Letztere Herangehensweise ist zwar nicht per se neu, aber ungewöhnlich in der hiesigen „Debattenkultur“: In Deutschland streitet man am liebsten über bzw. ausgehend von Begriffen, die ein bestimmtes Ideal implizieren, dessen Inhalt aber abstrakt ist und auch in konkreten Diskussionen nicht präzisiert wird, so dass man endlos damit und darüber palavern kann und trotzdem zu keinem Ergebnis kommt, wie z. B. den Begriff „Integration“.
El-Mafaalanis Ansatz, von der subjektiven Perspektive der Betroffenen bzw. Akteure auszugehen, und hieraus ein plausibles Verhalten abzuleiten, das dann gesamtgesellschaftlich sichtbar wird, vermittelt auf fast zwingende Weise ein Verständnis für die Vorgänge und gesellschaftliche Dynamik, ohne dass man dazu auf wissenschaftliche Theorien oder ideologische Positionen zurückgreifen muss.
Dieses Sich-Hinein-Versetzen und Nachvollziehen individueller Logiken erzwingt zudem eine gewisse Empathie, weil man erkennt, dass die Migranten sich letztlich genau so verhalten, wie wir es selbst an ihrer Stelle tun würden, und das macht es schwierig, wenn nicht unmöglich, sie als abzulehnende Fremde, als Migranten statt Menschen zu betrachten und behandeln. Diese Perspektive entzieht sowohl den Talkshows als auch den Bierzeltgesprächen zu diesem Thema weitgehend die Grundlage. Und weil die Debattierenden dies wohl wissen oder zumindest spüren, verweigern sie sich dieser Perspektive konsequent.
Insofern kann man nicht häufig genug auf dieses Buch verweisen, wenn man ernsthaft an friedlichen und erfolgreichen Lösungen interessiert ist.
Was in El-Mafaalanis Buch dennoch fehlt bzw. zu kurz kommt, sind folgende Punkte:
Zum einen kann man die aktuellen Debatten nur verstehen, wenn man die erwähnte subjektive Perspektive auch auf die „Einheimischen“ anwendet, d. h. nachvollzieht, welche Gefühle sie haben, welche Erfahrungen sie machen, welche Entwicklungen sie befürchten. Wenn sich heute so viele Menschen „rechts“ positionieren, dann hat das m. E. entscheidend damit zu tun, dass sie sich nur dort ernst genommen und gehört fühlen, während die etablierte Politik und die überwiegenden Massenmedien sich konsequent an ethischen Idealen, rechtlichen Vorgaben oder vollendeten Tatsachen orientieren. Diese Perspektive der Aufnehmenden den Migranten zu vermitteln, statt sie sich Ablehnung, Hass und Terror der Nicht-Gehörten aussetzen zu lassen, würde einen erheblichen Schritt aufeinander zu bedeuten.
Zum anderen ist El-Mafaalanis Buch zurecht qualitativ orientiert, indem es auf die Merkmale und Mechanismen der Migration und Integration eingeht. Aber es berücksichtigt nicht, in welchem Maße diese Qualität durch die Quantität der Migration und die damit ausgelösten Anpassungsprozesse beeinflusst wird. Die subjektive Perspektive wird insbesondere in Großstädten von einem starken Gefühl der Fremdheit in der eigenen Heimat geprägt, das natürlicherweise erst einmal einen Abwehrreflex auslöst. Dieses Gefühl wird letztlich verstärkt durch die zunehmende mediale und politische Präsenz von Migranten(abkömmlingen), auch wenn diese längst Deutsche in 2. Generation sind. Es geht hier nämlich nicht um objektive Fakten oder soziale Gerechtigkeit, sondern subjektives Empfinden. Das bedeutet nicht, dass Letzteres Maßstab für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung sein soll, aber es würde viele Konflikte entschärfen, wenn Menge und Tempo der Migration der individuellen (und damit letztlich auch gesellschaftlichen) Aufnahme- und Verarbeitungskapazität angepasst würden.
Schließlich verweist El-Mafaalani zurecht darauf, dass sich in den letzten Jahrzehnten fundamentale gesellschaftliche Veränderungen vollzogen haben, die definitiv nichts mit Migration zu tun haben. Es ist aber wichtig, sich vor Augen zu führen, dass die Beschleunigung und Verkomplizierung dieser Entwicklungen sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene bereits erhebliche Anpassungsanstrengungen erfordert. Migration bzw. Integration wird dann als zusätzliche Belastung empfunden, und das umso mehr, als sie als vermeidbar betrachtet wird, wenn bloß die „richtige“ Politik gemacht würde. Während die allgemeinen Anpassungsnotwendigkeiten weitgehend als unabänderlich angesehen und hingenommen werden, ist die Migration bei vielen subjektiv der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, weil sie ja nach ihrem Empfinden gar nicht nötig wäre.
Zu viel, zu schnell, zum falschen Zeitpunkt: Rational betrachtet können diese Sichtweisen paradox erscheinen, wenn man sich vor Augen führt, wie Deutschland ohne Migration dastünde. Aber je mehr man solche Bedenken berücksichtigt, desto erfolgreicher wird die Integration derjenigen, die hierzulande ihre neue Heimat finden möchten.