Zweierlei Maß

Wenn Bauern Straßen blockieren, um trotz all ihrer staatlich alimentierten Privilegien bloß auf nichts verzichten zu müssen, wenn Lokomotivführer die Bahn lahmlegen und die Mobilität von Millionen Nutzern einschränken, um ihr Gehalt weiter zu optimieren, dann nennt man das grundrechtlich geschützte legitime Interessenvertretung.

Wenn Klimaaktivisten kurzzeitig durch Festkleben Straßen blockieren, um auf die Bedrohung des zum Gemeinwohl zählenden Klimas hinzuweisen, ohne im Übrigen selbst einen Nutzen davon zu haben (im Gegenteil!), dann nennt man sie Kriminelle oder gar Terroristen.

Fremdschämen ist ein drastischer Euphemismus, um zu beschreiben, was man angesichts dieser „öffentlichen Meinung“ empfindet.

Das ist nicht einmal zweierlei Maß, sondern gar kein Maß mehr.

Vielleicht sollten die Klimakleber daraus lernen und versuchen, aus ihren Aktionen Profite zu ihrem persönlichen Vorteil herauszuholen. Das müsste dann nach aller Logik vom politischen Mainstream wohlwollend begleitet werden.

Klimapassivisten

Der Klimawandel mit seinen vielfältigen Formen ist das wohl drängendste Thema unserer Zeit, und weil Politik und Öffentlichkeit dies zwar bewusst ist, aber nicht zu übermäßigem Aktivismus motiviert, versuchen Aktivist*innen, durch alle möglichen weitgehend harmlosen, aber medienwirksamen Aktionen darauf aufmerksam zu machen.

Was aber passiert? Nicht über die Klimaherausforderungen wird intensivst debattiert, sondern über die Klimaaktivist*innen.

??????? (Mein Hirn hat grade einen Moment ausgesetzt.)

Die Medien sind voll von Empörungsbekundungen gegen die unverschämte Jugend und deren störende Aktionen: Friedliche Demos mögen ja grade noch gehen (aber bitte angemeldet, damit der Verkehr nicht zu sehr gestört wird), aber Verkehrschaos durch Selbstfestkleben mitten auf der Straße oder Flugverspätungen, das ist ungeheuerlich! Und Tomatenmark oder Kartoffelpüree auf Kunstwerke – ja geht es noch? Da werden doch sofort Rufe nach drastischen Strafen laut, das Chaos wird beschworen und sogar Vergleiche mit dem linken Terror vor 50 Jahren angestellt.

?!?!?!?! (Ich versuche zu verstehen.)

Ist unsere geradezu traumatische Angst (beruhend auf einem intensiven Gefühl von Hilflosigkeit) vor der zu erwartenden Klimakatastrophe so groß, dass wir nicht nur verdrängen (dissoziieren), sondern uns aggressiv jenen gegenüber verhalten, die unnötigerweise dieses Trauma durch ihre Aktionen triggern? Eine andere sinnvolle Erklärung fällt mir jedenfalls zu diesem irrationalen Verhalten nicht ein.

Statt stolz auf das friedliche Engagement zugunsten unser aller Allgemeinwohl zu sein und die Aggressionen für jene aufzuheben, die sich aktiv an der Klimakatastrophe beteiligen, grummeln wir nur noch, man möge uns endlich damit in Ruhe lassen. Das wiederum könnte daran liegen, dass wir fast alle mehr oder weniger große Klimakiller sind und daran doch lieber nicht daran erinnert werden. Soll doch die Regierung was machen und uns in Ruhe lassen, oder?

!!!!!!!!! (Ich glaube zu erkennen.)

Ich habe schon früher die Befürchtung geäußert, dass uns nur eine Katastrophe retten kann. Was unsere Klimapassivisten grade abziehen, bestätigt das leider. Menschen sind zwar grundsätzlich begabt zum rational gesteuerten Handeln, aber leider spielen unsere tieferen Gehirnschichten da nicht mit, so dass sich eine Stimmung breitmacht, die lieber den kollektiven Untergang in Kauf nimmt als die individuelle Umkehr in Angriff zu nehmen.

Sozialpsychologen haben für solche Haltungen sicher ein theoretisches Erklärungsmodell. Aber wie man diese in kurzer Zeit in der Praxis therapiert, wissen sie offenbar auch nicht.

000000 (Ich weiß es leider auch nicht.)

Protestenergielenkung

Wenn Menschen protestieren, stellt dies eine erhebliche Energieleistung dar, unabhängig davon, wofür oder wogegen protestiert wird. Wenn den Machthabern – ob gewählt oder nicht – das nicht gefällt, neigen sie dazu, die Proteste unterbinden zu wollen. Aber schon ein altes Sprichwort sagt, dass man einen Fluss nicht aufhalten kann, sondern nur lenken. Das mag auf Menschen nicht ganz zutreffen, denn wenn die zu erwartenden Sanktionen hart genug sind, versiegen zumindest die sichtbaren Proteste. Aber was geschieht dann mit den vorher vorhandenen Energien?

Entweder sie versiegen irgendwann durch Krankheit, Alterung, Verzweiflung usw., oder sie werden umgewandelt in kleine alltägliche Sabotageakte, Kooperationsverweigerung oder auch Kriminalität. Es herrscht dann zwar Ruhe, aber gleichzeitig Energieverschwendung.

Auf einer deutlicher weniger sichtbaren Ebene geschieht das in noch größerem Ausmaß: Der stille Protest, der sich darin äußert, dass die Menschen sich nicht mehr z. B. für gemeinsame Ziele engagieren, sondern ihre Energien in Freizeitbeschäftigungen investieren, ohne dass ihnen meist selber bewusst wäre, wogegen sie sich damit wehren bzw. warum sie andere Optionen abwählen. Möglicherweise kann man auch die Priorisierung der Individual- gegenüber den Gemeinwohlinteressen analog deuten.

Wäre es nicht sinnvoller, die vorhandenen Energien positiv zu nutzen, indem man sie in eine produktive Richtung umleitet?

Die wichtigste Voraussetzung dafür wäre, motivierende Ziele und realisierbare Wege zu deren Erreichen aufzeigen zu können. Angesichts widerstreitender Überzeugungen in vielen Bereichen ist es sicher kein einfaches Unterfangen, den Energien eine gemeinsame Richtung zu geben, aber das ist eben die hohe Kunst nicht nur des Regierens, sondern grundsätzlich jeder Politik im Gemeinwohlinteresse und jeder Führungsaufgabe im öffentlichen oder auch privaten Bereich.

Das zu vertiefen würde ein ganzes Buch erfordern. Beispielhaft würde ich hier die Idee anführen, widerstreitende Strömungen in einer Gemeinschaft zuzulassen (ohne eine von beiden zu verbieten), wenn die Entwicklungslinien beider Strömungen mittel- bis langfristig konvergieren, und zwar zu einem Zustand, der vielleicht nicht ideal ist, aber zumindest zukunftstauglich.

Ohnehin muss man diese Energielenkung so verstehen, dass sie nie in einen statischen Endzustand mündet, sondern in ein Zwischenetappenziel, von dem aus die Entwicklung weitergeht. Gerade wenn die Zeit drängt, bestimmte Probleme anzugehen bzw. zu lösen, ist es kontraproduktiv, durch Konfrontation Energien zu blockieren und so eine gewünschte Entwicklung zu verlangsamen. Allerdings kann es in derselben Logik durch aus auch sehr begründet sein, durch Verbote Entwicklungen zu bremsen, wie z. B. im Umweltverschmutzungsbereich.

Wenn durch die konstruktive Nutzung der Energien eine positive gesellschaftliche Dynamik entsteht, kann dies zu einer drastisch gesteigerten Veränderungsrate führen. Der Vergleich Chinas und Russlands zeigt, dass von diesen beiden Diktaturen die Chinesen diese Strategie viel geschickter nutzen. Das Beispiel zeigt aber auch, dass ein solches Verständnis auch für falsche Ziele verwendet werden kann. Die Nazizeit ist im Übrigen die wohl beste Mahnung, dass eine durch eine gemeinsame Ideologie befeuerte Zielverfolgung innerhalb kurzer Zeit große Veränderungskräfte freisetzen kann, die aber eben auch in negativer Weise genutzt werden können.

Wir leben heute jedoch in Europa einer viel heterogeneren Gesellschaft als die vorerwähnten Beispiele. Entsprechend schwieriger ist die Herausforderung. Dennoch würde auch unter diesen Bedingungen viel verschwendete Energie positiv genutzt werden können, wenn man sich nicht immer nur auf der Ebene des „Für und Wider“ bewegte (wie dies insbesondere auch durch die Medien befeuert wird), sondern auf der des „Gemeinsam wohin?“.

Die derzeitige Ampelregierung ist ein Beispiel dafür, dass mit der gemeinsamen Einstellung, das Verbindende zu nutzen statt Gegensätze zu fördern, Blockadeenergien umgelenkt werden können. Dieses Prinzip müsste sich auch in der gesamten Gesellschaft als Basisverständnis verbreiten. Dann könnten auch z. B. aus der aktuellen Impfkontroverse positive Energien freigesetzt werden, die dringend für den Klimaschutz benötigt werden.