Geistige Raum- und Zeitreisende

Von besonderer Bedeutung erscheint die Fähigkeit, sich auf eine Metaebene begeben zu können, und sein eigenes Informiertsein und -werden, und nicht zuletzt seine Informationsverarbeitung (d. h. sein Denken) von außen beobachten zu können.

Um Informationen und Ideen besser verstehen, sie anwenden und mit ihrer Hilfe Probleme lösen zu können, hilft es in der Tat, sie aus bzw. mit einigem Abstand zu betrachten. Denn vor lauter Bäumen sieht man häufig nicht nur den Wald nicht, sondern auch nicht, wo dieser sich befindet, wie groß er ist, welche Bäume dort nicht wachsen, usw. Auch wer nur ein Blatt oder ein Samenkorn eines Baumes wissenschaftlich betrachtet, kann das zwar als interessant und inspirierend empfinden, aber wirklich verstehen tut er nur einen Teil des Waldes. Und das gilt auch für Informationen, die wir uns zueigen machen.

Das ist keine neue Erkenntnis, aber man ist immer wieder erstaunt, wie wenig der geografische, historische, soziale, ökonomische, ökologische usw. Kontext eines Themas und insbesondere auch dessen Betrachters bei den meisten Analysen und Bewertungen berücksichtigt wird. Dabei entsteht Sinn und Bedeutung immer erst durch das Inbezugsetzen. Die anekdotische Verallgemeinerung einzelner Geschehnisse, Entwicklungen usw., ohne die Rahmenbedingungen zu beachten, stellt gewissermaßen eine Form der Verabsolutierung dar, die keinen Raum für Zweifel, Einschränkungen oder Widerspruch zulässt. Wahre Objektivität kann aber nur erreichen, wer in der Lage ist, Informationen über was auch immer zu relativieren.

Ein einfaches und probates Mittel gegen Engstirnigkeit und Kurzsichtigkeit besteht darin, die Realität nicht (wie in den Wissenschaften üblich) mit der Lupe zu betrachten, sondern mit dem Verkleinerungsglas. Dazu muss man Abstand und Höhe gewinnen, damit das Drumherum ins Blickfeld gerät und gleichzeitig das eigene Eingebundensein in das Betrachtete abnimmt. Ich nenne dies die Position des geistigen Raumfahrers.

Wer sich dieses Bild vor Augen führt und ausreichend Distanz einnimmt, wird

  • zwangsläufig den Kontext der Informationen bzw. des Wissens in den Blick nehmen,
  • damit konfrontiert, dass man aus einer höheren Warte ein Phänomen oder Problem kaum noch oder gar nicht mehr wahrnimmt (weil der Elefant zur Mücke zurückgeschrumpft ist, d. h. eine angebliche Information gar nicht beachtenswert ist),
  • stattdessen erkennen, dass es anderweitig wichtigere Problemfelder gibt, und/oder
  • das eigene Involvement deutlicher wahrnehmen.

Ähnliche Ergebnisse erzielt man, wenn man Informationen aus einer zeitlichen Distanz heraus prüft:

  • Welche Halbwertzeit hat eine Information? Wird sie in einem oder fünf Jahren noch von Interesse bzw. ggf. wahr sein?
  • Zieht die Information ihren besonderen Wert aus ihrer Aktualität, und wie schnell wird diese Relevanz überholt sein?
  • Je nach Thematik auch: Geht es um eine zeitlose Erkenntnis, die auch in Generationen noch von Interesse sein könnte?
  • Ist eine Information aus kurzfristig operativen Gründen, oder aus langfristig strategischen Gründen von Bedeutung?

Nur von solchen Metaebenen aus können wir letztlich die Kontrolle darüber behalten, was wir informationstechnisch erleben oder tun.

Dies setzt aber auch das Bewusstsein voraus, dass wir selbst hierdurch keineswegs zwangsläufig mehr Sicherheit erhalten, im Gegenteil: Wir verlieren die Scheinsicherheit des angeblich Absoluten, die uns zwar in die Irre führt, uns aber als Angehörige des Mehrheitskollektivs immer den Eindruck vermittelt, auf der richtigen Spur zu sein, und wir tauschen dies gegen die intellektuelle Unabhängigkeit eines Außenseiters, der sich ständig in einer Rechtfertigungssituation befindet, wenn er mit den Mehrheitsfollowern kommuniziert.

Die Gesellschaft benötigt zwar solche Menschen, aber sie honoriert deren Anstrengungen, Klarblick und Unabhängigkeit bislang nicht. Dazu bedürfte es weiter gefasster Strategien, die auf der gesellschaftlichen Ebene ansetzen, um eine institutionalisierte Metaebene zu realisieren. Danach sieht es allerdings augenblicklich nicht aus, da die Informationswelt von politisch-ideologischen und/oder finanziellen Interessen dominiert wird. Selbst die „seriösen“ Medien agieren wie von Letzteren Getriebene, und die Wissenschaften scheitern an ihrer fachlichen Einseitigkeit bzw. Engstirnigkeit, obschon sie wissenschaftstheoretisch wissen (sollten), wie prekär ihre Erkenntnisse sind.

Blieben wieder einmal die Bildungseinrichtungen, aber nicht einmal an den Hochschulen lernen die Studierenden, kritisch-unabhängig zu denken (sofern sie später dazu nach Jahren der intellektuellen Verblödung im bildungsfernen Kontext überhaupt noch in der Lage wären).

Hoffnung gibt es in der Konstellation nur, wenn wir im Sinne einer Selbstreflexion auch zu dieser Thematik die Position eines geistigen Raum- und Zeitfahrers einnehmen und uns auf dieser Grundlage insbesondere mit zwei Erkenntnissen trösten:

  • Die Realität hat immer Recht und holt sich immer ihr Recht, egal was Menschen darüber wissen oder glauben.
  • Was mich Einsicht nicht lehrt, lehrt mich das Leben. Das ist bitter, aber Menschen hören trotz aller Verblödungsanstrengungen nicht auf zu lernen, auch wenn der Groschen erst fällt, wenn die Währung längst eine andere ist.

(Bearbeitet 7.9.2025)