KrisenZEIT

Beispielhaft sei hier die Rolle der Wochenzeitung DIE ZEIT betrachtet, da diese eine große Reichweite hat, die Mitte der Gesellschaft abbildet und intellektuell zumindest den Anspruch hat, zur deutschen Elite zu zählen.

Es ist zwar in gewissem Maße problematisch, die Medien als aussagefähige Seismografen (o. Ä.) für die Gesellschaft und die politische Ebene zu betrachten, weil Journalisten vorwiegend voneinander abschreiben und sich in einer Blase bewegen, die Teile der Realität vollkommen ausblendet, andere Themen aber – auch für unsere Zukunft vollkommen irrelevante – viral gehen lässt. Da sie aber auch zentrale Meinungsmacher sind und bei ihnen im Gegensatz zum wilden und vielstimmigen Internet bereits eine gewisse Meinungsfilterung und -zusammenführung stattfindet, sind sie immerhin ein relevanter (wenn auch nicht vollständig repräsentativer) Indikator für das, was als wichtig erachtet wird, und für unseren gesellschaftlichen (und im Durchschnitt auch individuellen) Umgang mit ihr. Durch die Beobachtung der Medien kann man also wichtige Informationen darüber erhalten, was gerade mit uns geschieht und warum wir die aktuelle Umbruchzeit als ernste Krise, wenn nicht sogar als potenzielle Katastrophe betrachten.

Als seit Jahren regelmäßiger Leser der ZEIT ohne persönliche Kontakte zu den dort arbeitenden Personen beruht die folgende Einschätzung auf dem, was über Jahre hinweg über die Umbrüche unserer Zeit dort publiziert wurde und wird. Dabei erscheint insgesamt das Redaktionsteam als irritiert von der Realität, aufgescheucht und eher ratlos bzgl. des Umgangs mit den Weltproblemen, und nicht zuletzt sich gegenseitig und die Leserschaft eher mit Durchhalteparolen unterstützend als mit positiven Ideen.

Stellt man sich die Redaktion als einen einzelnen Menschen vor und wendet auf ihn das emotionsbasierte psychologische Traumamodell an, dann würde ich ihn wie folgt beschreiben:

Ein der Realität wenig zugeneigter, sich durch Selbstlob und Wohlfühldenken, verbunden mit kultureller Feingeistigkeit und organisiertem Egoboosting selbstregulierender Mensch mit hohem Intellekt, aber wenig praktischem Lebenssinn und folglich einer beschränkten Konflikt- und Katastrophenresilienz. Eine Mission hat er nicht, es zählt das eigene Wohlsein, Dabeisein und Wahrgenommenwerden in den relevanten Wirkungskreisen. Die politisch links-grüne Haltung hat mehr mit Gutmenschentum zu tun als mit politischem Veränderungsdrang. Er nörgelt ein bisschen über die Regierung, aber wirklich heiße Eisen packt er lieber nicht an, und wenn doch, dann „schießt“ er am liebsten intellektuell aus gesicherter Deckung.

Dieser Mensch ist angesichts der vielen Krisen in den letzten zwei-drei Dekaden immer unruhiger geworden, seine präferierten Stressreaktions- bzw. Regulationsmechanismen sind Flucht und Verdrängung (Dissoziation). Er lebt vor allem im Hier und Jetzt, ohne langfristig-strategische Vision, versucht Vernunft und Emotion irgendwie auszubalancieren und kaschiert das bescheidene Ergebnis mit gesellschaftlich gut vertretbaren Oberflächlichkeiten, aber ohne kritische Selbstbetrachtung.

Ökokrise und Klimawandel, das zunehmend wirre Weltgeschehen, Israel/Palästina, der politische Rechtsruck, Migration, Kriegsangst, KI und wirtschaftlicher Druck als Dauerthemen kann er heute leider nicht mehr verdrängen, und das überfordert ihn zunehmend. In diesem eher labilen Zustand kommt jetzt noch Trump und vor allem die Angst, den Schutz der USA zu verlieren, den bisher zuverlässig schützenden Freund und eingebildeten Hort der westlichen zivilisatorischen Errungenschaften. Die Psyche rutscht zunehmend in eine leicht depressive Starre, aus der dieser Mensch sich nur mit kurzen emotionalen Ausbrüchen wie Ärger oder Beschimpfung (die extremen Rechten und Linken, die Woken …) sowie Beschwörungen („Es muss/sollte …“, vor allem an die Politik, aber auch die uneinsichtigen Mitbürger gerichtet) befreien kann. Auch Scheinrationalisierungen (er versucht Trump und die anderen Krisen objektiv zu verstehen, um sich sicherer zu fühlen) und Rechtfertigungen der eigenen Inaktivität (er unternimmt z. B. zeitlich begrenzte Selbstversuche mit moralischem oder ökologischem Schwerpunkt …) und das intellektuelle Palavern zur Übertünchung der eigenen Ratlosigkeit dienen letztlich in erster Linie der eigenen Regulation, aber nicht dem objektiven Informations- und Problemlösungsbedürfnis der Gesellschaft.

Im Grunde reagiert dieser Muster-Mensch wie ein Großteil der Gesellschaft, wenn auch etwas besonnener, und insofern bietet er letztlich keine geistige Führung oder zumindest Inspiration im Umgang mit den vielfältigen Problemlagen, sondern ist letztlich nur Bestandteil der Krise.

Aus Sicht der ZEIT selbst mag das genügen, vor allem, wenn die Auflage stimmt und die Gewinne die Arbeitsplätze sichern. Als Außenstehender bzw. Vertreter der Gesellschaft muss man sich jedoch ernste Sorgen nicht nur über die ZEIT, sondern die Zukunftsfähigkeit der aktuellen Gesellschaft (und ihrer Eliten) machen. Denn wenn selbst die ZEIT von der Realität überwältigt ist, wie sollten es die gewöhnlichen Menschen nicht sein?

Besteht Hoffnung auf Besserung? Selbsttherapie der Redaktion von Traumaprägungen wird man kaum erwarten dürfen, weil dazu alle eingespielten Selbstregulationsmechanismen in Frage gestellt werden müssten, und das würde den subjektiv erfahrenen Sicherheitslevel noch verringern bzw. die Ängste erhöhen. Da es hier um ein Redaktionskollektiv geht, ist außerdem davon auszugehen, dass sich die Einzelteile bestärken und der Veränderungswiderstand dadurch insgesamt nicht überwindbar ist. Von innen heraus wäre letztlich eine Veränderung nur bei einem substanziellen Personalaustausch möglich, der die Redaktion mit resilienten strategischen Denkern und Zukunftsprofis, Risikomanagern und dgl. bestückte.

Wenn aber selbst die ZEIT letztlich nicht mehr leistet, als die gesellschaftlichen Verhältnisse zu spiegeln, dann wird m. E. diese angeblich „vierte Gewalt“ ihrer gesellschaftlichen Funktion nicht gerecht. Das gilt erst recht dann, wenn (wie im Fall der ZEIT) auch noch eine distanziert-kritische Sicht auf die strategische Politik der Regierenden und Mächtigen fehlt, die sich ihrerseits im Tagesgeklüngel verlieren und gerade in Deutschland vor allem unter Kohl und Merkel durch stressvermeidende Nichtaktivität und Perspektivverweigerung ausgezeichnet haben.

Die aktuellen Krisen hätten früher erkannt werden können und müssen, bzw. man hätte sich ihnen früher stellen müssen, dann wäre man heute längst fitter und weniger ängstlich. Dass die freien Medien, und unter ihnen in prominenter Rolle die ZEIT, hier nicht mehr geleistet haben als Problembeschreibungen zu liefern, ist ein wesentliches Merkmal der aktuellen Krise(n).

Tröstend ist immerhin, dass es auch nach Krisen eine Zukunft gibt. Aber wenn wir darin eine (positive) Rolle spielen wollen, dann sollen wir Inspiration dazu nicht in der Lektüre der ZEIT suchen. Denn wer sich ängstlich-frustriert selber in die Ecke stellt und zweifelnd fragt, wie wir das alles aushalten, ohne dabei mehr zu tun, als die vielfältige psychische Überforderung der Menschen zu spiegeln statt rational z. B. zentrale Grundsätze zu diskutieren und mittelfristige Strategien zu entwerfen, disqualifiziert sich nachhaltig, zur geistigen Elite Deutschlands und Europas zu zählen.

Und wenn der Chefvordenker der ZEIT (B. Ulrich) das Befindlichkeitsgesäusel über die Frage „Wie halten wir das alles aus?“ abschließend dann auch noch mit der Gegenfrage beantwortet: „Wo bitte darf ich mich bewähren?“, dann bietet ihm die Lektüre dieses Beitrags die Chance, die eigene Zukunftstauglichkeit und -würdigkeit mal ernsthaft zu hinterfragen und optimieren.