Ich, wir und Covid

„Covid-19 hat offenbart, dass eine erzwungene Wahl zwischen dem egozentrischen Individuum und dem unterdrückenden Kollektiv eine falsche Alternative ist. Wenn wir das einundzwanzigste Jahrhundert überleben wollen, brauchen wir eine dritte Sichtweise: eine systematische Anerkennung, dass jede individuelle Erfahrung ein unersetzlicher Knotenpunkt in einem Netz der Wechselseitigkeit ist. Darum geht es im Leben. Und die Politik ist ein Teil des Lebens.“

Francesca Melandri, Gefährliche Tabus, ZEIT Nr. 53, 22.12.2021, S. 60

Mörderischer Markt

Dass das freie Marktgeschehen gezügelt und eingehegt werden muss, ist keine neue Entwicklung. Seit dem Ende des 19. Jhdts., und erst recht in den letzten 50 Jahren, haben insbesondere Kartell- und Wettbewerbsrecht, aber auch Sozial- und Arbeitsrecht, Mietrecht, Verbraucher- und Datenschutzrecht es sich zur Aufgabe gesetzt, das Marktgeschehen zu kanalisieren und negative Nebenwirkungen zu vermeiden.

Dabei scheint es aber seit dem Untergang des planwirtschaftlichen Kommunismus weltweiter Konsens (mit Ausnahme von Nord-Korea) zu sein, dass es zum Marktprinzip keine Alternative gibt, so auch in Deutschland mit seiner sozialen Marktwirtschaft.

Das Problem ist nur, dass das Marktprinzip grundlegende Systemfehler aufweist. Und sosehr wir uns dies auch schönreden oder es verdrängen, der Markt wird dasselbe Schicksal erleiden wie jedes angebliche perpetuum mobile: Er wird aufhören, sich zu bewegen, weil er sich selbst zerstört, und das umso schneller, je stärker wir einen freien Markt propagieren.

Warum wird das früher oder später eintreten?

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Merkeldämmerung

So langsam nähert sich das Ende der Ära Merkel, und das ist nicht nur grundsätzlich – im Sinne eines regelmäßigen Machtwechsels zur Erreichung eines dynamischen politisch-gesellschaftlichen Gleichgewichts – , sondern im vorliegenden Fall auch wegen Merkel als Person begrüßenswert.

Nachdem die sogenannte öffentliche Meinung sowie jene, die sich gerne auf die aus ihrer Sicht vorherrschende öffentliche Meinung berufen, weil sie keine eigene haben, die Kanzlerin als quasi unantastbare Lichtgestalt gehypt haben, trauen sich nun auch die Kritiker eher zu Wort, bzw. sie erhalten die Chance, als Teil der öffentlichen Meinung differenziert wahrgenommen zu werden. Und das zurecht. Denn bei näherer Betrachtung – und dies wird sich in Zukunft aus einer größeren zeitlichen Distanz noch genauer erkennen lassen – muss man eine (sehr) kritische Bilanz hinsichtlich Merkels Leistungen, aber auch der Funktionsweise des Merkel fördernden Systems ziehen.

Das gilt nicht nur in Bezug auf ihre Handlungen, sondern viel eher noch mit Blick auf ihr Nichthandeln .

Es können hier nicht alle Themen angesprochen werden, aber einige besonders wichtige kritische Aspekte wären die folgenden: Weiterlesen

Engpässe

Die meisten Menschen haben sich so sehr an eine Wirtschaft im Überfluss gewöhnt, dass die neuerdings in vielen Bereichen auftretenden Engpässe in einzelnen Produkt- und Dienstleistungsmärkten (inkl. Arbeitsmarkt), erkennbar an drastischen Preissteigerungen, Lieferverzögerungen oder Nichtverfügbarkeit, nicht nur störend, sondern auch unverständlich erscheinen.

Natürlich kann man nachvollziehen, dass die Pandemie sowie Naturkatastrophen, die beide weltweit auftreten, das Funktionieren des globalen Marktes stören können (Kriege hingegen scheinen nicht dort stattzufinden, wo relevante Wirtschaft existiert, Rohstoffnachschub wird notfalls durch die Unterstützung von Diktaturen gesichert). Aber diese exogenen Faktoren sind nicht die einzigen Problemursachen, sondern diese sind grundlegend in unserem Wirtschaftssystem zu finden. Weiterlesen

sozusagen

Füllwörter sind ein bekanntes Sprachphänomen. Für die Einen sind sie dabei überflüssige Satzbausteine inkompetenter Sprecher, für die Anderen ein probates Mittel für subtile Ausdrucksnuancen.

Neuerdings scheint sozusagen en vogue zu sein, insbesondere seit Angela Merkel damit sozusagen „erwischt“ wurde, obschon auch sie wohl eher von einem schon seit einigen Jahren bestehenden Trend infiziert wurde.

Die Wörterbücher sehen es als Äquivalent (sozusagen) von Ausdrücken wie: wie man es ausdrücken könnte, gleichsam, quasi, ungefähr, so gut wie, gewissermaßen, in gewissem Grade/Sinne, in gewisser Weise, mehr oder minder/weniger … Kurzum: Nix Genaues weiß man nicht, aber sagen möchte man das so Qualifizierte trotzdem.

Warum ist das Wort heute so beliebt?

Eine rationale Erklärung gibt es nur für die Fälle, in denen es bewusst und gezielt eingesetzt wird, um eine Vagheit auszudrücken, eine absichtliche Unschärfe zu dokumentieren oder auch Unsinn mit Unterhaltungswert zu produzieren.

Spannender und schwieriger sind die Fälle, in denen das Wort unbewusst genutzt wird, meist in der gesprochenen Sprache. Hier scheinen unreflektierte sozio- und/oder psychologische Gründe für diesen Sprachtick eine Rolle zu spielen:

Da ist zum einen die Nachahmung und Anpassung an einen sprachlichen Modetrend, wie man ihn auch bei anderen Worten und Redewendungen kennt. Das hat keinen tieferen Sinn, außer dass man zum Ausdruck bringt, dass man dazugehören (oder seine Solidarität mit Merkel bekunden …) möchte.

Manche äußern sich zu Themen, deren Fachsprache sie nicht beherrschen, und um diese Schwäche zu entschuldigen, garnieren sie ihre Rede üppig mit sozusagen. Das Kaschieren der eigenen sprachlichen oder fachlichen Unfähigkeit ist dabei im Übrigen nicht nur ein Bedürfnis bildungsferner Bevölkerungsschichten, sondern auch von überforderten Politikern und Managern.

Bei Jugendlichen kommt noch hinzu, dass die omnipräsente Sprachökonomie und fehlendes Training im Schulkontext das schlummernde Sprachtalent verkümmern lassen, so dass diese sich mit Füllwörtern behelfen müssen, wenn sie sich zu Wort melden (was im Gegensatz zu früher heute offenbar erwartet wird).

Ein ebenfalls neueres Element dürfte die Angst vor Klarheit und Wahrheit sein. Jeder möchte eine Meinung äußern, aber nicht kritisch beim Wort genommen werden. Also relativiert man seine Aussagen, um sich unangreifbar zu machen. Gerade Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, wappnen sich so gegen karriereschädliche Versprecher, die infolge der omnipräsenten Überwachung der Sprachwächter („political correctness“ und seine Varianten) drohen.

Und nicht zuletzt gibt es die Viel- und Schnellredner, die erst dann wissen, was sie sagen, nachdem sie es gehört haben. Das Sozusagen ist sozusagen die eingebaute Bremse in diesem Redefluss, damit das bewusste Denken noch nachkommen kann. Es wäre spannend zu prüfen, ob Hochbegabte sozusagen-Dauernutzer sind.

Warum sozusagen sich gegen die anderen Füllwörter der deutschen Sprache durchgesetzt hat? Ich tippe auf Ansteckung. Aber immerhin ist die sozusagen-Pandemie beherrschbar – falls dieser Virus dann nicht zu einem anderen Füllwort mutiert.

Laubbläser im August

Neulich hörte ich im saisonal üblichen Gerätelärmhintergrundrauschen der Nachbarschaft ein penetrantes Geräusch, das ich nicht erwartet hätte: Laubbläser waren nicht nur bei Nachbarn, sondern auch in der Straße im Einsatz, wo die Gründienste der Stadt fleißig Bürgersteige freipusteten. Wohlgemerkt: Mitte August, nicht Ende November.

Während man üblicherweise sommertags nur durch Hochdruckreiniger, Heckenscherer und Rasenmäher belästigt wird – falls nicht gerade Bohrmaschinen, Schleifechsen, Presslufthämmer und sonstige Baugeräte von Renovierungsaktivitäten der Nachbarn zeugen – stellt der Laubbläsersound (gerne mit Benzinantrieb genutzt) in dieser Kakophonie nicht nur eine nervige Ergänzung dar, sondern regt auch zum Nachdenken an:

  • Sind Klimawandel und dadurch bedingte Bodentrockenheit bereits so weit fortgeschritten, dass Laub schon mitten im Sommer zum Problem wird?
    Die Trockenheit nimmt zwar in der Tat zu, aber die Menge gefallener trockener Blätter ist so überschaubar, dass sie eigentlich keiner Räumung bedürfen.
  • Ist unsere Sauberkeitsmanie so weit gediehen, dass unser Sommeridyllverständnis kein Laub verträgt?
    Das ist schwer zu beantworten, da müsste man die Laubbläseraktivisten wohl direkt befragen.
  • Oder wollen wir dem Klimawandel trotzen, indem wir zumindest die Problemsymptome schnell beseitigen?
    Auch das muss eine Vermutung bleiben, die einer kollektivpsychologischen Überprüfung bedarf.
  • Schließlich wäre es auch möglich, dass wir in unserer Technisierungseuphorie inzwischen das Stadium erreicht haben, dass auch das händische Fegen im Außenbereich (im Haushalt schon durch den (allerdings leiseren) Staubsaugerroboter ersetzt) eine unzumutbare körperliche Belastung darstellt?
    Schon möglich, jedenfalls ist es wesentlich „chicer“, programmgemäßes (und möglichst technisch gestütztes) Bodyshaping zu betreiben, um einen körperlichen Ausgleich zur überwiegend kopflastigen Tätigkeit zu schaffen, zumal nun auch das Gehen durch überall verfügbare Elektroroller zunehmend zur ungewohnten Übung wird.

Aber vielleicht bin ich letztlich auch nur ein Nostalgiker, der sich nach ganz normalen ruhigen Sommertagen sehnt und mit einer natürlichen Lebensweise Teil der Natur sein möchte.

Leben wägen

1. Die Corona-Pandemie hat die Frage aufgeworfen, welchen Preis wir zu zahlen bereit sind, um Menschenleben zu retten.

Diese Frage ist keineswegs neu, sondern sie stellt sich in vielerlei Zusammenhängen, von der Organisation von Rettungseinsätzen über Lebensmittelgesetzgebung oder Geschwindigkeitsbegrenzungen auf der Autobahn bis hin zur TÜV-Zertifizierung von Kinderspielzeug. Die Antworten hierauf sind uneinheitlich: Zwar werden Gesundheit und Leben der Menschen als hohes Gut geschützt, aber in der konkreten Ausgestaltung handelt unsere Gesellschaft keineswegs einheitlich und logisch-konsequent (ohne dass uns dies jedoch immer bewusst wäre).

Die Corona-Pandemie wirft diese Frage in besonders akuter Weise auf: Zum einen sind unterschiedslos alle potenziell von einer Infektion (und einem frühzeitigen Ableben) bedroht, zum anderen sind die Kosten des Lebensschutzes gigantisch und weit jenseits dessen, was bislang als gerechtfertigt betrachtet wurde.

Aus der Analyse der hierfür auschlaggebenden Gründe ergibt sich, dass der Staat (ob bewusst oder unbewusst) nicht willens und/oder in der Lage ist, zu differenzieren und priorisieren, d. h. abzuwägen und zu entscheiden, und stattdessen lieber pauschale und totale (weitreichende) Maßnahmen trifft, die erhebliche Folgen für die kommende Generation haben werden.

In der Tat sind die hier zu treffenden Abwägungsentscheidungen grundlegend und existenziell, z. B.:

  • Welches Leben ist schützenswerter: Das der Jungen oder Alten? Das der Reichen oder Armen? Das der sozial Engagierten oder Egoisten? Usw.
  • Welche Wohlstandseinbußen sind wir bereit hinzunehmen, um Menschenleben zu retten? Wessen Wohlstand darf bzw. soll in wessen Lebensinteresse beschränkt werden? Wieviel darf die Verhinderung eines frühzeitigen Sterbens bzw. gesamtgesellschaftlich des „Übersterbens“ kosten?

Da das Besondere am Sterben ist, dass es früher oder später jeden trifft, geht es zudem genau genommen nicht darum, das Sterben an sich zu vermeiden, sondern frühzeitiges Sterben. Die Einbeziehung dieses Aspekts führt zur zusätzlichen schwierigen Abwägung, ab welchem Alter ein frühzeitiges Ableben ggf. hinnehmbar würde. Wollte man das ernsthaft entscheiden, dürfte man sich im Übrigen nicht auf eine reine zahlen- bzw. altersmäßige Betrachtung beschränken, sondern man müsste auch die Lebensqualität und vor allem den Beitrag zum Erhalt und zur Funktionsfähigkeit der Gesellschaft (also die kollektiven Interessen) berücksichtigen.

Der Staat als solcher verbietet sich solche abwägenden Überlegungen, notfalls mit Verweis auf die Ideen „unwerten Lebens“ der Nazis oder auf kommunistische Diktaturen, die ihren Ideologien Millionen Menschen geopfert haben, auch wenn es hier und heute ja gerade nicht um Entscheidungen einer Machtelite, sondern um demokratische Entscheidungen gehen würde.

Noch handelt es sich dabei jedenfalls um ein Tabuthema, dass zwar ständig im Raum steht, aber konsequent gemieden wird. Das scheint bislang auch noch der weit überwiegenden Volksmeinung zu entsprechen. Je gravierender die Lage aber für alle wird, und vor allem für junge Menschen, die den Eindruck haben, ihre Zukunft werde zugunsten der Lebensverlängerung der Alten ruiniert, umso unvermeidbarer wird diese Frage diskutiert und entschieden werden müssen, vor allem wenn schon im Herbst möglicherweise der nächste Lockdown droht. Und erst recht wird dies der Fall sein, wenn in ein paar Jahren die nächste Katastrophe eintritt und die staatlichen Ressourcen definitiv zu knapp werden, um noch Rettungsschirme aufzuspannen. Weiterlesen

Lockdown und Lebensschutz

Die meisten Menschen haben Angst vor dem Sterben, mit Ausnahme jener, für die das „Jenseits“ ein wie auch immer geartetes Paradies darstellt. Und je besser es den Menschen im Diesseits geht, oder je weniger sie auf das Paradies vertrauen, desto größer scheint ihre Angst zu sein.

Die Gesellschaft als Kollektiv hingegen nahm bis zur Corona-Pandemie das Sterben eher gelassen hin. Sterben gehörte zum Leben dazu, und die Gesellschaft ist deswegen nie in Panik geraten. Natürlich hat sie Maßnahmen gefördert, die „unnötiges“ Sterben (z. B. durch Unfälle oder Krankheiten) verhindern sollen, aber doch mit überschaubarem Einsatz. Dabei geht es in erster Linie darum, Systemfehler mit tödlichem Ausgang zu verhindern. Am prägnantesten geschieht dies bis heute im Strafrecht, das z. B. darauf abzielt, im gesellschaftlichen Interesse das gegenseitige Töten zu sanktionieren und möglichst zu unterbinden, wohl wissend, dass Letzteres nur sehr bedingt erfolgreich ist. Ähnlich sind z. B. das Gesundheits- und Sozialrecht konzipiert: Im Interesse der Lebenserhaltung, aber nicht um jeden Preis und mit letzter Konsequenz.

Es ging also nie darum, den Einzelnen vor seinem Schicksal zu bewahren oder ihm einen Anspruch auf Langlebigkeit zuzugestehen. Vor allem hat man nie versucht, anonym und unauffällig geschehendes Sterben zu verhindern. Nimmt man als Beispiele die Todesfälle durch Automobilverkehr (Unfälle, Feinstaub), Alkohol, belastete Lebensmittel, Grippeviren oder Krankenhauskeime (und die Liste ließe sich verlängern), dann wurde/wird das hierdurch hervorgerufenen Ableben offenbar als vertretbarer Kollateralschaden der Mobilität, des Vergnügens, des Wirtschaftswachstums oder des Gesundheitssystems betrachtet. Ebenso wurde/wird hingenommen, dass Menschen einfach „Pech“ haben können, selbst wenn es sozial bedingt war/ist (z. B. leben die Reichen länger als die Armen, die Gebildeten länger als die Ungebildeten).

Bis dato ist also niemand auf die Idee gekommen, Lock-down-Maßnahmen von dem Ausmaß zu treffen, wie es zum Schutz vor dem „verfrühten“ Sterben aufgrund einer Corona-Virus-Infektion geschehen ist (auch nicht bei der Hongkong-Grippe-Epidemie 1968-1970 ).

Dies wirft die Frage auf: Wodurch wird dieser gravierende Unterschied in der aktuellen Pandemie begründet? Eine zumindest plausible Begründung würde die Lebenseinschränkungen erträglicher erscheinen lassen und auch einen Teil jener Menschen „zurückholen“, die ihr Bedürfnis nach einer vernünftigen Erklärung in Verschwörungstheorien zu finden glauben. Weiterlesen

Mehr nicht?

Hätte sein wollen. Wollte auch ein bißchen.
Hätte sein sollen. Wurde auch etwas.
Hätte sein können. War auch ein wenig.
Mehr nicht?

Klimadrama: Vor- und Nachgeschmack

Starkregen und Überflutungen haben einmal mehr Signale gesendet, dass die Rettung des Klimas auch – und vielleicht in erster Linie – Rettung von Menschenleben ist, darüber hinaus aber auch unseres Gemeinwesens. Aber die Zeichen zu sehen ist eine Sache, ihnen Taten folgen zu lassen offenbar eine ganz andere.

Nicht nur in Deutschland (Hitzerekorde, Überschwemmungen, Insekten- und Waldsterben, Verbreitung von pflanzlichen und tierischen Schädlingen und Krankheiten), sondern weltweit sind Veränderungen im Gange, die zwar primär „nur“ die Natur aus dem Gleichgewicht bringen, aber es ist mehr als erkennbar, dass dies die Menschheit als Teil der Natur einschließen wird und diese zwar vermutlich nicht auslöschen, aber gesellschaftliche Turbulenzen hervorrufen wird, die man sich nicht vorstellen mag.

Das alles ist von Wissenschaftlern längst dokumentiert und veröffentlicht. Aber wenn es um Information und Sensibilisierung der Massen geht, wird alles verallgemeinert und verharmlost, sowohl von den Medien als auch von den Politikern. Da las man kürzlich, dass selbst im Bereich Katastrophenschutz klar war, dass mehr getan werden müsste, dass man es aber nicht getan habe, weil die politische Meinung überwog, das könne man den Menschen nicht zumuten.

Da bleibt man dann doch sprachlos zurück, was die Verantwortungsbereitschaft der Mandatsträger unseres Gemeinwesens betrifft. Gemeint haben sie wohl eher, dass sie sich selbst nicht der Gefahr aussetzen wollten, sich unbeliebt zu machen und nicht wiedergewählt zu werden. Wohl zumutbar erscheint es ihnen offenbar, die Menschen unvorbereitet ins Verderben laufen zu lassen …

Der Nachgeschmack aus dem, was die Bundes- und Landesoberen alles nicht getan haben und die lokalen W/Bürdenträger überfordert, sowie der Vorgeschmack der bisherigen Probleme auf das, was auf uns zurollt, kann nur eines bedeuten: Wenn wir mehr als nur Statisten im zu erwartenden Klimadrama sein wollen, dann muss die Zivilgesellschaft sich organisieren und wehren. Und zwar nicht mehr nur mit Appellen an das Gutmenschentum in uns, das wir mit ein paar Spenden verwirklichen, sondern mit konkreten Maßnahmen und persönlichem Engagement.

Dass die Uhr tickt, ist kein Hirngespinst von ein paar Verwirrten, und die gedankliche und gefühlsmäßige „Übelkeit“, die Vor- und Nachgeschmack verursachen, darf nicht zu lähmender Angst und Verdrängung führen. Die Sintflut ist vor uns, und wer sich nach dem Motto „nach mir die Sintflut“ verhält, sollte sich nicht wundern, dass er in ihr ertrinkt.

Da Klima und Natur aber nicht zwischen Willigen und Unwilligen unterscheiden (können), bedeutet das auch: Es wird zunehmend interne und internationale Konflikte zwischen diesen Gruppen geben (müssen), denn es kaum vorstellbar, dass die Handlungswilligen sich von den nicht Einsichts- und Verzichtsbereiten in den Untergang treiben lassen werden. Und erst recht wird dies der Fall sein, wenn Massenmigration von Flüchtlingen aus nicht mehr bewohnbaren Erdteilen einsetzt.

Wer jetzt auf Zeit spielt, rettet sich vielleicht in ein paar verbleibende Luxusjahre und muss den Ärger nicht mehr ausbaden. Diese Zeit wird den kommenden Generationen (inkl. den bereits Geborenen unter 30) aber teuer zu stehen kommen.

Die nächste Bundestagswahl ist die letzte Gelegenheit, einen radikalen Änderungsprozess aufgrund unserer Einsichtsfähigkeit in Gang zu setzen. Noch eine Wahlperiode zu verschenken können sich Deutschland und die Welt nicht leisten. Wer sich den herben Vorgeschmack nicht zu Herzen nimmt, den wird der bittere Nachgeschmack der Versäumnisse irgendwann radikal einholen.