Panem, itinera et circenses

Schon im alten Rom war man sich bewusst, dass man mit Brot und Spielen die Bevölkerung bei Wahlen positiv stimmen und die Lust auf Revolten erfolgreich dämpfen konnte. Heute gilt das immer noch, sowohl in Diktaturen als auch in Demokratien. Denn es funktioniert. Das Volk ist dumm und, wenn seine Primärbedürfnisse befriedigt sind, auch ungefährlich.

Ernährung und Entertainment nehmen in der Tat in zunehmendem Maße die körperlichen und geistigen Ressourcen der Menschen in Beschlag, da bleibt keine Energie für anderweitige Anstrengungen:

  • Essen gibt es in allen Varianten fast überall, zumindest in Städten wird es sogar problemlos nach Hause geliefert, und kosten tut es im Verhältnis zu anderen Gütern auch äußerst wenig. Wer sich von diesem Massen-Fast-Food absetzen möchte, erhebt die geschmackliche Genussfähigkeit zum neuen Statussymbol der Möchtegern-Upperclass.
  • Entertainment ist spätestens seit Einführung des Privatfernsehens und der Verbreitung des Internets der absolute Brainkiller Nr. 1, und Kochshows sind dabei ein perfektes Beispiel für eine hirnlosen Bedürfnisbefriedigung unserer Mitmenschzombies.
  • Im Gegensatz zum Altertum spielt heute zusätzlich das Reisen eine wichtige Rolle, wobei dann auch die motorisierte (oder neuerdings elektrifizierte) Individualmobilität das Bedürfnis der eigenen Gestaltungsmacht und Scheinfreiheit optimal bedient.

Das Schöne für die Machthaber war bislang, dass sie diese Primitivbedürfnisbefriedigung nicht einmal besonders viel Aufwand kostete. Die Menschen konnten/können sich inzwischen vieles leisten, und bei der Konstellation sind natürlich auch die Anbieter nicht weit, die damit Gewinne machen wollen. Der Markt richtet es also fast von alleine. Der Staat muss nur die Rahmenbedingungen optimieren (steuerliche Begünstigung und Subventionierung, Polizeiunterstützung bei Großveranstaltungen, unentgeltliche Bereitstellung öffentlicher Infrastruktur, notfalls erweiterte Öffnungs- und Feierzeiten, Aufhebung von Reisebeschränkungen und dgl.) und den Eindruck erwecken, dass sei alles wichtig und der Erfolg seiner Wohlstand-für-alle-Politik.

Kein Wunder, dass in einem solchen Kontext auch die öffentlich-rechtlichen Instanzen (relevant in erster Linie: Medien) mitmischen und beim Publikum bloß nicht den Eindruck erwecken wollen, dass wir in die falsche Richtung laufen. Klar ist man dort ausdrücklich für Umweltschutz, Nachhaltigkeit und all diese Gutmenschdinge, aber nur als Gegenstand der Berichterstattung über andere, nicht als Maßstab für das eigene Handeln.

Pech nur, dass inzwischen Umwelt-, Covid 19- und Energiekrise (und vielleicht bald Lebensmittelknappheit) unser angenehmes Junkietum mit Entzugserscheinungen bedrohen, was dann bislang zwecks Beruhigung aller in vielerlei staatlichen Stützungs- und Beruhigungsmaßnahmen zugunsten der Bevölkerung gemündet ist. Das bezahlt die Menschen dann zwar selbst wieder über die Steuern, aber sie fühlen sich behütet und betreut, und die Zusatzbelastungen gehen vermutlich bald ohnehin im Inflationsgeschehen unter (was langfristig auch die Staatsschulden entwertet, was immerhin zukünftige Generationen freuen wird).

Satte, gebrainwashte und kaum noch in irgendetwas verwurzelte Menschen sind es inzwischen eben dummerweise gewohnt, laut um Hilfe zu rufen und ihre sogenannten Rechte geltend zu machen, die von der Allgemeinheit (d. h. den anderen) bedient werden müssen, und zu bequem, selbst aktiv zur Problemlösung beizutragen. Wer es nie gelernt hat, selbständig vorausschauend zu denken, sich zu engagieren und Eigenverantwortung zu übernehmen, wird auch durch Appelle kaum zu Raison und Fähigkeitsäußerung gebracht werden. Da die Corona-Maßnahmen auch schon einiges an Zumutungen und Einschränkungen gebracht haben, die kaum verdaut sind, lässt die Obrigkeit lieber Manna regnen, um alle bei Laune zu halten und bloß nicht die Idee des Verzichtens propagieren zu müssen.

Wenn dann in absehbarer Zeit die öffentlichen Geldquellen doch versiegen, das Ersparte knapp wird und das Aufwachen aus dem Schlaraffenlandtraum unvermeidlich ist, könnte bzw. wird es dann doch ungemütlich für alle werden. Und wir wissen ja, wie es damals in Rom ausging.

Das Ende der Normalität

„Krisen sind nicht mehr die Ausnahme von der Normalität, sondern die Normalität der Ausnahme“ schreibt Bernd Ulrich in der ZEIT (24.3.2022, S. 4).

Mir gefällt der Normalitätsvergleich nicht, denn wir kommen nicht aus einem Normalzustand, sondern aus einem Zustand der Verdrängung, der Beschönigung, des bewussten Wegsehens und des Verschiebens auf die Zukunft.

Dass wir auf massive Probleme zusteuern, ist jedem halbwegs Informierten seit Langem bekannt. Aber da die Ankündigung des Untergangs des Abendlandes vor gut 100 Jahren dann irgendwann doch nicht eingetreten ist, haben wir täglich einen kleinen Schritt in Richtung Totaldesaster gemacht, dabei allerdings darauf vertraut, dass es wie bisher immer am Ende doch gutgehen wird.

Ulrich diagnostiziert, dass wir zwar möglicherweise genügend Geld haben, um etwas zu unternehmen (was allerdings auch eher unwahrscheinlich ist, wenn die Geldverbreitung Marktmechanismen unterworfen bleibt), aber insbesondere nicht genügend menschliche Kapazitäten, um all das zu investieren, was wir jahrzehntelang trotz Mahnungen unterlassen haben (wovon die Kanzlerschaft Merkels nur den Höhepunkt bildete). Im Grunde geht auch er noch davon aus, dass die Wende „machbar“ wäre, wenn bestimmte Rahmenbedingungen gegeben wären.

Ich glaube nicht, dass die Rahmenbedingungen das Problem sind, sondern dass sehr vieles machbar wäre, wenn die Menschen – möglichst alle – mitzögen. Leider haben m. E. aber zu viele Menschen psychische und intellektuelle Defizite, um mit den aktuellen Problemen umgehen zu können, geschweige denn sie zu lösen.

Wenn die Regierung demnach eine Aufgabe hat, dann besteht sie nicht darin, Maßnahmenbündel zu schnüren, die dann doch in der Bürokratie und Inkompetenz versanden. Ihre einzige Chance ist, die Menschen zu überzeugen und mitzureißen, keine Zeit mit Rechtfertigungen für Zumutungen zu vergeuden, sondern den Selbstbehauptungswillen der Menschen zu reaktivieren und in die richtigen Bahnen zu leiten.

Wenn die Menschen allerdings nicht aus dem Verdrängen in die Realität zurückwollen, die sehr Unangenehmes für sie bereithält (z. B. Verzicht), dann bleibt ihnen nur der Ausweg in den Wahn. Einige (nicht nur in Russland) haben sich schon auf diesen Weg gemacht. Dass das keine vielversprechende Basis für friedliche und vernünftige Lösungen ist, benötigt wohl keine vertiefte Beweisführung.

Aber da am Ende doch immer die Realität siegt, an der wir alle mit unseren wie auch immer gearteten Überzeugungen gleichermaßen teilhaben, vereint uns dann das Schicksal irgendwie wohl oder übel. Aber ob das zu mehr Einsicht und Vernunft führt? Und ob diese noch rechtzeitig einsetzt?

Nur wenn diese Fragen mit ja beantwortet werden, kann es zur Wiedereroberung einer wie auch immer gearteten Normalität kommen.

Protestenergielenkung

Wenn Menschen protestieren, stellt dies eine erhebliche Energieleistung dar, unabhängig davon, wofür oder wogegen protestiert wird. Wenn den Machthabern – ob gewählt oder nicht – das nicht gefällt, neigen sie dazu, die Proteste unterbinden zu wollen. Aber schon ein altes Sprichwort sagt, dass man einen Fluss nicht aufhalten kann, sondern nur lenken. Das mag auf Menschen nicht ganz zutreffen, denn wenn die zu erwartenden Sanktionen hart genug sind, versiegen zumindest die sichtbaren Proteste. Aber was geschieht dann mit den vorher vorhandenen Energien?

Entweder sie versiegen irgendwann durch Krankheit, Alterung, Verzweiflung usw., oder sie werden umgewandelt in kleine alltägliche Sabotageakte, Kooperationsverweigerung oder auch Kriminalität. Es herrscht dann zwar Ruhe, aber gleichzeitig Energieverschwendung.

Auf einer deutlicher weniger sichtbaren Ebene geschieht das in noch größerem Ausmaß: Der stille Protest, der sich darin äußert, dass die Menschen sich nicht mehr z. B. für gemeinsame Ziele engagieren, sondern ihre Energien in Freizeitbeschäftigungen investieren, ohne dass ihnen meist selber bewusst wäre, wogegen sie sich damit wehren bzw. warum sie andere Optionen abwählen. Möglicherweise kann man auch die Priorisierung der Individual- gegenüber den Gemeinwohlinteressen analog deuten.

Wäre es nicht sinnvoller, die vorhandenen Energien positiv zu nutzen, indem man sie in eine produktive Richtung umleitet?

Die wichtigste Voraussetzung dafür wäre, motivierende Ziele und realisierbare Wege zu deren Erreichen aufzeigen zu können. Angesichts widerstreitender Überzeugungen in vielen Bereichen ist es sicher kein einfaches Unterfangen, den Energien eine gemeinsame Richtung zu geben, aber das ist eben die hohe Kunst nicht nur des Regierens, sondern grundsätzlich jeder Politik im Gemeinwohlinteresse und jeder Führungsaufgabe im öffentlichen oder auch privaten Bereich.

Das zu vertiefen würde ein ganzes Buch erfordern. Beispielhaft würde ich hier die Idee anführen, widerstreitende Strömungen in einer Gemeinschaft zuzulassen (ohne eine von beiden zu verbieten), wenn die Entwicklungslinien beider Strömungen mittel- bis langfristig konvergieren, und zwar zu einem Zustand, der vielleicht nicht ideal ist, aber zumindest zukunftstauglich.

Ohnehin muss man diese Energielenkung so verstehen, dass sie nie in einen statischen Endzustand mündet, sondern in ein Zwischenetappenziel, von dem aus die Entwicklung weitergeht. Gerade wenn die Zeit drängt, bestimmte Probleme anzugehen bzw. zu lösen, ist es kontraproduktiv, durch Konfrontation Energien zu blockieren und so eine gewünschte Entwicklung zu verlangsamen. Allerdings kann es in derselben Logik durch aus auch sehr begründet sein, durch Verbote Entwicklungen zu bremsen, wie z. B. im Umweltverschmutzungsbereich.

Wenn durch die konstruktive Nutzung der Energien eine positive gesellschaftliche Dynamik entsteht, kann dies zu einer drastisch gesteigerten Veränderungsrate führen. Der Vergleich Chinas und Russlands zeigt, dass von diesen beiden Diktaturen die Chinesen diese Strategie viel geschickter nutzen. Das Beispiel zeigt aber auch, dass ein solches Verständnis auch für falsche Ziele verwendet werden kann. Die Nazizeit ist im Übrigen die wohl beste Mahnung, dass eine durch eine gemeinsame Ideologie befeuerte Zielverfolgung innerhalb kurzer Zeit große Veränderungskräfte freisetzen kann, die aber eben auch in negativer Weise genutzt werden können.

Wir leben heute jedoch in Europa einer viel heterogeneren Gesellschaft als die vorerwähnten Beispiele. Entsprechend schwieriger ist die Herausforderung. Dennoch würde auch unter diesen Bedingungen viel verschwendete Energie positiv genutzt werden können, wenn man sich nicht immer nur auf der Ebene des „Für und Wider“ bewegte (wie dies insbesondere auch durch die Medien befeuert wird), sondern auf der des „Gemeinsam wohin?“.

Die derzeitige Ampelregierung ist ein Beispiel dafür, dass mit der gemeinsamen Einstellung, das Verbindende zu nutzen statt Gegensätze zu fördern, Blockadeenergien umgelenkt werden können. Dieses Prinzip müsste sich auch in der gesamten Gesellschaft als Basisverständnis verbreiten. Dann könnten auch z. B. aus der aktuellen Impfkontroverse positive Energien freigesetzt werden, die dringend für den Klimaschutz benötigt werden.

Gerechter Zufall per Gesetz?

In der ZEIT (Nr. 49 v. 2.12.2021, S. 15: „Nur der Zufall ist gerecht“) hat Prof. T. Walter dafür plädiert, dass im Pandemie-Kontext die Triage-Entscheidungen auf den Intensivstationen nicht mehr der alleinigen Verantwortung der dort tätigen Ärzte überlassen, sondern gesetzlich geregelt werden sollten.

Seines Erachtens bedarf es eines solchen Gesetzes zum einen, um für Ärzte und Patienten Rechtssicherheit zu schaffen. Zum anderen erfordere das Grundgesetz ein solches Parlamentsgesetz, wenn es um die Verteilung knapper intensivmedizinischer Ressourcen gehe (genau wie für Spenderorgane bei Transplantationen).

Diese Sichtweise vertritt grundsätzlich auch das Bundesverfassungsgericht in seiner Entscheidung 1 BvR 1541/20 vom 16.12.2021. Ihm zufolge muss der Gesetzgeber im Rahmen seiner Schutzpflicht aus Art. 3 Abs. 3 Satz 2 GG „dafür Sorge tragen, dass jede Benachteiligung wegen einer Behinderung bei der Verteilung pandemiebedingt knapper intensivmedizinischer Behandlungsressourcen hinreichend wirksam verhindert wird. Der Gesetzgeber ist gehalten, seiner Handlungspflicht unverzüglich durch geeignete Vorkehrungen nachzukommen.“ (Rn. 130) Obschon es her nur um eine mögliche Benachteiligung Behinderter ging, wird der Gesetzgeber dem zwecks Vermeidung einer positiven Diskriminierung nur nachkommen können, indem er allgemeingültige Triageregeln aufstellt.

Allerdings lässt das BVerfG dem Gesetzgeber weitestgehend freie Hand, welche Triagekriterien und/oder -modalitäten er vorgibt (s. die Rn. 126-128 der Entscheidung im Anhang zu diesem Post). Im Gegensatz zu Walters Einschätzung sieht das BVerfG dabei die klinische Erfolgsaussicht im Sinne des Überlebens der aktuellen Erkrankung als verfassungsmäßig unbedenklich an, nicht hingegen die Maximierung der Gesamtlebenszeit der Patienten (Rn. 116-117).

Die aus Walters Sicht einzige Lösung des Dilemmas, dass der Staat zum einen verpflichtet ist, regulierend einzugreifen, aber anderseits nicht diskriminieren darf, sei der Zufall, da nur dieser letztlich Gerechtigkeit herstellen könne. Der Gesetzgeber müsse demnach eine Triage nach Zufall vorschreiben, wie z. B. einen Losentscheid, oder besser noch eine Priorisierung nach fortlaufender Nummerierung bei Einlieferung Dieses first come, first served-Prinzip wäre sowohl zufallsgleich, weil es von Zufällen abhänge, wer eher erkrankt und eher eingeliefert wird, als auch leichter zu handhaben.

Diese Forderung ist aber aus rechtlichen, ethischen und praktischen Gründen nicht überzeugend: Weiterlesen

Ich, wir und Covid

„Covid-19 hat offenbart, dass eine erzwungene Wahl zwischen dem egozentrischen Individuum und dem unterdrückenden Kollektiv eine falsche Alternative ist. Wenn wir das einundzwanzigste Jahrhundert überleben wollen, brauchen wir eine dritte Sichtweise: eine systematische Anerkennung, dass jede individuelle Erfahrung ein unersetzlicher Knotenpunkt in einem Netz der Wechselseitigkeit ist. Darum geht es im Leben. Und die Politik ist ein Teil des Lebens.“

Francesca Melandri, Gefährliche Tabus, ZEIT Nr. 53, 22.12.2021, S. 60

Engpässe

Die meisten Menschen haben sich so sehr an eine Wirtschaft im Überfluss gewöhnt, dass die neuerdings in vielen Bereichen auftretenden Engpässe in einzelnen Produkt- und Dienstleistungsmärkten (inkl. Arbeitsmarkt), erkennbar an drastischen Preissteigerungen, Lieferverzögerungen oder Nichtverfügbarkeit, nicht nur störend, sondern auch unverständlich erscheinen.

Natürlich kann man nachvollziehen, dass die Pandemie sowie Naturkatastrophen, die beide weltweit auftreten, das Funktionieren des globalen Marktes stören können (Kriege hingegen scheinen nicht dort stattzufinden, wo relevante Wirtschaft existiert, Rohstoffnachschub wird notfalls durch die Unterstützung von Diktaturen gesichert). Aber diese exogenen Faktoren sind nicht die einzigen Problemursachen, sondern diese sind grundlegend in unserem Wirtschaftssystem zu finden. Weiterlesen

Laubbläser im August

Neulich hörte ich im saisonal üblichen Gerätelärmhintergrundrauschen der Nachbarschaft ein penetrantes Geräusch, das ich nicht erwartet hätte: Laubbläser waren nicht nur bei Nachbarn, sondern auch in der Straße im Einsatz, wo die Gründienste der Stadt fleißig Bürgersteige freipusteten. Wohlgemerkt: Mitte August, nicht Ende November.

Während man üblicherweise sommertags nur durch Hochdruckreiniger, Heckenscherer und Rasenmäher belästigt wird – falls nicht gerade Bohrmaschinen, Schleifechsen, Presslufthämmer und sonstige Baugeräte von Renovierungsaktivitäten der Nachbarn zeugen – stellt der Laubbläsersound (gerne mit Benzinantrieb genutzt) in dieser Kakophonie nicht nur eine nervige Ergänzung dar, sondern regt auch zum Nachdenken an:

  • Sind Klimawandel und dadurch bedingte Bodentrockenheit bereits so weit fortgeschritten, dass Laub schon mitten im Sommer zum Problem wird?
    Die Trockenheit nimmt zwar in der Tat zu, aber die Menge gefallener trockener Blätter ist so überschaubar, dass sie eigentlich keiner Räumung bedürfen.
  • Ist unsere Sauberkeitsmanie so weit gediehen, dass unser Sommeridyllverständnis kein Laub verträgt?
    Das ist schwer zu beantworten, da müsste man die Laubbläseraktivisten wohl direkt befragen.
  • Oder wollen wir dem Klimawandel trotzen, indem wir zumindest die Problemsymptome schnell beseitigen?
    Auch das muss eine Vermutung bleiben, die einer kollektivpsychologischen Überprüfung bedarf.
  • Schließlich wäre es auch möglich, dass wir in unserer Technisierungseuphorie inzwischen das Stadium erreicht haben, dass auch das händische Fegen im Außenbereich (im Haushalt schon durch den (allerdings leiseren) Staubsaugerroboter ersetzt) eine unzumutbare körperliche Belastung darstellt?
    Schon möglich, jedenfalls ist es wesentlich „chicer“, programmgemäßes (und möglichst technisch gestütztes) Bodyshaping zu betreiben, um einen körperlichen Ausgleich zur überwiegend kopflastigen Tätigkeit zu schaffen, zumal nun auch das Gehen durch überall verfügbare Elektroroller zunehmend zur ungewohnten Übung wird.

Aber vielleicht bin ich letztlich auch nur ein Nostalgiker, der sich nach ganz normalen ruhigen Sommertagen sehnt und mit einer natürlichen Lebensweise Teil der Natur sein möchte.

Leben wägen

1. Die Corona-Pandemie hat die Frage aufgeworfen, welchen Preis wir zu zahlen bereit sind, um Menschenleben zu retten.

Diese Frage ist keineswegs neu, sondern sie stellt sich in vielerlei Zusammenhängen, von der Organisation von Rettungseinsätzen über Lebensmittelgesetzgebung oder Geschwindigkeitsbegrenzungen auf der Autobahn bis hin zur TÜV-Zertifizierung von Kinderspielzeug. Die Antworten hierauf sind uneinheitlich: Zwar werden Gesundheit und Leben der Menschen als hohes Gut geschützt, aber in der konkreten Ausgestaltung handelt unsere Gesellschaft keineswegs einheitlich und logisch-konsequent (ohne dass uns dies jedoch immer bewusst wäre).

Die Corona-Pandemie wirft diese Frage in besonders akuter Weise auf: Zum einen sind unterschiedslos alle potenziell von einer Infektion (und einem frühzeitigen Ableben) bedroht, zum anderen sind die Kosten des Lebensschutzes gigantisch und weit jenseits dessen, was bislang als gerechtfertigt betrachtet wurde.

Aus der Analyse der hierfür auschlaggebenden Gründe ergibt sich, dass der Staat (ob bewusst oder unbewusst) nicht willens und/oder in der Lage ist, zu differenzieren und priorisieren, d. h. abzuwägen und zu entscheiden, und stattdessen lieber pauschale und totale (weitreichende) Maßnahmen trifft, die erhebliche Folgen für die kommende Generation haben werden.

In der Tat sind die hier zu treffenden Abwägungsentscheidungen grundlegend und existenziell, z. B.:

  • Welches Leben ist schützenswerter: Das der Jungen oder Alten? Das der Reichen oder Armen? Das der sozial Engagierten oder Egoisten? Usw.
  • Welche Wohlstandseinbußen sind wir bereit hinzunehmen, um Menschenleben zu retten? Wessen Wohlstand darf bzw. soll in wessen Lebensinteresse beschränkt werden? Wieviel darf die Verhinderung eines frühzeitigen Sterbens bzw. gesamtgesellschaftlich des „Übersterbens“ kosten?

Da das Besondere am Sterben ist, dass es früher oder später jeden trifft, geht es zudem genau genommen nicht darum, das Sterben an sich zu vermeiden, sondern frühzeitiges Sterben. Die Einbeziehung dieses Aspekts führt zur zusätzlichen schwierigen Abwägung, ab welchem Alter ein frühzeitiges Ableben ggf. hinnehmbar würde. Wollte man das ernsthaft entscheiden, dürfte man sich im Übrigen nicht auf eine reine zahlen- bzw. altersmäßige Betrachtung beschränken, sondern man müsste auch die Lebensqualität und vor allem den Beitrag zum Erhalt und zur Funktionsfähigkeit der Gesellschaft (also die kollektiven Interessen) berücksichtigen.

Der Staat als solcher verbietet sich solche abwägenden Überlegungen, notfalls mit Verweis auf die Ideen „unwerten Lebens“ der Nazis oder auf kommunistische Diktaturen, die ihren Ideologien Millionen Menschen geopfert haben, auch wenn es hier und heute ja gerade nicht um Entscheidungen einer Machtelite, sondern um demokratische Entscheidungen gehen würde.

Noch handelt es sich dabei jedenfalls um ein Tabuthema, dass zwar ständig im Raum steht, aber konsequent gemieden wird. Das scheint bislang auch noch der weit überwiegenden Volksmeinung zu entsprechen. Je gravierender die Lage aber für alle wird, und vor allem für junge Menschen, die den Eindruck haben, ihre Zukunft werde zugunsten der Lebensverlängerung der Alten ruiniert, umso unvermeidbarer wird diese Frage diskutiert und entschieden werden müssen, vor allem wenn schon im Herbst möglicherweise der nächste Lockdown droht. Und erst recht wird dies der Fall sein, wenn in ein paar Jahren die nächste Katastrophe eintritt und die staatlichen Ressourcen definitiv zu knapp werden, um noch Rettungsschirme aufzuspannen. Weiterlesen

Lockdown und Lebensschutz

Die meisten Menschen haben Angst vor dem Sterben, mit Ausnahme jener, für die das „Jenseits“ ein wie auch immer geartetes Paradies darstellt. Und je besser es den Menschen im Diesseits geht, oder je weniger sie auf das Paradies vertrauen, desto größer scheint ihre Angst zu sein.

Die Gesellschaft als Kollektiv hingegen nahm bis zur Corona-Pandemie das Sterben eher gelassen hin. Sterben gehörte zum Leben dazu, und die Gesellschaft ist deswegen nie in Panik geraten. Natürlich hat sie Maßnahmen gefördert, die „unnötiges“ Sterben (z. B. durch Unfälle oder Krankheiten) verhindern sollen, aber doch mit überschaubarem Einsatz. Dabei geht es in erster Linie darum, Systemfehler mit tödlichem Ausgang zu verhindern. Am prägnantesten geschieht dies bis heute im Strafrecht, das z. B. darauf abzielt, im gesellschaftlichen Interesse das gegenseitige Töten zu sanktionieren und möglichst zu unterbinden, wohl wissend, dass Letzteres nur sehr bedingt erfolgreich ist. Ähnlich sind z. B. das Gesundheits- und Sozialrecht konzipiert: Im Interesse der Lebenserhaltung, aber nicht um jeden Preis und mit letzter Konsequenz.

Es ging also nie darum, den Einzelnen vor seinem Schicksal zu bewahren oder ihm einen Anspruch auf Langlebigkeit zuzugestehen. Vor allem hat man nie versucht, anonym und unauffällig geschehendes Sterben zu verhindern. Nimmt man als Beispiele die Todesfälle durch Automobilverkehr (Unfälle, Feinstaub), Alkohol, belastete Lebensmittel, Grippeviren oder Krankenhauskeime (und die Liste ließe sich verlängern), dann wurde/wird das hierdurch hervorgerufenen Ableben offenbar als vertretbarer Kollateralschaden der Mobilität, des Vergnügens, des Wirtschaftswachstums oder des Gesundheitssystems betrachtet. Ebenso wurde/wird hingenommen, dass Menschen einfach „Pech“ haben können, selbst wenn es sozial bedingt war/ist (z. B. leben die Reichen länger als die Armen, die Gebildeten länger als die Ungebildeten).

Bis dato ist also niemand auf die Idee gekommen, Lock-down-Maßnahmen von dem Ausmaß zu treffen, wie es zum Schutz vor dem „verfrühten“ Sterben aufgrund einer Corona-Virus-Infektion geschehen ist (auch nicht bei der Hongkong-Grippe-Epidemie 1968-1970 ).

Dies wirft die Frage auf: Wodurch wird dieser gravierende Unterschied in der aktuellen Pandemie begründet? Eine zumindest plausible Begründung würde die Lebenseinschränkungen erträglicher erscheinen lassen und auch einen Teil jener Menschen „zurückholen“, die ihr Bedürfnis nach einer vernünftigen Erklärung in Verschwörungstheorien zu finden glauben. Weiterlesen

Traumaprofiteure

Traumen haben vielfältige Auswirkungen auf die psychische und körperliche Gesundheit der Menschen, die von der oft verwendeten pauschalen Bezeichnung „Post-Traumatische Belastungsstörungen“ sehr unzureichend charakterisiert werden.

Befasst man sich mit dem Grundprozess der Traumatisierung aufgrund einzelner schockierend-überwältigender Ereignisse und/oder Bindungen/Beziehungen, erkennt man das Erklärungspotenzial für eine große Vielfalt von Erkrankungen jeglicher Art. Und man wundert sich, dass so wenige Psychologen auch nur in der Lage wären, eine Traumatisierung zu erkennen, geschweige denn einen Heilungsprozess zu initiieren und begleiten. Von den Ärzten kann man ein entsprechendes Verständnis erst recht nicht erwarten, da sie ja nur für den Körper zuständig sind (und offenbar keinerlei Interesse an umfassender Heilung, sondern nur an Behandlung haben).

Einig ist man sich darin, dass die von Traumen Gepeinigten Geschädigte sind, die leiden und kompetente Hilfe benötigen. Und zurecht spricht man von ihnen als „Opfer“, die keinerlei Verantwortung für das tragen, was ihnen geschehen ist und sie belastet.

Übersehen wird dabei jedoch, dass das, was man als schlimme Traumatisierung thematisiert, auch im Kleinen existiert und die Menschen in ihrer „Persönlichkeit“ (i. w. S.) prägt. Letztlich wird es wenig Menschen geben, die gar kein Trauma erlitten haben. Die meisten haben Traumen erlebt und sie sind von ihnen geprägt, aber sie nehmen das hin als einen Teil ihres Charakters, ihres Schicksals oder ihrer Herkunft und beschäftigen sich nicht weiter damit, weil es ihr Leben nicht in dem Maße beeinträchtigt, dass sie es als behandlungsbedürftig betrachten würden.

Eigentlich könnte jeder davon profitieren, seine Traumen „abzuarbeiten“, denn erst dadurch findet er zu seinem wahren „Ich“. Traumarbeit ist Entwicklungsarbeit hin zu einer erfüllten und unverfälschten Persönlichkeit, die nicht gelenkt wird durch Erfahrungen, derer man sich oft nicht einmal bewusst ist.

Diese Sichtweise entspricht letztlich aber der Haltung, dass ein Trauma immer etwas Negatives ist und der Mensch entsprechend geheilt werden muss. Man kann dies allerdings auch anders sehen: In ihrer Strategie zur Bewältigung von (insbesondere frühkindlichen) Traumen entwickeln viele Menschen besondere Gaben, erhöhte Sensibilität und Einfühlungsvermögen, intellektuelles und spirituelles Interesse, Leidenschaften und Engagement usw. Kurzum: Sie entwickeln besondere Persönlichkeiten, die sie aus der Masse heraustreten und ein besonderes Leben leben lassen, zu dem sie sonst keinen Zugang gehabt hätten. Sie sind die Überflieger, Leistungsträger, Kreative, Wissenschaftler und Leader, welche die Gesellschaft prägen. Ohne Trauma wäre ihnen dies (vermutlich: Testen kann man das nicht) vorenthalten geblieben.

Wirklich verstanden hat man diese Zusammenhänge bis heute nicht. Und vermutlich ist es richtig, sich in erster Linie um jene zu kümmern, die unter der Traumatisierung leiden oder durch sie zu gefährlichen Individuen werden.

Dennoch könnte das Eingeständnis, dass es auch Traumaprofiteure gibt, z. B. im Rahmen eines Heilungsprozesses positive Impulse geben, wenn man versucht, nicht alles rückgängig zu machen, sondern den durch die Traumatisierung entstandenen Input umzuleiten und zu einem positiven Ergebnis beitragen zu lassen.