Panem, itinera et circenses

Schon im alten Rom war man sich bewusst, dass man mit Brot und Spielen die Bevölkerung bei Wahlen positiv stimmen und die Lust auf Revolten erfolgreich dämpfen konnte. Heute gilt das immer noch, sowohl in Diktaturen als auch in Demokratien. Denn es funktioniert. Das Volk ist dumm und, wenn seine Primärbedürfnisse befriedigt sind, auch ungefährlich.

Ernährung und Entertainment nehmen in der Tat in zunehmendem Maße die körperlichen und geistigen Ressourcen der Menschen in Beschlag, da bleibt keine Energie für anderweitige Anstrengungen:

  • Essen gibt es in allen Varianten fast überall, zumindest in Städten wird es sogar problemlos nach Hause geliefert, und kosten tut es im Verhältnis zu anderen Gütern auch äußerst wenig. Wer sich von diesem Massen-Fast-Food absetzen möchte, erhebt die geschmackliche Genussfähigkeit zum neuen Statussymbol der Möchtegern-Upperclass.
  • Entertainment ist spätestens seit Einführung des Privatfernsehens und der Verbreitung des Internets der absolute Brainkiller Nr. 1, und Kochshows sind dabei ein perfektes Beispiel für eine hirnlosen Bedürfnisbefriedigung unserer Mitmenschzombies.
  • Im Gegensatz zum Altertum spielt heute zusätzlich das Reisen eine wichtige Rolle, wobei dann auch die motorisierte (oder neuerdings elektrifizierte) Individualmobilität das Bedürfnis der eigenen Gestaltungsmacht und Scheinfreiheit optimal bedient.

Das Schöne für die Machthaber war bislang, dass sie diese Primitivbedürfnisbefriedigung nicht einmal besonders viel Aufwand kostete. Die Menschen konnten/können sich inzwischen vieles leisten, und bei der Konstellation sind natürlich auch die Anbieter nicht weit, die damit Gewinne machen wollen. Der Markt richtet es also fast von alleine. Der Staat muss nur die Rahmenbedingungen optimieren (steuerliche Begünstigung und Subventionierung, Polizeiunterstützung bei Großveranstaltungen, unentgeltliche Bereitstellung öffentlicher Infrastruktur, notfalls erweiterte Öffnungs- und Feierzeiten, Aufhebung von Reisebeschränkungen und dgl.) und den Eindruck erwecken, dass sei alles wichtig und der Erfolg seiner Wohlstand-für-alle-Politik.

Kein Wunder, dass in einem solchen Kontext auch die öffentlich-rechtlichen Instanzen (relevant in erster Linie: Medien) mitmischen und beim Publikum bloß nicht den Eindruck erwecken wollen, dass wir in die falsche Richtung laufen. Klar ist man dort ausdrücklich für Umweltschutz, Nachhaltigkeit und all diese Gutmenschdinge, aber nur als Gegenstand der Berichterstattung über andere, nicht als Maßstab für das eigene Handeln.

Pech nur, dass inzwischen Umwelt-, Covid 19- und Energiekrise (und vielleicht bald Lebensmittelknappheit) unser angenehmes Junkietum mit Entzugserscheinungen bedrohen, was dann bislang zwecks Beruhigung aller in vielerlei staatlichen Stützungs- und Beruhigungsmaßnahmen zugunsten der Bevölkerung gemündet ist. Das bezahlt die Menschen dann zwar selbst wieder über die Steuern, aber sie fühlen sich behütet und betreut, und die Zusatzbelastungen gehen vermutlich bald ohnehin im Inflationsgeschehen unter (was langfristig auch die Staatsschulden entwertet, was immerhin zukünftige Generationen freuen wird).

Satte, gebrainwashte und kaum noch in irgendetwas verwurzelte Menschen sind es inzwischen eben dummerweise gewohnt, laut um Hilfe zu rufen und ihre sogenannten Rechte geltend zu machen, die von der Allgemeinheit (d. h. den anderen) bedient werden müssen, und zu bequem, selbst aktiv zur Problemlösung beizutragen. Wer es nie gelernt hat, selbständig vorausschauend zu denken, sich zu engagieren und Eigenverantwortung zu übernehmen, wird auch durch Appelle kaum zu Raison und Fähigkeitsäußerung gebracht werden. Da die Corona-Maßnahmen auch schon einiges an Zumutungen und Einschränkungen gebracht haben, die kaum verdaut sind, lässt die Obrigkeit lieber Manna regnen, um alle bei Laune zu halten und bloß nicht die Idee des Verzichtens propagieren zu müssen.

Wenn dann in absehbarer Zeit die öffentlichen Geldquellen doch versiegen, das Ersparte knapp wird und das Aufwachen aus dem Schlaraffenlandtraum unvermeidlich ist, könnte bzw. wird es dann doch ungemütlich für alle werden. Und wir wissen ja, wie es damals in Rom ausging.

shapen

Neulich wurde mir bewusst, dass bodyshaper – die moderne Variante des guten alten Korsetts in den vielfältigsten Ausführungen – immer noch hoch im Kurs stehen, vermutlich als preisgünstige Alternative für Schönheits-OPs oder jahrelange Körpertrainingsquälerei.

Gäbe es analog bloß auch brainshaper, die unser natürliches Gehirn zwar nicht durch KI ersetzen, es aber ohne jahrelangen Schul- und Hochschulbesuch in ein leistungsfähiges Format bringen sollen, wird manch einer sich denken! Der Wunsch dürfte nicht lange unerfüllt bleiben: Chip-Gehirnimplantate werden wohl bald schon ihre ersten Interessenten finden.

Da Pharma- und Drogenindustrie auch schon gute Fortschritte in der Steuerung unserer Emotionslage gemacht haben und ihre emotionshaper einen reißenden Absatz finden, bleibt letztlich nur der soulshaper, um das Quartett zu vervollständigen. Religiöse, Spirituelle und sonstige Überirdische tun zwar seit Jahrtausenden diesbezüglich ihr Bestes, aber alle Modelle scheinen irgendeinen Konstruktionsfehler zu haben, so dass wir in dem Bereich wohl noch eine Weile auf uns selbst angewiesen sind, um Erlösung zu erreichen.

Und was bleibt bei all dem shapen vom „echten“ Menschen? Bloßer Rohstoff für geshapte Menschenkunstwerke? Die Natur wollen wir zwar retten, aber uns selbst betrachten wir offenbar nicht mehr als einen gelungenen Teil derselben.

Nichtwissenlernen

Alle Wissenschaften, und auch das darauf beruhende Bildungswesen, haben als primäres Ziel, Wissen zu generieren und es zu verbreiten.

Das erscheint selbstverständlich, sinnvoll und sogar zwangsläufig, denn wir Menschen sind homines sapientes, und Wissen ist die unabdingbare Voraussetzung für Denken und Handeln in einer modernen Gesellschaft. Das Wissen selbst, und das Wissen darum, welche Bedeutung Wissen hat, hat zudem eine beruhigende Wirkung, denn es lässt uns glauben, die Realität im Griff zu haben.

Zunehmend müssen wir aber feststellen, dass Letzteres ein Irrglauben ist und wir uns zu sehr auf das Wissen verlassen haben (und es immer noch tun). Denn selbst die gigantische Wissensexplosion der letzten Jahrzehnte reicht nicht aus, mit den komplexen Problemen der heutigen Realität klar zu kommen. Irgendetwas scheint dort zu fehlen und damit das Versprechen eines wissensbasierten Überlebens der Menschheit in Frage zu stellen. Als Reaktion darauf generieren wir noch mehr Wissen in der Hoffnung, bald den wissenden Stein der Weisen zu finden.

Wir wollen also letztlich das Nichtwissen auslöschen, und wenn wir das erreicht haben, dann muss doch alles gut werden, oder?

Meines Erachtens fehlt es uns aber nicht an Wissen, sondern am rechten Verständnis, am Durchblick, am klugen Handeln usw. Wie man diese Fähigkeiten erlernt?

Das ist komplex. Der erste notwendige Schritt wäre jedenfalls ein Bewusstsein unseres Nichtwissens. Es wäre sinnvoll, zumindest einen Eindruck davon zu haben, was wir alles nicht wissen, denn das würde uns schon einmal nachdenklicher, vorsichtiger und verantwortungsbewusster machen und verhindern, dass wir dem Wahn der Wissensmacht bzw. -mächtigkeit erliegen.

Es müssten also parallel zum Wissenserwerb bzw. in der Wissenskommunikation immer auch die weißen Flecken auf der Wissenslandkarte offengelegt werden, und daneben auch, wie man mit diesem Nichtwissen umgehen kann bzw. soll. Erst wenn ein Mensch diese Kompetenzen besitzt, verfügt er über eine echte Grundbildung.

Das aber wird in Bildungswesen gerade nicht vermittelt, von dem Medien ganz zu schweigen (dort berichtet man lieber über skurrile „Theorien“, die genau dieses Vakuum nutzen, um Anhänger zu finden.

Abgesehen von der Unfähigkeit zum unvoreingenommenen Denken liegen diese Defizite vermutlich auch daran, dass ein solches Bewusstsein auch Ängste vor dem Unkontrollierten und vielleicht Unkontrollierbaren schüren kann, und das würde – wenn es (voraussehbar) irgendwann in Panik mündet – die zu bewältigende Lage noch schwieriger machen. Also wird das Thema lieber gemieden, selbst wenn unsere Wissenslücken eigentlich irgendwo bekannt sind, nur eben nicht Allgemeingut.

So bleibt der Einzelne abhängig davon, was man ihm preisgibt, und er tröstet sich weiter damit, dass er ja nicht alles wissen müsse, sondern sich auf das System verlassen könne. Das ist aber ein weiterer Irrtum, denn das System besteht aus der Summe der Einzelnen und ist letztlich nicht klüger als diese, sondern spiegelt allenfalls deren Durchschnitt oder Dummheit. Vielleicht ist es sogar so, dass analog zum schwächsten Glied einer Kette die Verbildeten (im oben genannten Sinn) der Schwachpunkt im Überlebenskampf unserer Gesellschaft sind.

So bleibt unser Bildungssystem jedenfalls eines von Einbildung und Scheinbildung, solange wir nicht lernen, unser Nichtwissen zu erkennen und damit umgehen zu können.

Widerspruchsungeist

Im Journalismus, aber auch im Privatleben, gibt es die ewigen Infragesteller, Besserwisser, Bedenkenträger und Grundsatznörgler, deren Charakter es ihnen offenbar unmöglich macht, Aussagen anderer einfach zu akzeptieren.

Gerade für diese Wichtigtuer, die im Übrigen meist über eine begrenzte Einsichtsfähigkeit verfügen, ist es daher nützlich, ein paar Tricks zu beherrschen, mit denen man die Meinung anderer in ihrer Wirkung und Bedeutsamkeit schwächen kann. Das kann man lernen, und wenn diese Menschen überhaupt etwas beherrschen, dann diese Techniken (die allerdings auch nicht sonderlich anspruchsvoll sind).

Wie also lernt man, auf polemische Weise Menschen bzw. ihre Meinungen infrage zu stellen?

Trick 1: Argumentiert der Gegenüber differenziert, bezichtigen Sie ihn der Erbsenzählerei, der unnötigen Verkomplizierung, des Ausweichens harter und einfacher Fakten, der gezielten Verwirrung oder mangelnder Klarheit u. ä.
Trick 2: Versucht er, Dinge gegeneinander abzuwägen, unterstellen Sie ihm wahlweise mangelnde Eindeutigkeit, Entscheidungsschwäche, unnötige oder falsche Abwägungskriterien usw.
Trick 3: Verweist der Andere auf die Komplexität eines Themas, fordern Sie eine einfache Stellungnahme, unterstellen Sie ihm ein Ausweichmanöver oder Angst vor unangenehmen Wahrheiten.
Trick 4: Äußert er seine persönliche Meinung, bemängeln Sie fehlende Objektivität, nicht erfolgte Abstimmung mit irgendwelchen Gremien, entgegenstehende Meinungen von Parteikollegen, Koalitionspartnern, Vorgesetzen usw.
Trick 5: Gibt Ihr Gesprächspartner Fehler zu, deuten Sie dies als Anbiederung, Offenbarungseid, fehlende Kompetenz oder fragwürdige Berechtigung zur Amtsausübung.
Trick 6: Suggerieren Sie ergänzend Unglaubwürdigkeit, private Schwächen u. ä. durch eingeflochtene sachfremde Informationen über Privates, Vergangenes, Irrelevantes, unpassende Aussagen Dritter usw.
Trick 7: Interpretieren Sie seine Körpersprache, die angeblich etwas anderes besage als seine Aussage.
Trick 8: Greift das alles nicht, hilft es ggf.  noch, den Kontrahenten zu ignorieren bzw. totzuschweigen.

Besondere Freude bereiten diese Techniken übrigens, wenn man es diesen Deutungsnörglern mit gleicher Münze heimzahlen kann …

Grünspalter?

Wenn man als Journalist sonst keine Anliegen hat (oder zu dumm ist, die echten zu erkennen), dann hilft es, Banales aufzubauschen und als problematisch hinzustellen. Das tun jedenfalls jene gerne, denen es im Übrigen an Durchblick fehlt.

Neuestes Beispiel: Die Tatsache, dass die Grünen vor allem von gebildeten und eher gut situierten (Groß)Städtern gewählt werden, stellt angeblich ein Problem dar, weil dies die Spaltung der Gesellschaft fördere, so die neuerdings kolportierte dramatische Einsicht.

Über kleine Dummheiten kann ich ja hinwegsehen, aber solche Schlussfolgerungen sind auch gefährlich, und daher muss ihnen entschieden widersprochen werden:

  1. Es gibt keine Partei, die gleichermaßen in allen Bevölkerungsschichten vertreten wäre, nicht einmal die sogenannten Volksparteien. Erst die Parteienvielfalt und das Wahlrecht sorgen dafür, dass die gesellschaftliche Vielfalt repräsentativ dargestellt wird, und zwar im Parlament, nicht in jeder Partei.
  2. Es ist schwer nachvollziehbar, warum eine einigermaßen gut eingrenzbare Wählerschaft bei den Grünen ein Problem darstellen soll, während dies bei der FDP z. B. als selbstverständlich betrachtet wird. Alle Parteien (auch die großen) haben ihre Klientel bzw. ihre typische Wählerschaft und es zählt ja gerade zu ihrem Parteiprogramm, gerade die Sorgen und Interessen dieser Menschen in den Mittelpunkt ihrer Politik zu stellen. Nirgendwo wurden bisher daraus Spaltungstendenzen abgeleitet.
  3. Eine echte Spaltung der Gesellschaft wird nicht durch die Option für eine bestimmte Partei hervorgerufen, sondern sie existiert unabhängig davon und wird durch die Wahlen nur transparent gemacht. Wahlverhalten und -ergebnisse werden erst dann problematisch, wenn die Gewählten dadurch die Chance erhalten, einseitig ausschließlich ihre Klientel zu bedienen und durch diese Politik die Spaltung der Gesellschaft zu fördern. Das ist angesichts der Koalitionskonstellationen in Deutschland aber nicht der Fall, schon gar nicht für eine (bisher) kleine Partei wie die Grünen.
  4. Gerade die Grünen haben (z. B. im Gegensatz zu FDP, Linke und AfD) kein Programm, dass bestimmte Menschengruppen bevorzugen soll, sondern Umwelt schützen und Ökologie fördern, und dies kommt gleichermaßen allen zugute. Dass viele Menschen trotzdem nicht die Grünen wählen, erklärt sich leicht dadurch, dass in ihrem Leben (bislang) andere Prioritäten (z. B. ihren Lebensunterhalt sichern, oder einer bestimmten Ideologie folgen) existieren oder sie nicht die Einsichtsfähigkeit besitzen, die andere wohl haben. Das hat nichts mit Spaltung zu tun, sondern mit Vielfalt und Entscheidungsfreiheit.

Wenn man sich fragt, ob die Gesellschaft eher durch die Grünen oder durch unqualifizierte Journalisten gespalten wird, dann dürfte die Antwort leichtfallen. Warum schreiben die Journalisten nicht mal darüber?

Das Ende der Normalität

„Krisen sind nicht mehr die Ausnahme von der Normalität, sondern die Normalität der Ausnahme“ schreibt Bernd Ulrich in der ZEIT (24.3.2022, S. 4).

Mir gefällt der Normalitätsvergleich nicht, denn wir kommen nicht aus einem Normalzustand, sondern aus einem Zustand der Verdrängung, der Beschönigung, des bewussten Wegsehens und des Verschiebens auf die Zukunft.

Dass wir auf massive Probleme zusteuern, ist jedem halbwegs Informierten seit Langem bekannt. Aber da die Ankündigung des Untergangs des Abendlandes vor gut 100 Jahren dann irgendwann doch nicht eingetreten ist, haben wir täglich einen kleinen Schritt in Richtung Totaldesaster gemacht, dabei allerdings darauf vertraut, dass es wie bisher immer am Ende doch gutgehen wird.

Ulrich diagnostiziert, dass wir zwar möglicherweise genügend Geld haben, um etwas zu unternehmen (was allerdings auch eher unwahrscheinlich ist, wenn die Geldverbreitung Marktmechanismen unterworfen bleibt), aber insbesondere nicht genügend menschliche Kapazitäten, um all das zu investieren, was wir jahrzehntelang trotz Mahnungen unterlassen haben (wovon die Kanzlerschaft Merkels nur den Höhepunkt bildete). Im Grunde geht auch er noch davon aus, dass die Wende „machbar“ wäre, wenn bestimmte Rahmenbedingungen gegeben wären.

Ich glaube nicht, dass die Rahmenbedingungen das Problem sind, sondern dass sehr vieles machbar wäre, wenn die Menschen – möglichst alle – mitzögen. Leider haben m. E. aber zu viele Menschen psychische und intellektuelle Defizite, um mit den aktuellen Problemen umgehen zu können, geschweige denn sie zu lösen.

Wenn die Regierung demnach eine Aufgabe hat, dann besteht sie nicht darin, Maßnahmenbündel zu schnüren, die dann doch in der Bürokratie und Inkompetenz versanden. Ihre einzige Chance ist, die Menschen zu überzeugen und mitzureißen, keine Zeit mit Rechtfertigungen für Zumutungen zu vergeuden, sondern den Selbstbehauptungswillen der Menschen zu reaktivieren und in die richtigen Bahnen zu leiten.

Wenn die Menschen allerdings nicht aus dem Verdrängen in die Realität zurückwollen, die sehr Unangenehmes für sie bereithält (z. B. Verzicht), dann bleibt ihnen nur der Ausweg in den Wahn. Einige (nicht nur in Russland) haben sich schon auf diesen Weg gemacht. Dass das keine vielversprechende Basis für friedliche und vernünftige Lösungen ist, benötigt wohl keine vertiefte Beweisführung.

Aber da am Ende doch immer die Realität siegt, an der wir alle mit unseren wie auch immer gearteten Überzeugungen gleichermaßen teilhaben, vereint uns dann das Schicksal irgendwie wohl oder übel. Aber ob das zu mehr Einsicht und Vernunft führt? Und ob diese noch rechtzeitig einsetzt?

Nur wenn diese Fragen mit ja beantwortet werden, kann es zur Wiedereroberung einer wie auch immer gearteten Normalität kommen.

Unvorstellbar

Die ZEIT (2.3.2022) hat eine ganze Seite nur mit der Frage „Was ist jetzt noch unvorstellbar?“  versehen und den Rest der Seite zzgl. der nächsten Seite weiß gelassen für Antworten der Leser (in einer folgenden Ausgabe).

Meine Antwort wäre ein weißes Blatt Papier. Mehr könnten Worte auch nicht sagen.

Aber ist das wirklich neu? Die Realität war schon immer unvorstellbarer als der mediokre menschliche Geist. Aber vielleicht entdeckt die ZEIT ja Sphären des Denkens, die ihr bislang verborgen geblieben sind.

Protestenergielenkung

Wenn Menschen protestieren, stellt dies eine erhebliche Energieleistung dar, unabhängig davon, wofür oder wogegen protestiert wird. Wenn den Machthabern – ob gewählt oder nicht – das nicht gefällt, neigen sie dazu, die Proteste unterbinden zu wollen. Aber schon ein altes Sprichwort sagt, dass man einen Fluss nicht aufhalten kann, sondern nur lenken. Das mag auf Menschen nicht ganz zutreffen, denn wenn die zu erwartenden Sanktionen hart genug sind, versiegen zumindest die sichtbaren Proteste. Aber was geschieht dann mit den vorher vorhandenen Energien?

Entweder sie versiegen irgendwann durch Krankheit, Alterung, Verzweiflung usw., oder sie werden umgewandelt in kleine alltägliche Sabotageakte, Kooperationsverweigerung oder auch Kriminalität. Es herrscht dann zwar Ruhe, aber gleichzeitig Energieverschwendung.

Auf einer deutlicher weniger sichtbaren Ebene geschieht das in noch größerem Ausmaß: Der stille Protest, der sich darin äußert, dass die Menschen sich nicht mehr z. B. für gemeinsame Ziele engagieren, sondern ihre Energien in Freizeitbeschäftigungen investieren, ohne dass ihnen meist selber bewusst wäre, wogegen sie sich damit wehren bzw. warum sie andere Optionen abwählen. Möglicherweise kann man auch die Priorisierung der Individual- gegenüber den Gemeinwohlinteressen analog deuten.

Wäre es nicht sinnvoller, die vorhandenen Energien positiv zu nutzen, indem man sie in eine produktive Richtung umleitet?

Die wichtigste Voraussetzung dafür wäre, motivierende Ziele und realisierbare Wege zu deren Erreichen aufzeigen zu können. Angesichts widerstreitender Überzeugungen in vielen Bereichen ist es sicher kein einfaches Unterfangen, den Energien eine gemeinsame Richtung zu geben, aber das ist eben die hohe Kunst nicht nur des Regierens, sondern grundsätzlich jeder Politik im Gemeinwohlinteresse und jeder Führungsaufgabe im öffentlichen oder auch privaten Bereich.

Das zu vertiefen würde ein ganzes Buch erfordern. Beispielhaft würde ich hier die Idee anführen, widerstreitende Strömungen in einer Gemeinschaft zuzulassen (ohne eine von beiden zu verbieten), wenn die Entwicklungslinien beider Strömungen mittel- bis langfristig konvergieren, und zwar zu einem Zustand, der vielleicht nicht ideal ist, aber zumindest zukunftstauglich.

Ohnehin muss man diese Energielenkung so verstehen, dass sie nie in einen statischen Endzustand mündet, sondern in ein Zwischenetappenziel, von dem aus die Entwicklung weitergeht. Gerade wenn die Zeit drängt, bestimmte Probleme anzugehen bzw. zu lösen, ist es kontraproduktiv, durch Konfrontation Energien zu blockieren und so eine gewünschte Entwicklung zu verlangsamen. Allerdings kann es in derselben Logik durch aus auch sehr begründet sein, durch Verbote Entwicklungen zu bremsen, wie z. B. im Umweltverschmutzungsbereich.

Wenn durch die konstruktive Nutzung der Energien eine positive gesellschaftliche Dynamik entsteht, kann dies zu einer drastisch gesteigerten Veränderungsrate führen. Der Vergleich Chinas und Russlands zeigt, dass von diesen beiden Diktaturen die Chinesen diese Strategie viel geschickter nutzen. Das Beispiel zeigt aber auch, dass ein solches Verständnis auch für falsche Ziele verwendet werden kann. Die Nazizeit ist im Übrigen die wohl beste Mahnung, dass eine durch eine gemeinsame Ideologie befeuerte Zielverfolgung innerhalb kurzer Zeit große Veränderungskräfte freisetzen kann, die aber eben auch in negativer Weise genutzt werden können.

Wir leben heute jedoch in Europa einer viel heterogeneren Gesellschaft als die vorerwähnten Beispiele. Entsprechend schwieriger ist die Herausforderung. Dennoch würde auch unter diesen Bedingungen viel verschwendete Energie positiv genutzt werden können, wenn man sich nicht immer nur auf der Ebene des „Für und Wider“ bewegte (wie dies insbesondere auch durch die Medien befeuert wird), sondern auf der des „Gemeinsam wohin?“.

Die derzeitige Ampelregierung ist ein Beispiel dafür, dass mit der gemeinsamen Einstellung, das Verbindende zu nutzen statt Gegensätze zu fördern, Blockadeenergien umgelenkt werden können. Dieses Prinzip müsste sich auch in der gesamten Gesellschaft als Basisverständnis verbreiten. Dann könnten auch z. B. aus der aktuellen Impfkontroverse positive Energien freigesetzt werden, die dringend für den Klimaschutz benötigt werden.

Schluss mit lustig? Schluss mit dumm!

Und wieder einmal hat Jan Schweitzer (Schluss mit lustig, ZEIT Nr. 3 vom 13.1.2022) die grobe Keule ausgepackt, um auf jene einzudreschen, die vom Pfad der naturwissenschaftlichen Rechtgläubigkeit abgewichen sind. Während ihm beim letzten Mal die Unlogik der Grünen als Vorwand diente, wird nunmehr dasselbe undifferenzierte Denken (allerdings auf einem noch niedrigeren Niveau) auf angebliche Esoteriker und Konsorten losgelassen.

Anhand des Beispiels des Tennisstars N. Djokovic, offenbar ein Anhänger esoterischer Methoden (vermutlich wegen seines Missionierungseifers hat Schweitzer sich nicht einmal die Frage gestellt, wie man denn trotz einer aus einer Sicht mindestens zu belächelnden ineffizienten Haltung weltbester Tennisprofi werden kann) und von uneinsichtigen Impfunwilligen (die der Autor der Einfachheit halber mit Esoterikern in einen Topf wirft) versucht Schweitzer eine große Bedrohung an die Wand zu malen, nämlich die „wissenschaftliche Medizin zu verunglimpfen und unpassende Fakten zu leugnen“.

Sein eigentliches Anliegen aber ist folgendes: „Esoteriker und Alternativmediziner hatten bislang erstaunlich viel Spielraum, viele Heilpraktiker etwa dürfen ohne nennenswerte Ausbildung erstaunlichen Unsinn treiben. […] Geht es aber um ernste Krankheiten, die mit wissenschaftsbasierten Methoden behandelt oder verhindert werden können, darf die Alternativmedizin keine Rolle spielen.“

Ein solcher Aufruf (Schluss mit lustig!) ist starker Tobak, vor allem wenn man berücksichtigt, wie schwach Schweitzers Argumentation ist: Weiterlesen

Gerechter Zufall per Gesetz?

In der ZEIT (Nr. 49 v. 2.12.2021, S. 15: „Nur der Zufall ist gerecht“) hat Prof. T. Walter dafür plädiert, dass im Pandemie-Kontext die Triage-Entscheidungen auf den Intensivstationen nicht mehr der alleinigen Verantwortung der dort tätigen Ärzte überlassen, sondern gesetzlich geregelt werden sollten.

Seines Erachtens bedarf es eines solchen Gesetzes zum einen, um für Ärzte und Patienten Rechtssicherheit zu schaffen. Zum anderen erfordere das Grundgesetz ein solches Parlamentsgesetz, wenn es um die Verteilung knapper intensivmedizinischer Ressourcen gehe (genau wie für Spenderorgane bei Transplantationen).

Diese Sichtweise vertritt grundsätzlich auch das Bundesverfassungsgericht in seiner Entscheidung 1 BvR 1541/20 vom 16.12.2021. Ihm zufolge muss der Gesetzgeber im Rahmen seiner Schutzpflicht aus Art. 3 Abs. 3 Satz 2 GG „dafür Sorge tragen, dass jede Benachteiligung wegen einer Behinderung bei der Verteilung pandemiebedingt knapper intensivmedizinischer Behandlungsressourcen hinreichend wirksam verhindert wird. Der Gesetzgeber ist gehalten, seiner Handlungspflicht unverzüglich durch geeignete Vorkehrungen nachzukommen.“ (Rn. 130) Obschon es her nur um eine mögliche Benachteiligung Behinderter ging, wird der Gesetzgeber dem zwecks Vermeidung einer positiven Diskriminierung nur nachkommen können, indem er allgemeingültige Triageregeln aufstellt.

Allerdings lässt das BVerfG dem Gesetzgeber weitestgehend freie Hand, welche Triagekriterien und/oder -modalitäten er vorgibt (s. die Rn. 126-128 der Entscheidung im Anhang zu diesem Post). Im Gegensatz zu Walters Einschätzung sieht das BVerfG dabei die klinische Erfolgsaussicht im Sinne des Überlebens der aktuellen Erkrankung als verfassungsmäßig unbedenklich an, nicht hingegen die Maximierung der Gesamtlebenszeit der Patienten (Rn. 116-117).

Die aus Walters Sicht einzige Lösung des Dilemmas, dass der Staat zum einen verpflichtet ist, regulierend einzugreifen, aber anderseits nicht diskriminieren darf, sei der Zufall, da nur dieser letztlich Gerechtigkeit herstellen könne. Der Gesetzgeber müsse demnach eine Triage nach Zufall vorschreiben, wie z. B. einen Losentscheid, oder besser noch eine Priorisierung nach fortlaufender Nummerierung bei Einlieferung Dieses first come, first served-Prinzip wäre sowohl zufallsgleich, weil es von Zufällen abhänge, wer eher erkrankt und eher eingeliefert wird, als auch leichter zu handhaben.

Diese Forderung ist aber aus rechtlichen, ethischen und praktischen Gründen nicht überzeugend: Weiterlesen