Wahrheitstabus und Demokratie

Beispiele:

  • Wir brauchen Arme und Dumme und daher tolerieren wir sie auch.
  • Wir finden Egoismus nur dann nicht gut, wenn andere ihn geltend machen.
  • Wir finden Grundrechte gut, aber sie sollen nicht zu unseren Lasten gehen.
  • Wir sind solange Demokraten, wie wir mitregieren dürfen. Wenn immer dieselben anderen regieren, ist das wie eine Diktatur.
  • Es gibt Ausländer, die nett sind, aber auch echte Arschlöcher und Kriminelle, genauso wie es entsprechende Deutsche gibt.
  • Jede Gesellschaft (in Staatsform) hat das Recht, „Fremden“ den Zutritt zu verwehren, und jene, die sie aufnimmt, zur Anpassung zu zwingen.
  • Die deutsche Kriegsschuld des 20. Jhdts. ist zwar real, aber nicht so groß, dass dies auf Dauer zur Aufgabe eigener Interessen zwingen würde.

In einer lebendigen Demokratie wäre es aber wichtig, solche verbreiteten Haltungen zu thematisieren und darüber zu streiten. Denn je weniger dies in der Breite geschieht, desto mehr wird es zum einen die stattfindenden Diskussionen in einer falsche bz. unproduktive Richtung lenken und Probleme verschleiern statt sie anzugehen, zum anderen den Nährboden für extreme Positionen bereiten, die gerade solcherlei Tabus zur Stimmungsmache nutzen, wenn auch oft in einer pervertierten Form.

Über Wahrheitstabus zu diskutieren, ist zunächst schwierig, und der aktuelle politische Mainstream meidet sie aus Angst, dass fundamentale Dissense die Gesellschaft spalten könnten. Das ist aber eine statische und kurzfristige Sichtweise: Es mag zwar zunächst zu momentanen harten Gegensätzen kommen, aber das ist die Energie, die den Brennstoff für eine Weiterentwicklung und Lösung liefert, und dies zahlt sich langfristig aus.

Angst vor Kontroversen ist eine schlechte Ratgeberin. Politische Gewitter mögen unangenehm sein, aber sie führen zu Klärungen statt zu Verwirrungen und dem permanenten Gefühl des „Volkes“, man rede an den eigentlichen Themen und Problemen vorbei. Je länger dieser letztere Zustand anhält, desto stärker werden die „Entladungen“, wenn sich die Themen letztendlich nicht mehr verdrängen lassen.

Eine Demokratie kann nur funktionieren, wenn zwar die Mehrheit regiert, aber alle sich mitgenommen fühlen und die Mehrheit sich auch tatsächlich zu den unangenehmen Wahrheiten positioniert. Wenn man dies über einen längeren Zeitraum ignoriert, bietet dies einen Nährboden für verquere Meinungen und letztlich eine Diskussionsverweigerung, welche der Demokratie das Fundament entzieht.