Die meisten Menschen haben sich so sehr an eine Wirtschaft im Überfluss gewöhnt, dass die neuerdings in vielen Bereichen auftretenden Engpässe in einzelnen Produkt- und Dienstleistungsmärkten (inkl. Arbeitsmarkt), erkennbar an drastischen Preissteigerungen, Lieferverzögerungen oder Nichtverfügbarkeit, nicht nur störend, sondern auch unverständlich erscheinen.
Natürlich kann man nachvollziehen, dass die Pandemie sowie Naturkatastrophen, die beide weltweit auftreten, das Funktionieren des globalen Marktes stören können (Kriege hingegen scheinen nicht dort stattzufinden, wo relevante Wirtschaft existiert, Rohstoffnachschub wird notfalls durch die Unterstützung von Diktaturen gesichert). Aber diese exogenen Faktoren sind nicht die einzigen Problemursachen, sondern diese sind grundlegend in unserem Wirtschaftssystem zu finden.
1. Freie Marktwirtschaft führt aufgrund des ständigen Wettbewerbs- (und Gewinn-)drucks zum Zwang, effizienter zu werden und Kosten zu sparen. Das erfolgt durchweg durch Arbeitsteilung, Spezialisierung und Outsourcing bzw. Verlagerung an preisgünstigere Standorte. Im Laufe der Jahre hat das dazu geführt, auf der einen Seite zahlreiche in Kleinstmärkten dominierende Spezialisten (in Deutschland auch gerne als „Weltmarktführer“ bezeichnet) zu formen, die als Zulieferer für Produzenten bzw. Endabnehmer agieren, die ihrerseits die Aufgabe übernommen haben, aus diesen vielen zugelieferten Einzelteilen das Endprodukt herzustellen. Das hat zu tief gestaffelten und weltweit vernetzten Lieferketten geführt, bei denen idealerweise die Zulieferung dann auch noch Just-in time erfolgt.
Das Zusammenspiel in der Wertschöpfungskette vom Rohstoff bis zum Endkunden/Verbraucher stellt also eine komplexe Maschinerie dar, bei der eine Störung oder Unterbrechung an einer Stelle weitreichende Konsequenzen auf allen nachgelagerten Stufen hat. Selbst wenn es sich nicht um Monopolisten handelt, sondern Ersatzanbieter gibt, können letztere in aller Regel ihr Angebot nicht so schnell anpassen, dass die plötzliche Zusatznachfrage gedeckt werden könnte. Je spezieller bzw. seltener das benötigte, aber ausfallende Zwischenprodukt (manchmal sind es auch Arbeits- oder Dienstleistungen), desto schwieriger wird es, Ersatz zu finden. Da auch möglichst wenig „auf Halde“ produziert (oder qualifiziert) wird, sondern man sich darauf verlässt, sich bei Bedarf im Markt versorgen zu können, ist das System als solches sehr anfällig und kann Störungen nicht flexibel auffangen.
Einige Endproduzenten haben das auch verstanden und versuchen, durch In-Sourcing die Risiken zu minimieren, aber das erfordert einen mittelfristigen Investitionsaufwand, der nicht auf Zuruf umsetzbar oder finanzierbar wäre.
2. Zusätzlich den bereits erwähnten Störfaktoren gibt es ein weiteres systeminhärentes Phänomen mit Störpotenzial, nämlich den Kapitalmarkt. Im Idealfall dient dieser als „Schmiermittel“ der Weltwirtschaft, aber so wie bei einem Motor zu wenig oder zu viel Öl zu Schäden führen kann, ist es auch mit dem Kapital. Derzeit gibt es ein massives Überangebot an liquiden Mitteln, für die händeringend nach renditetragenden Investments gesucht wird, da der Kreditmarkt keine ausreichende Nachfrage darstellt, so dass Zinsen praktisch verschwunden sind. In ihrer „Not“ sind die Reichen bzw. Kapitalisten dazu übergegangen, in „Realien“ zu investieren und alles aufzukaufen, was irgendwie wertbeständig ist oder sogar Spekulationsgewinne verspricht: Agrarland (hier spielt auch noch die wachsende Weltbevölkerung eine Rolle), Immobilien, Wertgegenstände, Rohstoffe, langlebige Endprodukte usw. Die hierdurch steigenden Preise führen ebenfalls zu Verwerfungen, die ganze Märkte umkrempeln können, wenn deren Produkte durch diese Preissprünge ihre Wettbewerbsfähigkeit gewinnen oder verlieren (was wiederum zu den unter 1. beschriebenen Konsequenzen führen würde).
Das so viel „nutzloses“ Kapital im Markt ist, hat auch mit den Aktivitäten der Notenbanken zu tun, die massiv Geldschöpfung betreiben, zum einen um eine Deflation zu vermeiden, zum anderen um den Zusammenbruch von Banken zu verhindern, da viele von ihnen immer noch auf tönernen Füßen stehen, so dass die Pleite eines (systemrelevanten) Instituts einen Kollaps des Finanzsystems zur Folge haben könnte, was wiederum weite Teile der Realwirtschaft in Bedrängnis bringen würde.
3. Ein letzter Instabilitätsfaktor ist in den politischen Systemen zu finden. In der Tat ist die Stabilität demokratischer Systeme keineswegs eine Selbstverständlichkeit, wie die letzten Jahre gezeigt haben, und Machtwechsel in relevanten Industriestaaten können erhebliche Folgen für das globale Wirtschaftssystem haben, durch Zölle, Import-/Exportbeschränkungen, bürokratische Schikane, Rechtsstreitigkeiten usw. Wenn die etablierten rechtlichen Spielregeln des internationalen Wirtschaftens von Staaten nicht respektiert werden, kann man dagegen kaum etwas unternehmen. Das Störpotenzial für grenzüberschreitende Wirtschaftstätigkeiten ist jedenfalls sehr weitreichend.
Betrachtet man all diese Gegebenheiten mit Blick auf die zu erwartenden Entwicklungen der nächsten 10 Jahre, dann werden wir uns auf zunehmend häufiger auftretende Engpässe einstellen müssen, weil die Automatismen unseres Gesellschafts- und Wirtschaftssystems zwangsläufig dazu führen werden. Wappnen kann man sich dagegen nur begrenzt. Sowohl Unternehmen als auch Verbraucher müssen sich darüber klar werden, in wiefern sie sich als „Prepper“ auf vermutlich eintretende Risiken und damit verbundene Engpässe einstellen wollen und können.
Ob aus systemischer Sicht ein Rückbau noch möglich ist, ohne vorher das Gesamtsystem zu „sprengen“, bedürfte einer genaueren Untersuchung. Dagegen spricht jedenfalls, dass er mit der Logik der Marktwirtschaft schwer vereinbar ist. Und auch die Erkenntnis, dass alle Systeme aus ihrer Natur heraus dazu neigen, sich zu differenzieren und immer komplexer zu werden, spricht dagegen, dass ohne „Eingriff von außen“ unser aktuelles, zunehmend Engpässe hervorrufendes, System reformierbar wäre. In diesem Sinne sind die Engpässe ein Warnzeichen, aber gleichzeitig auch die Ursache für das Ende des alten und die Schaffung eines neuen Systems, wie auch immer dies aussehen mag.