Fetisch Foto

Nur wenigen Menschen ist es gleichgültig, wie sie auf Bildern erscheinen, selbst wenn gar keine „Gefahr“ besteht, dass Dritte sie zu sehen bekommen. Selbst wenn man weiß, dass es fotogene Menschen gibt und weniger fotogene, und dass ein „Schnappschuss“ eben auch einen ungünstigen Moment erwischen kann, empfinden viele Menschen es als extrem peinlich, nicht „gut getroffen“ zu sein. Gerade Menschen mit geringem Selbstbewusstsein haben damit Probleme und tolerieren nur Fotos, auf denen sie sich selbst gefallen.

Interessant ist dabei, dass es ihnen gleichgültig ist, ob andere das auch so sehen. D. h. selbst wenn andere nichts an den Fotos auszusetzen haben, widerspricht es ihrem „Selbstbildnis“ dermaßen, dass sie diese Fotos am liebsten vernichten. Es ist fast so, als ob ihr Wesen verfälscht wird, sie in Frage gestellt werden usw., jedenfalls dass die Fotos eine negative Ausstrahlung besitzen, die andere in dem Sinne beeinflusst, dass sie eine schlechte(re) Meinung von ihnen haben. Das bleibt paradoxerweise sogar so, wenn ganz offenkundig ist, dass andere sich an dem Foto nicht stören und ihre Wertschätzung für die abgebildete Person nicht davon abhängig machen, wie gut sie auf einem Foto getroffen ist.

Dieser Mechanismus wirkt offenbar auch bei Personen, die sich zwar gerne nach außen (im Netz) darstellen, aber unbedingt das Foto optimieren müssen, obschon niemand sich von dieser „Optimierung“ beeindrucken lässt und die Personen das sogar wissen.

Auch bei Videos ist es nicht anders: Wie man sich bewegt, welche Grimassen oder Gesten man macht, wie die eigene Stimme klingt, all das potenziert dieses Selbstbildnisproblem noch. Obschon man „in natura“ ja tatsächlich so ist und dies niemanden stört, löst eine Fixierung des „Ich“ auf einem Foto/in einem Video eine Reaktion oder eine Überzeugung aus, als handele es sich dabei um einen Fetisch, mit dem man den Göttern wohlgefallen möchte bzw. zu müssen glaubt. Es ist fast so, als sei das Foto in der Lage, ein Eigenleben zu entwickeln, welches das eigene Leben der abgebildeten Person schmälert oder erweitert, je nachdem, wie stark/gut die Abbildung mit dem Selbstbild übereinstimmt. Das Foto-Ich wird offenbar vom echten Ich gelöst und kann Gefahren hervorrufen, denen man sofort entgegentreten zu müssen glaubt.

Kann es sein, dass diese Menschen im Grunde ein negatives Selbstbild haben, das sie sich nicht eingestehen wollen und das sie auf jeden Fall beschönigen oder verheimlichen wollen? Paradox ist, dass andere ja gerade hierdurch auf den Komplex aufmerksam werden, weil sie nicht verstehen, was das Gedöns soll.

Das ähnelt der Konstellation, die auftritt, wenn es Menschen extrem wichtig ist, was andere Menschen über sie denken. Negative Gedanken anderer scheinen negative Kräfte freizusetzen, denen sich die Betroffenen offenbar nicht aussetzen wollen, ob schon das alles sich ja nur in ihrem Kopf abspielt: Denn es geht ja darum, sich einzubilden/vorzustellen, was andere denken, nicht darum, dass jemand konkret gesagt hat, was er denkt.

Ist die Macht der (angeblich) bösen Gedanken oder misslungenen Bilder ein Überrest aus der Zeit des Menschen als homo pre-sapiens (ähnlich wie der „böse Blick“), oder ist gerade das Denkvermögen des Menschen der Nährboden für solche seltsamen Vorstellungen? Man würde ja gerne mal Tiere befragen, was sie davon halten.