B. Ulrich hat in einem Artikel in der ZEIT kürzlich zurecht angeprangert, dass zwei der wichtigsten gesellschaftlichen Akteure – Politik und Medien – unter einem bedenklichen, vielleicht schon gefährlichen Realitätsverlust leiden, und dass stattdessen die gesamte politische Debatte im „Als-ob-Modus“ abläuft.
Er beschreibt auch einige Facetten dieser Scheinwelt, die ich durch eigene zusätzliche Punkte noch einmal deutlich erweitert habe:
Die Methoden zur Fiktionalisierung des Politischen funktionieren im Kern wie folgt:
- Sich ein Scheinproblem schaffen (oder Nebensächlichkeiten zum Problem aufbauschen), das man lösen kann und so tun, als sei es relevant, wodurch man von echten Problemen ablenkt und den Eindruck echter Politik erzeugt.
- Sich mit sich selbst beschäftigen, indem man über Personen, Beziehungen, Befindlichkeiten, Proporz usw. diskutiert anstatt echte Probleme in Angriff nimmt.
- Symbolpolitik inszenieren, pompöse Erklärungen abgeben, Konferenzen abhalten, Gesetzesvorschläge präsentieren usw., die von vornherein keine echte Wirkung haben wollen und sollen, sondern nur mediale Aufmerksamkeit.
- Politik ohne feste Basis betreiben, z. B. drohen ohne Drohpotenzial, Gesetze verabschieden ohne Durchsetzungsmöglichkeiten, Leistungen versprechen obschon man weiß, dass sie nicht finanzierbar sind.
- Debatten um der Debatten willen führen, nicht um Probleme zu lösen. Sich damit profilieren, dass man Themen zur Diskussion stellt oder zu echten Problemen, mit denen man konfrontiert wird, äußert, „darüber müsste man mal reden“.
- Sprechblasen produzieren, die man aufgrund seiner Position oder Rolle glaubt produzieren zu müssen bzw. mit denen man sein Image pflegt, ohne etwas bewegen zu wollen.
- Eine gute Story erzählen anstatt gute Politik zu machen; auf das Narrativ achten, das den Menschen etwas vorgaukelt, statt durch tatsächliche Leistungen zu überzeugen.
- Posieren statt Position, Form statt Inhalt.
Die Medien – genauer: die Politik-Journalisten – widersetzen sich dem nicht, im Gegenteil: Sie sind notwendiger integraler Bestandteil der Politshow, und dies äußert sich insbesondere wie folgt:
- Symbol- und Scheinpolitik zum Gegenstand der Berichterstattung machen statt der realen Probleme.
- Sich mit Macht, Ideologie und Psychologie der Politikerkaste beschäftigen, die Sachthemen aber den Fachjournalisten überlassen, die weit weniger Aufmerksamkeit erhalten.
- Nicht zwischen Politik und Realität vermitteln, sondern zwischen Politikern und Bürgern, denen die Journalisten die Politik erklären wollen (nach dem Motto: Die Politik ist nie falsch, sie wird allenfalls schlecht kommuniziert).
- Schein- oder Ersatzdebatten untereinander führen über das, was Journalisten als Realität zu erkennen glauben, und tolerieren, dass die Politiker diese Themen aufgreifen und sie für ihre virtuelle Realität ausnutzen.
- An abwesende Echt-Menschen appellieren, die man nicht näher kennt und für die man sich auch nicht interessiert, die aber dafür sorgen sollen, dass die eigene Kritik gegen andere Privilegierte die nötige Massen-Unterstützung findet, um die eigenen Positionen und Privilegien zu sichern.
- Berichte zu bringen und Themen anzusprechen, von denen man glaubt, dass man sie bringen muss, weil sie gerade aktuell sind usw., und nicht, weil man weiß und ermittelt hat, dass sie besonders wichtig wären.
- Über Meinungen und Gegenmeinungen berichten, nicht über Fakten. Dabei ggf. eindeutig Partei ergreifen, oder auch versuchen, subtil politischen Einfluss auszuüben.
- Sich mit sich und Seinesgleichen beschäftigen, wozu die Medien ein ergiebiges Themen- und Personenrepertoire bieten, das man selbst noch aktiv befruchtet.
Im Ergebnis bedeutet dieser Als-ob-Journalismus gegenüber einer Als-ob-Politik politische Stagflation (wenig bewegende Politik bei hoher politischer Erregung) und mediales Dauerentertainment (viel Sendung bei wenig Botschaften).
In diesem System gilt es, die Bürger bzw. Wähler (d. h. die Zuschauer) zu begeistern und bei Laune zu halten, weil beide – Politik und Medien – offenbar von dem System profitieren. Dummerweise lösen sich die echten Probleme damit nicht, sondern sie werden größer und risikoreicher, und das Volk begreift irgendwann, dass der Kaiser keine Kleider trägt und die potemkinschen Dörfer aus Pappmaschee sind.
Daher lautet der Appell von Ulrich an seine Journalisten-Kollegen „Das muss sich ändern!“ Sonst fällt ihm in Sachen Therapie aber offenbar nichts ein. Und schon gar nicht gehen er oder seine Kollegen der ZEIT mit gutem Beispiel voran. Einsicht ist zwar der erste (notwendige) Schritt zur Besserung, aber zu oft leider auch schon der letzte. Auch das ist eine Facette des Politiktheaters – mit freundlichem Sponsoring der Medien-Claque.
Nachtrag: Wie wenig der Journalismus in der Lage ist, seine eigenen Erkenntnisse umzusetzen, lässt sich daran ermessen, dass derselbe B. Ulrich eine Woche nach seinem Artikel einen weiteren unter dem Tietel „Die Mitte wankt“ veröffentlicht hat, der sich voller Eifer eine ganze Seite lang mit dem Thüringer Polit-Theater und der Unfähigkeit AKK’s beschäftigt.