Dass das freie Marktgeschehen gezügelt und eingehegt werden muss, ist keine neue Entwicklung. Seit dem Ende des 19. Jhdts., und erst recht in den letzten 50 Jahren, haben insbesondere Kartell- und Wettbewerbsrecht, aber auch Sozial- und Arbeitsrecht, Mietrecht, Verbraucher- und Datenschutzrecht es sich zur Aufgabe gesetzt, das Marktgeschehen zu kanalisieren und negative Nebenwirkungen zu vermeiden.
Dabei scheint es aber seit dem Untergang des planwirtschaftlichen Kommunismus weltweiter Konsens (mit Ausnahme von Nord-Korea) zu sein, dass es zum Marktprinzip keine Alternative gibt, so auch in Deutschland mit seiner sozialen Marktwirtschaft.
Das Problem ist nur, dass das Marktprinzip grundlegende Systemfehler aufweist. Und sosehr wir uns dies auch schönreden oder es verdrängen, der Markt wird dasselbe Schicksal erleiden wie jedes angebliche perpetuum mobile: Er wird aufhören, sich zu bewegen, weil er sich selbst zerstört, und das umso schneller, je stärker wir einen freien Markt propagieren.
Warum wird das früher oder später eintreten?
- Ein (gemäß ökonomischer Theorie) vollkommener Wettbewerb mit zahlreichen Marktteilnehmern entwickelt sich im „Idealfall“ zu einem Marktgleichgewicht, bei dem niemand mehr Gewinne macht. Dieser Zustand würde theoretisch zu einem Stillstand bzw. zur Erstarrung aller führen, in der Realität eher zum wirtschaftlichen Tod von einigen, die eliminiert werden, damit die anderen wieder Gewinn machen können – aber nur solange, bis das nächste Gleichgewicht erreicht ist. Je besser der Markt funktioniert, desto schneller wird die Eliminierung voranschreiten.
- Das Grundprinzip der freien Marktwirtschaft ist Wettbewerb, Verdrängung, Sieg des Stärkeren usw. (zum Mechanismus s. hiervor), und das solange, bis nur noch ein Sieger übrigbleibt. Der Markt produziert also nicht nur eine Welt voll Verlierern und ganz wenigen Gewinnern, sondern auch eine Welt ohne Wettbewerb.
- Das Marktprinzip taugt auch deshalb nicht als Grundregel des Zusammenlebens, weil es auf Effizienzsteigerung und Profitmaximierung beruht, die jedoch keine Prinzipien sind, die ein System nachhaltig im Gleichgewicht halten, sondern das „Immer mehr“ ist ein endliches Prinzip. Insbesondere ist in einem geschlossenen System Wachstum zwangsläufig begrenzt, so dass das Marktprinzip endlich ist letztlich nur noch in Verteilungskämpfen besteht. Diesem Zustand nähern wir uns mit erheblicher Geschwindigkeit.
- Das Vorstehende führt zwangsläufig zu immer größeren Diskrepanzen zwischen arm und reich, mächtig und machtlos usw. Und dies bildet eine schlechte Grundlage für ein friedvolles Zusammenleben, wenn diese Befriedung nicht durch Zwangsmittel sichergestellt wird. Letzteres führt aber dazu, dass entweder das Prinzip des freien Marktes zunichte gemacht wird, oder dass es zu einer marktbasierten Diktatur kommt (Beispiel China).
- Das Marktgeschehen führt langfristig zu einer immer größeren Ausdifferenzierung der Gesellschaft und Wirtschaft durch effizienzsteigernde Arbeitsteilung und Spezialisierung. Die daraus resultierende Komplexität, zumal auf globaler Ebene, ist aber mit Marktmechanismen nicht mehr zu kontrollieren und steuern. Irgendwann (insbesondere in Krisenzeiten) führen diese Probleme zum Zusammenbruch des Gesamtsystems (s. die Lieferprobleme in Pandemiezeiten).
- Das Vorstehende führt auch dazu, dass die Marktteilnehmer früher oder später unter dem Druck des Wettbewerbs oder aus der Gier des Profitstrebens dazu übergehen, Profite zu privatisieren, Kosten aber zu externalisieren, d.h. sie der Allgemeinheit aufzuerlegen. Gerade diese externen Kosten sind aber gerade dabei, die Existenzgrundlage der Menschheit insgesamt, und damit auch des Marktes, in Frage zu stellen.
- Das Marktprinzip kann mit öffentlichen Gütern nichts anfangen, sie stören und sollen daher möglichst privatisiert werden. Dieses liberale Gedankengut hat die Funktionsfähigkeit des Gemeinwesens aber gerade in einer Zeit substanziell geschwächt, in der ein besserer Staat dringend notwendig wäre. Dass die „unsichtbare Hand“ des Marktes gesamtgesellschaftlich alles zum Guten führt, ist jedenfalls nachgewiesenermaßen Wunschdenken.
- Wenn die Schutzwälle des Gemeinsamen bzw. Kollektiven geschwächt sind (s. hiervor), gerät das Marktgeschehen zunehmend außer Rand und Band und eine Korrektur im gemeinsamen Interesse der Menschheit oder auch nur eines Teils davon wird unmöglich.
- Wettbewerb beruht auf Egoismus, Kampf und Streit. Dies sind aber keine brauchbaren Prinzipien einer humanen und nachhaltig zukunftstauglichen Gesellschaft. Langfristig erfolgreiches Zusammenleben beruht auf Respekt, Kooperation, Solidarität, Stärkung des Gemeinsamen usw.
- Wettbewerbsorientiertes Denken und Handeln zerstört ganz allgemein die Ethik, denn die Werte, die in Märkten Erfolg versprechen, zählen nicht zu den Bestandteilen einer Moral, die alle Lebewesen gleichermaßen respektiert, Anstand und Mitmenschlichkeit honoriert und nicht-materialistisch motiviertes Engagement stimuliert. Der Markt und seine Werte verderben die Sitten selbst dort, wo er nichts zu suchen hat, wie in der Bildung, Wissenschaft, Politik, Wohltätigkeit …
Die Menschheit ist auf dem Weg zur Selbstabschaffung des Marktes schon weit gekommen: Europäischer Binnenmarkt, Globalisierung (beides noch befeuert durch das Internet, das die Märkte noch transparenter macht und den Wettbewerb verschärft), Umweltzerstörung inkl. Klimakrise, Verfall der politischen Sitten, Schwächung des Staats, Ökonomisierung des Denkens in allen Bereichen usw. haben die Menschheit schon soweit gebracht, dass viele Sicherungsmechanismen nicht mehr funktionieren (s. die Covid19-Pandemie).
Wohin die Selbstauflösung des Marktsystems führen kann, ist teilweise auch schon zu besichtigen: Zum einen diktieren mächtige Großkonzerne vielen Staaten ihre Politik, zum anderen nutzen diktatorische Staaten einen kontrollierten Markt dazu, ihren Machtanspruch wirtschaftlich zu sichern. Die Umwelt-, Klima- und Gesundheitskosten sind so gigantisch, dass der Markt sie nicht finanzieren kann, und die Folgen werden vor allem die Schwächeren zu tragen haben. Die daraus resultierende gesellschaftliche Destabilisierung kommt letzten Endes wieder den Mächtigen zugute.
Dass die Wirtschaftsliberalen dennoch immer noch gewählt werden und in Deutschland mitregieren werden, zeigt, wie wenig die Menschen verstanden haben bzw. aufgeklärt wurden, was die Triebfeder für die grundlegendsten der aktuellen Probleme ist.
Selbst die Gesellschaftswissenschaften sind in weiten Teilen diesem Denken verfallen und nicht in der Lage, Modelle zu entwickeln, die uns keinen Scheinreichtum vorgaukeln und vor allem in der Lage sind, rein wirtschaftliche Daten gegen andere Werte abzuwägen. Hier wäre insbesondere die Ökonomie gefordert, auf breiter Front umzudenken und aufzuklären, dass die angeblichen Vorteile des Marktes einseitig verfälscht sind und die gegenstehenden Kosten und Verluste ein ganz anderes Bild zeichnen.