Meine Demokratie

Sobald Wahlen anstehen, sehen seit einiger Zeit die meisten (sich in der Mitte wähnenden) Medien „die“ Demokratie in Gefahr, weil Populisten (insbesondere von rechts, aber auch von links) und verwirrt-unberechenbare Bürger (von überall her) die vertrauten Verhältnisse in Frage stellen und damit politische Verschiebungen drohen, welche eine funktionierende Demokratie zunichte machen könnten.

In der Tat ist die Demokratie die einzige Regierungsform, die vom Konzept her den Keim in sich trägt, sich gewollt selbst zu zerstören. Das wäre zwar nicht fein, aber demokratisch, wenn es von der Mehrheit gewollt wäre, was aber im Übrigen bisher selbst in den bereits existierenden, kritisch beäugten (früher eher demokratischen) „Problemstaaten“ bzw. durch deren Problempräsidenten noch nicht geschehen ist.

Wenn nun allerdings vorgeblich überzeugt demokratisch Gesinnte appellieren, „die“ Demokratie müsse geschützt werden, dann meinen sie in Wirklichkeit „ihre“ Demokratie, nämlich ein System, in dem wie bisher zwar das Volk abstimmt, aber letztlich trotz Wahlen die tatsächlichen Machtverhältnisse strukturell gewahrt bleiben, d. h. die etablierten gesellschaftlichen Eliten (von Reichen über Gutbürger bis hin zu Parteispitzen) wechseln hin und wieder die Stühle, aber fundamental ändert sich nichts. Das ist die Demokratie, wie wir sie kennen und offenbar die meisten sie mögen.

Die demokratische Minderheit (Opposition) baut dabei typischerweise darauf, dass diese Demokratie es ihnen grundsätzlich ermöglicht, auch einmal zur Mehrheit zu gehören, oder dass zumindest ihre Anliegen von der Mehrheit ernst genommen werden. Wenn aber zu viele Menschen finden, dass sie im Demokratiespiel kaum mehr als Stimmvieh sind und keinen Zugang zur Mehrheit oder zumindest Berücksichtigung ihrer Interessen erwarten können, dann ist das nicht mehr „ihre“ Demokratie, und dann drohen jene Veränderungen, welche die anderen fürchten.

Wenn man die Demokratie also retten will, dass muss man „mehr (echte) Demokratie wagen“, wie Willi Brandt das mal formuliert hat. Dazu hat die traditionelle Mehrheit zwar wenig Lust (umso weniger, je häufiger man an der Macht ist), aber die „Alternativen“ und ihre Anhänger haben sich offenbar in ausreichender Anzahl auf den Weg gemacht, das nun zu ändern.

Das sollte man als Demokratiegesinnter eigentlich begrüßen. Was einen aber zögern lässt, ist die Erkenntnis oder zumindest Befürchtung, dass die vorgeblichen „Alternativen“ im Demokratiespiel nicht vertrauenswürdiger sind als die Etablierten: Sie kochen vermutlich ihr eigenes Süppchen und denken gar nicht daran, den Rest des Volkes (bzw. die bisherige Mehrheit) daran mitlöffeln zu lassen. Ob die sie unterstützenden Menschen, sobald sie das merken, dann noch die Wahl haben werden, auch diese an die Macht gelangten „Demokraten“ abzuwählen, das ist die spannende Frage.

Echte Sorgen machen muss man sich letztlich nur, wenn man diese Frage wahrscheinlich mit nein beantworten muss. Alles andere müssen wir als Anhänger der Demokratie aushalten. Auch Andersdenkende sollen schließlich die Chance haben, ihre Inkompetenz, Gier, Ideenlosigkeit usw. unter Beweis zu stellen. Denn nichts spricht dafür, dass sie in der Lage wären, ein Land besser zu führen als ihre politischen Gegner.

Solange es also funktionierende Institutionen im Staat gibt, die auch den tatsächlichen Rückwechsel sicherstellen, können wir also gelassen bleiben. Wenn hingegen neue Machthaber versuchten, das Staatssystem zur eigenen Machtsicherung umzuschreiben, dann wäre nicht bloß Alarmgezeter angesagt, sondern tatsächliches Handeln.

Davon sind wir aber noch ein gutes Stück entfernt. Und die beste Prävention, es nicht soweit kommen zu lassen, ist Demokratie zu leben: Nicht durch Ablehnung und Verbote der Andersdenkenden, sondern durch Diskussion, Überzeugung und Gewinnung neuer Mehrheiten. Diese werden Entgegenkommen und Kompromisse erfordern, und hier liegt die echte Gefahr für die Demokratie: Der Unwille, sich mit Andersdenkenden zu arrangieren und gemeinsame Lösungen zu finden. Das ist anstrengend, aber gerade das würde es allen erlauben, und nicht nur der jeweiligen Mehrheit, die Demokratie als die ihrige zu betrachten. (s. auch Gläubigen predigen)

Gläubigen predigen

Derzeit läuft eine große Anzeigenkampagne, in der deutsche Unternehmen unter dem Slogan #zusammenland ihre Ablehnung rechter Fremdenfeindlichkeit zum Ausdruck bringen. Aber was will man damit erreichen, außer den ausgewählten Zeitungen über die verkaufte Werbefläche Zusatzeinnahmen zu bescheren?

Die Unternehmen haben erst einmal allen Grund, sich entsprechend der politischen Mehrheitsverhältnisse „politisch korrekt“ zu verhalten und bei der Aktion mitzumachen. Die Nazizeit hat allerdings deutlich genug gezeigt, dass die unternehmerische Gesinnung bei ernsten Machtwechseln auch gerne mal die Richtung ändert.

Vor allem aber: Wen will man damit erreichen und beeindrucken? Die Leser dieser Zeitungen sind weit überwiegend ohnehin derselben Meinung. Und auf welcher Erkenntnisgrundlage glaubt man, durch Zeitungsanzeigen sonstigen Andersdenkende zum Umdenken zu bringen? Wer lässt sich von einer solchen Art Demonstration von seiner Meinung abbringen?

Fast könnte man denken, es werden auf diese Weise Durchhalteparolen ausgegeben, weil man Sorge hat, der Widerstand oder Kampfesmut der „Zusammenhaltenden“ könnten brechen (wenn diese militärische Analogie erlaubt ist).

Ein ähnliches Phänomen beobachtet man im Übrigen bei den großen Telemedien: Dort berichtet man über Rechts (und die AfD), so als handelte es sich um einen fremden Eindringling. Mit neutraler und inhaltlich kritischer Berichterstattung hat das nur noch gelegentlich zu tun, das Ganze erinnert eher an Berichte über Russland bzw. Putin.

Ist das nur ideologische Beschränktheit oder schon Angst, wenn man quasi zur Solidarität aller politisch „Rechtgläubigen“ aufruft? Der Aufrechterhaltung der Demokratie dient es jedenfalls nicht, Feinde im eigenen Land zu suchen und diese so lange vor den Kopf zu stoßen, bis sie diese Medien nicht mehr ernst nehmen und sich gar nicht mehr ansprechen lassen, sondern nur noch unter Ihresgleichen bleiben (wie dies ja offenbar jetzt schon weitgehend der Fall ist).

Das Ganze ähnelt der Situation in den Kirchen: Überzeugungsarbeit leistet man am liebsten bei Überzeugten, mit den „verlorenen Schafen“ setzt man sich lieber nicht auseinander, vermutlich weil das die eigenen Überzeugungen in Frage stellen könnte. Was aus solchem Vermeidungsverhalten langfristig wird, kann man an der gesellschaftlichen Entwicklung feststellen, welche Kirche und Religion zu kulturellen Randerscheinungen werden lässt. Wenn man daraus keine Lehren zieht, wird es mit der Demokratie ähnlich enden.

Es führt daher kein Weg drumherum, sich mit den Kerninhalten rechten Denkens zu beschäftigen, dieses mit den davon Überzeugten zu diskutieren und auf diese Weise Einfluss zu nehmen, statt sich rechthaberisch zu verweigern, das unangenehme Gedankengut verbieten zu wollen und zu hoffen, dass das „Problem“ sich irgendwie von alleine erledigt. (s. auch Meine Demokratie)

Zweierlei Maß

Wenn Bauern Straßen blockieren, um trotz all ihrer staatlich alimentierten Privilegien bloß auf nichts verzichten zu müssen, wenn Lokomotivführer die Bahn lahmlegen und die Mobilität von Millionen Nutzern einschränken, um ihr Gehalt weiter zu optimieren, dann nennt man das grundrechtlich geschützte legitime Interessenvertretung.

Wenn Klimaaktivisten kurzzeitig durch Festkleben Straßen blockieren, um auf die Bedrohung des zum Gemeinwohl zählenden Klimas hinzuweisen, ohne im Übrigen selbst einen Nutzen davon zu haben (im Gegenteil!), dann nennt man sie Kriminelle oder gar Terroristen.

Fremdschämen ist ein drastischer Euphemismus, um zu beschreiben, was man angesichts dieser „öffentlichen Meinung“ empfindet.

Das ist nicht einmal zweierlei Maß, sondern gar kein Maß mehr.

Vielleicht sollten die Klimakleber daraus lernen und versuchen, aus ihren Aktionen Profite zu ihrem persönlichen Vorteil herauszuholen. Das müsste dann nach aller Logik vom politischen Mainstream wohlwollend begleitet werden.

In schlechten Händen

C. Schweppe hat in der ZEIT vom 4.1.2024 (S. 4-5) beschrieben, woran die Evakuierung bzw. Immigration afghanischer Ortskräfte nach der Machtübernahme durch die Taliban in Afghanistan gescheitert ist bzw. immer noch scheitert.

Abgesehen davon, dass es moralisch vollkommen inakzeptabel ist, zunächst Einheimische für sich arbeiten zu lassen und sie dann trotz sehr ernster Gefahr für ihr Leib und Leben schutzlos zurückzulassen, obschon ihre Anzahl gemessen an der Gesamtmigration nur einen Klacks darstellt und offensichtlich Deutschkenntnisse vorhanden sind, die bei anderen Migranten häufig vollkommen fehlen, zeigt der aus Originalquellen gespeiste Beitrag überdeutlich die Inkompetenz, die Führungslosigkeit, die parteipolitischen Egoismen und den fehlenden Minimalanstand nicht nur der Politiker, sondern auch der von ihnen geführten Ministerien.

In offiziellen Verlautbarungen wundern „die da oben“ sich, dass die Menschen die Nase voll haben von dieser Art Staatsführung, aber faktisch bestätigen sie ein ums andere Mal, dass es genauso schlimm ist, wie die Menschen es sich vorstellen. Denn das dokumentierte Debakel ist ja kein Einzelfall. Die öffentliche Hand ist inzwischen offenbar auf allen Ebenen ein Hort für Inkompetente, Überforderte, Unengagierte, Überhebliche, ideologisch Engstirnige, Scheinaktive und Verantwortungsscheue. Wie und warum soll die Bevölkerung angesichts dessen ein Vertrauen entwickeln, dass das Gemeinwohl in guten Händen ist?

Es wird immer wieder geklagt, wir hätten zu viel Staat und Bürokratie. Das mag in Teilbereichen stimmen, aber das wahre Problem ist nicht zu viel Staat, sondern zu wenig guter Staat. Mangelnde Qualität und fehlendes Gemeinwohlethos sowohl (und vor allem) des Führungspersonals als auch vieler Mitarbeiter auf allen Ebenen tragen dazu bei, dass der Staat nicht mehr seinen Aufgaben gerecht wird (was er offenbar in Teilbereichen schon selbst gemerkt hat, weil er das Heft des Handelns und die Verantwortung an Private abgibt, was letztlich aber die Schwäche des Staates nur verstärkt).

Für das Gemeinwesen sollten sich die fähigsten und verantwortungsbewusstesten Köpfe engagieren, gerade in Zeiten, in denen die kollektiven Politiken entscheidend für die Zukunft aller sind. Um das zu erreichen, bräuchte es aber Einsicht und Willen, und beides ist nicht vorhanden.

Das Regierungssystem hat offenbar die Kraft verloren, sich selbst zu regenerieren. Man begnügt sich mit Appellen, „es“ müsse sich dieses oder jenes ändern, womit man offenbar alles und jeden meint, nur nicht sich selbst. Aus einer übergeordneten Warte betrachtet bleiben als Lösung dann nur disruptive Ereignisse, welche erforderliche Entwicklungen erzwingen würden, von denen man aber nicht so recht weiß, ob man sie erhoffen oder befürchten soll.

Verstand und Vernunft

„Unsere heutige Bildung ist hauptsächlich an materiellen Werten und an Verstandesbildung orientiert. Aber die Realität zeigt, dass wir mit dem Verstand allein nicht zur Vernunft kommen. Es geht auch um Ziele wie Liebe, Mitgefühl, ein Gefühl für Gerechtigkeit, Achtsamkeit und Vergebung. Und dies als Bildungsziele von den Kindergärten bis zu den Universitäten. Bildung muss ein globales Denken über die Zukunft der Welt vermitteln.“

Dalai Lama, in : Publik-Forum Nr. 3/2018, S. 20.

Selbstversuche

Medienschaffende sind mir ein steter Quell ungläubigen Staunens, allerdings leider weniger wegen ihrer herausragenden Leistungen als vielmehr wegen ihres Selbstverständnisses und ihrer Weltsicht.

Ein besonders nerviges wiederkehrendes Thema sind „Selbstversuche“. Es ist ja nicht so, dass es auf diesem Globus, oder auch in der näheren Heimat, nichts Berichtenswertes gäbe. Aber für viele Journalisten scheinen Berichte über Eigentauglichkeitstests den perfekten Vorwand zu liefern, ihr Ego in aller Öffentlichkeit und Unschuld zu verhätscheln und dabei noch den Eindruck zu erwecken, sie hätten etwas Bahnbrechendes oder zumindest Bemerkenswertes im Interesse der Allgemeinheit getan, auch wenn die preisgegebenen Erkenntnisse nur den Stand der Beschränktheit ihrer AutorInnen spiegeln.

Besonders beliebt ist das Ausprobieren alternativer Lebensweisen, wahlweise mit der Ausrichtung Öko/Bio (zuletzt S. Neukam in der ZEIT 11.1.2024 S. 27), Schlichtheit/Verzicht oder sogar Faulheit (so zuletzt P. Pinzler in der ZEIT 28.12.23, S. 61). Jungs und Mädels aus offenbar besserem Hause nehmen ihren Mut in beide Hände und trauen sich mal (meist nur für sehr kurze Zeit) eine Lebensweise, die ihnen offenbar so seltsam vorkommt, dass sie der Welt mitteilen müssen, was sie so erlebt haben und (vielleicht, und wenn überhaupt, dann nur für sich) daraus schließen, auch wenn das bei den Lesern eher zu Fremdschämgefühlen als zu neuen Erkenntnissen führt.

Vielleicht sind solche Berichte ja der Ersatz traditioneller Abenteuerromane in Kurzform für weniger Aufnahmefähige (Die Aufmerksamkeit des digital geprägten Nachwuchses reicht heute ja kaum noch für einen ganzen Roman.) und/oder Minderbegabte (für die echte Wissenschaft ohnehin „fake“ ist). Sesselpupsende Normalos ohne jeglichen Entwicklungsdrang fühlen sich dann von der fast immer sehr zurückhaltenden Begeisterung der TesterInnen jedenfalls bestätigt, dass das „nix für sie wäre“, ansonsten profitiert vom Erfahrungsbericht nur der/die/das Autor*in* auf seinem/ihrem Honorarkonto.

Ich fühle mich nicht berufen, Selbstverzwergungstendenzen von Schreiberlingen jeglicher Art zu verhindern, soviel Freiheit zum Nichtsein anderer muss man aushalten. Mich stört (wie bei vielem anderen) der Beitrag zu Volksverdummung und das damit verbundene Bauchgefühl, dass wir Menschen als Kollektiv grade einen Selbstversuch unternehmen, über den niemand mehr wird berichten können, u. a. weil es zu vielen Medienschaffenden reicht, sich mit ihrem kleinen Ich zu beschäftigen.

Selbstabsolution

Es ist mal wieder Winter, und was erzählen uns die wintersportverliebten Nachbarn und Freunde, wenn es sich dann doch grade nicht verheimlichen lässt, dass die Schier gepackt werden?

Mit leicht sorgenbewusstem Blick sagen sie „Ich weiß, das ist ökologisch nicht unbedenklich, aber …“ und dann kommen wahlweise:

  • „… wir machen das im Freundeskreis schon seit Jahrzehnten“,
  • „… es ist die letzte Chance, mit den Kindern was gemeinsam zu machen“,
  • „… die Preise waren grade unverschämt günstig“,
  • „… es war ausnahmsweise mal etwas frei, wenn wir Urlaub nehmen konnten“,
  • „… wir spenden dafür auch etwas an die Umwelthilfe“,
  • „… so schlimm wird es ja wohl nicht sein, sonst wäre es doch verboten, oder?“.

Für die Selbstrechtfertigung gibt es für sie alle offenbar keinen objektiven Standard, es reicht der Hinweis darauf, man wisse ja, was man da tue, aber eben …

Dass die Naturzerstörungsfolgen und die Klimabelastung dieses Hobbies ausreichend objektiv wissenschaftlich belegt sind, wird lieber ignoriert, denn erst dann käme es ja zur ethisch entscheidenden Frage, ob dieses Kurzzeitvergnügen den Langfristschaden rechtfertigt, und nach welchem Maßstab.

Die Gesellschaft muss sich fragen, warum sie diese Art Hobbies (und da gibt es ja einige andere …) zulässt, wenn sie tatsächlich Schaden verursachen und ansonsten nur Vergnügen und Gewinnstreben dahinterstecken, während Klimaaktivisten wie Kriminelle behandelt werden und privat für die durch sie verursachten Schäden aufkommen sollen (was für sie angesichts der Folgeschäden den lebenslangen Ruin bedeutet).

Sinn ergibt sich bekanntlich durch das miteinander Inbezugsetzen der richtigen Dinge. Irrsinn aber auch.

Dass einzelne Menschen sich selbst durch Billigrausreden ihr Tun schönreden, ist wohl unvermeidlich. Wenn aber eine Gesellschaft – oder sogar die globale Gesellschaft – den Irrsinn ihrer eigenen Funktionsweise nicht erkennt und verbietet, solange ist es ja wohl in Ordnung, dass wir uns selbst vergeben, nicht wahr, liebe Freunde und Nachbarn?

Schlaumeiermeinungen

Manchmal frage ich mich, was andere wohl darüber denken (werden), was ich so blogge.

Nicht, dass das meine Meinungen bzw. Haltungen ändern würde. Es geht mir vielmehr um den Begriff, den man dafür verwenden würde.

Eigentlich sollten es ja „Profnarreteien“ werden, aber das habe ich weitgehend aufgegeben. Denn was bedeutet das Narrentum noch, wenn die ganze Realität verrückt spielt? Dies humorig auszuschlachten machen die (guten) Kabarettisten wohl besser.

„Philosophenstatements“ trifft es ebenso wenig wie „Expertengerede“. Treffender wäre schon „Klugscheißergeplappere“ oder „Besserwissergelaber“, zumindest wenn man meine Beiträge nicht mag. Auch etwas von „Moralpredigt“ ist darin zu finden, wenn auch nur als Beilage, nicht als Hauptgericht, das eher als „Quereinsicht“ daherkommt (wobei mir die Wortverwandtschaft mit den angeblichen Querdenkern allerdings missfällt). Auch „Wahrheitsannäherungen“ würde mir ganz gut gefallen.

Am liebsten aber wäre mir ehrlich gesagt die Bezeichnung „Schlaumeiermeinungen“. Denn ich wäre gerne ein Schlaumeier, der die Dinge praxisbezogen zu Ende denkt und zu einer möglichst überzeugenden Meinung kondensiert.

Leider hat diese Art „Zuendedenken“ keine Konjunktur (und hatte sie vermutlich auch nie). Die Menschen wollen der Wahrheit nicht ins Gesicht sehen, sondern lieber im Ungefähren leben, wo man sich und andere belügen und so sein bequemes Leben ableisten kann. Diese Haltung ist vermutlich auch ein wesentlicher Grund für die moderne Bildersucht: Bilder gaukeln Information vor, die aber gerade in den allermeisten Fällen keine überzeugenden Argumente liefern können und allenfalls zum Flachdenken animieren. Wenn eine Kultur auf die Wortsprache verzichten will, wird das nicht zu ihrem Vorteil sein. Mein Bloggen ist auch ein Versuch, das unbebilderte Denken zu fördern. Wie man das bezeichnen könnte, weiß ich allerdings auch nicht.

Aufklärung für dummes Volk

Die Demokratie ist irgendwann entstanden, um das Volk gegen „verrückte“ Herrscher zu schützen, die durch brutale Gewalt oder Blutsbande die Macht eroberten. Es gibt seither zwar immer noch Herrscher, aber diese werden auf Zeit gewählt, und die potenzielle (friedliche) Abwahl sowie der Wettbewerb durch andere Kandidaten führen dazu, dass im Normalfall einigermaßen vernünftige und ausgleichende Führer an die Macht kommen.

Je schlechter jedoch letztere Schutzmechanismen funktionieren, desto anfälliger ist das System für aus Wahlen hervorgegangene Diktaturen (wenn man mal die gefälschten Wahlen außer Betracht lässt). Die Vergangenheit hält einige Beispiele dafür bereit.

Als neues Phänomen stellen wir nun fest, dass Völker bewusst „verrückte“ (d. h. nicht am Gemeinwohl orientierte) Führer an die Macht wählen. Selbst dort, wo mediale Vielfalt eine einigermaßen rationale Meinungsbildung ermöglicht, wird diese nicht genutzt, sondern viele Menschen bleiben in ihrer ideologischen Blase und lassen sich zu Wahlhandlungen verführen, die ihnen bei objektiver Betrachtung sogar selbst schaden.

Die Demokratie kann dabei zwar formal weiterbestehen, aber zu Ergebnissen führen, die die gesamte Gesellschaft / ganze Staaten in den Abgrund führen, und wenn man es auf Umweltprobleme bezieht, auch die gesamte Menschheit.

Man könnte gewiss solche Phänomene mit einem durchschnittlich geringen Bildungsniveau der Bevölkerung korrelieren, und dabei sehr wahrscheinlich einen Zusammenhang finden. Aber schon eine oberflächliche Betrachtung zeigt ebenso, dass auch gebildete Menschen nicht davor gefeit sind, Teil des dummen Volkes zu sein, das letztlich gegen seine eigenen objektiven Interessen votiert, weil subjektive Argumente (die man wohl im Bereich der Emotionen verorten kann) ihre Haltung entscheidend prägen. Verstärkt wird dies durch massenpsychologische Wirkfaktoren, die von den Demagogen geschickt genutzt werden.

Wenn sich diese Tendenz verallgemeinert, wird das Ganze früher oder später zum Systemeinsturz bzw. -wandel führen, wobei noch keineswegs klar ist, in welche Richtung sich die Staaten (vielleicht Staatengruppen) dann bewegen werden, oder welches das Nachfolgemodell der Demokratie als herrschendes Machtorganisationssystem sein wird.

Wir bräuchten jedenfalls dringend eine neue Aufklärung. Im Mittelalter wurden den Menschen die Irrationalität religiös fundierter Meinungen als nicht tragbares Fundament der Gesellschaft vor Augen geführt und durch individualistische und rational-wissenschaftliche Perspektiven ersetzt. Deren Wirkung scheint aber zu verblassen, und entsprechend bräuchten wir heute eine neue Art Aufklärung, welche die Menschen von ihrer modernen „Dummheit“ befreit.

Während die mittelalterliche Aufklärung auf einem einheitlichen verheißungsvollen Grundmodell beruhte, führt die heutige Vielfalt der Zukunftsmodelle vor allem zu Verwirrung. Vielleicht ist das der wesentliche Grund für die heutigen Entwicklungen: Das Volk ist überfordert, und wenn dann Heilsversprecher mehrheitsfähige einfache Botschaften verkünden, sind die Menschen nur zu gerne bereit, ihnen zu folgen. Nicht aus Überzeugung, sondern um dem Gefühl der Überforderung zu entgehen. So betrachtet dokumentiert die heutige Demokratiekrise den Sieg der Gefühle über den Verstand.

Klimapassivisten

Der Klimawandel mit seinen vielfältigen Formen ist das wohl drängendste Thema unserer Zeit, und weil Politik und Öffentlichkeit dies zwar bewusst ist, aber nicht zu übermäßigem Aktivismus motiviert, versuchen Aktivist*innen, durch alle möglichen weitgehend harmlosen, aber medienwirksamen Aktionen darauf aufmerksam zu machen.

Was aber passiert? Nicht über die Klimaherausforderungen wird intensivst debattiert, sondern über die Klimaaktivist*innen.

??????? (Mein Hirn hat grade einen Moment ausgesetzt.)

Die Medien sind voll von Empörungsbekundungen gegen die unverschämte Jugend und deren störende Aktionen: Friedliche Demos mögen ja grade noch gehen (aber bitte angemeldet, damit der Verkehr nicht zu sehr gestört wird), aber Verkehrschaos durch Selbstfestkleben mitten auf der Straße oder Flugverspätungen, das ist ungeheuerlich! Und Tomatenmark oder Kartoffelpüree auf Kunstwerke – ja geht es noch? Da werden doch sofort Rufe nach drastischen Strafen laut, das Chaos wird beschworen und sogar Vergleiche mit dem linken Terror vor 50 Jahren angestellt.

?!?!?!?! (Ich versuche zu verstehen.)

Ist unsere geradezu traumatische Angst (beruhend auf einem intensiven Gefühl von Hilflosigkeit) vor der zu erwartenden Klimakatastrophe so groß, dass wir nicht nur verdrängen (dissoziieren), sondern uns aggressiv jenen gegenüber verhalten, die unnötigerweise dieses Trauma durch ihre Aktionen triggern? Eine andere sinnvolle Erklärung fällt mir jedenfalls zu diesem irrationalen Verhalten nicht ein.

Statt stolz auf das friedliche Engagement zugunsten unser aller Allgemeinwohl zu sein und die Aggressionen für jene aufzuheben, die sich aktiv an der Klimakatastrophe beteiligen, grummeln wir nur noch, man möge uns endlich damit in Ruhe lassen. Das wiederum könnte daran liegen, dass wir fast alle mehr oder weniger große Klimakiller sind und daran doch lieber nicht daran erinnert werden. Soll doch die Regierung was machen und uns in Ruhe lassen, oder?

!!!!!!!!! (Ich glaube zu erkennen.)

Ich habe schon früher die Befürchtung geäußert, dass uns nur eine Katastrophe retten kann. Was unsere Klimapassivisten grade abziehen, bestätigt das leider. Menschen sind zwar grundsätzlich begabt zum rational gesteuerten Handeln, aber leider spielen unsere tieferen Gehirnschichten da nicht mit, so dass sich eine Stimmung breitmacht, die lieber den kollektiven Untergang in Kauf nimmt als die individuelle Umkehr in Angriff zu nehmen.

Sozialpsychologen haben für solche Haltungen sicher ein theoretisches Erklärungsmodell. Aber wie man diese in kurzer Zeit in der Praxis therapiert, wissen sie offenbar auch nicht.

000000 (Ich weiß es leider auch nicht.)