Lockdown und Lebensschutz

Die meisten Menschen haben Angst vor dem Sterben, mit Ausnahme jener, für die das „Jenseits“ ein wie auch immer geartetes Paradies darstellt. Und je besser es den Menschen im Diesseits geht, oder je weniger sie auf das Paradies vertrauen, desto größer scheint ihre Angst zu sein.

Die Gesellschaft als Kollektiv hingegen nahm bis zur Corona-Pandemie das Sterben eher gelassen hin. Sterben gehörte zum Leben dazu, und die Gesellschaft ist deswegen nie in Panik geraten. Natürlich hat sie Maßnahmen gefördert, die „unnötiges“ Sterben (z. B. durch Unfälle oder Krankheiten) verhindern sollen, aber doch mit überschaubarem Einsatz. Dabei geht es in erster Linie darum, Systemfehler mit tödlichem Ausgang zu verhindern. Am prägnantesten geschieht dies bis heute im Strafrecht, das z. B. darauf abzielt, im gesellschaftlichen Interesse das gegenseitige Töten zu sanktionieren und möglichst zu unterbinden, wohl wissend, dass Letzteres nur sehr bedingt erfolgreich ist. Ähnlich sind z. B. das Gesundheits- und Sozialrecht konzipiert: Im Interesse der Lebenserhaltung, aber nicht um jeden Preis und mit letzter Konsequenz.

Es ging also nie darum, den Einzelnen vor seinem Schicksal zu bewahren oder ihm einen Anspruch auf Langlebigkeit zuzugestehen. Vor allem hat man nie versucht, anonym und unauffällig geschehendes Sterben zu verhindern. Nimmt man als Beispiele die Todesfälle durch Automobilverkehr (Unfälle, Feinstaub), Alkohol, belastete Lebensmittel, Grippeviren oder Krankenhauskeime (und die Liste ließe sich verlängern), dann wurde/wird das hierdurch hervorgerufenen Ableben offenbar als vertretbarer Kollateralschaden der Mobilität, des Vergnügens, des Wirtschaftswachstums oder des Gesundheitssystems betrachtet. Ebenso wurde/wird hingenommen, dass Menschen einfach „Pech“ haben können, selbst wenn es sozial bedingt war/ist (z. B. leben die Reichen länger als die Armen, die Gebildeten länger als die Ungebildeten).

Bis dato ist also niemand auf die Idee gekommen, Lock-down-Maßnahmen von dem Ausmaß zu treffen, wie es zum Schutz vor dem „verfrühten“ Sterben aufgrund einer Corona-Virus-Infektion geschehen ist (auch nicht bei der Hongkong-Grippe-Epidemie 1968-1970 ).

Dies wirft die Frage auf: Wodurch wird dieser gravierende Unterschied in der aktuellen Pandemie begründet? Eine zumindest plausible Begründung würde die Lebenseinschränkungen erträglicher erscheinen lassen und auch einen Teil jener Menschen „zurückholen“, die ihr Bedürfnis nach einer vernünftigen Erklärung in Verschwörungstheorien zu finden glauben. Weiterlesen

Traumaprofiteure

Traumen haben vielfältige Auswirkungen auf die psychische und körperliche Gesundheit der Menschen, die von der oft verwendeten pauschalen Bezeichnung „Post-Traumatische Belastungsstörungen“ sehr unzureichend charakterisiert werden.

Befasst man sich mit dem Grundprozess der Traumatisierung aufgrund einzelner schockierend-überwältigender Ereignisse und/oder Bindungen/Beziehungen, erkennt man das Erklärungspotenzial für eine große Vielfalt von Erkrankungen jeglicher Art. Und man wundert sich, dass so wenige Psychologen auch nur in der Lage wären, eine Traumatisierung zu erkennen, geschweige denn einen Heilungsprozess zu initiieren und begleiten. Von den Ärzten kann man ein entsprechendes Verständnis erst recht nicht erwarten, da sie ja nur für den Körper zuständig sind (und offenbar keinerlei Interesse an umfassender Heilung, sondern nur an Behandlung haben).

Einig ist man sich darin, dass die von Traumen Gepeinigten Geschädigte sind, die leiden und kompetente Hilfe benötigen. Und zurecht spricht man von ihnen als „Opfer“, die keinerlei Verantwortung für das tragen, was ihnen geschehen ist und sie belastet.

Übersehen wird dabei jedoch, dass das, was man als schlimme Traumatisierung thematisiert, auch im Kleinen existiert und die Menschen in ihrer „Persönlichkeit“ (i. w. S.) prägt. Letztlich wird es wenig Menschen geben, die gar kein Trauma erlitten haben. Die meisten haben Traumen erlebt und sie sind von ihnen geprägt, aber sie nehmen das hin als einen Teil ihres Charakters, ihres Schicksals oder ihrer Herkunft und beschäftigen sich nicht weiter damit, weil es ihr Leben nicht in dem Maße beeinträchtigt, dass sie es als behandlungsbedürftig betrachten würden.

Eigentlich könnte jeder davon profitieren, seine Traumen „abzuarbeiten“, denn erst dadurch findet er zu seinem wahren „Ich“. Traumarbeit ist Entwicklungsarbeit hin zu einer erfüllten und unverfälschten Persönlichkeit, die nicht gelenkt wird durch Erfahrungen, derer man sich oft nicht einmal bewusst ist.

Diese Sichtweise entspricht letztlich aber der Haltung, dass ein Trauma immer etwas Negatives ist und der Mensch entsprechend geheilt werden muss. Man kann dies allerdings auch anders sehen: In ihrer Strategie zur Bewältigung von (insbesondere frühkindlichen) Traumen entwickeln viele Menschen besondere Gaben, erhöhte Sensibilität und Einfühlungsvermögen, intellektuelles und spirituelles Interesse, Leidenschaften und Engagement usw. Kurzum: Sie entwickeln besondere Persönlichkeiten, die sie aus der Masse heraustreten und ein besonderes Leben leben lassen, zu dem sie sonst keinen Zugang gehabt hätten. Sie sind die Überflieger, Leistungsträger, Kreative, Wissenschaftler und Leader, welche die Gesellschaft prägen. Ohne Trauma wäre ihnen dies (vermutlich: Testen kann man das nicht) vorenthalten geblieben.

Wirklich verstanden hat man diese Zusammenhänge bis heute nicht. Und vermutlich ist es richtig, sich in erster Linie um jene zu kümmern, die unter der Traumatisierung leiden oder durch sie zu gefährlichen Individuen werden.

Dennoch könnte das Eingeständnis, dass es auch Traumaprofiteure gibt, z. B. im Rahmen eines Heilungsprozesses positive Impulse geben, wenn man versucht, nicht alles rückgängig zu machen, sondern den durch die Traumatisierung entstandenen Input umzuleiten und zu einem positiven Ergebnis beitragen zu lassen.

Auferstehen wovon und wozu?

Am Ostersonntag erinnert die christliche Geschichte von Jesu Auferstehung vom Tode daran, dass auch die Gesellschaft nach der Covid-19-Pandemie auferstehen muss. Nicht aus Ruinen, sondern aus einem nicht mehr funktionsfähigen Wirtschafts- (und Gesellschafts-)Modell, das an Effizienz-, Profit- und Reichtumsmaximierung orientiert war und bei diesem Streben alle immateriellen Werte als verzichtbar hat erscheinen lassen.

Nun lernen wir, wie durch einen Virus der gesamte Wohlstand innerhalb kürzester Zeit zu Schutt und Asche zu werden droht. Der äußere Schein bleibt unzerstört, aber die Substanz bricht weg. Dabei kann man es als symbolhaft werten, dass ausgerechnet ein Virus uns in die Knie zwingt: Denn auch die Krankheit der Gesellschaft sitzt im Inneren, und sie wird sich nicht so leicht therapieren lassen wie ein mittelgefährlicher Virus. Weiterlesen

Individualmedizin

Der größte gedankliche Fehler der Medizin besteht darin zu glauben, alle Menschen seien gleich bzw. funktionierten in gleicher Weise, so dass es letztlich nur darum gehe, die richtigen Therapien oder Medikamente – einheitlich für alle – zu finden.

In einigen Jahrzehnten wird man vermutlich erkannt haben, dass die Menschen sich in vielerlei – und vor allem auch medizinisch relevanter – Hinsicht unterscheiden. Zu den prägendsten Unterscheidungsmerkmalen zählt die Psyche, die gleichzeitig so individuell und so eng mit dem Körper verbunden ist, dass – abgesehen von unfallbedingten Ursachen – wohl kaum eine Erkrankung identisch mit einer gleich bezeichneten bei einem anderen Menschen ist. In der Behandlung spielt darüber hinaus auch das Verhältnis Arzt – Patient eine wichtige Rolle, die manchmal größer ist als die Art der angewandten Therapie.

Erst wenn die Medizin diese Individualisierung erfolgreich bewältigt, wird sie den nächsten Quantensprung in der medizinischen Entwicklung schaffen. Bis dahin bleibt den Patienten nur die Möglichkeit, diese Individualisierung durch Selbsterkenntnis zu unterstützen und einen Arzt zu finden, der hierfür ein offenes Ohr und das richtige Gespür besitzt.