Bernhard Pörksen liefert in „Die große Gereiztheit“ eine Analyse des „Zeitalters der indiskreten Medien“ (S. 7), der „Wirkungen einer nervösen, hoch reaktionsbereiten Medienmacht“ bzw. der Tiefeneffekte digitaler, vernetzter Medien, die als alles verändernde Einstrahlung im Hintergrund der realen Ereignisgeschichten wirken (S. 8, 12), sowie einige angedachte Lösungsvorschläge zur Bewältigung der hierdurch hervorgerufenen Krisen.
Das Ganze ist gekonnt aufbereitet und formuliert, und es unterhält, auch wenn man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, das Meiste schon mal irgendwo gelesen zu haben (Pörksen verwendet teilweise eigene bereits an unterschiedlichen Stellen veröffentlichte Texte, aber das ist verzeihbar, weil man sie so im Zusammenhang lesen kann).
Je weiter man mit der Lektüre vordringt, desto stärker wird aber das Gefühl, dass die scheinbar so überzeugende Rhetorik auf wackligen Füßen steht. Liest man das Buch dann noch einmal mit der kritischen Frage, welchen Mehrwert es letztlich bietet, dann summieren sich die Defizite zu einem Ergebnis, von dem man freundlicherweise sagen kann, es sei gut gemeint, oder kritischer, dass es nicht zu Ende gedacht ist und der Kommentator sich nicht aus seiner eigenen Gereiztheit lösen kann und damit einen Teil des Problems darstellt. Das ist angesichts der Tatsache, dass Pörksen ein intelligenter und angesehener Wissenschaftler ist, sehr schade, und es ist dann auch nicht verwunderlich, dass seine Lösungsvorschläge nicht überzeugen können.
Was ist insbesondere zu kritisieren?
1. Pörksen folgt der journalistischen Praxismaxime, derzufolge man beobachtete Phänomene grundsätzlich zu – möglichst bedrohlichen – Problemen stilisieren muss, damit die eigenen „Analysen“ Beachtung finden und die Aufmerksamkeit der Leser wecken. Wenn es sich um (einigermaßen) neue Phänomene handelt, liegt es dabei nahe, dem Neuen die Schuld an der dramatischen Zustandsverschlechterung zu geben, im vorliegenden Fall den digitalen Medien.
Dabei ist Pörksen wohl bewusst, dass diese Vorgehensweise angreifbar ist: „Natürlich muss man solche Diagnosen der Neuartigkeit vorsichtig und mit Bedacht formulieren. … Die Beschwörung eines Epochenbruchs … ist lange schon ein eigenes Genre aufgeregter Zeitdiagnostik.“ (S. 15) Aber in seinen Augen liegt hier wirklich eine neue, andersartige Konstellation vor: „Aus dem Kollaps der Kontexte, dem Verschwimmen von Situations- und Informationsgrenzen infolge der umfassenden Durchdringung der Welt durch Medieneffekte folgt zum einen, dass Schutzzonen der Unsicherheit und Rückzugsräume der Unbefangenheit verschwinden. Und es ergibt sich zum anderen ein fortwährender Clash der Codes, eine Sofort-Konfrontation und Ad-hoc-Vergleichbarkeit von sehr unterschiedlichen Wahrnehmungsweisen.“ (S. 16 mit Erläuterung S. 17 warum wir deshalb gereizt sind).
Es ist allerdings banal festzustellen, dass neuartige und weit verbreitete Techniken und kulturelle Verhaltensweisen Veränderungen hervorrufen, die der Beachtung bedürfen. Entscheidend wäre aber, ob das Neue qualitativ so wichtig und prägend ist, dass man Krisen allerorten sehen muss (s. hiernach). Dies als Hypothese zu postulieren, wäre legitim. Aber Pörksen sieht das als gesichert an, ohne allzuviel Energie darauf zu verwenden, dies auch in der von ihm suggerierten Breite zu belegen. Lieber geht er nach der bekannten Technik vor, das Verschwinden von Idealzuständen zu bedauern, die es so nie gegeben hat (Wahrheit, Diskurs, Autorität, Behaglichkeit, (Journalisten)Reputation).
Sein Aufbauschen der Problemlage hat im Übrigen den interessanten Nebeneffekt, dass er zwar die Hysterie der anderen kritisiert, selbst aber dazu beiträgt, und zwar gezielt, weil sich damit Aufmerksamkeit erzielen lässt. Das ähnelt dem Modell des pyromanischen Feuerwehrmannes, der den Nervenkitzel braucht, „Feuer“ rufen zu können, und notfalls das Feuer entfacht, damit es etwas zu löschen gibt und er (als Feuerwehrmann alias Kommunikationswissenschaftler) sein Dasein und seine Alimentierung rechtfertigen kann.
2. Pörksen sieht Krisen allerorten: Wahrheitskrise, Diskurskrise, Autoritätskrise, Behaglichkeitskrise, Reputationskrise. Abgesehen davon, dass das zu seinem Geschäftsmodell zählt (s. hiervor) und die Beweisführung dürftig ist (s. hiernach) haben Krisen für ihn offenbar nur eine negative Bedeutung. Sie sind für ihn nur Vorstufen vom Quasi-Untergang, der sich auf diese Weise ankündigt (ohne dass man immer wüsste, worin dieser besteht: Es reicht offenbar, dass es nicht mehr so ist wie bisher).
Es kommt ihm offenbar nicht in den Sinn, dass Krisen auch etwas Positives haben können, dass sie einen reinigenden Effekt haben, dass sie oft auch die Geburtswehen von etwas Neuem sind, das gerade entsteht und besser ist als das Bisherige (z. B. besserer Journalismus).
Krisen sind in der Tat etwas vollkommen Normales in einer funktionierenden dynamischen Gesellschaft. Es mag Krisen geben, die eines ordnenden Eingriffs bedürfen (z. B. wenn es sich um politische Krisen mit möglichen Kriegsfolgen handelt), aber da die Menschen und die Gesellschaft lebende Organismen sind, die sich selbst an veränderte Bedingungen anpassen, reicht es in den allermeisten Fällen, die im Gange befindlichen Anpassungsprozesse abzuwarten, durch die sich die Krisen von alleine erledigen.
Die Krisen, die Pörksen hier heraufbeschwört, sind letztlich nichts anderes als solche Anpassungsprozesse an neue technologische und gesellschaftliche Gegebenheiten. Natürlich gibt es dabei Übertreibungen, skurrile Phänomene, „Kollateralschäden“ und „Dropouts“. Aber diese sind in gewissem Sinne notwendig, um die Lern- und Anpassungsprozesse zu ermöglichen, die zwangsläufig bei Veränderungen auftreten.
Pörksens Krisendenken extrahiert und extrapoliert unzulässigerweise einzelne dieser negativen Phänomene, um damit eine aufgebauschte Dramatik in weiteren Bereichen zu erzeugen, die es entweder nicht oder nur vorübergehend gibt (s. auch hiernach), weil sich solche Negativbeispiele durch das Lernen der Gesellschaft reduzieren und an Bedeutung verlieren. Dass solche Lernprozesse bereits stattfinden, lässt sich leicht beobachten. Pörksen hingegen ignoriert sie.
Es mag sein, dass Journalisten, unter dem Druck, jeden Tag etwas zu produzieren, sich auf solche Kurzfristanalysen stützen müssen, weil ihnen die Zeit zum Beobachten und Nachdenken fehlt. Von einem Wissenschaftler wie Pörksen muss man aber verlangen, dass er seinen Beobachtungszeitraum erweitert, sich mehr Zeit zum Beobachten und Nachdenken nimmt, und in der Lage ist, eine Langfristperspektive unter Berücksichtigung normaler gesellschaftlicher Anpassungsmechanismen einzunehmen.
3. Pörksen gibt für jede Krise einzelne treffende Beispiele, aber er leitet aus jedem Einzelereignis quasi einen absoluten Beweis ab, ohne jegliche Gewichtung und ohne Analyse der Repräsentativität dieser Einzelfälle oder ihrer Häufigkeit. Gemessen an den Milliarden Menschen, die im Netz unterwegs sind, den Abermilliarden Tweets, Webseiten, Botschaften, Texten und Bildern usw., besitzen die beschriebenen Fälle aber allenfalls einen Wert als Inspirationsquelle für mögliche Drohszenarien, aber nicht als Beweis ihrer dauerhaften gesellschaftlichen Relevanz.
Pörksen und andere selbsternannte „Netztheoretiker“ bemühen sich zwar redlich, aus der beobachteten Vielfalt allgemeingültige Mechanismen und typische Probleme zu abstrahieren. Aber abgesehen davon, dass hier schöne Begriffe für meist banale Feststellungen verwendet werden, sind das letztlich nichts als kreative Gedankengebilde, die keinerlei wissenschaftliche oder objektive Geltung beanspruchen können, weil man aus Einzelfällen keine Gesetzmäßigkeiten ableiten kann. Sie sind künstlerisch wertvoll und oft auch anregend, aber in ihrer Bedeutung und Tragweite letztlich stark relativierungsbedürftig, weil sie keinerlei belastbare Vorhersagen erlauben und demnach auch keine Handlungsanleitungen begründen können, sondern nur gedankliche Anregungen.
Pörksen ist in gewissem Sinne selber Opfer der Hysterie, die er beklagt, weil es sich von ihr anstecken lässt und sie befeuert, indem er glaubt, aus Einzelstorys allgemeingültig Bedrohliches ableiten zu können. Es scheint für ihn undenkbar zu sein, dass Menschen gelassen mit diesen Phänomenen umgehen und nicht zu ihren Opfern zählen. Und weil er weiß, dass solche Menschen geradezu den Gegenbeweis gegen seine Behauptungen und angeblichen Theorien darstellen, verunglimpft er sie lieber.
4. Pörksen behauptet in der Tat, wir seien den beschriebenen Phänomenen unausweichlich ausgeliefert. Für ihn ist „informationelle und damit emotionale Isolation … im digitalen Zeitalter illusionär“ (S. 15), denn „man wird auch im eigenen … Informationsuniversum erreicht und behelligt, ob man dies will oder nicht.“ (S. 120). Abschottung gegen unerwünschte Information „ist nicht möglich, zumal im Falle von Extremereignissen, über die global berichtet wird“ (S. 120).
Es mag durchaus sein, dass viele Menschen (insbesondere die „heavy user“ wie z. B. Journalisten) sich schwer damit tun, sich den kritisierten Inhalten und Verhaltensweisen im Bereich der digitalen Medien zu entziehen. Das bedeutet aber keineswegs, dass man ihnen schutzlos ausgeliefert wäre.
Jeder normale Nutzer kann entscheiden, welche Medien er in welcher Weise nutzt und ob er sie überhaupt nutzt. Und jeder kann sich schützen, indem er sich raushält, nicht twittert, sich nicht im Netz bloßstellt, sich nicht Gedankenmüll und Fakenews selbst ausliefert, Hasspostings liest, brutale Videos anschaut, usw..
Diese Einsicht ist aber für Pörksens Argumentation so gefährlich, dass er sich bemüht, die Leser von dieser simplen Einsicht fernzuhalten. So schreibt er z. B.: „Allen wird potenziell alles gezeigt“ (S. 123). Das stimmt, aber niemand wird gezwungen, auch real hinzusehen. Oder er unterstellt denjenigen, die sich abschotten, Gleichgültigkeit (S. 127), was aber keineswegs gerechtfertigt ist, im Gegenteil: Eher wird der gleichgültig, der sich ununterbrochen Negativinhalten aussetzt.
Vollkommen aus der Fassung bringt ihn selbstauferlegte Ignoranz, offenbar weil hierdurch das Weltproblem der Informationsorganisation in ein persönliches Wellnesskonzept für Aussteiger umgewandelt wird (so Pörksen S. 152-153). Ignoranz ist für ihn „eine Art Wellnesskonzept für Spengler-Jünger, die Umdeutung von Gegenwartsekel zum heroischen Nonkonformismus. … Die Flucht in die Ignoranz … verabsolutiert die Perspektive von Privilegierten und sich avantgardistisch gebenden Spießern, die auch die Nachrichten von Leid, Armut und Demütigung als unerwünschte Störung im eigenen Behaglichkeitskosmos begreifen.“
Das sind natürlich massive Unterstellungen und Verkürzungen, die vielleicht auf eine kleine Gruppe von Menschen zutreffen. Was Pörksen aber vollkommen verleugnet, ist das bewusste Ignorieren falscher, schädlicher oder einfach irrelevanter Inhalte, und das führt gerade nicht zu Ignoranz, sondern ermöglicht erst einen klaren Blick und einen souveränen Umgang mit Informationen. Selbstschutz, ggf. unterstützt durch gesetzliche Systemregulierung, würde also einen vernünftigen und souveränen Umgang mit den beschriebenen Phänomenen darstellen.
5. Pörksen fordert bzw. schlägt aber lieber vor, das Problem durch Bildung zu lösen (also vielleicht irgendwann in der Zukunft. „In dieser Situation eines Medienumbruchs verbirgt sich ein noch unverstandener, in seiner Dimension kaum wirklich entzifferter Bildungsauftrag“ (S. 188, s. auch S. 21). Man hat fast Mitleid mit Pörksen, wie er offenbar darunter ächzt, diesen Bildungsauftrag zu formulieren, wozu er sich dann doch durchringt. „Es geht … darum, den Raum der Freiheit zu planen – also produktive und nützliche Maximen der kommunikativen und publizistischen Selbstkontrolle zu umschreiben…“ (S. 188), worauf er dann relevante Grundfragen formuliert, die er mit der Utopie einer „redaktionellen Gesellschaft“ beantwortet, die „im Prinzipiellen wie im Praktischen das medienmächtig gewordene Publikum genauso inspirieren [sollte] wie einen von Profit- und Geschäftsinteressen drangsalierten Journalismus, deren Vertreter es womöglich an Werteklarheit und Integrität, an politischer Unabhängigkeit und diskursiver Vitalität fehlt. In einer redaktionellen Gesellschaft sind … die Normen und Prinzipien eines ideal gedachten Journalismus zum Bestandteil der Allgemeinbildung und zum selbstverständlichen Ethos geworden, das einen dazu animiert, die Folgen der eigenen Kommunikation kompetent zu reflektieren. Diese Normen werden an Schulen, Hochschulen und bürgernahen Journalistenschulen gelehrt und taugen als Wertegerüst des öffentlichen Sprechens. Sie liefern Impulse für die Entwicklung einer Plattform-Ethik und dienen insgesamt als Leitmarken des großen Gesprächs der Gesellschaft über den Zustand und die Entwicklungsrichtung der publizistischen Welt“ (S. 189).
Uff! Das musste unbedingt mal gesagt werden.
Man ist geradezu gerührt von so viel naivem Idealismus und möchte Pörksen viel Glück bei seinem Unterfangen wünschen, wenn er nicht gleich danach zugeben würde, dass es diese Prinzipien seit Jahrzehnten als Ethikkodizes für Journalisten gibt (S. 190). Man muss jetzt nicht allzuviel Energie aufbringen um einzuschätzen, wie sinnvoll dieser Vorschlag ist: Denn wenn nicht einmal alle Journalisten (nach Pörksens eigener Einschätzung) sich heute daran halten, wie könnte man auch nur ansatzweise daran glauben, dass alle Menschen sich daran orientieren würden, inkl. der Hassprediger und käuflichen PR-Leute, um nur diese aus dem Kreise derjenigen zu nennen, die keinerlei Interesse an soviel Moral haben.
Ärgerlich ist dabei nicht einmal Pörksens Vorschlag an sich, sondern die Tatsache, dass er nicht weiter denkt als dieses Wünsch-Dir-Was. Gerade die Erkenntnis, dass das so nicht funktionieren kann, müsste doch dazu anregen, funktionierende Lösungsvorschläge zu erarbeiten. Pörksen beschränkt sich aber darauf festzustellen, dass ein Ideal nicht schon deshalb wertlos ist, weil es in der Realität immer wieder verletzt wird und dass Ideale im Sinne „herrlich-pathetischer Sollens-Sätze“ als „Katalysatoren von Diskurs und Debatte“ zu wirken vermögen (S. 204-205). Das stimmt, aber es reicht eben nicht. Wer etwas bewirken will, muss ja nicht sein Ideal aufgaben, wie Pörksen suggeriert, sondern es konkret umsetzen, so dass es Realität wird.
Als realitätsnahen Vorschlag führt Pörksen immerhin die Einführung eines eigenen Schulfachs als Labor der redaktionellen Gesellschaft an und ist sich nicht zu schade, einige (anspruchsvolle) Inhalte zu konkretisieren. Aber auch als Nicht-Hellseher wird man schnell einsehen müssen, dass es vollkommen illusorisch ist, in absehbarer Zeit überhaupt eine Änderung in diese Richtung umsetzen zu wollen (was Pörksen wohl wissen dürfte) und ebenso, dass die typisch deutsche Idee, man könne irgendwie jedes soziale Problem mit Bildung (und ein bisschen Erziehung) bewältigen, offenbar so unausrottbar wie fehlgeleitet ist.
Auch Pörksens Vorschlag, man müsse „eine Emotions- und Erregungsdidaktik erfinden, die einen klügeren, sorgfältigeren Umgang mit den eigenen Affekten gestattet“ und klären, wie man Aufregung mit Relevanz verbindet (S. 155) zeugt von typisch intellektueller Komfortzonenrhetorik, die er anderswo geißelt, der er sich aber selbst nicht entziehen kann.
Schließlich ist sein (Aus-)Bildungsmodell insofern unvollständig und unbrauchbar, als er wichtige Aspekte unterschlägt bzw. übersieht, die dem Kommunikationswissenschaftler möglicherweise gleichgültig sind, in der Realität aber viel dramatischere Folgen haben können, wie insbesondere die Verdummung der Menschen durch die intensive Nutzung digitaler Medien (s. M. Spitzer). Diese Krise ist mindestens so tiefgreifend wie die von Pörksen diagnostizierten. Dass er sie nicht anspricht könnte damit zu tun haben, dass man als Netztheoretiker gut davon leben kann, die neuen Medien als solche nicht in Frage zu stellen (s. hiervor zum Thema Selbstschutz), aber über kollektive Phänomene zu schwadronieren.
6. Pörksen ist kein Freund von Normen und Regeln (s. z. B. S. 218), und er glaubt an die Einsichtsfähigkeit und -bereitschaft (natürlich nach ganz viel Diskurs) nicht nur der (Durchschnitts-)Menschen, sondern auch der politischen und wirtschaftlichen Machthaber, Profiteure usw.
Das ist leider ziemlich weltfremd, wie ja die ersten 25 Jahre im Umgang mit dem Internet zur Genüge gezeigt haben. Man muss kein Regulierungsfan sein um einzusehen, dass in einer heterogenen und ethisch sehr diversen (um es freundlich auszudrücken) Gesellschaft gemeinsame Spielregeln verbindlich sein müssen.
Das muss keineswegs in totale Bevormundung enden, wie immer wieder gerne suggeriert wird. Normen können auch Freiheitsgrade schaffen, die es faktisch nicht gibt. So könnte eine ernsthafte Regulierung des Journalistenberufs dazu führen, dass diese besonderen Pflichten unterliegen, aber eben auch garantiert Qualität liefern. Es bliebe dann den Nutzern überlassen, welcher Informationsquellen sie sich bedienen. Journalist zu sein wäre dann ein geprüftes und kontrolliertes Qualitätsmerkmal, ähnlich wie dies für Rechtsanwälte im Rechtsdienstleistungsbereich der Fall ist, deren Reputation auch auf einer Berufsregulierung beruht. Und es würde in dem Zusammenhang auch nicht schaden, die öffentlich-rechtlichen Medien stärker in die Qualitätsverantwortung zu nehmen.
In vielen Bereichen ist auch gar keine Neuregulierung erforderlich, sondern nur eine effiziente Anwendung des geltenden Rechts durch die Justiz. Hier bräuchte man mehr kompetente und mutige Instanzen, die zudem mit den nötigen Mitteln ausgestattet sind, um dem geltenden Recht Achtung zu verschaffen.
Zum geltenden Recht zählt im Übrigen auch der Grundsatz der Eigenverantwortung und der Grundsatz, dass, wer sich bewusst in Gefahr begibt, sich nicht darüber beklagen kann, dass das potenzielle Risiko sich realisiert, oder nur bei vorsätzlichem Verhalten einer anderen Partei.
Das gilt in allen Lebensbereichen und kann auch bei der Mediennutzung zur Anwendung kommen. Es mag sein, dass bei Einführung neuer Technologien und Anwendungen manche Gefahren nicht offensichtlich waren, wodurch dann auch einiges passiert ist, was bedauerlich ist. Inzwischen sind die Risiken aber bekannt, und wer unfähig oder unwillig ist, sich selbst zu schützen (s. o.), der lebt eben gefährlicher als andere.
Darüber hinaus bedarf es auf jeden Fall einer Systemregulierung, analog zum Kartellrecht im Bereich der wirtschaftlichen Marktregulierung. Über Regeln für die Informationsgesellschaft wird schon diskutiert. Diesbezügliche vertiefende Vorschläge wären hilfreich und diskussionswürdig, aber dafür müsste man sich Zeit zum Forschen und Nachdenken nehmen. Die scheint Pörksen nicht zu haben bzw. sich nicht nehmen zu wollen. Die Hinweise auf Publikative und Konnektive als fünfte Gewalt (S. 85, 89) wären ein guter Einstieg gewesen in die Frage der Machtverhältnisse, in das Ausbalancieren von Freiheit und Zwang in der modernen Informations- und Mediengesellschaft. Wer an echten Fortschritten und einer belastbaren Ordnung im wilden Digitalistan interessiert ist, der sollte den Dialog mit Politik- und Rechtswissenschaftlern suchen.
Immerhin spricht Pörksen zum Schluss das Thema der Regulierung der Plattform-Monopolisten an, aber er endet wieder in eigenen, detailliert ausbuchstabierten Richtlinien und Ethikkodizes, die der öffentlichen Diskussion zugänglich sind (so Pörksen S. 215). Die Wirtschafts- und Medienwelt ist voll von solchen Absichtserklärungen, und es ist all zu offenkundig, dass sie nur dazu dienen, diskurswütigen Zeitgenossen Futter für ihre Papierkanonen zu geben, während ihre Urheber weiter ungeniert ihre Macht ausüben. Und mich beschleicht der Verdacht, dass beide Seiten das reizvoll finden.