Streikspiele

Auch sinnvolle und allgemein akzeptierte gesellschaftliche Errungenschaften laufen Gefahr, aufgrund veränderter und/oder nicht vorhersehbarer Rahmenbedingungen bestenfalls zu sinnentleerten Ritualen, schlechtestenfalls zu einem massiven Ärgernis zu mutieren.

Ein gutes Beispiel dafür ist das Streikrecht. Entwickelt in Zeiten eines „bösen“ Kapitalismus als Druckmittel, um eine sozialverträgliche Arbeitswelt zu erzwingen, dient es heute angesichts eines äußerst eng regulierenden Arbeitsrechts nur noch als strategisches Instrument der Gewerkschaften, bei Tarifverhandlungen mit der Keule zu winken.

Da diese Drohgebärden niemanden wirklich ängstigen, sondern allenfalls einen Lästigkeitsfaktor und ein Kostenelement für beide Seiten darstellen, wird davon üblicherweise auch nur in bescheidenem Maße Gebrauch gemacht.

Ausnahmen sind in erster Linie dort anzutreffen, wo der Streik im Grunde nicht den Arbeitgeber trifft, weil dieser keine Verluste einfährt und sich direkt oder indirekt über Steuergelder finanziert, die quasi unerschöpflich sind, sondern die breite Bevölkerung. Seien es Sozialberufe, Mediziner, nicht verbeamtete Staatsdiener, Lokführer oder Bus- und Bahnfahrpersonal: Je stärker der Streik Dritte (nämlich die Bevölkerung) belastet, desto größer ist der Druck, den sie ausüben können, um wirtschaftliche Vorteile für sich selbst zu erzielen.

In vielen Fällen leuchten die Forderungen durchaus ein, aber warum muss erst massiver volkswirtschaftlicher Schaden produziert werden, bis man sich auf eine vernünftige Lösung verständigt?

Warum gibt es hier keine neutralen Gremien, Schiedsrichter oder ähnlichen Schlichter und Entscheider, die beauftragt sind, eine Lösung zu finden, ohne dass man dazu der Zustimmung der Beteiligten bedürfte? Millionen Menschen würden das begrüßen statt sich alle paar Monate die ewig gleichen Floskeln der Tarifstreitparteien anhören zu müssen, aus deren „Verhandlungen“ dann auch nichts wirklich Sinnvolleres herauskommt als das, was neutrale Experten empfehlen würden.

Expertenurteile mögen als zu „brav“ betrachtet werden. Aber auch die Tarifparteien müssen sich dem ökonomisch Machbaren beugen, warum also nicht gleich Ökonomen und Politiker entscheiden lassen? Denn das angeblich hohe Gut der „Tarifautonomie“ ist spätestens dann nicht mehr vertretbar, wenn es missbraucht und vermeidbarer Schaden produziert wird. Daran sollten die Tarifparteien mal mit Vehemenz erinnert werden.

Entsprechend sollte zusätzlich gelten: Wenn schon die Streitpartien erhebliche Kosten bei der Bevölkerung verursachen, sollten Sie dieser auch Rechenschaft schulden und notfalls von ihr verklagt werden können. Auch im sonstigen Rechtsleben ist es nämlich nicht erlaubt, Dritten vermeidbaren Schaden zuzufügen, ohne dafür zu haften. Das würde den Streikspielchen ein rasches und effizientes Ende bescheren.

Sentió, ergo sum

Das „Cogito, ergo sum“ (Ich denke, also bin ich) von R. Descartes (1641) rückt das rationale Denken ins Zentrum des Menschseins. Er hat es nicht entdeckt, denn Philosophen haben schon lange vor ihm über das Denken und seine Bedeutung nachgedacht. Aber Descartes hat dem einen prägnanten Ausdruck gegeben, der bis heute alle Wissenschaften und die Bildung ganz allgemein prägt. Diese Rationalitätsorientierung hat Ordnung und Fortschritt gebracht, nicht nur in Naturwissenschaft und Technik, sondern auch in den Gesellschafts- und Geisteswissenschaften und nicht zuletzt ins Recht, und diese alle wiederum haben unser Alltagsdenken geprägt.

Bewusst und rational zu leben und entscheiden machen das Menschsein aus, dieses Leitmotiv hat Religion und Aberglaube verdrängt, dem Individualismus und Optimierungsdrang den Weg bereitet und uns das Gefühl gegeben, dass die Nutzung unserer Freiheit entlang dieser Richtschnur zu einem gelingenden Dasein als Einzelne und als Gesellschaft führt.

Inzwischen jedoch mehren sich Zweifel an der Zukunftstauglichkeit dieses Denkmodells bzw. dieser Überzeugung.

Spiegeln

Es gibt einen Gegenstand, den wir mehrmals täglich nutzen, obwohl wir ihn normalerweise gar nicht anfassen. Er schaut uns an und von uns weg, er ist unentbehrlich und doch manchmal gleichzeitig lästig in seiner stummen Ehrlichkeit. Er ist der verkannteste Gebrauchsgegenstand unserer Alltagskultur: der Spiegel.

Ein Spiegel ist physikalisch ein interessantes Instrument: Man kann mit seiner Hilfe Dinge sehen, die nicht direkt wahrnehmbar sind. Nach hinten schauen, um die Ecke, Blicke hineinwerfen wie Billardkugeln gegen die Bande, oder auch die Sinne täuschen, Raumtiefe suggerieren oder ein Bild verzerren, all das ist möglich.

Man erzählt, der erste Mensch, der sich im Spiegel erblickte, erschrak zutiefst. Ob das stimmt, hängt wohl auch vom Alter ab. Als meine kleine Tochter sich im Alter von wenigen Monaten zum ersten Mal im Spiegel sah, war sie neugierig, distanziert, verdutzt und fand es eher lustig. Ein Erwachsener, der zum ersten Mal sein eigenes Spiegelbild sieht, wird vermutlich anders reagieren, zumindest, wenn er sich schon mit sich selbst auseinandergesetzt hat und ein „Bild“ von sich selbst hat.

Der Spiegel ist nämlich auch die Schnittstelle zum Metaphysischen durch die Augen, die sowohl Tür zur Seele und als auch ihr Spiegel sind. Nicht der Spiegel als Gegenstand, sondern das Spiegeln als Handlung ist dabei genau genommen das Spannende.

Das Selbst-Spiegeln bzw. Sich-selbst-Sehen beeinflusst unser Eigenbild viel subtiler, als wir dies wahrhaben. Denn unser Selbstverständnis wird entscheidend auch davon geprägt, wie wir uns äußerlich wahrnehmen und ob dieses Bild mit unserer Vorstellung von uns selbst übereinstimmt. Manchmal wäre es uns in der Tat lieber, wir wüssten gar nicht, wie wir aussehen, weil diese Kenntnis möglicherweise andere Menschen aus uns macht.

Allerdings ist das In-den-Spiegel-Schauen meist nur funktional oder zweckgebunden. Erst wenn wir uns aufmerksam und bewusst in Ruhe betrachten, zeigt sich die Macht der Spiegelung. Am deutlichsten trifft das wohl beim Altern zu, das körperlich viel eher zu erkennen ist als durch eine geistige Innenschau. Allerdings ist ein Spiegel zwar unbestechlich, aber es findet dennoch ein „Fotoshoppen“ im Kopf statt, sowohl aus einer gutmeinenden als auch aus einer kritischen Perspektive.

Wenn ich mein Spiegelbild betrachte, ist dies zudem insofern einseitig, als typischerweise ich selbst derjenige bin, der das Bild betrachtet und interpretiert. Was wir aber zusätzlich brauchen ist, dass andere uns den Spiegel vorhalten. Denn dabei entgleitet das Spiegelbild unserer Kontrolle und wir sind möglicherweise gezwungen, uns anders zu sehen als in unserer eigenen verzerrten Spiegelbetrachtung. Der Vergleich mit der Funktion des Hofnarren oder des Till Eulenspiegel, die Wahrheit mit Humor verbinden, ist dabei meine Lieblingsspiegelung. Heute wären wohl am ehesten Berater und Journalisten dazu berufen. R. Augstein wird wohl so etwas im Sinn gehabt haben, als er seiner Zeitschrift den Titel ‚Der Spiegel’ gab. Denn nicht nur der Einzelne, sondern die ganze Gesellschaft braucht dieses Spiegelbild, dieses Feed-back, um unser kybernetisches System im Gleichgewicht zu halten.

Wenn wir uns trauen, können wir also selbst zu „Spieglern“ für andere werden, nur dass wir dann mit Worten reflektieren. Nicht umsonst bedeutet „Reflexion“ ursprünglich: Widerspiegelung, Rückstrahlung, und die Welt da draußen wird mit Worten gespiegelt. Das „Spieglein, Spieglein, an der Wand“ wird dann zur modernen Variante „Spieglein, Spieglein, mein Verstand“.

Verbietendes Denken

Die typisch juristische Denkweise ist die von Ge- und Verboten sowie möglichen Rechtsfolgen und Sanktionen für den Fall, dass diese nicht eingehalten werden. Es ist normalerweise aber nicht die Aufgabe von Juristen, sicherzustellen, dass sie eingehalten werden, und sich Gedanken darüber zu machen, wie das geschehen könnte. Und schon gar nicht lernen sie (auch wenn es im Berufsleben viele Gelegenheiten dazu gibt), wie man menschliches Verhalten (besser) ohne Ge-/Verbote lenken kann oder welchen Schaden man mit (strenger) Verhaltensregulierung sogar verursachen kann.

Wenn man sich dies vor Augen hält, dann scheint es, als würde Politik heutzutage nur noch von Juristen gemacht und bestünde darin, die Gesellschaft durch gesetzliche Vorgaben zu modellieren, die zudem gerne noch mit strafrechtlichen Sanktionen versehen werden, um angesichts überbordender Regulierung überhaupt noch ernst genommen und respektiert zu werden.

Es fehlt offenbar sowohl die Bereitschaft, abweichendes Verhalten zu tolerieren, als auch der Wille, auf inhaltlicher Ebene zu argumentieren und überzeugen, und nicht zuletzt das Vertrauen, man könne die Bürger durch Einsicht zu einem sozial- (und umwelt-)verträglichen Verhalten bewegen.

Es gibt sicher gute Gründe, an die Einsichtsbereitschaft und -fähigkeit der Menschen zu zweifeln, ihren Egoismus und ihre Verantwortungslosigkeit zu fürchten, und angesichts der Komplexität der Realität manche Dinge für sie zu entscheiden statt mit ihnen. Aber der Drang zur möglichst detaillierten Regulierung „erzieht“ die einen Menschen dazu, ihren gesellschaftlichen Beitrag darauf zu fokussieren (und ggf. beschränken), was ge- oder verboten wird, und die anderen dazu, gegen diese Bevormundung zu protestieren, notfalls durch Ungehorsam.

Durch beides sieht sich der Staat dann häufig genötigt, weitere „Impulse“ zu setzen oder unliebsames Verhalten zu unterbinden, und das setzt einen weiteren Regulierungskreislauf in Gang, der letztlich diese Verhaltensweisen nur noch verstärkt.

Es wäre wesentlich sinnvoller, eine Balance herzustellen zwischen den notwendigen, Klarheit schaffenden Regeln des Zusammenlebens und der Bereitschaft, die Gesellschaft sich in Freiheit entwickeln zu lassen, auch wenn dies bedeutet, dass es zu Abweichungen von Gerechtigkeitsidealen kommt, die die Mehrheit oder gut organisierte Minderheiten derzeit mit allen möglichen protektiven gesetzlichen Regeln zu verhindern oder kompensieren versuchen. Denn die Realität zeigt: Solche Regeln bewirken wenig, sie irritieren viele, belasten manche und führen bei den meisten Menschen auch nicht zur Änderung ihrer Einstellungen. Es ist aber gerade Letzteres, das für die Entwicklung der Gesellschaft entscheidend ist.

Als Beispiele für solches ge- und verbietendes Denken kann man insbesondere Regeln zum Verbraucher-, Umwelt-, Daten-, Arbeits- und Gesundheitsschutz, zur Lieferkettensorgfalt oder zur Antidiskriminierung jeglicher Art anführen. Aber dazu zählen auch die Diskussionen über Verbote gesellschaftspolitischer Aktivisten (z. B. Klimakleber) oder unliebsamer politischer Parteien (s. NPD, AfD), mit denen man sich nicht auf inhaltlicher Ebene auseinandersetzen möchte, obwohl nur auf diese Weise eine echte gesellschaftliche Weiterentwicklung stattfinden kann, welche die Demokratie aus Fundament akzeptiert und festigt.

Recht ist in einer modernen Gesellschaft eine notwendige Last, aber es darf nicht dazu kommen, es als Allheilmittel zur Durchsetzung von jeweils aktuellen Mehrheitsinteressen nutzen zu wollen. Denn wenn die Mehrheitsverhältnisse sich ändern, werden ganze Rechtsbibliotheken schnell durch einen Federstrich des Gesetzgebers zur Makulatur (wie ein bekanntes Diktum aus dem 19. Jhdt. besagt), wenn dem nicht eine echte, weitgehend gesamtgesellschaftliche Entwicklung zugrunde liegt. Und diese findet grundsätzlich erst einmal außerhalb des Rechtsraumes statt.

Wer eine umgekehrte Kausalkette einrichten, das Recht zur Volkserziehung einsetzen und eine bestimmte Überzeugung oder Ideologie in der Bevölkerung verankern will, muss zwangsläufig die Freiheit des Einzelnen beschränken, und wird früher oder später verleitet oder genötigt sein, zu diktatorischen Mitteln zu greifen. Es ist wichtig, dies zu bedenken, wenn bei nächster Gelegenheit wieder einmal nach einem gesetzlichen Verbot von Diesem oder Jenem gerufen wird.

Meine Demokratie

Sobald Wahlen anstehen, sehen seit einiger Zeit die meisten (sich in der Mitte wähnenden) Medien „die“ Demokratie in Gefahr, weil Populisten (insbesondere von rechts, aber auch von links) und verwirrt-unberechenbare Bürger (von überall her) die vertrauten Verhältnisse in Frage stellen und damit politische Verschiebungen drohen, welche eine funktionierende Demokratie zunichte machen könnten.

In der Tat ist die Demokratie die einzige Regierungsform, die vom Konzept her den Keim in sich trägt, sich gewollt selbst zu zerstören. Das wäre zwar nicht fein, aber demokratisch, wenn es von der Mehrheit gewollt wäre, was aber im Übrigen bisher selbst in den bereits existierenden, kritisch beäugten (früher eher demokratischen) „Problemstaaten“ bzw. durch deren Problempräsidenten noch nicht geschehen ist.

Wenn nun allerdings vorgeblich überzeugt demokratisch Gesinnte appellieren, „die“ Demokratie müsse geschützt werden, dann meinen sie in Wirklichkeit „ihre“ Demokratie, nämlich ein System, in dem wie bisher zwar das Volk abstimmt, aber letztlich trotz Wahlen die tatsächlichen Machtverhältnisse strukturell gewahrt bleiben, d. h. die etablierten gesellschaftlichen Eliten (von Reichen über Gutbürger bis hin zu Parteispitzen) wechseln hin und wieder die Stühle, aber fundamental ändert sich nichts. Das ist die Demokratie, wie wir sie kennen und offenbar die meisten sie mögen.

Die demokratische Minderheit (Opposition) baut dabei typischerweise darauf, dass diese Demokratie es ihnen grundsätzlich ermöglicht, auch einmal zur Mehrheit zu gehören, oder dass zumindest ihre Anliegen von der Mehrheit ernst genommen werden. Wenn aber zu viele Menschen finden, dass sie im Demokratiespiel kaum mehr als Stimmvieh sind und keinen Zugang zur Mehrheit oder zumindest Berücksichtigung ihrer Interessen erwarten können, dann ist das nicht mehr „ihre“ Demokratie, und dann drohen jene Veränderungen, welche die anderen fürchten.

Wenn man die Demokratie also retten will, dass muss man „mehr (echte) Demokratie wagen“, wie Willi Brandt das mal formuliert hat. Dazu hat die traditionelle Mehrheit zwar wenig Lust (umso weniger, je häufiger man an der Macht ist), aber die „Alternativen“ und ihre Anhänger haben sich offenbar in ausreichender Anzahl auf den Weg gemacht, das nun zu ändern.

Das sollte man als Demokratiegesinnter eigentlich begrüßen. Was einen aber zögern lässt, ist die Erkenntnis oder zumindest Befürchtung, dass die vorgeblichen „Alternativen“ im Demokratiespiel nicht vertrauenswürdiger sind als die Etablierten: Sie kochen vermutlich ihr eigenes Süppchen und denken gar nicht daran, den Rest des Volkes (bzw. die bisherige Mehrheit) daran mitlöffeln zu lassen. Ob die sie unterstützenden Menschen, sobald sie das merken, dann noch die Wahl haben werden, auch diese an die Macht gelangten „Demokraten“ abzuwählen, das ist die spannende Frage.

Echte Sorgen machen muss man sich letztlich nur, wenn man diese Frage wahrscheinlich mit nein beantworten muss. Alles andere müssen wir als Anhänger der Demokratie aushalten. Auch Andersdenkende sollen schließlich die Chance haben, ihre Inkompetenz, Gier, Ideenlosigkeit usw. unter Beweis zu stellen. Denn nichts spricht dafür, dass sie in der Lage wären, ein Land besser zu führen als ihre politischen Gegner.

Solange es also funktionierende Institutionen im Staat gibt, die auch den tatsächlichen Rückwechsel sicherstellen, können wir also gelassen bleiben. Wenn hingegen neue Machthaber versuchten, das Staatssystem zur eigenen Machtsicherung umzuschreiben, dann wäre nicht bloß Alarmgezeter angesagt, sondern tatsächliches Handeln.

Davon sind wir aber noch ein gutes Stück entfernt. Und die beste Prävention, es nicht soweit kommen zu lassen, ist Demokratie zu leben: Nicht durch Ablehnung und Verbote der Andersdenkenden, sondern durch Diskussion, Überzeugung und Gewinnung neuer Mehrheiten. Diese werden Entgegenkommen und Kompromisse erfordern, und hier liegt die echte Gefahr für die Demokratie: Der Unwille, sich mit Andersdenkenden zu arrangieren und gemeinsame Lösungen zu finden. Das ist anstrengend, aber gerade das würde es allen erlauben, und nicht nur der jeweiligen Mehrheit, die Demokratie als die ihrige zu betrachten. (s. auch Gläubigen predigen)

Gläubigen predigen

Derzeit läuft eine große Anzeigenkampagne, in der deutsche Unternehmen unter dem Slogan #zusammenland ihre Ablehnung rechter Fremdenfeindlichkeit zum Ausdruck bringen. Aber was will man damit erreichen, außer den ausgewählten Zeitungen über die verkaufte Werbefläche Zusatzeinnahmen zu bescheren?

Die Unternehmen haben erst einmal allen Grund, sich entsprechend der politischen Mehrheitsverhältnisse „politisch korrekt“ zu verhalten und bei der Aktion mitzumachen. Die Nazizeit hat allerdings deutlich genug gezeigt, dass die unternehmerische Gesinnung bei ernsten Machtwechseln auch gerne mal die Richtung ändert.

Vor allem aber: Wen will man damit erreichen und beeindrucken? Die Leser dieser Zeitungen sind weit überwiegend ohnehin derselben Meinung. Und auf welcher Erkenntnisgrundlage glaubt man, durch Zeitungsanzeigen sonstigen Andersdenkende zum Umdenken zu bringen? Wer lässt sich von einer solchen Art Demonstration von seiner Meinung abbringen?

Fast könnte man denken, es werden auf diese Weise Durchhalteparolen ausgegeben, weil man Sorge hat, der Widerstand oder Kampfesmut der „Zusammenhaltenden“ könnten brechen (wenn diese militärische Analogie erlaubt ist).

Ein ähnliches Phänomen beobachtet man im Übrigen bei den großen Telemedien: Dort berichtet man über Rechts (und die AfD), so als handelte es sich um einen fremden Eindringling. Mit neutraler und inhaltlich kritischer Berichterstattung hat das nur noch gelegentlich zu tun, das Ganze erinnert eher an Berichte über Russland bzw. Putin.

Ist das nur ideologische Beschränktheit oder schon Angst, wenn man quasi zur Solidarität aller politisch „Rechtgläubigen“ aufruft? Der Aufrechterhaltung der Demokratie dient es jedenfalls nicht, Feinde im eigenen Land zu suchen und diese so lange vor den Kopf zu stoßen, bis sie diese Medien nicht mehr ernst nehmen und sich gar nicht mehr ansprechen lassen, sondern nur noch unter Ihresgleichen bleiben (wie dies ja offenbar jetzt schon weitgehend der Fall ist).

Das Ganze ähnelt der Situation in den Kirchen: Überzeugungsarbeit leistet man am liebsten bei Überzeugten, mit den „verlorenen Schafen“ setzt man sich lieber nicht auseinander, vermutlich weil das die eigenen Überzeugungen in Frage stellen könnte. Was aus solchem Vermeidungsverhalten langfristig wird, kann man an der gesellschaftlichen Entwicklung feststellen, welche Kirche und Religion zu kulturellen Randerscheinungen werden lässt. Wenn man daraus keine Lehren zieht, wird es mit der Demokratie ähnlich enden.

Es führt daher kein Weg drumherum, sich mit den Kerninhalten rechten Denkens zu beschäftigen, dieses mit den davon Überzeugten zu diskutieren und auf diese Weise Einfluss zu nehmen, statt sich rechthaberisch zu verweigern, das unangenehme Gedankengut verbieten zu wollen und zu hoffen, dass das „Problem“ sich irgendwie von alleine erledigt. (s. auch Meine Demokratie)

Verstand und Vernunft

„Unsere heutige Bildung ist hauptsächlich an materiellen Werten und an Verstandesbildung orientiert. Aber die Realität zeigt, dass wir mit dem Verstand allein nicht zur Vernunft kommen. Es geht auch um Ziele wie Liebe, Mitgefühl, ein Gefühl für Gerechtigkeit, Achtsamkeit und Vergebung. Und dies als Bildungsziele von den Kindergärten bis zu den Universitäten. Bildung muss ein globales Denken über die Zukunft der Welt vermitteln.“

Dalai Lama, in : Publik-Forum Nr. 3/2018, S. 20.

Selbstversuche

Medienschaffende sind mir ein steter Quell ungläubigen Staunens, allerdings leider weniger wegen ihrer herausragenden Leistungen als vielmehr wegen ihres Selbstverständnisses und ihrer Weltsicht.

Ein besonders nerviges wiederkehrendes Thema sind „Selbstversuche“. Es ist ja nicht so, dass es auf diesem Globus, oder auch in der näheren Heimat, nichts Berichtenswertes gäbe. Aber für viele Journalisten scheinen Berichte über Eigentauglichkeitstests den perfekten Vorwand zu liefern, ihr Ego in aller Öffentlichkeit und Unschuld zu verhätscheln und dabei noch den Eindruck zu erwecken, sie hätten etwas Bahnbrechendes oder zumindest Bemerkenswertes im Interesse der Allgemeinheit getan, auch wenn die preisgegebenen Erkenntnisse nur den Stand der Beschränktheit ihrer AutorInnen spiegeln.

Besonders beliebt ist das Ausprobieren alternativer Lebensweisen, wahlweise mit der Ausrichtung Öko/Bio (zuletzt S. Neukam in der ZEIT 11.1.2024 S. 27), Schlichtheit/Verzicht oder sogar Faulheit (so zuletzt P. Pinzler in der ZEIT 28.12.23, S. 61). Jungs und Mädels aus offenbar besserem Hause nehmen ihren Mut in beide Hände und trauen sich mal (meist nur für sehr kurze Zeit) eine Lebensweise, die ihnen offenbar so seltsam vorkommt, dass sie der Welt mitteilen müssen, was sie so erlebt haben und (vielleicht, und wenn überhaupt, dann nur für sich) daraus schließen, auch wenn das bei den Lesern eher zu Fremdschämgefühlen als zu neuen Erkenntnissen führt.

Vielleicht sind solche Berichte ja der Ersatz traditioneller Abenteuerromane in Kurzform für weniger Aufnahmefähige (Die Aufmerksamkeit des digital geprägten Nachwuchses reicht heute ja kaum noch für einen ganzen Roman.) und/oder Minderbegabte (für die echte Wissenschaft ohnehin „fake“ ist). Sesselpupsende Normalos ohne jeglichen Entwicklungsdrang fühlen sich dann von der fast immer sehr zurückhaltenden Begeisterung der TesterInnen jedenfalls bestätigt, dass das „nix für sie wäre“, ansonsten profitiert vom Erfahrungsbericht nur der/die/das Autor*in* auf seinem/ihrem Honorarkonto.

Ich fühle mich nicht berufen, Selbstverzwergungstendenzen von Schreiberlingen jeglicher Art zu verhindern, soviel Freiheit zum Nichtsein anderer muss man aushalten. Mich stört (wie bei vielem anderen) der Beitrag zu Volksverdummung und das damit verbundene Bauchgefühl, dass wir Menschen als Kollektiv grade einen Selbstversuch unternehmen, über den niemand mehr wird berichten können, u. a. weil es zu vielen Medienschaffenden reicht, sich mit ihrem kleinen Ich zu beschäftigen.

Selbstabsolution

Es ist mal wieder Winter, und was erzählen uns die wintersportverliebten Nachbarn und Freunde, wenn es sich dann doch grade nicht verheimlichen lässt, dass die Schier gepackt werden?

Mit leicht sorgenbewusstem Blick sagen sie „Ich weiß, das ist ökologisch nicht unbedenklich, aber …“ und dann kommen wahlweise:

  • „… wir machen das im Freundeskreis schon seit Jahrzehnten“,
  • „… es ist die letzte Chance, mit den Kindern was gemeinsam zu machen“,
  • „… die Preise waren grade unverschämt günstig“,
  • „… es war ausnahmsweise mal etwas frei, wenn wir Urlaub nehmen konnten“,
  • „… wir spenden dafür auch etwas an die Umwelthilfe“,
  • „… so schlimm wird es ja wohl nicht sein, sonst wäre es doch verboten, oder?“.

Für die Selbstrechtfertigung gibt es für sie alle offenbar keinen objektiven Standard, es reicht der Hinweis darauf, man wisse ja, was man da tue, aber eben …

Dass die Naturzerstörungsfolgen und die Klimabelastung dieses Hobbies ausreichend objektiv wissenschaftlich belegt sind, wird lieber ignoriert, denn erst dann käme es ja zur ethisch entscheidenden Frage, ob dieses Kurzzeitvergnügen den Langfristschaden rechtfertigt, und nach welchem Maßstab.

Die Gesellschaft muss sich fragen, warum sie diese Art Hobbies (und da gibt es ja einige andere …) zulässt, wenn sie tatsächlich Schaden verursachen und ansonsten nur Vergnügen und Gewinnstreben dahinterstecken, während Klimaaktivisten wie Kriminelle behandelt werden und privat für die durch sie verursachten Schäden aufkommen sollen (was für sie angesichts der Folgeschäden den lebenslangen Ruin bedeutet).

Sinn ergibt sich bekanntlich durch das miteinander Inbezugsetzen der richtigen Dinge. Irrsinn aber auch.

Dass einzelne Menschen sich selbst durch Billigrausreden ihr Tun schönreden, ist wohl unvermeidlich. Wenn aber eine Gesellschaft – oder sogar die globale Gesellschaft – den Irrsinn ihrer eigenen Funktionsweise nicht erkennt und verbietet, solange ist es ja wohl in Ordnung, dass wir uns selbst vergeben, nicht wahr, liebe Freunde und Nachbarn?

Klimapassivisten

Der Klimawandel mit seinen vielfältigen Formen ist das wohl drängendste Thema unserer Zeit, und weil Politik und Öffentlichkeit dies zwar bewusst ist, aber nicht zu übermäßigem Aktivismus motiviert, versuchen Aktivist*innen, durch alle möglichen weitgehend harmlosen, aber medienwirksamen Aktionen darauf aufmerksam zu machen.

Was aber passiert? Nicht über die Klimaherausforderungen wird intensivst debattiert, sondern über die Klimaaktivist*innen.

??????? (Mein Hirn hat grade einen Moment ausgesetzt.)

Die Medien sind voll von Empörungsbekundungen gegen die unverschämte Jugend und deren störende Aktionen: Friedliche Demos mögen ja grade noch gehen (aber bitte angemeldet, damit der Verkehr nicht zu sehr gestört wird), aber Verkehrschaos durch Selbstfestkleben mitten auf der Straße oder Flugverspätungen, das ist ungeheuerlich! Und Tomatenmark oder Kartoffelpüree auf Kunstwerke – ja geht es noch? Da werden doch sofort Rufe nach drastischen Strafen laut, das Chaos wird beschworen und sogar Vergleiche mit dem linken Terror vor 50 Jahren angestellt.

?!?!?!?! (Ich versuche zu verstehen.)

Ist unsere geradezu traumatische Angst (beruhend auf einem intensiven Gefühl von Hilflosigkeit) vor der zu erwartenden Klimakatastrophe so groß, dass wir nicht nur verdrängen (dissoziieren), sondern uns aggressiv jenen gegenüber verhalten, die unnötigerweise dieses Trauma durch ihre Aktionen triggern? Eine andere sinnvolle Erklärung fällt mir jedenfalls zu diesem irrationalen Verhalten nicht ein.

Statt stolz auf das friedliche Engagement zugunsten unser aller Allgemeinwohl zu sein und die Aggressionen für jene aufzuheben, die sich aktiv an der Klimakatastrophe beteiligen, grummeln wir nur noch, man möge uns endlich damit in Ruhe lassen. Das wiederum könnte daran liegen, dass wir fast alle mehr oder weniger große Klimakiller sind und daran doch lieber nicht daran erinnert werden. Soll doch die Regierung was machen und uns in Ruhe lassen, oder?

!!!!!!!!! (Ich glaube zu erkennen.)

Ich habe schon früher die Befürchtung geäußert, dass uns nur eine Katastrophe retten kann. Was unsere Klimapassivisten grade abziehen, bestätigt das leider. Menschen sind zwar grundsätzlich begabt zum rational gesteuerten Handeln, aber leider spielen unsere tieferen Gehirnschichten da nicht mit, so dass sich eine Stimmung breitmacht, die lieber den kollektiven Untergang in Kauf nimmt als die individuelle Umkehr in Angriff zu nehmen.

Sozialpsychologen haben für solche Haltungen sicher ein theoretisches Erklärungsmodell. Aber wie man diese in kurzer Zeit in der Praxis therapiert, wissen sie offenbar auch nicht.

000000 (Ich weiß es leider auch nicht.)