Virale Panikmaschine

Das Corona-Virus macht einmal mehr deutlich, wie instabil eine vollkommen offene und vernetzte Gesellschaft ist und wie fragil der Wohlstand, dessen wir uns scheinbar dauerhaft erfreuen dürfen.

Da ist auf der einen Seite eine mega-komplexe und hyper-aktive Gesellschaft, in der (zumindest potenziell) jeder mit jedem und alles mit allem verbunden ist, d. h.

  • eine fast unbegrenzte Mobilität der Menschen, die immer schneller und häufiger quer über den Erdball reisen,
  • eine globale Informations- und Kommunikationsarchitektur, die einen sekundenschnellen Austausch ermöglicht,
  • eine ins Extrem getriebene Arbeitsteilung der Wirtschaft (national wie international) mit just-in-time-Lieferketten zwecks kontinuierlicher Steigerung der Effizienz und des Profits,
  • freie Finanzströme mit undurchschaubaren Finanzkonstrukten, die zu multiplen internationalen Abhängigkeits- und Einflussverhältnissen führen.

Dem stehen aber nicht-funktionale Schaltzentren sowie defizitäre Reaktions-, Stabilisierungs- und Ausgleichmechanismen gegenüber:

  • Eine globale Abstimmung und Steuerung gibt es nur in Ansätzen. Der EU fehlt hier die Zuständigkeit bzw. sie hat sogar die offenen Grenzen selbst propagiert und die Schaffung des derzeitigen Systems beschleunigt.
  • Die Entscheidungswege der Einzelstaaten sind langsam, die Instanzen von der Komplexität vielfach überfordert, sowohl intellektuell als auch kapazitativ.
  • Rettungsschirme, Notfallpläne usw. sind nicht aufeinander abgestimmt. Was ein System schützen und stützen kann, fügt dem Anderen ggf. ernsthaften Schaden zu.
  • Unternehmen unterliegen den Zwängen des freien Marktes. Wer sich dem effizienzorientierten System nicht anpasst, ist in überschaubarer Zeit nicht mehr wettbewerbsfähig und wird eliminiert.
  • Die einzelnen Menschen als Konsumenten sind wie Getriebene im System: Selbst wenn sie einsehen, zu welchen Problemen sie beitragen, können sich die allermeisten dem Sog des Mitmachens und Nachahmens nicht entziehen. Schlimmer noch: Sie sind äußerst angstanfällig und können innerhalb kürzester Zeit irrationale Verhaltensweisen an den Tag legen.
  • Die Technik, welche die Automatismen bereitstellen soll, die für ein gut geschmiertes Hochleistungssystem zwingend erforderlich sind, ist nicht nur fehleranfällig, sondern auch (insbesondere durch Manipulation oder Dummheit und Überforderung der Bediener) störungssensibel.
  • Auch die Menschen als Produktionsfaktoren sind unzuverlässig, weil sie die intellektuellen, körperlichen und psychischen Grenzen der Leistungsfähigkeit erreicht haben und noch dazu krankheitsanfällig sind.
  • Die Umwelt (Natur, Klima) gerät zunehmend aus dem natürlichen Gleichgewicht und stellt einen externen Störfaktor dar, der auf alle Ebenen der Vernetzung negativ einwirken kann.

Tritt dann ein Störfall ein, der sich nicht lokal begrenzen lässt, gerät das System ins Wanken. Das kann ein ansteckender Virus sein, aber auch eine größere Naturkatastrophe, eine Bankpleite, eine kriegerische Auseinandersetzung, ein verrückter Präsident, ein Atomunfall, ein Börsencrash oder ein infektiöser Computervirus.

Bisher hat die derart vernetzte globalisierte Gesellschaft immer noch die Kurve gekriegt, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis irgendwann mehrere Probleme gleichzeitig auftreten, die nicht mehr kontrollierbar sind. Denn in allen hiervor skizzierten Bereichen gehen die bereits jetzt riskanten Entwicklungen weiter, in keiner einzigen ist ein Turnaround in Sicht. Je länger dieses Durchlavieren jedoch dauert, desto gravierender wird die Schockreaktion sein bzw. der Zusammenbruch der Systeme. Was dann noch übrigbleibt, wird sich noch zeigen müssen.

Wesentliche Treiber dieser „Untergangsszenarien“ sind wir Menschen, und zwar gerade in dem, was uns als Menschen auszeichnet:

Vielleicht sind die aktuellen Nationalismen, die neue Bereitschaft der Menschen, auf Freiheiten zugunsten von mehr Sicherheit zu verzichten, die Ablehnung des Fremden usw. in unseren modernen Gesellschaften ja auch unbewusste Reaktionen auf diese intuitiv verspürte Problemlage.

Aber ob ein Rückbau überhaupt und in einigermaßen geordneten Bahnen möglich ist, ist stark zu bezweifeln. Denn die „Logik des Mehr“ funktioniert von alleine (auch wenn wir uns dabei in die Tasche lügen), aber wenn erst einmal eine Negativspirale in Gang gesetzt ist, gibt es kein Halten mehr. Selbst wenn es hierfür Überlebensszenarien und -theorien gäbe, wären die Menschen wohl nicht zu bändigen, wenn sie kollektiv-egoistisch Rettung suchen, egal wie.

Vielleicht könnte ja eine begrenzte „Rettungskatstrophe“ die nötige Einsicht schaffen und das überdrehte System rechtzeitig soweit abkühlen, dass rationale Vorgehensweisen noch möglich sind. Mehr als eine Hoffnung stellt das aber nicht dar. Sollten jedenfalls irgendwann Abermillionen oder gar Milliarden Menschen auf der Flucht vor Zusammenbrüchen und Katastrophen sein, wird es zu Verwerfungen kommen, die man sich heute noch nicht vorstellen kann.

All jene, die sich von diesen Perspektiven derzeit überfordert fühlen, haben (und nutzen) jede Gelegenheit zu leugnen und verdrängen, oder das alles als „Verschwörungstheorien“ zu verleumden, womit sie die Probleme leider nur verschlimmern. Denn die Fakten siegen immer. Fragt sich nur, wer diesen Sieg dann noch feiern soll.