sozusagen

Füllwörter sind ein bekanntes Sprachphänomen. Für die Einen sind sie dabei überflüssige Satzbausteine inkompetenter Sprecher, für die Anderen ein probates Mittel für subtile Ausdrucksnuancen.

Neuerdings scheint sozusagen en vogue zu sein, insbesondere seit Angela Merkel damit sozusagen „erwischt“ wurde, obschon auch sie wohl eher von einem schon seit einigen Jahren bestehenden Trend infiziert wurde.

Die Wörterbücher sehen es als Äquivalent (sozusagen) von Ausdrücken wie: wie man es ausdrücken könnte, gleichsam, quasi, ungefähr, so gut wie, gewissermaßen, in gewissem Grade/Sinne, in gewisser Weise, mehr oder minder/weniger … Kurzum: Nix Genaues weiß man nicht, aber sagen möchte man das so Qualifizierte trotzdem.

Warum ist das Wort heute so beliebt?

Eine rationale Erklärung gibt es nur für die Fälle, in denen es bewusst und gezielt eingesetzt wird, um eine Vagheit auszudrücken, eine absichtliche Unschärfe zu dokumentieren oder auch Unsinn mit Unterhaltungswert zu produzieren.

Spannender und schwieriger sind die Fälle, in denen das Wort unbewusst genutzt wird, meist in der gesprochenen Sprache. Hier scheinen unreflektierte sozio- und/oder psychologische Gründe für diesen Sprachtick eine Rolle zu spielen:

Da ist zum einen die Nachahmung und Anpassung an einen sprachlichen Modetrend, wie man ihn auch bei anderen Worten und Redewendungen kennt. Das hat keinen tieferen Sinn, außer dass man zum Ausdruck bringt, dass man dazugehören (oder seine Solidarität mit Merkel bekunden …) möchte.

Manche äußern sich zu Themen, deren Fachsprache sie nicht beherrschen, und um diese Schwäche zu entschuldigen, garnieren sie ihre Rede üppig mit sozusagen. Das Kaschieren der eigenen sprachlichen oder fachlichen Unfähigkeit ist dabei im Übrigen nicht nur ein Bedürfnis bildungsferner Bevölkerungsschichten, sondern auch von überforderten Politikern und Managern.

Bei Jugendlichen kommt noch hinzu, dass die omnipräsente Sprachökonomie und fehlendes Training im Schulkontext das schlummernde Sprachtalent verkümmern lassen, so dass diese sich mit Füllwörtern behelfen müssen, wenn sie sich zu Wort melden (was im Gegensatz zu früher heute offenbar erwartet wird).

Ein ebenfalls neueres Element dürfte die Angst vor Klarheit und Wahrheit sein. Jeder möchte eine Meinung äußern, aber nicht kritisch beim Wort genommen werden. Also relativiert man seine Aussagen, um sich unangreifbar zu machen. Gerade Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, wappnen sich so gegen karriereschädliche Versprecher, die infolge der omnipräsenten Überwachung der Sprachwächter („political correctness“ und seine Varianten) drohen.

Und nicht zuletzt gibt es die Viel- und Schnellredner, die erst dann wissen, was sie sagen, nachdem sie es gehört haben. Das Sozusagen ist sozusagen die eingebaute Bremse in diesem Redefluss, damit das bewusste Denken noch nachkommen kann. Es wäre spannend zu prüfen, ob Hochbegabte sozusagen-Dauernutzer sind.

Warum sozusagen sich gegen die anderen Füllwörter der deutschen Sprache durchgesetzt hat? Ich tippe auf Ansteckung. Aber immerhin ist die sozusagen-Pandemie beherrschbar – falls dieser Virus dann nicht zu einem anderen Füllwort mutiert.

Spahnsinn

Verkrampfter Umgang mit der deutschen Sprache ist nicht neu, Anglizismen werden seit jeher gegeißelt, und das nicht erst, seit der Verein Deutsche Sprache sich der Sache mit Verve angenommen hat.

Die Politik hat dieses Themas zum Glück weitgehend ignoriert. Bis der Shooting Star (Verzeihung: aufstrebende Nachwuchspolitiker) Jens Spahn sich medienwirksam daran gestört hat, „dass in nicht wenigen Berliner Restaurants ausschließlich nur noch auf Englisch bedient wird.“ Weiterlesen