Weiße Autos

Weiße Autos sind in. Das automobile schwarz-anthrazit-silberne Einerlei erhält immer mehr Kontrapunkte. Warum wohl? Lohnt sich eine kollektiv-psychologische Betrachtung?

Die bunten Farben der Nachkriegsjahre bis in die Siebziger sind wohl nicht schwer zu deuten. Etwas unverständlicher sind die seither Überhand nehmenden dunklen Langeweilerfarben. Materiell ging und geht es uns so gut wie nie, aber Lebensfreude scheint das nicht zu vermitteln. Oder trauen wir uns bloß nicht, das auszudrücken? Teure Autos ja, aber understatement in der Außenwirkung? Das erscheint mir nicht plausibel. Eher schon der Dienstwageneinfluss. 70-80% der wohl auch farblich tonangebenden Nobelkarossen sind Dienstwagen, und die müssen seriös daherkommen. Dem haben sich die privaten Selbstzahler angepasst, um davon zu profitieren, zumal man ja auch immer den Wiederverkauf im Blick haben muss, und der ist offenbar schwieriger bei ausgefallenen Farben.

Aber warum dann neuerdings der Wechsel zu einer anderen – wenn auch helleren – Nichtfarbe?

Haben wir ein schlechtes Gewissen, weiter Auto zu fahren, und wollen mit dem Weiß unsere Unschuld zumindest farblich demonstrieren? Die moderne Form von Pilatus‘ „Hände in Unschuld waschen“, nur eben mit Absicherung gegen den Wertverlust?

Vielleicht ist es ja auch ein Keim der Hoffnung auf einen Neuanfang von ich weiß nicht was; eine Andeutung der Bereitschaft, anders zu sein, ohne echt aufzufallen; ein Signal des schüchternen Aufbegehrens gegen die dunkle Übermacht.

Die absichtliche Kontrastbildung von weiß und dunkelgrau findet sich im Übrigen auch in vielen neu gebauten Immobilien, was bei mir den gedanklichen Reflex auslöst, dass die Bauherren (und Architekten) keine Ideen haben oder vielleicht sogar Angst, klare Statements abzugeben. Diese Farben sind im wahrsten Sinne des Wortes cool und sehen modern aus, da liegt man im Trend und muss nicht zuviel Persönliches investieren und sich positionieren. Vielleicht gilt das ja auch für weiße Autos.

Ich bin mal neugierig, wie die Dinge sich weiterentwickeln. Große Hoffnung auf einen Wechsel zu mehr Farbe habe ich allerdings nicht. Und irgendwie fühle ich mich als Gebrauchtwagenkäufer diskriminiert, weil ich vermutlich weiter vergeblich darauf warten muss, mal endlich wieder echte Farbe zu fahren.

Nachtrag 24.5.18: Vielleicht sind weiße Autos auch nur unbewusste Zeichen (und Vorboten) des Klimawandels. In südlichen Ländern sind weiße Autos nämlich beliebt, weil sie Sonne und Hitze besser reflektieren als dunkle.

Dieseltod

Nein, keine Sorge, der Diesel floriert und gedeiht. Und nachdem ihm Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann (angeblich ein Grüner) attestiert hat, dass Dieselmotoren als Übergangstechnologie  unverzichtbar seien, ist den deutschen (und europäischen) Autobauern praktisch die Absolution erteilt.

Das Volk protestiert nicht, denn entweder ist es verblödet oder es profitiert vom Diesel als Autobauer, Autofahrer, Autoaktionär, Autodeutscher usw.

Schade nur, dass dieses Bild der Harmlosigkeit einen massiven Haken hat: Diesel tötet, und das nicht zu knapp (Nature, ZEIT 18.5.2017 ): 107.600 verfrühte Todesfälle im Zusammenhang mit Dieselabgasen alleine in 2015 in den 11 größten Dieselmärkten weltweit. Davon hätten 38.000 verhindert werden können, wenn zumindest die Grenzwerte im Straßenbetrieb eingehalten worden wären, der Rest ist sozusagen legaler Kollateralschaden.

In anderem Kontext nennt man die Verantwortlichen für auf eigene Entscheidungen zurückzuführende bzw. bewusst in Kauf genommene Todesfälle auch schon mal Massenmörder. Aber wenn sich nur ausreichend viele daran beteiligen und es um viel Geld geht, dann sind inkrementelle Kriminelle offensichtlich nur unschuldige Rädchen in einer mörderischen Wirtschaftsmaschinerie (Woran erinnert einen das bloß …?).

Vergleicht man diese Zahlen mit jenen der Terrorakte im Jahre 2015 (Global Terrorism Database), dann sollte für die Autoindustrie jedenfalls die allerhöchste Terrorwarnstufe gelten.