Menschheitssinn und Menschendemut

Wir Menschen – zumindest in den westlichen Zivilisationen – betrachten uns mit größter Selbstverständlichkeit als etwas Spezielles, ja sogar Einzigartiges, sowohl auf unserem Planeten als auch im uns bekannten Universum. Und ebenso selbstredend verbinden wir mit diesem Sonderstatus eine positive Bedeutung.

Dabei haben die Wissenschaften uns ausreichend Erkenntnisse beschert, die uns nicht nur wesentlich bescheidener auftreten, sondern demütiger mit dem Sinn unseres Daseins beschäftigen lassen sollten.

Die Astronomie z. B. hat dem Menschen als erste eine Reihe von Demütigungen beschert: Zuerst verschob sie die Erde aus dem Zentrum der Welt auf eine Bahn um die Sonne. Dann verzwergte sie die Sonne zu einem unbedeutenden Stern am Rande einer mittelgroßen Galaxie. Diese wiederum positionierten Astronomen bald in ein Universum, in dem es vor Galaxien so wimmelt. Von der Menschheit bleibt da allenfalls Nanostaub.

Die Genetik (inkl. Paläogenetik) machte dasselbe im Kleinen mit der Rolle der Menschen auf diesem Globus: Es ist gar nicht so lange her, dass wir uns vom Tier zum homo sapiens entwickelt haben, sodass auch heute noch 99% unseres Erbguts mit dem der Mäuse übereinstimmt.

Gesellschafts- und Verhaltenswissenschaften haben uns gezeigt, wie unbewusst, irrational, aggressiv, verantwortungslos usw. unser individuelles und kollektives Verhalten ist. Naturwissenschaft und Technik haben uns eine unvergleichliche Macht über das Naturgegebene verschafft, aber es wird immer deutlicher, dass die Auswirkungen unserer Erfindungen zunehmend unbeherrschbar werden, insbesondere weil wir von der Komplexität des Geschaffenen überfordert sind, da die Realität – auch die von Menschen geschaffene – sich schneller entwickelt als die menschlichen Fähigkeiten zum Umgang mit dieser.

Und nicht zuletzt sind die mentalen Modelle, nach denen wir unser Zusammenleben gestalten, und die Instrumente, derer wir uns dabei bedienen, zu einseitig und simpel, um ein friedvolles und geordnetes Miteinander zu schaffen, das auch die Lebensgrundlagen nicht nur der Menschen, sondern auch der gesamten Natur, nachhaltig sichern würde.

Wir hätten also jeden Grund zur Demut und Gelassenheit gegenüber unserer Rolle im Universum oder auch nur auf Erden. Genau das Gegenteil ist aber der Fall:

Wo wir früher unseren Sinn darin „finden“ konnten, dass wir als Krone der Schöpfung quasi per Definition Wert besaßen und uns nur entsprechend konform verhalten mussten, müssen wir jetzt unseren Sinn erschaffen. Und das erweist sich als schwierig, weil die Wissenschaft uns auch die einfache Flucht ins Jenseitige, Metamenschliche verbaut hat. Hinzu kommt, dass wir zwar intuitiv die oben aufgeführten Grenzen erkannt haben (auch wenn wir sie ungerne bewusst thematisieren), aber nicht wissen, wie wir sinnvoll damit umgehen sollen.

Weil es keine allgemein akzeptierbare göttliche oder naturgemäße Ordnung gibt und auch die Philosophie keinen Sinn des Ganzen anbieten kann, in dem wir uns verlässlich einordnen könnten, wird letztlich alles zur Frage der Konvention. „Anything goes“ ist unser Leitmotiv, und folglich werden wir egoistischer, hedonistischer, kurzfristiger, körperbetonter, materialistischer, identitärer, realitätsferner usw.. Die Werte, die wir noch als relevant erachten, lassen wir vorsichtshalber schonmal als Grund- oder Menschenrechte jeglicher Couleur absichern, da wir uns nicht darauf verlassen können, dass unsere Mitmenschen sich spontan und aus innerer Überzeugung ihres Respektes befleißigen und wir so zumindest versuchen können, sie auf rechtlichem Wege einzuklagen.

Wen wundert es angesichts dessen, dass in dieser weitgehend sinnfreien Gesellschaft Depressionen, Narzissmus, Schmerzen, Tablettenmissbrauch, Sektiererei usw. zunehmen? Und in noch größerem Maße Verdrängung, Flucht ins Irreale oder in Traumwelten, im Übrigens alles bestens bedient durch die Medien und das Internet.

Zu unseren mentalen Defiziten zählt im Übrigen immer noch auch die Überzeugung, die Evolution sei abgeschlossen und mit dem aktuellen Menschen deren letzte Stufe erreicht. Genauer gesagt: Wir klammern uns daran. Denn nüchtern betrachtet gibt es keinen Grund anzunehmen, die Evolution werde nicht weitergehen. Gemessen an der vorhersehbaren Restdauer des Planeten ist es eher wahrscheinlich, dass die Menschenrasse sich zu etwas weiter entwickeln wird, was wir uns noch nicht vorstellen können, was aber mit unserem derzeitigen Zustand wenig zu tun haben dürfte.

Aufgrund dessen wären wir eigentlich gezwungen, ein Ziel der Evolution zu „erkennen“ und eine Langfristperspektive für unsere Entwicklung einzunehmen. Die Wissenschaften haben uns aber wie beschrieben gezeigt und zu der Erkenntnis verdammt, dass wir uns als nichtiges Etwas verstehen müssen, sobald wir vom Hier und Jetzt lösen. Also lassen wir das lieber, verschließen die Augen vor der vorhersehbaren Zukunft, vermehren uns ungehemmt (wie alle Rassen, die den Untergang fürchten) und ruinieren ohne große Gewissensbisse unsere Lebensgrundlagen. Wenn wir schon untergehen müssen, dann wollen wir auf jeden Fall zumindest Spaß dabei haben.

Manche haben allerdings das alte Menschenbild und die Erde als natürlichen Heimatplaneten auf kreativere Weise aufgegeben, indem sie die Zukunftsvision einer Welt voller Humanroboter entwerfen. Der Mensch wird technisch optimiert, Natur nicht mehr benötigt und Gefühle und Sinnbedürfnis wegprogrammiert, sofern sie nicht nützlichen Funktionen dienen, oder durch sogen. KI ersetzt, von der wir (irrtümlich) glauben, dass wir sie beherrschen.

Schon möglich, dass es so kommen wird, zumindest läge es in der Logik einer bestimmten Entwicklungslinie. Je mehr wir daran glauben, desto schneller wird es jedenfalls tatsächlich passieren, dass wir unser Menschsein aufgeben, auf den Planeten pfeifen und allenfalls noch versuchen, zu jener wertvollen Genmasse zu gehören, die es ins nächste Zeitalter schafft, und damit vielleicht auch ins Universum, um dort das zu finden, was …

Ja was eigentlich?

Ist die Suche nach einem anderen bewohnten Planeten nicht im Grunde auch Ausdruck einer verzweifelten Suche nach Sinn und Verstehen? Für manche (die davon träumen, ein „Kleiner Prinz“ zu sein) vielleicht auch ein Hoffnungsort, an dem es nicht so verrückt zugeht wie hier auf Erden, und auf den wir uns flüchten können, um die Wahnsinnigen hier zurückzulassen (falls wir es umgekehrt nicht schaffen, diese dorthin dorthin zu entsorgen).

Dummerweise werden wir das alles nicht mehr erleben.

Vielleicht hat sich ja die falsche biologische Rasse hier auf Erden durchgesetzt und müssen wir eine neue entstehen lassen. Fest steht jedenfalls: Je schneller wir verschwinden, desto besser für die Erde und unsere nicht-humanen Mitbewohner.

Demut würde uns dazu verleiten, mal innezuhalten in unserem täglichen Wahnsinn und uns zu fragen, wie wir es uns gemeinsam gemütlich machen können hier auf diesem blauen Planetenunikat. Es wäre genug für alle da, wenn wir uns zahlenmäßig begrenzen, Verzicht üben und allen einen gleichen fairen Anteil zugestehen. Solange wir uns aber so verhalten, wie wir es heute tun, egoistisch, gierig, missgünstig, größenwahnsinnig, wird daraus nichts werden.

Straflos wird das jedoch nicht geschehen. Die Natur hat einen längeren Arm und Atem als wir. Und sie wird zunehmend ungeduldig mit uns.