Die Amokfahrt eines offenbar unter Drogen stehenden Mannes in New York hat einen Trend bestätigt, den man schon seit einiger Zeit beobachten kann: Kriminelle Handlungen erreichen blitzschnell weltweite Aufmerksamkeit, wenn man sie mit Terror in Verbindung bringen kann, worin in erster Linie islamistisch inspirierter Terror verstanden wird und sich gegen Menschen westlicher Gesellschaften richtet.
Mögen Anhänger der unterschiedlichen islamischen Glaubensrichtungen sich gegenseitig massakrieren, wen interessiert’s? Mögen weiße Männer ihre Kinder zu Tode prügeln, das trifft uns nicht, darum soll sich die Justiz kümmern. Diese Liste könnte man endlos weiter führen. Kriminalität interessiert uns eigentlich nur noch dann, wenn es irgendwie speziell ist und wir Gaffer sein dürfen und uns die Chance geboten wird, uns zu entrüsten.
Da kommt der sogenannte „Terror“ gerade recht, zumindest machen Politiker und Medien uns das weis. Mir will nur nicht einleuchten, warum uns Terror-Tote mehr interessieren sollten als normal Umgebrachte: Was ist daran besonders schlimm? Den Getöteten wird es vollkommen egal sein, warum ihnen letztlich jemand unverdienterweise das Leben nimmt, verachtungswürdig ist es so oder so. Warum also das Buhei um den Terror?
Die religiöse Motivation des Mordens kann es allein nicht sein, denn es gibt Tausende aus religiösen Gründen Getötete jedes Jahr, die keinerlei Aufmerksamkeit erhalten.
Auch die Häufigkeit der „Terrorakte“ kann keine Rolle spielen, denn gemessen an der sonstigen Kriminalität in westlichen Ländern (und erst recht gemessen an der Zahl der Verkehrstoten) sind Terror-Tote eine Marginalie und nicht wirklich eine Gefahr.
Durch die Aufmerksamkeit, die wir dem Terror schenken, verleihen wir ihm im Gegenteil überhaupt erst den Status, den er sich wünscht und der entscheidend zur Gewalt motiviert. Würden wir diese Akte ignorieren, würde es wahrscheinlich weniger davon geben.
Warum drängt man uns dann trotzdem immer wieder diese angeblich besonders schlimme Dramatik auf?
Hier ein paar Erklärungsvorschläge, die natürlich beliebig kombinierbar sind:
- Wir brauchen unseren Tagesschauder. Wir wissen genau, dass uns persönlich nichts Schlimmes droht und es wesentlich Gravierenderes gibt. Aber in unserer ach so zivilisierten Welt brauchen wir so kleine Schocks oder Aufreger, die nicht wirklich wehtun, aber uns die nötige existenzialistische Stimulans verpassen.
- Angebliche Dramatik erzeugt Aufmerksamkeit in einer ansonsten entweder langweiligen oder bereits informationsüberladenen Welt. Und solange diese Medienhypes Publikum (Einschaltquoten, Klickzahlen) generieren, werden sie gesendet.
- Sie lenkt von echten Problemen ab. Terror gehört zum Gratis-Entertainment der westlichen Zyniker-Macht: Die Mächtigen müssen selber gar nicht böse sein, sondern überlassen das anderen und instrumentalisieren dann diese Gewalttaten im eigenen Interesse, z. B. um von eigenen Fehlern, echten Problemen, unangenehmen Ereignissen, echten drohenden Gefahren usw. abzulenken.
- Wir erfüllen unseren Dienst. In gewissem Maße spielen wir unsere Rolle in diesem Empörungsszenario in vollem Bewusstsein der Theatralik, aber wir tun dabei ja unsere Pflicht als verantwortungsbewusste Bürger und erfüllen noch dazu unser Tagessoll an (geheuchelter) Entrüstung.
- Die echte Realität würden wir nicht verkraften. Wenn wir wüssten, wie brutal bis bestialisch das Leben (und Sterben) anderswo ist, könnten wir unser Leben so nicht weiterleben. Mit der Terrorentrüstung erhaschen wir zwar einen Blick auf dieses Böse, aber das wühlt uns weniger auf als es uns darin bestätigt, dass wir daran ohnehin nichts ändern können und selbst also nichts tun müssen.
Und welcher Terror-Tote-Typ sind Sie?