachen Entscheidungshilfen stark ab.

Ersetzt werden sie durch Journalismus, der sich jedoch seinerseits kaum mit Fakten beschäftigt (außer natürlich die wenigen Qualitätsjournalisten), sondern damit, was andere über Fakten, Probleme und Lösungen sagen. Diese „Anderen“ sind manchmal mehr oder weniger Kundige, manchmal mehr oder weniger Zuständige, manchmal auch nur mehr oder weniger Prominente, manchmal sogar Normalbürger. Und wenn es einigermaßen wichtig ist (oder als solches deklariert wird, von wem auch immer), dann wird die Massenmeinung (bzw. „öffentliche Meinung“) abgefragt.

Die Omnipräsenz der Medien, deren Wirkung durch das Internet noch vielfach potenziert wird, hat dazu geführt, dass unsere Kenntnis der Welt – bzw. das, was wir über sie zu kennen glauben – medial vermittelt ist. Zwar gibt es noch unsere persönliche Lebenserfahrung, aber diese ist nicht nur begrenzt, sondern wird auch durch das multimediale Trommelfeuer permanent in Frage gestellt und bei einer steigenden Anzahl Menschen zudem von Fremdmeinungen überlagert. Selbst bei solchen, die nicht in der virtuellen Welt leben, wird jedenfalls der Realitätswahrnehmungssinn durch die mediale Vorprägung massiv beeinflusst.

Daraus hat sich eine Kultur entwickelt, bei der alle derart Befragten und Inszenierten – aber nicht minder die Befragenden und Inszenierenden – sich wie auf einer Theaterbühne verhalten, deren Zuschauer die Medienkonsumenten sind. Sie verhalten sich nämlich nicht authentisch, sondern so, wie es ihre Rolle verlangt bzw. so wie sie glauben, dass sie es verlangt, oder noch so, wie sie ihre Rolle persönlich gestalten wollen.

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Denkblasen

Denken ist gut, aber Denker sollten sich mehr mit der Realität befassen als mit Büchern.

Sie laufen sonst Gefahr, sich in Denkblasen zu bewegen, am liebsten in solchen, die den eigenen Denkansätzen entsprechen. Filterblasen des Internets sind nichts Neues, man kennt sie in ähnlicher Form als Zitierkartelle in den Wissenschaften oder als Zeitgeist in der gesellschaftlichen Kommunikation. Neu ist nur, dass sie die abgeschlossenen Gedankenwelten der Denker auf das mentale Gruppenbewusstsein der Durchschnittsbürger erweitern, deren Denkquellen sich i. W. aus massentauglich aufbereitetem Infotainment und Netzmessages speisen. Und das bekommt der Gesellschaft insgesamt nicht gut.

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Wahrheit und Politik

Die „Philosophin“ Hannah Arendt hat vor fast 50 Jahren einen Text zum Thema Wahrheit und Politik verfasst, der aktueller gar nicht sein könnte und zeigt, dass die derzeitige „Postfaktizismus-Hysterie“ alter Wein in neuen Schläuchen ist und in gewisser Weise vorausahnbar war, auch wenn Arendt vermutlich nicht damit gerechnet hat, dass ihre „Prognosen“ ausgerechnet so deutlich in ihrer Wahlheimat USA bewiesen werden sollten (aber nicht nur dort!).

Die Ausführungen sind so gut, dass sich eine Zusammenfassung verbietet. Eine Audiofassung findet sich auf youtube, eine gedruckte Fassung beim Piper-Verlag.

Gesetzlich garantierte Endlagerlösung

Mehr als einmal hat man bei Gesetzgebungsverfahren den Eindruck, dass die öffentlichen Diskussionen nur pro forma geführt werden, während die echten Entscheidungen längst anderswo getroffen wurden.

Ein besonders gelungenes Schauspiel (oder im modern speak: Fake) spielt sich gerade in Sachen Gesetz über die Regelung der Suche nach einem Atommüllendlager in Deutschland ab (offiziell Gesetz zur Suche und Auswahl eines Standortes für ein Endlager für hochradioaktive Abfälle, BT-Drs. 18/11398).

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Faktenchecker und Fakechaser

Das Gute am Schlechten ist, dass es uns vor Augen führt, wie wichtig das Gute ist.
Die Einsicht passt auch, wenn man „gut“ durch „Fakt“ ersetzt und „schlecht“ durch „Fake“.

So bemühen sich die Medien denn auch gerade um das, was eigentlich selbstverständlich sein sollte, aber vor lauter Quotengeilheit vernachlässigt wurde: Die Wahrheit der Fakten. Und weil man es jetzt ganz genau nimmt, kontrolliert man nicht nur sich selbst, sondern auch die anderen bzw. deren Fake-News. Das sorgt für Beschäftigung und Unterhaltung!

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Jahrestag

PROFnarr wird 1 Jahr alt.

Was mich beim feiertaglichen Besinnungsrück- und Ausblick am meisten überrascht, ist zweierlei:

  • Es ist unglaublich, wieviel Informations- und Gedankenmüll man entdeckt, wenn man darauf achtet. Und davon ist das gerade omnipräsente (echte und angebliche) Postfaktische und Gefakete nur ein Teilbereich.
  • Das Thema der Wahrheit ist aktueller denn je. Dummheit, Lüge und Diffamierung sind zwar nicht neu, werden aber offenbar bei vielen gerade salonfähig.

Entsprechend wichtig ist es, einen kühlen Kopf zu bewahren, zumal dies den Medienberufsvertretern offenbar sehr schwer fällt.

Dass in den bisherigen Beiträgen dann auch mehr „PROF“ als „narr“ zum Ausdruck kommt, ist der Tatsache geschuldet, dass die Realität schon so „narr-ativ“ ist (das Wort „närrisch“ wäre mir zu positiv-karnevalistisch), dass das Gegengewicht ordnend und erklärend sein sollte. Erst wenn mir das sinn- und aussichtslos erscheint, oder – was im Augenblick allerdings äußerst unwahrscheinlich erscheint: überflüssig – wird der Narr mehr zu Wort kommen.

Facebook, Fakebook und Faktbook

Das derzeit allerorts beobachtete und allseits kommentierte Postfaktische ist m. E. weniger ein Beispiel dafür, dass heute mehr geschummelt, erfunden und gelogen wird, als vielmehr dafür, dass sich diejenigen, die sich im Besitz der faktenbasierten Wahrheit wähnten, sowohl mit einer neuen Realität auseinandersetzen als auch mit einer neuen Sichtweise hierauf anfreunden müssen.

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