Zweierlei Maß

Wenn Bauern Straßen blockieren, um trotz all ihrer staatlich alimentierten Privilegien bloß auf nichts verzichten zu müssen, wenn Lokomotivführer die Bahn lahmlegen und die Mobilität von Millionen Nutzern einschränken, um ihr Gehalt weiter zu optimieren, dann nennt man das grundrechtlich geschützte legitime Interessenvertretung.

Wenn Klimaaktivisten kurzzeitig durch Festkleben Straßen blockieren, um auf die Bedrohung des zum Gemeinwohl zählenden Klimas hinzuweisen, ohne im Übrigen selbst einen Nutzen davon zu haben (im Gegenteil!), dann nennt man sie Kriminelle oder gar Terroristen.

Fremdschämen ist ein drastischer Euphemismus, um zu beschreiben, was man angesichts dieser „öffentlichen Meinung“ empfindet.

Das ist nicht einmal zweierlei Maß, sondern gar kein Maß mehr.

Vielleicht sollten die Klimakleber daraus lernen und versuchen, aus ihren Aktionen Profite zu ihrem persönlichen Vorteil herauszuholen. Das müsste dann nach aller Logik vom politischen Mainstream wohlwollend begleitet werden.

Selbstabsolution

Es ist mal wieder Winter, und was erzählen uns die wintersportverliebten Nachbarn und Freunde, wenn es sich dann doch grade nicht verheimlichen lässt, dass die Schier gepackt werden?

Mit leicht sorgenbewusstem Blick sagen sie „Ich weiß, das ist ökologisch nicht unbedenklich, aber …“ und dann kommen wahlweise:

  • „… wir machen das im Freundeskreis schon seit Jahrzehnten“,
  • „… es ist die letzte Chance, mit den Kindern was gemeinsam zu machen“,
  • „… die Preise waren grade unverschämt günstig“,
  • „… es war ausnahmsweise mal etwas frei, wenn wir Urlaub nehmen konnten“,
  • „… wir spenden dafür auch etwas an die Umwelthilfe“,
  • „… so schlimm wird es ja wohl nicht sein, sonst wäre es doch verboten, oder?“.

Für die Selbstrechtfertigung gibt es für sie alle offenbar keinen objektiven Standard, es reicht der Hinweis darauf, man wisse ja, was man da tue, aber eben …

Dass die Naturzerstörungsfolgen und die Klimabelastung dieses Hobbies ausreichend objektiv wissenschaftlich belegt sind, wird lieber ignoriert, denn erst dann käme es ja zur ethisch entscheidenden Frage, ob dieses Kurzzeitvergnügen den Langfristschaden rechtfertigt, und nach welchem Maßstab.

Die Gesellschaft muss sich fragen, warum sie diese Art Hobbies (und da gibt es ja einige andere …) zulässt, wenn sie tatsächlich Schaden verursachen und ansonsten nur Vergnügen und Gewinnstreben dahinterstecken, während Klimaaktivisten wie Kriminelle behandelt werden und privat für die durch sie verursachten Schäden aufkommen sollen (was für sie angesichts der Folgeschäden den lebenslangen Ruin bedeutet).

Sinn ergibt sich bekanntlich durch das miteinander Inbezugsetzen der richtigen Dinge. Irrsinn aber auch.

Dass einzelne Menschen sich selbst durch Billigrausreden ihr Tun schönreden, ist wohl unvermeidlich. Wenn aber eine Gesellschaft – oder sogar die globale Gesellschaft – den Irrsinn ihrer eigenen Funktionsweise nicht erkennt und verbietet, solange ist es ja wohl in Ordnung, dass wir uns selbst vergeben, nicht wahr, liebe Freunde und Nachbarn?

Klimapassivisten

Der Klimawandel mit seinen vielfältigen Formen ist das wohl drängendste Thema unserer Zeit, und weil Politik und Öffentlichkeit dies zwar bewusst ist, aber nicht zu übermäßigem Aktivismus motiviert, versuchen Aktivist*innen, durch alle möglichen weitgehend harmlosen, aber medienwirksamen Aktionen darauf aufmerksam zu machen.

Was aber passiert? Nicht über die Klimaherausforderungen wird intensivst debattiert, sondern über die Klimaaktivist*innen.

??????? (Mein Hirn hat grade einen Moment ausgesetzt.)

Die Medien sind voll von Empörungsbekundungen gegen die unverschämte Jugend und deren störende Aktionen: Friedliche Demos mögen ja grade noch gehen (aber bitte angemeldet, damit der Verkehr nicht zu sehr gestört wird), aber Verkehrschaos durch Selbstfestkleben mitten auf der Straße oder Flugverspätungen, das ist ungeheuerlich! Und Tomatenmark oder Kartoffelpüree auf Kunstwerke – ja geht es noch? Da werden doch sofort Rufe nach drastischen Strafen laut, das Chaos wird beschworen und sogar Vergleiche mit dem linken Terror vor 50 Jahren angestellt.

?!?!?!?! (Ich versuche zu verstehen.)

Ist unsere geradezu traumatische Angst (beruhend auf einem intensiven Gefühl von Hilflosigkeit) vor der zu erwartenden Klimakatastrophe so groß, dass wir nicht nur verdrängen (dissoziieren), sondern uns aggressiv jenen gegenüber verhalten, die unnötigerweise dieses Trauma durch ihre Aktionen triggern? Eine andere sinnvolle Erklärung fällt mir jedenfalls zu diesem irrationalen Verhalten nicht ein.

Statt stolz auf das friedliche Engagement zugunsten unser aller Allgemeinwohl zu sein und die Aggressionen für jene aufzuheben, die sich aktiv an der Klimakatastrophe beteiligen, grummeln wir nur noch, man möge uns endlich damit in Ruhe lassen. Das wiederum könnte daran liegen, dass wir fast alle mehr oder weniger große Klimakiller sind und daran doch lieber nicht daran erinnert werden. Soll doch die Regierung was machen und uns in Ruhe lassen, oder?

!!!!!!!!! (Ich glaube zu erkennen.)

Ich habe schon früher die Befürchtung geäußert, dass uns nur eine Katastrophe retten kann. Was unsere Klimapassivisten grade abziehen, bestätigt das leider. Menschen sind zwar grundsätzlich begabt zum rational gesteuerten Handeln, aber leider spielen unsere tieferen Gehirnschichten da nicht mit, so dass sich eine Stimmung breitmacht, die lieber den kollektiven Untergang in Kauf nimmt als die individuelle Umkehr in Angriff zu nehmen.

Sozialpsychologen haben für solche Haltungen sicher ein theoretisches Erklärungsmodell. Aber wie man diese in kurzer Zeit in der Praxis therapiert, wissen sie offenbar auch nicht.

000000 (Ich weiß es leider auch nicht.)

Laubbläser im August

Neulich hörte ich im saisonal üblichen Gerätelärmhintergrundrauschen der Nachbarschaft ein penetrantes Geräusch, das ich nicht erwartet hätte: Laubbläser waren nicht nur bei Nachbarn, sondern auch in der Straße im Einsatz, wo die Gründienste der Stadt fleißig Bürgersteige freipusteten. Wohlgemerkt: Mitte August, nicht Ende November.

Während man üblicherweise sommertags nur durch Hochdruckreiniger, Heckenscherer und Rasenmäher belästigt wird – falls nicht gerade Bohrmaschinen, Schleifechsen, Presslufthämmer und sonstige Baugeräte von Renovierungsaktivitäten der Nachbarn zeugen – stellt der Laubbläsersound (gerne mit Benzinantrieb genutzt) in dieser Kakophonie nicht nur eine nervige Ergänzung dar, sondern regt auch zum Nachdenken an:

  • Sind Klimawandel und dadurch bedingte Bodentrockenheit bereits so weit fortgeschritten, dass Laub schon mitten im Sommer zum Problem wird?
    Die Trockenheit nimmt zwar in der Tat zu, aber die Menge gefallener trockener Blätter ist so überschaubar, dass sie eigentlich keiner Räumung bedürfen.
  • Ist unsere Sauberkeitsmanie so weit gediehen, dass unser Sommeridyllverständnis kein Laub verträgt?
    Das ist schwer zu beantworten, da müsste man die Laubbläseraktivisten wohl direkt befragen.
  • Oder wollen wir dem Klimawandel trotzen, indem wir zumindest die Problemsymptome schnell beseitigen?
    Auch das muss eine Vermutung bleiben, die einer kollektivpsychologischen Überprüfung bedarf.
  • Schließlich wäre es auch möglich, dass wir in unserer Technisierungseuphorie inzwischen das Stadium erreicht haben, dass auch das händische Fegen im Außenbereich (im Haushalt schon durch den (allerdings leiseren) Staubsaugerroboter ersetzt) eine unzumutbare körperliche Belastung darstellt?
    Schon möglich, jedenfalls ist es wesentlich „chicer“, programmgemäßes (und möglichst technisch gestütztes) Bodyshaping zu betreiben, um einen körperlichen Ausgleich zur überwiegend kopflastigen Tätigkeit zu schaffen, zumal nun auch das Gehen durch überall verfügbare Elektroroller zunehmend zur ungewohnten Übung wird.

Aber vielleicht bin ich letztlich auch nur ein Nostalgiker, der sich nach ganz normalen ruhigen Sommertagen sehnt und mit einer natürlichen Lebensweise Teil der Natur sein möchte.

Klimadrama: Vor- und Nachgeschmack

Starkregen und Überflutungen haben einmal mehr Signale gesendet, dass die Rettung des Klimas auch – und vielleicht in erster Linie – Rettung von Menschenleben ist, darüber hinaus aber auch unseres Gemeinwesens. Aber die Zeichen zu sehen ist eine Sache, ihnen Taten folgen zu lassen offenbar eine ganz andere.

Nicht nur in Deutschland (Hitzerekorde, Überschwemmungen, Insekten- und Waldsterben, Verbreitung von pflanzlichen und tierischen Schädlingen und Krankheiten), sondern weltweit sind Veränderungen im Gange, die zwar primär „nur“ die Natur aus dem Gleichgewicht bringen, aber es ist mehr als erkennbar, dass dies die Menschheit als Teil der Natur einschließen wird und diese zwar vermutlich nicht auslöschen, aber gesellschaftliche Turbulenzen hervorrufen wird, die man sich nicht vorstellen mag.

Das alles ist von Wissenschaftlern längst dokumentiert und veröffentlicht. Aber wenn es um Information und Sensibilisierung der Massen geht, wird alles verallgemeinert und verharmlost, sowohl von den Medien als auch von den Politikern. Da las man kürzlich, dass selbst im Bereich Katastrophenschutz klar war, dass mehr getan werden müsste, dass man es aber nicht getan habe, weil die politische Meinung überwog, das könne man den Menschen nicht zumuten.

Da bleibt man dann doch sprachlos zurück, was die Verantwortungsbereitschaft der Mandatsträger unseres Gemeinwesens betrifft. Gemeint haben sie wohl eher, dass sie sich selbst nicht der Gefahr aussetzen wollten, sich unbeliebt zu machen und nicht wiedergewählt zu werden. Wohl zumutbar erscheint es ihnen offenbar, die Menschen unvorbereitet ins Verderben laufen zu lassen …

Der Nachgeschmack aus dem, was die Bundes- und Landesoberen alles nicht getan haben und die lokalen W/Bürdenträger überfordert, sowie der Vorgeschmack der bisherigen Probleme auf das, was auf uns zurollt, kann nur eines bedeuten: Wenn wir mehr als nur Statisten im zu erwartenden Klimadrama sein wollen, dann muss die Zivilgesellschaft sich organisieren und wehren. Und zwar nicht mehr nur mit Appellen an das Gutmenschentum in uns, das wir mit ein paar Spenden verwirklichen, sondern mit konkreten Maßnahmen und persönlichem Engagement.

Dass die Uhr tickt, ist kein Hirngespinst von ein paar Verwirrten, und die gedankliche und gefühlsmäßige „Übelkeit“, die Vor- und Nachgeschmack verursachen, darf nicht zu lähmender Angst und Verdrängung führen. Die Sintflut ist vor uns, und wer sich nach dem Motto „nach mir die Sintflut“ verhält, sollte sich nicht wundern, dass er in ihr ertrinkt.

Da Klima und Natur aber nicht zwischen Willigen und Unwilligen unterscheiden (können), bedeutet das auch: Es wird zunehmend interne und internationale Konflikte zwischen diesen Gruppen geben (müssen), denn es kaum vorstellbar, dass die Handlungswilligen sich von den nicht Einsichts- und Verzichtsbereiten in den Untergang treiben lassen werden. Und erst recht wird dies der Fall sein, wenn Massenmigration von Flüchtlingen aus nicht mehr bewohnbaren Erdteilen einsetzt.

Wer jetzt auf Zeit spielt, rettet sich vielleicht in ein paar verbleibende Luxusjahre und muss den Ärger nicht mehr ausbaden. Diese Zeit wird den kommenden Generationen (inkl. den bereits Geborenen unter 30) aber teuer zu stehen kommen.

Die nächste Bundestagswahl ist die letzte Gelegenheit, einen radikalen Änderungsprozess aufgrund unserer Einsichtsfähigkeit in Gang zu setzen. Noch eine Wahlperiode zu verschenken können sich Deutschland und die Welt nicht leisten. Wer sich den herben Vorgeschmack nicht zu Herzen nimmt, den wird der bittere Nachgeschmack der Versäumnisse irgendwann radikal einholen.

Freiheitsrationierung

Alle Welt lobt das epochale Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur deutschen Klimapolitik. Erstmals sei geurteilt worden, dass Beschränkungen der Freiheit sich nicht nur zugunsten der derzeit Lebenden ergeben können, sondern auch zugunsten zukünftiger Generationen.

Man reibt sich die Augen: Dass so eine Selbstverständlichkeit erst dann in das (politische) Bewusstsein dringt, wenn es schwarz auf weiß nachzulesen ist, ist vor allem ein Indiz dafür, wie kurzfristig (zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung) Politik (bzw. politische Diskussionen) ausgelegt ist und für wie selbstverständlich dabei die Annahme gilt, dass der jeweils relevante Zeithorizont immer nur bis zur nächsten Wahl reicht.

In Wirklichkeit hat natürlich die Politik immer auch schon Entscheidungen mit langfristiger Wirkung getroffen: Abschaffung der Wehrpflicht, Schuldenbremse, Atomausstieg usw. Aber damit war in aller Regel keine oder nur eine kaum spürbare Einschränkung der aktuellen Freiheit verbunden. Jetzt aber heißt es: „Zumutungen“ können und sollten auch die jetzt Lebenden spürbar treffen. Das war bisher vor allem eine Forderung der Grünen, die diese allerdings angesichts ihrer negativen Auswirkungen auf Wahlergebnisse in den letzten Jahren eher zurückhaltend formuliert haben.

Was hier juristisch-politisch als Freiheitseinschränkung bezeichnet wird, kann man umgangssprachlich auch als Verpflichtung zum Verzicht bezeichnen. Und wenn (wie zu erwarten ist) die individuelle Einsicht in die Notwendigkeit des Verzichts wohl nicht pandemieartig um sich greifen wird, dann bleibt nur die Zwangsregulierung. Diese ist zwar auch nicht ohne Probleme, wird aber irgendwann mangels Freiwilligkeit wirklich alternativlos. Den ersten kleinen Schritt in diese Richtung hat das Bundesverfassungsgericht jetzt vorgegeben.

Alles sofort?

Manchmal hilft es, Texte aufzuheben und ein paar Monate später noch einmal zu begutachten. Dann kommt es sogar vor, dass Dinge, die man verbal widerlegen wollte, schon von den Fakten „erledigt“ werden, im vorliegenden Fall von der Corona-Pandemie und dem Umgang damit.
So z. B. der Beitrag von Armin Nassehi: Alles sofort? Das geht nicht (ZEIT 24.10.2019, S. 54).
Dort schreibt er zur Klimapolitik insbesondere Folgendes (Anmerkungen nachstehend): Weiterlesen

Auf Gedeih und Verderb!

„Um Leben und Tod!“ Darum geht es nach offizieller Aussage bei den drakonischsten Eingriffen in das soziale Leben, die unsere Gesellschaft in Friedenszeiten je erlebt hat.

Beim Kampf gegen den Corona-Virus geht es natürlich auch darum, Menschenleben zu retten. Aber in Wirklichkeit soll damit das politische und wirtschaftliche System gerettet werden, dem wir uns auf Gedeih und Verderb ausgeliefert haben. Weiterlesen

Klimatitanic

„Stellen wir uns vor, Deutschland ist die Titanic. Die Titanic ist bereits mit dem Eisberg kollidiert. Es klafft ein riesiges Loch im Rumpf, und das Schiff mit ca. 1600 Passagieren beginnt zu sinken. An Deck demonstrieren die jüngeren Passagiere wütend dafür, sofort die Schiffsmotoren zu stoppen und das Leck zumindest teilweise abzudichten, damit der Ozeanriese nicht oder wenigstens langsamer sinkt. Und jetzt tritt beherzt die erste Offizierin vor und hält eine Rede vor den Passagieren, in der sie warnt: „Wir müssen entschlossen und auf jeden Fall den Kurs ändern, weil das Schiff sonst gegen einen Eisberg fährt“, ruft sie. Die Kursänderung gehe mur in Abstimmung mit anderen Schiffen und nicht ohne den Tanzball auf dem Luxusdeck zu unterbrechen…“

 Jan Frehse, in einem Leserbrief an die ZEIT zu einem Artikel von Annegret Kramp-Karrenbauer, die jetzt die Klimapolitik ernst nehmen will und sich dabei in nichts von Merkel und Co unterscheidet: Viel reden, aber nichts tun.

Great, Greater, Greta

Die Persönlichkeit von Menschen, insbesondere ihre Ein- und Weitsichtsfähigkeit, erkennt man besonders gut dann, wenn etwas Ungewöhnliches geschieht und sie nicht mehr ihre eingeübten Routinen abspielen können.

Die „Fridays For Future“-Schüler-Demos sind hierfür ein probates Beispiel.

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