Angstkollektiv

Die Warnrufe der Umwelt- und Klimaschützer, der Wirtschafts- und Sozialweisen, der Wissenschaftler und Philosophen usw. werden lauter und dringender. Aber die große Mehrheit der Bevölkerung (es soll hier nur die Rede sein von Ländern, in denen entsprechende Informationen überhaupt zugänglich sind bzw. verbreitet werden) verhält sich trotzdem weitgehend irrational und ist offenbar nicht bereit bzw. dazu in der Lage, geeignete Rettungsmaßnahmen zu treffen.

Die Gründe für diese Negierung und Passivität sind sicherlich vielfältig. Mein persönlicher Erklärungsansatz leitet sich aus der Idee bzw. Überzeugung ab, dass die Menschen (zumindest unbewusst) Angst haben, dass zudem Menschenkollektive sich analog zum Einzelmenschen verhalten (Sozial- und Individualverhalten spiegeln sich), und dass daher Angst als prägendes Element menschlichen Verhaltens auch eine brauchbare Erklärung für unser kollektives Verhalten im Zusammenhang mit dem Klimadrama darstellen kann.

In der Tat führt Angst beim Menschen typischerweise zu i. W. fünf möglichen Verhaltensweisen, die man auch auf kollektiver Ebene als Erklärungsansatz wiederfinden kann.

Erstarrung

Menschen sind bei drohender Gefahr oft vor Angst gelähmt, so auch angesichts der sich auftürmenden Probleme und zu spät kommenden Lösungsansätze in Sachen Klima und Umwelt.

Im Kollektiv äußert sich das dahingehend, dass der Schrecken über das drohende Unheil in die Glieder der Gesellschaft gefahren ist und die üblichen Reaktions- und Anpassungsmechanismen nicht funktionieren, da sie zu langsam sind oder gar nicht zu Handlungen führen, weil das Denken ausgeschaltet ist und das soziale Gehirn (d. h. Wissenschaft, politische Führung) nicht mehr funktioniert bzw. nicht mehr die rational gesteuerte Entscheidungs- und Handlungsebene erreicht, so dass die erforderlichen Maßnahmen ausbleiben.

Diese Erstarrung äußert sich auch in der Form einer Schicksalsergebenheit, unter die sich vielfach auch die Hoffnung oder naive Überzeugung mischt, es werde schon gut gehen, die Menschheit habe noch jedes Problem bewältigt, was einen Übergang zur Dissoziation darstellt (s. hiernach).

Flucht

Wenn es eben geht, flüchten Menschen vor imminenten Gefahren, oder sie versuchen, sie „großräumig“ zu umgehen.

Die großen Fluchtbewegungen von „Westlern“ vor dem Unheil im eignen Lande haben noch nicht begonnen (die der unmittelbar und am härtesten Betroffenen anderer Erdteile in Richtung unserer relativ besser gestellten Weltgegenden stehen uns noch bevor), wohl nicht zuletzt deshalb, weil es keinen „sicheren Hafen“ mehr gibt und zuhause die Katastrophe am ehesten erträglich ist. Das „Rette sich wer kann“ der Prepper ist in der Hinsicht eine immerhin konsequente (wenn auch wenig zielführende) Reaktion derjenigen, die zuhause die Katastrophe überleben wollen bzw. mangels Alternative müssen.

Die Flucht vollzieht sich stattdessen typischerweise eher durch Ersatzhandlungen: Noch schnell die schönsten Flecken der Erde erkunden (die damit gleichzeitig zerstört werden, aber das ist dann ohnehin egal), möglichst viel unterwegs sein, in Bewegung bleiben und damit Angst und Stress abbauen.

Noch symbolischer ist die permanente Verdrängung durch Ablenkung und Vergnügungen oder das Ignorieren unliebsamer Informationen. Diese Form des Fluchtverhaltens wird unterstützt durch deren gesellschaftliche Akzeptanz, die durch die Medien (und Werbung) verdeckt, bestätigt und angeheizt werden. Oft mündet dieses Verhalten in gedankliche und/oder emotionale Dissoziation.

Dissoziation

Wenn die Menschen das Gefährliche und Hässliche nicht sehen wollen, weil sie ihm nicht ausweichen können, dann kultivieren sie Optimismus und Schönheit und möchten nicht durch kritische Berichte (von „Panikmachern“ oder gar „Verschwörungstheoretikern“) belästigt werden.

Sie leben in einer Traumwelt, reden sich die Realität schön, klammern sich verzweifelt an demonstratives Zukunftsvertrauen der Obrigkeit und die dümmsten Heilversprechen, bis zu Fundamentalismen.

Sie vermeiden es, Informationen zur Kenntnis zu nehmen, die sie irritieren oder ihre Lebensweise in Frage stellen könnten, und reden sich selbst (und gegenseitig) Rechtfertigungen ein, die ihr Verhalten zumindest in den eigenen Augen vertretbar machen (typisches Beispiel SUV). Sie bagatellisieren die Probleme und möglichen Folgen, und wenn es zu starke Argumente gegen die eigene Position gibt, schützen sie sich durch Leugnung.

Auf der Gesellschaftsebene organisieren sie sich in Gruppen Gleichgesinnter, die ihnen die Dissoziation erleichtern und in der sie sich wohl fühlen. Außerdem lesen sie nur noch die Medien, die ihre Meinung stützen. Und angesichts der Tatsache, dass auch viele Journalisten dissoziieren, fällt es nicht schwer, solche bestätigenden Stellungnahmen zu finden.

Aggression

Je nachdem wie stark die Gefahrenlage, der Druck und die Anspannung werden, kann sich dieser Zustand in unterschiedlichen Formen menschlicher Aggression entladen.

Zum einen kann sich die Wut gegen jene richten, die verantwortlich für die Probleme sind/waren, oder auch gegen diejenigen, die durch ihre Passivität dazu beitragen/beigetragen haben, dass diese sich verschlimmern/verschlimmert haben.

Zum anderen kann die Aggression sich aber auch gegen diejenigen richten, die helfen wollen bzw. es auch tun (Aggression gegen Hilfspersonen), wenn diese die eigene verleugnende Haltung zu sehr in Frage stellen.

Oder aber es entstehen – weil man die echten Verantwortlichen nicht identifizieren oder zur Verantwortung ziehen kann – Aggressionen gehen Menschen und Gruppen (meist Minderheiten), die ersatzweise als Sündenböcke dienen müssen.

Je größer und akuter die Probleme werden, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass es auch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Gruppen kommt, die Veränderungen fordern, und jenen, die diese ablehnen.

Panik und Übertreibung

Wenn die Angst zu stark wird (z. B. weil die Probleme trotz Gegenmaßnahmen unaufhaltsam zunehmen oder weil keine Zeit bleibt, alles genau abzuwägen), ist auch nicht auszuschließen, dass die Gesellschaft analog zur menschlichen Panikreaktion in ihren Reaktionen und Maßnahmen übertreibt und aus diesem Grund keine adäquaten Lösungen findet.

Die dadurch entstehenden hysterischen Verhaltensweisen und Verzweiflungshandlungen können dann im Extremfall zu Exzessen jeglicher Art führen, von der vulgären Prasserei und Völlerei über den Rückzug von der (materiellen) Welt bis hin zum Selbstmord.

 

In der Eskalationsfolge der Angstreaktionen sind wir noch in den ersten drei Stufen, auch wenn erste Ansätze der beiden letzteren bereits erkennbar sind.

So werfen viele den jugendlichen FFF-Protestlern „Panikmache“ vor, was in der deutschen Kultur ohnehin implizit negativ besetzt ist und meist mit dem Adjektiv „unberechtigt“ versehen wird. Das ist von den FFFlern durchaus so gewollt, weil diese selbst Angst haben und offenbar auch überzeugende Argumente und ausreichende Informationen nicht in der Lage sind, die Menschen zu aktivieren.

Solche Konfliktlagen werden sich verschärfen, je gefährlicher die Lage wird. Aber diese Art primär angstgesteuerten (Re)Aktionen sind aber kaum geeignet, in geordneten Bahnen zukunftsfähige Lösungen zu finden und umzusetzen.

„Erfolgversprechend“ wäre vielmehr ein Bewältigungsverhalten, das sich um ein realitätsgerechtes Maß an Angst und um ein „funktionierendes Angstgewissen“ bemüht, das ausreichend Antrieb für zielgerichtetes Handeln aller bietet, ohne die Handlungsfähigkeit einzuschränken. Denn das Potenzial des Angstkollektivs ist gerade auch ihr kollektiver Charakter: Wenn die Menschen erst einmal begriffen haben, was zu tun ist, und Angst als positiven Stimulus und Energieantrieb nutzen, dann sind auch gewaltige Veränderungen zumindest im Verhalten der Menschen in relativ kurzer Zeit umsetzbar (Ob die Natur dann freundlicherweise auch schnell darauf reagiert, steht allerdings auf einem anderen Blatt.).

Dabei kann auch eine gewisse Heroisierung hilfreich sein, indem den Menschen nicht nur die Gelegenheit geboten wird, über sich selbst hinauszuwachsen, sondern auch, die Anerkennung der Gesellschaft dafür zu erhalten.

Die Angstanalogie zeigt jedoch auch, dass zumindest ein Reaktionsmuster riskant ist: Die psychotherapeutische Haltung nämlich, die bloß das Verhalten des Ängstlichen verändern bzw. ihm die Ängste nehmen soll (z. B. indem man sie den Menschen versucht auszureden oder abzugewöhnen). Wer nur die Ängste therapieren will, sich für die Realität aber nicht zuständig erachtet bzw. auf dieser Ebene nicht agiert, der wird an Letzterer scheitern. Denn der Realität ist es gleichgültig, was wir von ihr denken und wie wir sie wahrnehmen. Die Realität hat Recht, und wenn wir uns dieser Wahrheit verschließen, wird von unserem Angstkollektiv nicht viel übrigbleiben.