Sentió, ergo sum

Schon vor über hundert Jahren haben Freud und andere auf die Bedeutung des Unbewussten hingewiesen, und heute wissen wir mit Sicherheit, dass unser Denken und Handeln in erster Linie emotional gesteuert wird, nicht vernunftbasiert. Auch diese Erkenntnis ist nicht neu (s. z. B. das Buch von A. Damasio, Ich fühle, also bin ich, das im englischen Original zwar einen sperrigeren Titel hat, aber zur Jahrtausendwende diesbezüglich Klarheit schafft), aber offenbar bisher kaum ins kollektive Bewusstsein gedrungen.

Faktisch gibt es jedenfalls zunehmend Zeichen, dass die Gefühle tatsächlich in vielen Feldern unsere Gedanken steuern und den Verstand ausschalten. Insbesondere im gesellschaftlichen Bereich (z. B. Rechts/Links-Wahlen, Leugnung des Klimawandels, Weigerung zu verzichten, übertriebene Bedeutung von Sensibilität und Verletzlichkeit, Dramatisierung und Hysterie bei gesellschaftlichen Problemen, Zunahme von Ängsten und Depressionen (auch bei Jugendlichen) usw.) wird deutlich, dass die Menschen heute primär emotionsgetrieben denken und handeln. Latent vorhanden waren diese Gefühle vermutlich immer, aber soziale und religiöse Einhegung verbunden mit einer verlässlichen Problemlösungsinstanz in Form des Staates zzgl. Ausklammerung der Thematik in den Massenmedien haben die Gefühle auf kleiner Flamme gehalten oder nur im kleinen Kreis zum Ausdruck kommen lassen. Angesichts zunehmender unlösbar erscheinender Probleme und Zukunftsungewissheiten, von Freiheiten, die vor allem als Sicherheitsrisiken betrachtet werden, sowie des Tempos der gesellschaftlichen Veränderung ist der emotionale Impakt größer geworden, und durch das Internet und die „social media“ sind Emotionen als Massenphänomen erkennbar und organisierbar, was Scham und Hemmungen abbaut und Emotionen salonfähig macht.

Das könnte man als vorübergehende Fehlentwicklung abhaken, wenn wenigstens die Wissenschaften als der zentrale Hort der Rationalität Rettung in Aussicht stellen würden. Zwar ist hier Irrationalität offiziell streng verpönt, aber in der Praxis sind auch Wissenschaftler Menschen. Das führt nicht nur zu vorsätzlichen Betrugsversuchen oder dem Ignorieren wichtiger Forschungserkenntnisse anderer Fachkollegen, sondern auch dem Verdrängen der Tatsache, dass die Realität in weiten Teilen nicht einfach rational erklärbar ist. Das führt dazu, dass viele Theorien intellektuell anspruchsvoll und inhaltlich überzeugend erscheinen, aber in der Praxis nicht verwertbar sind.

Manchmal sind sie sogar kontraproduktiv, weil die Realität komplex ist, die Wissenschaften aber per Definition einen engen fachspezifischen Blick haben und fachfremde Dimensionen ausblenden. Zwar haben sich im Laufe der letzten Jahrzehnte interdisziplinäre Disziplinen gebildet, aber auch diese bleiben wiederum innerhalb ihres Spezialfokus hängen. Je tiefer man in komplexe Fragen eindringt, desto größer wird der Differenzierungsbedarf und desto weniger eindeutig sind die speuialwissenschaftlich beweisbaren Erkenntnisse.

Das heißt mit anderen Worten, dass die Wissenschaften zwar viele Theorien anbieten, ihr Nutzen sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft aber beschränkt ist und insbesondere an der Anwendung in der Praxis scheitert, sei es weil die Theorie nicht passt/unterkomplex ist, sei es, weil die Menschen nicht in der Lage sind, sie anzuwenden, oder aber dass einfach die Zeit dazu fehlt.

Das führt dazu, dass dieser „Rettungsanker“ in der gesellschaftlichen Realität immer weniger Beachtung und Akzeptanz findet. Die Wissenschaften bilden also kein Gegengewicht gegen die Emotionslastigkeit der Menschen, sie provozieren diese z. T. sogar, wenn die Menschen z. B. ihre Überzeugungen ändern müssten, sollten sie den Wissenschaften „glauben“ (s. z. B. die Ablehnung der Evolutionstheorie oder medizinischer Eingriffe bei manchen religiösen Gruppen, oder das Verhalten der „Querdenker“ angesichts der Corona-Impfungen).

Die Menschen verlassen sich nicht nur mehr auf ihre Gefühle, sondern der zwischen-menschliche und gesellschaftliche Diskurs wird emotionsgeladener, wobei negative Gefühle (Wut, Hass, Ablehnung, Herabwürdigung und dgl.) dominieren.

Wir sind also auf dem Weg zu einem „Sentió, ergo sum“ (Ich fühle, also bin ich). Wenn man bedenkt, dass das bewusste rationale Denken und Handeln nach etablierter Sicht dasjenige Merkmal ist, dass uns von den Tieren unterscheidet und uns über diese erhebt, dann kann man dies nicht als Fortschritt betrachten. Wohin das führt, ist ansatzweise jetzt schon zu erkennen: Mehr Konflikte/weniger Frieden, mehr Gewalt (möglicherweise irgendwann auch von Seiten des Staats), weniger Solidarität …

Vielleicht ist die vermutlich weiter steigende emotionale Belastung der Menschen irgendwann dann auch der Ansatzpunkt für eine neue Entwicklung. Was bis dahin geschehen wird, und was danach kommt, ist schwer einzuschätzen. Diktatoren haben bereits jetzt Zulauf. Vielleicht werden sie benötigt, bis die „Volksseelen“ bzw. „Volksgefühle“ sich wieder beruhigt haben und wir einen neuen Anlauf nehmen können, zumindest die vernünftigsten Wesen auf Erden zu sein.

(Nachtrag 21.3.2026: Der öffentlich-rechtliche Radiosender WDR5, immerhin der intellektuell anspruchsvollste im Westen, nutzt seit Kurzem den Slogan: Mitreden. Mitfühlen. Miterleben. Mitdenken muss also niemand mehr.)