Risiken und Nebenwirkungen der Nächstenliebe

Zugegeben: Überzeugte/r Christ/in zu sein, fördert (vermutlich) die Gesundheit, zumindest auf psychischer Ebene. Aber – um die Analogie mit Medikamenten weiterzuführen – diese „therapeutische“ Wirkung ist nicht ganz risikolos.

Die christliche Tugend der Nächstenliebe funktioniert nämlich dann besonders gut, wenn alle Mitmenschen demselben Prinzip folgen. Wenn die „Anderen“ aber mit Ablehnung und/oder Undank reagieren, kann Nächstenliebe ganz schön frustrierend sein. Und zum echten Problem kann sie dann werden, wenn sie auf aggressiven Egoismus trifft, weil das sprichwörtliche Hinhalten der anderen Wange für den Betroffenen übel ausgehen kann und im Normalfall auch wird. Dass Jesus selbst seine Haltung mit dem Leben bezahlt hat, beweist diese Feststellung, hat aber seine Gefolgschaft (und die Institution Kirche) trotzdem nicht zur Aufgabe dieses Prinzips motiviert, sondern allenfalls dazu, Märtyrer besonders zu verehren.

So schlimm kommt es aber meistens nicht. Denn der gesunde Menschenverstand führt die meisten Christen (zu ihrem Glück) dazu, ihre Nächstenliebe zu dosieren (notfalls in homöopathischer Konzentration) und adressatengerecht einzusetzen, so dass unerwünschte Nebenwirkungen zwar vorkommen, aber verkraftbar sind.

Wenn man den Faden weiterspinnt und die Nächstenliebe weitergehend als ein kulturprägendes Phänomen betrachtet, dann kann man feststellen, dass Hilfsbereitschaft, Toleranz, Gutmenschentum, usw. durchaus auch zu kollektiven Werten werden können und als positiv gemeinte Grundrechte und Sozialstaatsmaßnahmen ganze Gesellschaften prägen.

Das sollte man durchaus als kulturellen und gesellschaftlichen Fortschritt bewerten. Dieser wird für ein Kollektiv aber dann zur selbst gestellten „Falle“, wenn daraus eine Infragestellung der eigenen Identität (analog Helfersyndrom) und/oder Wehrlosigkeit (Aufgabe der eigenen Interessenvertretung) entstehen. Dann fühlt sich die Gruppe der Wohlmeinenden nicht nur ausgenutzt, sondern möglicherweise auch schutzlos.

Wenn ein Staat also mit einer offiziell verkündeten Willkommenskultur wirbt und dann der Ströme von Immigranten und/oder Flüchtlingen nicht mehr Herr wird, wenn die staatlichen Mechanismen zur Sicherung der Selbstwirksamkeit nicht mehr verlässlich funktionieren (insbesondere die Armee, aber auch Gesetzgeber, Verwaltung und Gerichte), wenn durch die Offenheit für andere bzw. Anderssein die eigene Identität in Frage gestellt wird, dann ist das auch eine Langzeitnebenwirkung einer dominant christlichen Kultur (die es lt. manchen politischen Sichtweisen aber paradoxerweise gerade gegen die Migration zu schützen gilt). Dabei ist es im Übrigen erst einmal irrelevant, ob die damit verbundenen Nebenwirkungen eingebildet sind oder real. Denn auch Nocebo-Effekte führen zu echten Problemen, wenn die Menschen diese als solche empfinden.

Das bedeutet allerdings keineswegs, dass Nächstenliebe überholt wäre. Viele Studien weisen darauf hin, dass einzig kooperatives Verhalten (und nichts anderes ist Nächstenliebe) das Überleben der Gesellschaft bzw. der Menschheit sichern kann. Aber bis sich diese Erkenntnis in der Breite durchsetzt und praktiziert wird, sollten sich gerade Gesellschaften, in denen sie stark verankert ist, nicht selbst und die Durchsetzung des Prinzips gefährden, indem sie es zum echten Problem werden lassen. Insofern ist defensive Selbstbehauptung, Verteidigung der eigenen Interessen usw. erst einmal nicht nur vertretbar, sondern geboten.

Auch wenn man mit Bibelzitaten aufgrund der sprachlichen Verfälschungen durch Bedeutungsänderungen und Übersetzungen vorsichtig sein sollte, ist im Übrigen das folgende zumindest bedenkenswert: Jesus soll gesagt haben, man solle den Nächsten lieben wie sich selbst. Das kann man auch umdrehen: Man solle sich selbst nicht weniger lieben als den Nächsten. Und ob bzw. inwieweit er mit „Nächsten“ auch Menschen aus der Fremde gemeint hat, würde ich ihn gerne mal fragen.

Grünspalter?

Wenn man als Journalist sonst keine Anliegen hat (oder zu dumm ist, die echten zu erkennen), dann hilft es, Banales aufzubauschen und als problematisch hinzustellen. Das tun jedenfalls jene gerne, denen es im Übrigen an Durchblick fehlt.

Neuestes Beispiel: Die Tatsache, dass die Grünen vor allem von gebildeten und eher gut situierten (Groß)Städtern gewählt werden, stellt angeblich ein Problem dar, weil dies die Spaltung der Gesellschaft fördere, so die neuerdings kolportierte dramatische Einsicht.

Über kleine Dummheiten kann ich ja hinwegsehen, aber solche Schlussfolgerungen sind auch gefährlich, und daher muss ihnen entschieden widersprochen werden:

  1. Es gibt keine Partei, die gleichermaßen in allen Bevölkerungsschichten vertreten wäre, nicht einmal die sogenannten Volksparteien. Erst die Parteienvielfalt und das Wahlrecht sorgen dafür, dass die gesellschaftliche Vielfalt repräsentativ dargestellt wird, und zwar im Parlament, nicht in jeder Partei.
  2. Es ist schwer nachvollziehbar, warum eine einigermaßen gut eingrenzbare Wählerschaft bei den Grünen ein Problem darstellen soll, während dies bei der FDP z. B. als selbstverständlich betrachtet wird. Alle Parteien (auch die großen) haben ihre Klientel bzw. ihre typische Wählerschaft und es zählt ja gerade zu ihrem Parteiprogramm, gerade die Sorgen und Interessen dieser Menschen in den Mittelpunkt ihrer Politik zu stellen. Nirgendwo wurden bisher daraus Spaltungstendenzen abgeleitet.
  3. Eine echte Spaltung der Gesellschaft wird nicht durch die Option für eine bestimmte Partei hervorgerufen, sondern sie existiert unabhängig davon und wird durch die Wahlen nur transparent gemacht. Wahlverhalten und -ergebnisse werden erst dann problematisch, wenn die Gewählten dadurch die Chance erhalten, einseitig ausschließlich ihre Klientel zu bedienen und durch diese Politik die Spaltung der Gesellschaft zu fördern. Das ist angesichts der Koalitionskonstellationen in Deutschland aber nicht der Fall, schon gar nicht für eine (bisher) kleine Partei wie die Grünen.
  4. Gerade die Grünen haben (z. B. im Gegensatz zu FDP, Linke und AfD) kein Programm, dass bestimmte Menschengruppen bevorzugen soll, sondern Umwelt schützen und Ökologie fördern, und dies kommt gleichermaßen allen zugute. Dass viele Menschen trotzdem nicht die Grünen wählen, erklärt sich leicht dadurch, dass in ihrem Leben (bislang) andere Prioritäten (z. B. ihren Lebensunterhalt sichern, oder einer bestimmten Ideologie folgen) existieren oder sie nicht die Einsichtsfähigkeit besitzen, die andere wohl haben. Das hat nichts mit Spaltung zu tun, sondern mit Vielfalt und Entscheidungsfreiheit.

Wenn man sich fragt, ob die Gesellschaft eher durch die Grünen oder durch unqualifizierte Journalisten gespalten wird, dann dürfte die Antwort leichtfallen. Warum schreiben die Journalisten nicht mal darüber?

Experten-Entfremdung

In der Corona-Pandemie spielen Wissenschaftler eine wichtige Rolle. Den einen ist das zu viel Wissenschaftlichkeit, den anderen zu wenig. Zu Letzteren zählen die meisten Wissenschaftler selbst. So hat sich eine Gruppe von sieben Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen zu Wort gemeldet (ZEIT 18.2.2021, S. 33), die mit der bisherigen Strategie der „Politik“ und den darauf beruhenden Maßnahmen unzufrieden ist.

So weit, so gut. Nach der Lektüre ihres Textes fragt man sich aber, wo angesichts von Klugdünkel  und Realitätsferne der Mehrwert liegt. Und vor allem, welchen Kollateralschaden die Sieben damit anrichten und wie man der Wissenschaft mehr Gehör verschaffen könnte. Weiterlesen

Die Welt im Theatermodus

Die Welt ist voller Probleme und Herausforderungen, und um hiermit adäquat umgehen zu können muss die Realität richtig erfasst werden.

Als Quelle der Erkenntnis dienen dabei in erster Linie die Wissenschaften. Leider leben sie in einer komplizierten und einigermaßen abgeschotteten Welt. Und damit sie nach außen dringen und dort etwas bewirken, müssen ihre Ergebnisse vereinfacht und verständlich gemacht werden. Diese Translation bzw. Filterung besorgen weitgehend die Medien. Da die Wissenschaften auch noch langsam sind, nimmt ihre Rolle in einer beschleunigten Welt mit einem hohen Bedarf an einfachen Entscheidungshilfen stark ab.

Ersetzt werden sie durch Journalismus, der sich jedoch seinerseits kaum mit Fakten beschäftigt (außer natürlich die wenigen Qualitätsjournalisten), sondern damit, was andere über Fakten, Probleme und Lösungen sagen. Diese „Anderen“ sind manchmal mehr oder weniger Kundige, manchmal mehr oder weniger Zuständige, manchmal auch nur mehr oder weniger Prominente, manchmal sogar Normalbürger. Und wenn es einigermaßen wichtig ist (oder als solches deklariert wird, von wem auch immer), dann wird die Massenmeinung (bzw. „öffentliche Meinung“) abgefragt.

Die Omnipräsenz der Medien, deren Wirkung durch das Internet noch vielfach potenziert wird, hat dazu geführt, dass unsere Kenntnis der Welt – bzw. das, was wir über sie zu kennen glauben – medial vermittelt ist. Zwar gibt es noch unsere persönliche Lebenserfahrung, aber diese ist nicht nur begrenzt, sondern wird auch durch das multimediale Trommelfeuer permanent in Frage gestellt und bei einer steigenden Anzahl Menschen zudem von Fremdmeinungen überlagert. Selbst bei solchen, die nicht in der virtuellen Welt leben, wird jedenfalls der Realitätswahrnehmungssinn durch die mediale Vorprägung massiv beeinflusst.

Daraus hat sich eine Kultur entwickelt, bei der alle derart Befragten und Inszenierten – aber nicht minder die Befragenden und Inszenierenden – sich wie auf einer Theaterbühne verhalten, deren Zuschauer die Medienkonsumenten sind. Sie verhalten sich nämlich nicht authentisch, sondern so, wie es ihre Rolle verlangt bzw. so wie sie glauben, dass sie es verlangt, oder noch so, wie sie ihre Rolle persönlich gestalten wollen.

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Gesetzlich garantierte Endlagerlösung

Mehr als einmal hat man bei Gesetzgebungsverfahren den Eindruck, dass die öffentlichen Diskussionen nur pro forma geführt werden, während die echten Entscheidungen längst anderswo getroffen wurden.

Ein besonders gelungenes Schauspiel (oder im modern speak: Fake) spielt sich gerade in Sachen Gesetz über die Regelung der Suche nach einem Atommüllendlager in Deutschland ab (offiziell Gesetz zur Suche und Auswahl eines Standortes für ein Endlager für hochradioaktive Abfälle, BT-Drs. 18/11398).

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Brandwächter-Journalismus

Die meisten Journalisten scheinen heute nach dem Brandwächter-Modell zu arbeiten: Sie verbringen ihre Zeit damit, Brände zu entdecken – oder oft auch nur potenzielle Brandherde zu vermuten – , dann möglichst laut „Feuer“ zu schreien und anschließend zu kommentieren, wie sie die Arbeit der Feuerwehr finden. Auf die Idee, selber zu löschen, kommen sie nicht, ebenso wenig, einen Beitrag zur Brandprävention zu leisten. Und weil es zu aufwändig und wenig vielversprechend ist, durch die Welt zu reisen, um selber Brände zu entdecken (außer ggf. dahinzufahren, wo gerade besonders viel gezündelt wird), beschränken sie sich darauf, vom Schreibtisch aus zu beobachten, wo andere gerade Feuer entdeckt haben, um deren Alarmrufe zu verbreiten und verstärken.

Besonders viel Mehrwert wird so nicht generiert. In Zeiten des Internet erfolgt die Verbreitung ohnehin millionenfach durch die Leser. Und wenn es darum geht, das allseits Bekannte noch einmal anders aufzubereiten, können das Bots heutzutage ohne Qualitätsverlust wesentlich kostengünstiger. Insofern ist der größte Teil dieses Journalismus entbehrlich.

Darüber hinaus hat dieser professionell betriebene und über die Medien ständig verbreitete Alarmismus die negativen Nebeneffekte, die Menschen zum einen ängstlich zu machen, zum anderen abzustumpfen.

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Die Sättigungsparadoxie

Neulich beklagte sich EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, ihm sei unverständlich, warum ausgerechnet heute, nach der längsten Friedensperiode in Europa und dem Erreichen der größten individuellen Freiheitsrechte, viele Menschen in allen europäischen Staaten Nationalismen u entwickeln, fremdenfeindlich werden, autoritäre politische Führung befürworten und andere rückwärts gewandte Haltungen einnehmen.

Wenn man mal die hausgemachten EU-Probleme beiseite lässt, erscheint es in der Tat schwer nachvollziehbar, warum Menschen ausgerechnet die Äste absägen wollen, auf denen sie sitzen und die sie nur mit sehr viel Mühe über einen langen Zeitraum erklommen haben.

Lässt man Verschwörungstheorien beiseite, gibt es folgende mögliche (miteinander kombinierbare) Erklärungen: Weiterlesen