Wahrheitstabus und Demokratie

Wir preisen uns, in einer Gesellschaft zu leben, in der die Rede- und Meinungsfreiheit keiner Fremdzensur unterworfen ist – zumindest nicht durch einen Zensor „Staat“. Private Medien (Verlage, Zeitungen Fernsehanstalten usw.) haben ihre internen Mechanismen, ihre Autoren so zu „briefen“ bzw. korrigieren, dass der jeweilige Qualitätsstandard eingehalten wird oder die Grundhaltungen der Medien nicht in Frage gestellt werden. Wenn es dann zu einer Publikationsverweigerung kommt, gehört das zum „Business“ dazu und ist auch Teil der Meinungsfreiheit eines Informationsanbieters. Da hierdurch zudem bestimmte Meinungsäußerungen nicht vollständig, sondern nur in bestimmten Kreisen verhindert werden, auf gesellschaftlicher Ebene insgesamt bzw. an anderer Stelle aber möglich bleiben, wird dies zurecht hingenommen.

Wesentlich subtiler funktioniert eine Art verallgemeinerter Selbstzensur insbesondere der Massenmedien, die von gesellschaftlichen und/oder politischen Tabus gespeist wird.

Dazu zählen zum einen solche, die zwar erscheinen, aber nicht nennenswert wahrgenommen werden angesichts des Priorisierens von seichten Mainstreamthemen in den Hauptsendezeiten oder meistgelesenen Seiten. Solche Dokus werden z. B. ins Nachprogramm geschoben oder in Spezialsendungen versteckt, weil sie nicht quotenträchtig, aber als Alibi für die Breite des Angebots nützlich sind.

Zum anderen – und vor allem – geht es dabei um Wahrheiten (Erkenntnisse und Fakten), die dem offiziösen Sprech der Politik und/oder der gesellschaftlichen Schicklichkeit (political correctness) widersprechen, und um die man einen weiten Bogen macht, weil ihre Äußerung oder Publikation shitstormverdächtig ist und ggf. sogar das Ende einer Karriere bedeuten kann, obschon ja nichts Verbotenes oder Kriminelles geäußert wird, wohl aber Wahrheiten, die offenbar so „verstörend“ sind, dass sie zu gesellschaftlichen Tabus werden.