Wahre Literaten

Literaturkritik beschäftigt sich mit der Qualität bestimmter literarischer Produkte, aber damit geht immer – mal mehr, mal weniger explizit – eine Würdigung oder auch Beurteilung der Leistungen deren Urheber einher.

Meines Erachtens wäre der umgekehrte Prozess mindestens so relevant: Ausgehend von der Persönlichkeitseinschätzung des Autors (m/w/d) zu prüfen, was sich davon in der Literatur wiederfindet.

Natürlich erscheint es banal, Merkmale eines literarischen Werks mit der Persönlichkeit des Literaten zu verknüpfen. Denn aus einem Nichts könnte sich auch nur ein Nichts ergeben. In welchem Maße ein Werk aber nur die Persönlichkeit des Schaffenden reflektiert, ohne die Freiheitsgrade der Kreativität zu explorieren, sollte m. E. zumindest in die Nebenbewertung des Werks einfließen, auf jeden Fall aber für die Würdigung der Person ausschlaggebend sein.

Denn allzu oft ist Literatur nur ein fast zwanghafter Persönlichkeitsabdruck, und je auffälliger dessen Merkmale und Störungen, desto „origineller“ das Schreibergebnis. Schreiben ist für viele in erster Linie ein Versuch der Selbsttherapie oder -regulierung, abhängig und mehr oder weniger stark geprägt von den vor allem psychischen, seltener körperlichen Belastungen. Das ist vollkommen legitim, und wenn jemand das lesen möchte und sich davon angesprochen fühlt (vielleicht oder möglicherweise sogar wahrscheinlich), weil es ihm beim Selbsttherapieren oder -regulieren hilft, ist das eine glückliche win-win-Situation.

Aber darf bzw. sollte man daraus auf die literarischen Fähigkeiten von Literaten schließen? Sollte wahre Kunstfähigkeit oder Künstlerqualität nicht daran gemessen werden, wie breit und tief diese Personen in der Lage sind, das absolute Kreativitätspotenzial auszunutzen und nicht „bloß“ jene Optionen zum Ausdruck zu bringen, die sich in mehr oder weniger einseitiger und zwangsläufiger Weise aus seiner Persönlichkeit ergeben?

Wenn man Werke von Autoren aus dieser Perspektive betrachtet, fällt auf, wie wenig kreativ viele letzten Endes sind: Bei ihnen gibt es nur wenige thematische und stilistische Leitmotive, und diese werden endlos in immer neuen Kontexten eingesetzt. Das kann sehr unterhaltsam und kommerziell erfolgreich sein, aber wahre Literaten zeichnet es nicht aus.

Wenn ich eine Vermutung äußern sollte, warum meine Sicht so wenig verbreitet ist, dann wäre es diese: Auch Kunstkritiker tragen eine persönlichkeitsgeprägte Lesebrille und verwenden darauf beruhende Bewertungsmaßstäbe. Es ist einfacher, Literaten einmal zu taxieren, statt sich jedes Mal neu mit ihnen auseinanderzusetzen, und es überfordert Kritiker schnell, wenn sie sich mit neuen Kunstverständnissen auseinandersetzen und künstlerische Leistungen neu würdigen müssen.

Von den Lesern wird man ohnehin nichts anderes erwarten können. Sie suchen sich nicht nur ihre Lieblingsautoren, die ihnen routiniert immer dieselbe Qualität liefern, sondern orientieren sich – wenn überhaupt – an „verlässlichen“ Kritikern.

Und da alle Beteiligten zum Glück unterschiedlich sind, kann man nur hoffen, dass sich daraus eine entsprechende Vielfalt ergibt und auch hält. Sicher ist das allerdings nicht: Massengeschmack in Musik und Malerei wird inzwischen kommerziell orientiert bedient, natürlich auch schon in der Literatur, nur ist es dort nicht so dominant. In einer Welt, in der das eigene Lesen und Schreiben eine zunehmend unwichtige Zivilisationstechnik darstellt, die zunehmend ersatzweise von „künstlichen“ Maschinen ausgeübt wird, sind aber gerade taxierbare Literaten leicht kopier- und ersetzbar.

Umso wichtiger wäre es, wahre Literaten als Beispiele für echte menschliche Leistungsfähigkeit zu erkennen und fördern.

Spiegeln

Es gibt einen Gegenstand, den wir mehrmals täglich nutzen, obwohl wir ihn normalerweise gar nicht anfassen. Er schaut uns an und von uns weg, er ist unentbehrlich und doch manchmal gleichzeitig lästig in seiner stummen Ehrlichkeit. Er ist der verkannteste Gebrauchsgegenstand unserer Alltagskultur: der Spiegel.

Ein Spiegel ist physikalisch ein interessantes Instrument: Man kann mit seiner Hilfe Dinge sehen, die nicht direkt wahrnehmbar sind. Nach hinten schauen, um die Ecke, Blicke hineinwerfen wie Billardkugeln gegen die Bande, oder auch die Sinne täuschen, Raumtiefe suggerieren oder ein Bild verzerren, all das ist möglich.

Man erzählt, der erste Mensch, der sich im Spiegel erblickte, erschrak zutiefst. Ob das stimmt, hängt wohl auch vom Alter ab. Als meine kleine Tochter sich im Alter von wenigen Monaten zum ersten Mal im Spiegel sah, war sie neugierig, distanziert, verdutzt und fand es eher lustig. Ein Erwachsener, der zum ersten Mal sein eigenes Spiegelbild sieht, wird vermutlich anders reagieren, zumindest, wenn er sich schon mit sich selbst auseinandergesetzt hat und ein „Bild“ von sich selbst hat.

Der Spiegel ist nämlich auch die Schnittstelle zum Metaphysischen durch die Augen, die sowohl Tür zur Seele und als auch ihr Spiegel sind. Nicht der Spiegel als Gegenstand, sondern das Spiegeln als Handlung ist dabei genau genommen das Spannende.

Das Selbst-Spiegeln bzw. Sich-selbst-Sehen beeinflusst unser Eigenbild viel subtiler, als wir dies wahrhaben. Denn unser Selbstverständnis wird entscheidend auch davon geprägt, wie wir uns äußerlich wahrnehmen und ob dieses Bild mit unserer Vorstellung von uns selbst übereinstimmt. Manchmal wäre es uns in der Tat lieber, wir wüssten gar nicht, wie wir aussehen, weil diese Kenntnis möglicherweise andere Menschen aus uns macht.

Allerdings ist das In-den-Spiegel-Schauen meist nur funktional oder zweckgebunden. Erst wenn wir uns aufmerksam und bewusst in Ruhe betrachten, zeigt sich die Macht der Spiegelung. Am deutlichsten trifft das wohl beim Altern zu, das körperlich viel eher zu erkennen ist als durch eine geistige Innenschau. Allerdings ist ein Spiegel zwar unbestechlich, aber es findet dennoch ein „Fotoshoppen“ im Kopf statt, sowohl aus einer gutmeinenden als auch aus einer kritischen Perspektive.

Wenn ich mein Spiegelbild betrachte, ist dies zudem insofern einseitig, als typischerweise ich selbst derjenige bin, der das Bild betrachtet und interpretiert. Was wir aber zusätzlich brauchen ist, dass andere uns den Spiegel vorhalten. Denn dabei entgleitet das Spiegelbild unserer Kontrolle und wir sind möglicherweise gezwungen, uns anders zu sehen als in unserer eigenen verzerrten Spiegelbetrachtung. Der Vergleich mit der Funktion des Hofnarren oder des Till Eulenspiegel, die Wahrheit mit Humor verbinden, ist dabei meine Lieblingsspiegelung. Heute wären wohl am ehesten Berater und Journalisten dazu berufen. R. Augstein wird wohl so etwas im Sinn gehabt haben, als er seiner Zeitschrift den Titel ‚Der Spiegel’ gab. Denn nicht nur der Einzelne, sondern die ganze Gesellschaft braucht dieses Spiegelbild, dieses Feed-back, um unser kybernetisches System im Gleichgewicht zu halten.

Wenn wir uns trauen, können wir also selbst zu „Spieglern“ für andere werden, nur dass wir dann mit Worten reflektieren. Nicht umsonst bedeutet „Reflexion“ ursprünglich: Widerspiegelung, Rückstrahlung, und die Welt da draußen wird mit Worten gespiegelt. Das „Spieglein, Spieglein, an der Wand“ wird dann zur modernen Variante „Spieglein, Spieglein, mein Verstand“.

Traumaprofiteure

Traumen haben vielfältige Auswirkungen auf die psychische und körperliche Gesundheit der Menschen, die von der oft verwendeten pauschalen Bezeichnung „Post-Traumatische Belastungsstörungen“ sehr unzureichend charakterisiert werden.

Befasst man sich mit dem Grundprozess der Traumatisierung aufgrund einzelner schockierend-überwältigender Ereignisse und/oder Bindungen/Beziehungen, erkennt man das Erklärungspotenzial für eine große Vielfalt von Erkrankungen jeglicher Art. Und man wundert sich, dass so wenige Psychologen auch nur in der Lage wären, eine Traumatisierung zu erkennen, geschweige denn einen Heilungsprozess zu initiieren und begleiten. Von den Ärzten kann man ein entsprechendes Verständnis erst recht nicht erwarten, da sie ja nur für den Körper zuständig sind (und offenbar keinerlei Interesse an umfassender Heilung, sondern nur an Behandlung haben).

Einig ist man sich darin, dass die von Traumen Gepeinigten Geschädigte sind, die leiden und kompetente Hilfe benötigen. Und zurecht spricht man von ihnen als „Opfer“, die keinerlei Verantwortung für das tragen, was ihnen geschehen ist und sie belastet.

Übersehen wird dabei jedoch, dass das, was man als schlimme Traumatisierung thematisiert, auch im Kleinen existiert und die Menschen in ihrer „Persönlichkeit“ (i. w. S.) prägt. Letztlich wird es wenig Menschen geben, die gar kein Trauma erlitten haben. Die meisten haben Traumen erlebt und sie sind von ihnen geprägt, aber sie nehmen das hin als einen Teil ihres Charakters, ihres Schicksals oder ihrer Herkunft und beschäftigen sich nicht weiter damit, weil es ihr Leben nicht in dem Maße beeinträchtigt, dass sie es als behandlungsbedürftig betrachten würden.

Eigentlich könnte jeder davon profitieren, seine Traumen „abzuarbeiten“, denn erst dadurch findet er zu seinem wahren „Ich“. Traumarbeit ist Entwicklungsarbeit hin zu einer erfüllten und unverfälschten Persönlichkeit, die nicht gelenkt wird durch Erfahrungen, derer man sich oft nicht einmal bewusst ist.

Diese Sichtweise entspricht letztlich aber der Haltung, dass ein Trauma immer etwas Negatives ist und der Mensch entsprechend geheilt werden muss. Man kann dies allerdings auch anders sehen: In ihrer Strategie zur Bewältigung von (insbesondere frühkindlichen) Traumen entwickeln viele Menschen besondere Gaben, erhöhte Sensibilität und Einfühlungsvermögen, intellektuelles und spirituelles Interesse, Leidenschaften und Engagement usw. Kurzum: Sie entwickeln besondere Persönlichkeiten, die sie aus der Masse heraustreten und ein besonderes Leben leben lassen, zu dem sie sonst keinen Zugang gehabt hätten. Sie sind die Überflieger, Leistungsträger, Kreative, Wissenschaftler und Leader, welche die Gesellschaft prägen. Ohne Trauma wäre ihnen dies (vermutlich: Testen kann man das nicht) vorenthalten geblieben.

Wirklich verstanden hat man diese Zusammenhänge bis heute nicht. Und vermutlich ist es richtig, sich in erster Linie um jene zu kümmern, die unter der Traumatisierung leiden oder durch sie zu gefährlichen Individuen werden.

Dennoch könnte das Eingeständnis, dass es auch Traumaprofiteure gibt, z. B. im Rahmen eines Heilungsprozesses positive Impulse geben, wenn man versucht, nicht alles rückgängig zu machen, sondern den durch die Traumatisierung entstandenen Input umzuleiten und zu einem positiven Ergebnis beitragen zu lassen.