Wir leben in einer Zeit von immer und überall im Überfluss verfügbaren Informationen, aber einer geringen Befähigung, diese einschätzen und sinnvoll nutzen zu können. Vor allem wirft dies die Frage auf, was unter diesen Umständen mit unserer gedanklichen Autonomie passiert. Wie muss unser Gehirn „programmiert“ sein, um in der Informationswunderwelt als eigenständiges Denkinstrument noch eine Rolle zu spielen und nicht zum Repositorium halbverstandener Informationsfetzen zu degenerieren, das durchaus in der Lage ist, das Dasein operativ zu bewältigen, dessen Individualität sich aber nur aus der zufälligen Agglomeration fremdgenerierter Infobits ergibt, die man jeweils für bare Münze nimmt?
Archiv des Autors: prof
Wahrheitstabus und Demokratie
Wir preisen uns, in einer Gesellschaft zu leben, in der die Rede- und Meinungsfreiheit keiner Fremdzensur unterworfen ist – zumindest nicht durch einen Zensor „Staat“. Private Medien (Verlage, Zeitungen Fernsehanstalten usw.) haben ihre internen Mechanismen, ihre Autoren so zu „briefen“ bzw. korrigieren, dass der jeweilige Qualitätsstandard eingehalten wird oder die Grundhaltungen der Medien nicht in Frage gestellt werden. Wenn es dann zu einer Publikationsverweigerung kommt, gehört das zum „Business“ dazu und ist auch Teil der Meinungsfreiheit eines Informationsanbieters. Da hierdurch zudem bestimmte Meinungsäußerungen nicht vollständig, sondern nur in bestimmten Kreisen verhindert werden, auf gesellschaftlicher Ebene insgesamt bzw. an anderer Stelle aber möglich bleiben, wird dies zurecht hingenommen.
Wesentlich subtiler funktioniert eine Art verallgemeinerter Selbstzensur insbesondere der Massenmedien, die von gesellschaftlichen und/oder politischen Tabus gespeist wird.
Dazu zählen zum einen solche, die zwar erscheinen, aber nicht nennenswert wahrgenommen werden angesichts des Priorisierens von seichten Mainstreamthemen in den Hauptsendezeiten oder meistgelesenen Seiten. Solche Dokus werden z. B. ins Nachprogramm geschoben oder in Spezialsendungen versteckt, weil sie nicht quotenträchtig, aber als Alibi für die Breite des Angebots nützlich sind.
Zum anderen – und vor allem – geht es dabei um Wahrheiten (Erkenntnisse und Fakten), die dem offiziösen Sprech der Politik und/oder der gesellschaftlichen Schicklichkeit (political correctness) widersprechen, und um die man einen weiten Bogen macht, weil ihre Äußerung oder Publikation shitstormverdächtig ist und ggf. sogar das Ende einer Karriere bedeuten kann, obschon ja nichts Verbotenes oder Kriminelles geäußert wird, wohl aber Wahrheiten, die offenbar so „verstörend“ sind, dass sie zu gesellschaftlichen Tabus werden.
Subjektive Integration
Migration und Integration enthalten zufälligerweise beide den Wortteil „ratio“. Von Vernunft ist in den Diskussionen zu beiden verbundenen Themen allerdings wenig zu spüren, eher dominieren Gefühle und Vorurteile.
Dabei gibt es ein Buch, das einen Großteil dieser Unvernunft und der damit verbundenen Argumente entlarvt: Das Integrationsparadox, von A. El-Mafaalani. Obschon inzwischen in der 5. Auflage, scheinen es nur wenige politische Akteure zur Kenntnis genommen zu haben. Vielleicht liegt es daran, dass man sich bei der Lektüre beim Schlecht- und Falschdenken ertappt fühlt, weil der Autor nicht nur mit wissenschaftlichen Daten, sondern auch gesundem Menschenverstand argumentiert und überzeugt, wobei er immer wieder die persönliche (kulturelle, soziale und psychologische) Perspektive der Migranten einnimmt.
Streikspiele
Auch sinnvolle und allgemein akzeptierte gesellschaftliche Errungenschaften laufen Gefahr, aufgrund veränderter und/oder nicht vorhersehbarer Rahmenbedingungen bestenfalls zu sinnentleerten Ritualen, schlechtestenfalls zu einem massiven Ärgernis zu mutieren.
Ein gutes Beispiel dafür ist das Streikrecht. Entwickelt in Zeiten eines „bösen“ Kapitalismus als Druckmittel, um eine sozialverträgliche Arbeitswelt zu erzwingen, dient es heute angesichts eines äußerst eng regulierenden Arbeitsrechts nur noch als strategisches Instrument der Gewerkschaften, bei Tarifverhandlungen mit der Keule zu winken.
Da diese Drohgebärden niemanden wirklich ängstigen, sondern allenfalls einen Lästigkeitsfaktor und ein Kostenelement für beide Seiten darstellen, wird davon üblicherweise auch nur in bescheidenem Maße Gebrauch gemacht.
Ausnahmen sind in erster Linie dort anzutreffen, wo der Streik im Grunde nicht den Arbeitgeber trifft, weil dieser keine Verluste einfährt und sich direkt oder indirekt über Steuergelder finanziert, die quasi unerschöpflich sind, sondern die breite Bevölkerung. Seien es Sozialberufe, Mediziner, nicht verbeamtete Staatsdiener, Lokführer oder Bus- und Bahnfahrpersonal: Je stärker der Streik Dritte (nämlich die Bevölkerung) belastet, desto größer ist der Druck, den sie ausüben können, um wirtschaftliche Vorteile für sich selbst zu erzielen.
In vielen Fällen leuchten die Forderungen durchaus ein, aber warum muss erst massiver volkswirtschaftlicher Schaden produziert werden, bis man sich auf eine vernünftige Lösung verständigt?
Warum gibt es hier keine neutralen Gremien, Schiedsrichter oder ähnlichen Schlichter und Entscheider, die beauftragt sind, eine Lösung zu finden, ohne dass man dazu der Zustimmung der Beteiligten bedürfte? Millionen Menschen würden das begrüßen statt sich alle paar Monate die ewig gleichen Floskeln der Tarifstreitparteien anhören zu müssen, aus deren „Verhandlungen“ dann auch nichts wirklich Sinnvolleres herauskommt als das, was neutrale Experten empfehlen würden.
Expertenurteile mögen als zu „brav“ betrachtet werden. Aber auch die Tarifparteien müssen sich dem ökonomisch Machbaren beugen, warum also nicht gleich Ökonomen und Politiker entscheiden lassen? Denn das angeblich hohe Gut der „Tarifautonomie“ ist spätestens dann nicht mehr vertretbar, wenn es missbraucht und vermeidbarer Schaden produziert wird. Daran sollten die Tarifparteien mal mit Vehemenz erinnert werden.
Entsprechend sollte zusätzlich gelten: Wenn schon die Streitpartien erhebliche Kosten bei der Bevölkerung verursachen, sollten Sie dieser auch Rechenschaft schulden und notfalls von ihr verklagt werden können. Auch im sonstigen Rechtsleben ist es nämlich nicht erlaubt, Dritten vermeidbaren Schaden zuzufügen, ohne dafür zu haften. Das würde den Streikspielchen ein rasches und effizientes Ende bescheren.
Fetisch Foto
Dass wir in einer durchvisualisierten Welt leben, bedarf sicher keiner weiteren Erklärung, ebenso wie die Feststellung, dass in der visuellen Kommunikation Bildmanipulationen mehr oder weniger subtiler Art ein beliebtes Instrument sind, seit es die Fotografie gibt. Und das gilt erst recht in Zeiten digitaler Fotobearbeitung.
Interessanter ist die Frage, welche Wirkung Fotos nicht auf den fremden Betrachter, sondern auf den Fotografierten selber haben.
Sentió, ergo sum
Das „Cogito, ergo sum“ (Ich denke, also bin ich) von R. Descartes (1641) rückt das rationale Denken ins Zentrum des Menschseins. Er hat es nicht entdeckt, denn Philosophen haben schon lange vor ihm über das Denken und seine Bedeutung nachgedacht. Aber Descartes hat dem einen prägnanten Ausdruck gegeben, der bis heute alle Wissenschaften und die Bildung ganz allgemein prägt. Diese Rationalitätsorientierung hat Ordnung und Fortschritt gebracht, nicht nur in Naturwissenschaft und Technik, sondern auch in den Gesellschafts- und Geisteswissenschaften und nicht zuletzt ins Recht, und diese alle wiederum haben unser Alltagsdenken geprägt.
Bewusst und rational zu leben und entscheiden machen das Menschsein aus, dieses Leitmotiv hat Religion und Aberglaube verdrängt, dem Individualismus und Optimierungsdrang den Weg bereitet und uns das Gefühl gegeben, dass die Nutzung unserer Freiheit entlang dieser Richtschnur zu einem gelingenden Dasein als Einzelne und als Gesellschaft führt.
Inzwischen jedoch mehren sich Zweifel an der Zukunftstauglichkeit dieses Denkmodells bzw. dieser Überzeugung.
Wahre Literaten
Literaturkritik beschäftigt sich mit der Qualität bestimmter literarischer Produkte, aber damit geht immer – mal mehr, mal weniger explizit – eine Würdigung oder auch Beurteilung der Leistungen deren Urheber einher.
Meines Erachtens wäre der umgekehrte Prozess mindestens so relevant: Ausgehend von der Persönlichkeitseinschätzung des Autors (m/w/d) zu prüfen, was sich davon in der Literatur wiederfindet.
Natürlich erscheint es banal, Merkmale eines literarischen Werks mit der Persönlichkeit des Literaten zu verknüpfen. Denn aus einem Nichts könnte sich auch nur ein Nichts ergeben. In welchem Maße ein Werk aber nur die Persönlichkeit des Schaffenden reflektiert, ohne die Freiheitsgrade der Kreativität zu explorieren, sollte m. E. zumindest in die Nebenbewertung des Werks einfließen, auf jeden Fall aber für die Würdigung der Person ausschlaggebend sein.
Denn allzu oft ist Literatur nur ein fast zwanghafter Persönlichkeitsabdruck, und je auffälliger dessen Merkmale und Störungen, desto „origineller“ das Schreibergebnis. Schreiben ist für viele in erster Linie ein Versuch der Selbsttherapie oder -regulierung, abhängig und mehr oder weniger stark geprägt von den vor allem psychischen, seltener körperlichen Belastungen. Das ist vollkommen legitim, und wenn jemand das lesen möchte und sich davon angesprochen fühlt (vielleicht oder möglicherweise sogar wahrscheinlich), weil es ihm beim Selbsttherapieren oder -regulieren hilft, ist das eine glückliche win-win-Situation.
Aber darf bzw. sollte man daraus auf die literarischen Fähigkeiten von Literaten schließen? Sollte wahre Kunstfähigkeit oder Künstlerqualität nicht daran gemessen werden, wie breit und tief diese Personen in der Lage sind, das absolute Kreativitätspotenzial auszunutzen und nicht „bloß“ jene Optionen zum Ausdruck zu bringen, die sich in mehr oder weniger einseitiger und zwangsläufiger Weise aus seiner Persönlichkeit ergeben?
Wenn man Werke von Autoren aus dieser Perspektive betrachtet, fällt auf, wie wenig kreativ viele letzten Endes sind: Bei ihnen gibt es nur wenige thematische und stilistische Leitmotive, und diese werden endlos in immer neuen Kontexten eingesetzt. Das kann sehr unterhaltsam und kommerziell erfolgreich sein, aber wahre Literaten zeichnet es nicht aus.
Wenn ich eine Vermutung äußern sollte, warum meine Sicht so wenig verbreitet ist, dann wäre es diese: Auch Kunstkritiker tragen eine persönlichkeitsgeprägte Lesebrille und verwenden darauf beruhende Bewertungsmaßstäbe. Es ist einfacher, Literaten einmal zu taxieren, statt sich jedes Mal neu mit ihnen auseinanderzusetzen, und es überfordert Kritiker schnell, wenn sie sich mit neuen Kunstverständnissen auseinandersetzen und künstlerische Leistungen neu würdigen müssen.
Von den Lesern wird man ohnehin nichts anderes erwarten können. Sie suchen sich nicht nur ihre Lieblingsautoren, die ihnen routiniert immer dieselbe Qualität liefern, sondern orientieren sich – wenn überhaupt – an „verlässlichen“ Kritikern.
Und da alle Beteiligten zum Glück unterschiedlich sind, kann man nur hoffen, dass sich daraus eine entsprechende Vielfalt ergibt und auch hält. Sicher ist das allerdings nicht: Massengeschmack in Musik und Malerei wird inzwischen kommerziell orientiert bedient, natürlich auch schon in der Literatur, nur ist es dort nicht so dominant. In einer Welt, in der das eigene Lesen und Schreiben eine zunehmend unwichtige Zivilisationstechnik darstellt, die zunehmend ersatzweise von „künstlichen“ Maschinen ausgeübt wird, sind aber gerade taxierbare Literaten leicht kopier- und ersetzbar.
Umso wichtiger wäre es, wahre Literaten als Beispiele für echte menschliche Leistungsfähigkeit zu erkennen und fördern.
Spiegeln
Es gibt einen Gegenstand, den wir mehrmals täglich nutzen, obwohl wir ihn normalerweise gar nicht anfassen. Er schaut uns an und von uns weg, er ist unentbehrlich und doch manchmal gleichzeitig lästig in seiner stummen Ehrlichkeit. Er ist der verkannteste Gebrauchsgegenstand unserer Alltagskultur: der Spiegel.
Ein Spiegel ist physikalisch ein interessantes Instrument: Man kann mit seiner Hilfe Dinge sehen, die nicht direkt wahrnehmbar sind. Nach hinten schauen, um die Ecke, Blicke hineinwerfen wie Billardkugeln gegen die Bande, oder auch die Sinne täuschen, Raumtiefe suggerieren oder ein Bild verzerren, all das ist möglich.
Man erzählt, der erste Mensch, der sich im Spiegel erblickte, erschrak zutiefst. Ob das stimmt, hängt wohl auch vom Alter ab. Als meine kleine Tochter sich im Alter von wenigen Monaten zum ersten Mal im Spiegel sah, war sie neugierig, distanziert, verdutzt und fand es eher lustig. Ein Erwachsener, der zum ersten Mal sein eigenes Spiegelbild sieht, wird vermutlich anders reagieren, zumindest, wenn er sich schon mit sich selbst auseinandergesetzt hat und ein „Bild“ von sich selbst hat.
Der Spiegel ist nämlich auch die Schnittstelle zum Metaphysischen durch die Augen, die sowohl Tür zur Seele und als auch ihr Spiegel sind. Nicht der Spiegel als Gegenstand, sondern das Spiegeln als Handlung ist dabei genau genommen das Spannende.
Das Selbst-Spiegeln bzw. Sich-selbst-Sehen beeinflusst unser Eigenbild viel subtiler, als wir dies wahrhaben. Denn unser Selbstverständnis wird entscheidend auch davon geprägt, wie wir uns äußerlich wahrnehmen und ob dieses Bild mit unserer Vorstellung von uns selbst übereinstimmt. Manchmal wäre es uns in der Tat lieber, wir wüssten gar nicht, wie wir aussehen, weil diese Kenntnis möglicherweise andere Menschen aus uns macht.
Allerdings ist das In-den-Spiegel-Schauen meist nur funktional oder zweckgebunden. Erst wenn wir uns aufmerksam und bewusst in Ruhe betrachten, zeigt sich die Macht der Spiegelung. Am deutlichsten trifft das wohl beim Altern zu, das körperlich viel eher zu erkennen ist als durch eine geistige Innenschau. Allerdings ist ein Spiegel zwar unbestechlich, aber es findet dennoch ein „Fotoshoppen“ im Kopf statt, sowohl aus einer gutmeinenden als auch aus einer kritischen Perspektive.
Wenn ich mein Spiegelbild betrachte, ist dies zudem insofern einseitig, als typischerweise ich selbst derjenige bin, der das Bild betrachtet und interpretiert. Was wir aber zusätzlich brauchen ist, dass andere uns den Spiegel vorhalten. Denn dabei entgleitet das Spiegelbild unserer Kontrolle und wir sind möglicherweise gezwungen, uns anders zu sehen als in unserer eigenen verzerrten Spiegelbetrachtung. Der Vergleich mit der Funktion des Hofnarren oder des Till Eulenspiegel, die Wahrheit mit Humor verbinden, ist dabei meine Lieblingsspiegelung. Heute wären wohl am ehesten Berater und Journalisten dazu berufen. R. Augstein wird wohl so etwas im Sinn gehabt haben, als er seiner Zeitschrift den Titel ‚Der Spiegel’ gab. Denn nicht nur der Einzelne, sondern die ganze Gesellschaft braucht dieses Spiegelbild, dieses Feed-back, um unser kybernetisches System im Gleichgewicht zu halten.
Wenn wir uns trauen, können wir also selbst zu „Spieglern“ für andere werden, nur dass wir dann mit Worten reflektieren. Nicht umsonst bedeutet „Reflexion“ ursprünglich: Widerspiegelung, Rückstrahlung, und die Welt da draußen wird mit Worten gespiegelt. Das „Spieglein, Spieglein, an der Wand“ wird dann zur modernen Variante „Spieglein, Spieglein, mein Verstand“.
Verbietendes Denken
Die typisch juristische Denkweise ist die von Ge- und Verboten sowie möglichen Rechtsfolgen und Sanktionen für den Fall, dass diese nicht eingehalten werden. Es ist normalerweise aber nicht die Aufgabe von Juristen, sicherzustellen, dass sie eingehalten werden, und sich Gedanken darüber zu machen, wie das geschehen könnte. Und schon gar nicht lernen sie (auch wenn es im Berufsleben viele Gelegenheiten dazu gibt), wie man menschliches Verhalten (besser) ohne Ge-/Verbote lenken kann oder welchen Schaden man mit (strenger) Verhaltensregulierung sogar verursachen kann.
Wenn man sich dies vor Augen hält, dann scheint es, als würde Politik heutzutage nur noch von Juristen gemacht und bestünde darin, die Gesellschaft durch gesetzliche Vorgaben zu modellieren, die zudem gerne noch mit strafrechtlichen Sanktionen versehen werden, um angesichts überbordender Regulierung überhaupt noch ernst genommen und respektiert zu werden.
Es fehlt offenbar sowohl die Bereitschaft, abweichendes Verhalten zu tolerieren, als auch der Wille, auf inhaltlicher Ebene zu argumentieren und überzeugen, und nicht zuletzt das Vertrauen, man könne die Bürger durch Einsicht zu einem sozial- (und umwelt-)verträglichen Verhalten bewegen.
Es gibt sicher gute Gründe, an die Einsichtsbereitschaft und -fähigkeit der Menschen zu zweifeln, ihren Egoismus und ihre Verantwortungslosigkeit zu fürchten, und angesichts der Komplexität der Realität manche Dinge für sie zu entscheiden statt mit ihnen. Aber der Drang zur möglichst detaillierten Regulierung „erzieht“ die einen Menschen dazu, ihren gesellschaftlichen Beitrag darauf zu fokussieren (und ggf. beschränken), was ge- oder verboten wird, und die anderen dazu, gegen diese Bevormundung zu protestieren, notfalls durch Ungehorsam.
Durch beides sieht sich der Staat dann häufig genötigt, weitere „Impulse“ zu setzen oder unliebsames Verhalten zu unterbinden, und das setzt einen weiteren Regulierungskreislauf in Gang, der letztlich diese Verhaltensweisen nur noch verstärkt.
Es wäre wesentlich sinnvoller, eine Balance herzustellen zwischen den notwendigen, Klarheit schaffenden Regeln des Zusammenlebens und der Bereitschaft, die Gesellschaft sich in Freiheit entwickeln zu lassen, auch wenn dies bedeutet, dass es zu Abweichungen von Gerechtigkeitsidealen kommt, die die Mehrheit oder gut organisierte Minderheiten derzeit mit allen möglichen protektiven gesetzlichen Regeln zu verhindern oder kompensieren versuchen. Denn die Realität zeigt: Solche Regeln bewirken wenig, sie irritieren viele, belasten manche und führen bei den meisten Menschen auch nicht zur Änderung ihrer Einstellungen. Es ist aber gerade Letzteres, das für die Entwicklung der Gesellschaft entscheidend ist.
Als Beispiele für solches ge- und verbietendes Denken kann man insbesondere Regeln zum Verbraucher-, Umwelt-, Daten-, Arbeits- und Gesundheitsschutz, zur Lieferkettensorgfalt oder zur Antidiskriminierung jeglicher Art anführen. Aber dazu zählen auch die Diskussionen über Verbote gesellschaftspolitischer Aktivisten (z. B. Klimakleber) oder unliebsamer politischer Parteien (s. NPD, AfD), mit denen man sich nicht auf inhaltlicher Ebene auseinandersetzen möchte, obwohl nur auf diese Weise eine echte gesellschaftliche Weiterentwicklung stattfinden kann, welche die Demokratie aus Fundament akzeptiert und festigt.
Recht ist in einer modernen Gesellschaft eine notwendige Last, aber es darf nicht dazu kommen, es als Allheilmittel zur Durchsetzung von jeweils aktuellen Mehrheitsinteressen nutzen zu wollen. Denn wenn die Mehrheitsverhältnisse sich ändern, werden ganze Rechtsbibliotheken schnell durch einen Federstrich des Gesetzgebers zur Makulatur (wie ein bekanntes Diktum aus dem 19. Jhdt. besagt), wenn dem nicht eine echte, weitgehend gesamtgesellschaftliche Entwicklung zugrunde liegt. Und diese findet grundsätzlich erst einmal außerhalb des Rechtsraumes statt.
Wer eine umgekehrte Kausalkette einrichten, das Recht zur Volkserziehung einsetzen und eine bestimmte Überzeugung oder Ideologie in der Bevölkerung verankern will, muss zwangsläufig die Freiheit des Einzelnen beschränken, und wird früher oder später verleitet oder genötigt sein, zu diktatorischen Mitteln zu greifen. Es ist wichtig, dies zu bedenken, wenn bei nächster Gelegenheit wieder einmal nach einem gesetzlichen Verbot von Diesem oder Jenem gerufen wird.
Risiken und Nebenwirkungen der Nächstenliebe
Zugegeben: Überzeugte/r Christ/in zu sein, fördert (vermutlich) die Gesundheit, zumindest auf psychischer Ebene. Aber – um die Analogie mit Medikamenten weiterzuführen – diese „therapeutische“ Wirkung ist nicht ganz risikolos.
Die christliche Tugend der Nächstenliebe funktioniert nämlich dann besonders gut, wenn alle Mitmenschen demselben Prinzip folgen. Wenn die „Anderen“ aber mit Ablehnung und/oder Undank reagieren, kann Nächstenliebe ganz schön frustrierend sein. Und zum echten Problem kann sie dann werden, wenn sie auf aggressiven Egoismus trifft, weil das sprichwörtliche Hinhalten der anderen Wange für den Betroffenen übel ausgehen kann und im Normalfall auch wird. Dass Jesus selbst seine Haltung mit dem Leben bezahlt hat, beweist diese Feststellung, hat aber seine Gefolgschaft (und die Institution Kirche) trotzdem nicht zur Aufgabe dieses Prinzips motiviert, sondern allenfalls dazu, Märtyrer besonders zu verehren.
So schlimm kommt es aber meistens nicht. Denn der gesunde Menschenverstand führt die meisten Christen (zu ihrem Glück) dazu, ihre Nächstenliebe zu dosieren (notfalls in homöopathischer Konzentration) und adressatengerecht einzusetzen, so dass unerwünschte Nebenwirkungen zwar vorkommen, aber verkraftbar sind.
Wenn man den Faden weiterspinnt und die Nächstenliebe weitergehend als ein kulturprägendes Phänomen betrachtet, dann kann man feststellen, dass Hilfsbereitschaft, Toleranz, Gutmenschentum, usw. durchaus auch zu kollektiven Werten werden können und als positiv gemeinte Grundrechte und Sozialstaatsmaßnahmen ganze Gesellschaften prägen.
Das sollte man durchaus als kulturellen und gesellschaftlichen Fortschritt bewerten. Dieser wird für ein Kollektiv aber dann zur selbst gestellten „Falle“, wenn daraus eine Infragestellung der eigenen Identität (analog Helfersyndrom) und/oder Wehrlosigkeit (Aufgabe der eigenen Interessenvertretung) entstehen. Dann fühlt sich die Gruppe der Wohlmeinenden nicht nur ausgenutzt, sondern möglicherweise auch schutzlos.
Wenn ein Staat also mit einer offiziell verkündeten Willkommenskultur wirbt und dann der Ströme von Immigranten und/oder Flüchtlingen nicht mehr Herr wird, wenn die staatlichen Mechanismen zur Sicherung der Selbstwirksamkeit nicht mehr verlässlich funktionieren (insbesondere die Armee, aber auch Gesetzgeber, Verwaltung und Gerichte), wenn durch die Offenheit für andere bzw. Anderssein die eigene Identität in Frage gestellt wird, dann ist das auch eine Langzeitnebenwirkung einer dominant christlichen Kultur (die es lt. manchen politischen Sichtweisen aber paradoxerweise gerade gegen die Migration zu schützen gilt). Dabei ist es im Übrigen erst einmal irrelevant, ob die damit verbundenen Nebenwirkungen eingebildet sind oder real. Denn auch Nocebo-Effekte führen zu echten Problemen, wenn die Menschen diese als solche empfinden.
Das bedeutet allerdings keineswegs, dass Nächstenliebe überholt wäre. Viele Studien weisen darauf hin, dass einzig kooperatives Verhalten (und nichts anderes ist Nächstenliebe) das Überleben der Gesellschaft bzw. der Menschheit sichern kann. Aber bis sich diese Erkenntnis in der Breite durchsetzt und praktiziert wird, sollten sich gerade Gesellschaften, in denen sie stark verankert ist, nicht selbst und die Durchsetzung des Prinzips gefährden, indem sie es zum echten Problem werden lassen. Insofern ist defensive Selbstbehauptung, Verteidigung der eigenen Interessen usw. erst einmal nicht nur vertretbar, sondern geboten.
Auch wenn man mit Bibelzitaten aufgrund der sprachlichen Verfälschungen durch Bedeutungsänderungen und Übersetzungen vorsichtig sein sollte, ist im Übrigen das folgende zumindest bedenkenswert: Jesus soll gesagt haben, man solle den Nächsten lieben wie sich selbst. Das kann man auch umdrehen: Man solle sich selbst nicht weniger lieben als den Nächsten. Und ob bzw. inwieweit er mit „Nächsten“ auch Menschen aus der Fremde gemeint hat, würde ich ihn gerne mal fragen.