Um sich dem Wahrheitsideal anzunähern, gibt es unterschiedliche Möglichkeiten:
Die erste und wichtigste kann mit ‚Wissenschaft‘ umschrieben werden: Ermittlung von Fakten, Beschreibung der Realität und rationale Erklärung und Deutung von Zusammenhängen, um aus Daten entscheidungsrelevante Informationen zu generieren, und das alles mit dem Instrument frei zugänglicher Veröffentlichungen. Leider ist nicht nur der klassische Wissenschaftsbetrieb für Nichteingeweihte kaum zugänglich, sondern auch das Wissenschaftsprodukt für Laien oft unverständlich und für Entscheider unbrauchbar.
Aufgabe des ‚prof‘-Anteils ist es daher, den Zugang zu und die Nutzung von Wissenschaft zu verbessern bzw. wiederherzustellen. Dazu zählt ganz entscheidend, die wissenschaftliche Methode in die eigene Denkfähigkeit einzubauen, um eigenständig Erkenntnisse generieren zu können.
Leider ist die Wissenschaft
Gegenstand zahlreicher fachspezifischer dominanter Paradigmen und Orthodoxien und dem Einfluss politischer und privater Geldgeber ausgesetzt, die in mehr oder weniger ausgeprägter Weise wissenschaftliche Wahrheit in ihrem Interesse zu steuern versuchen. Wer also unabhängig oder gar als Außenseiter ‚ungewöhnliche‘ Wahrheiten anbietet, wird oft nicht wahrgenommen oder gar diskreditiert.
Daher ist es manchmal unumgänglich, sich der Wahrheit durch Narretei zu nähern (manchmal auch durch Lüge und Hochstapelei, aber diese Varianten soll hier keine Rolle spielen, denn als Standard ist Ehrlichkeit Voraussetzung für Wahrheit). So wie es im Mittelalter allenfalls unter dem Schutz des Status eines Hofnarren möglich war, dem Herrscher offen die Wahrheit zu sagen, so toleriert man dies sanktionslos nur bei Komikern, Kabarettisten oder (wissenschaftlichen) Spinnern.
Aufgabe des ‚narr‘-Anteils ist es daher, notfalls diese Außenseiterrolle einzunehmen, das Verbotene zu sagen und auf das Undenkbare (zumindest nicht öffentlich Gedachte) hinzuweisen. Dabei wird er wohl damit leben müssen, ggf. der Verschwörungstheoretisiererei bezichtigt zu werden, der beliebtesten Diskriminierungswaffe derjenigen, die selbst meist kaum einer Theorie fähig sind. Das wird er mit Humor nehmen müssen, genauso wie möglicherweise das Eingeständnis, eine Tölpelei begangen zu haben.
Gerade die Verbindung dieser beiden Dimensionen ist die besondere Herausforderung für den profnarr. Aber im Gegensatz zum Wissenschaftler, dem die Anerkennung genügt, und dem Kabarettisten, der mit dem Applaus des Publikums zufrieden ist, liegt dem profnarr daran, tatsächlich etwas zu bewirken.
Nachtrag 29.12.19: „Intellektuelle haben als die Hofnarren der modernen Gesellschaft geradezu die Pflicht, alles Unbezweifelte anzuzweifeln, über alles Selbstverständliche zu erstaunen, alle Autorität kritisch zu relativieren, alle jene Fragen zu stellen, die sonst niemand zu stellen wagt.“ (Ralf Dahrendorf)