Fetisch Foto

Dass wir in einer durchvisualisierten Welt leben, bedarf sicher keiner weiteren Erklärung, ebenso wie die Feststellung, dass in der visuellen Kommunikation Bildmanipulationen mehr oder weniger subtiler Art ein beliebtes Instrument sind, seit es die Fotografie gibt. Und das gilt erst recht in Zeiten digitaler Fotobearbeitung.

Interessanter ist die Frage, welche Wirkung Fotos nicht auf den fremden Betrachter, sondern auf den Fotografierten selber haben.

shapen

Neulich wurde mir bewusst, dass bodyshaper – die moderne Variante des guten alten Korsetts in den vielfältigsten Ausführungen – immer noch hoch im Kurs stehen, vermutlich als preisgünstige Alternative für Schönheits-OPs oder jahrelange Körpertrainingsquälerei.

Gäbe es analog bloß auch brainshaper, die unser natürliches Gehirn zwar nicht durch KI ersetzen, es aber ohne jahrelangen Schul- und Hochschulbesuch in ein leistungsfähiges Format bringen sollen, wird manch einer sich denken! Der Wunsch dürfte nicht lange unerfüllt bleiben: Chip-Gehirnimplantate werden wohl bald schon ihre ersten Interessenten finden.

Da Pharma- und Drogenindustrie auch schon gute Fortschritte in der Steuerung unserer Emotionslage gemacht haben und ihre emotionshaper einen reißenden Absatz finden, bleibt letztlich nur der soulshaper, um das Quartett zu vervollständigen. Religiöse, Spirituelle und sonstige Überirdische tun zwar seit Jahrtausenden diesbezüglich ihr Bestes, aber alle Modelle scheinen irgendeinen Konstruktionsfehler zu haben, so dass wir in dem Bereich wohl noch eine Weile auf uns selbst angewiesen sind, um Erlösung zu erreichen.

Und was bleibt bei all dem shapen vom „echten“ Menschen? Bloßer Rohstoff für geshapte Menschenkunstwerke? Die Natur wollen wir zwar retten, aber uns selbst betrachten wir offenbar nicht mehr als einen gelungenen Teil derselben.

Menschsein/Humanitude

„Eine weise Mischung aus Fürsorge und kritischem Geist, Unterstützung und Radikalität, Gegenseitigkeit und Feinfühligkeit. All das, wozu Maschinen nicht in der Lage sind.“

(« Un savant mélange de sollicitude et d’esprit critique, d’entraide et de radicalité, de mutualité et de délicatesse. Tout ce que les machines sont incapables de nous transmettre. »)

Hugues Dorzée, Editorial, Imagine N. 140 sept-oct 2020, S. 5