Worum es wirklich geht

Die drängendste Frage der heutigen Zeit lautet nicht mehr, wie wir leben wollen und werden, sondern ob wir überleben werden.

Dabei geht es um mehr als nur ums Klima oder das Artensterben, nämlich um die Systemstabilität der Natur, deren integraler Bestandteil wir Menschen sind, allerdings mit der Besonderheit, dass wir der Störfaktor sind, der in immer stärkerem Maße dazu beiträgt, das System aus dem Gleichgewicht zu bringen: Überbevölkerung, grenzenloser Konsum, Verschwendung und Ressourcenausbeutung, Beschleunigung und Globalisierung, ineffiziente politische Systeme, die nicht in der Lage sind, das Gemeinwohl (und nicht Klientelpolitik) als zentrales Aufgabenfeld zu etablieren, verstärkt durch den Verlust ausgleichender moralischer und religiöser Werte, das Vorherrschen von Nationalismen, Regionalismen und Egoismen, Technikabhängigkeit gepaart mit Machbarkeitsphantasien, und nicht zuletzt die einseitige Fixierung auf die Wirtschaft und Reichtum bzw. Wohlstand – Die Mischung all dessen führt den Globus in eine Zukunft, die nichts Gutes verheißt.
Nun ist es nicht so, dass all diese Faktoren nicht bekannt wären. Wenn man aber die Welt um sich herum beobachtet, stellt man fest, dass diese Erkenntnisse zu viele Menschen nicht erreichen, dass die Kundigen (inkl. derjenigen, die es wissen könnten, wenn sie offen dafür wären) es oft nicht wahrhaben wollen, und dass die Handlungswilligen keine ausreichende Macht besitzen, Änderungen herbeizuführen (wenn sie nicht ohnehin schon der Mut verlassen hat).
Die Folgen dieser Erkenntnis- und Handlungsunfähigkeit kann man jeden Tag bestaunen: Wenn selbst eines der reichsten Länder der Erde lieber die Umwelt weiter verpestet, statt einige Tausend Arbeitsplätze im Kohletagebau sozialverträglich (d. h. durch alle finanziert) zügig abzubauen, oder wenn man sich scheut, den Aktionären der Dieselautobauer einen Teil der Gewinne bzw. Dividenden vorzuenthalten, um damit Umweltschäden zu vermeiden, was soll man dann von den anderen erwarten?
Wenn die Reichen nichts abgeben bzw. auf nichts verzichten wollen, und die Armen leben wollen wie wir, dann wird alleine das den Globus in kürzester Zeit aus dem Gleichgewicht bringen. Wenn dann noch ein paar verrückte politische Führer glauben, soziale „Probleme“ mit Gewalt lösen zu können, dann droht uns in der Tat einiges von dem, was man in Science-Fiction-Filmen schon bewundern kann.
Sind die westlichen Gesellschaften (und die ihrem Vorbild nacheifernden) mit ihrer Fokussierung auf die falschen Themen und Werte (von Liberalität über Wirtschaftswohlstand bis Geschlechtlichkeit) vielleicht schon so dekadent, dass sie sich selbst nicht mehr am Schopf aus dem Sumpf der Naturzerstörung ziehen können?

Man kann bzw. muss das gleichzeitige Aufkommen der Rechten und Religionsfundamentalisten in vielen Ländern auch so deuten, dass sich hier eine intuitiv-instinktive Gegenwehr gegen das dominierende kapitalistisch-links-liberale Modell Bahn bricht. Allerdings verharren diese Bewegungen gedanklich in viel zu engen und einseitigen Kategorien, als dass sie in dieser Form nachhaltige Zukunftsentwürfe vorweisen könnten. Im Gegenteil: Sie tragen zur Problemverschärfung dadurch bei, dass sie falsche Problemanalysen und Lösungsansätze propagieren.
Man kann ihr Agieren dennoch so verstehen, dass es einen signifikanten Teil der Bevölkerung gibt, der sich mobilisieren lässt, wenn es für sie ein sinnvolles Ziel gibt, für das zu streiten es sich lohnt. Die herrschenden gesellschaftlichen Akteure bieten aber nicht nur zu wenig überzeugungskräftige Ziele, sondern vertreten diese auch mit zu wenig Leidenschaft und Integrität. Selbst wenn es möglicherweise nicht so gedacht ist, kommt ihr Verhalten als Politroutine an, als ein Rollenspiel, in dem sie jeweils eine bestimmte Position einnehmen, weil die auszufüllende Rolle noch frei ist bzw. ein entsprechendes Verhalten von ihnen erwartet wird, aber sie damit keine existenziellen Überzeugungen verbinden.
Selbst die dazu eigentlich berufenen veränderungswilligen Aktiven verstehen sich zu sehr als Teil eines Systems, das sie zwar verändern wollen, aber mit dem Mitteln desselben Systems, dem sie sich insofern unterordnen, und sei es nur, um ihre Aktivitäten zu finanzieren. Wer sich aber von Steuergeldern direkt oder indirekt alimentieren lässt oder mit Marktmitteln (Imagewerbung und dergleichen) versucht, seine Position zu stärken, der signalisiert, dass er nicht zur Radikalität bereit ist, die es aber geben muss, wenn sich schnell etwas ändern soll.
Auch für jene, die Kirchensteuer zahlen oder spenden, sind diese Beträge – obschon sie natürlich auch viel Positives bewirken – letztlich nicht viel anderes als die moderne Form des Ablasshandels: Sündige, so viel du willst, und kompensiere das durch finanzielles Gutes-Tun (wobei die tatsächliche Verwendung dieser Mittel zudem in vielen Fällen gar nicht interessiert).
Und statt den Menschen die Wahrheit zu sagen, verblöden die letzten verbliebenen Akteure – Politik und Medien – die Bevölkerung lieber mit irrelevanten oder zweitrangigen Themen, vermutlich, weil sie intuitiv begriffen haben, dass das zukünftige Gesellschaftssystem weitgehend ohne sie auskommen wird, da ihr Beitrag zur Lösung unserer Probleme zu gering ist.
So vergeben sich letztlich alle Beteiligten die Chance, durch die Einsicht in die Wahrheit und den daraus abzuleitenden Beitrag aller noch so viel zu retten, wie es eben geht. Viel lieber verdrängen alle gemäß ihrer jeweiligen Rolle konsequent die Realität und „vertrauen“ darauf“, dass die Probleme sich schon irgendwie erledigen.
Das werden sie auch, nur eben nicht, wie man sich das erträumt. Verändern wird sich so jedenfalls nichts, schon gar nicht innerhalb kurzer Zeit.

Die Frage ist daher, wie lange die wirklich Veränderungs- und Überlebenswilligen und Handlungsbereiten es sich gefallen lassen, von den Bequemen, Verweigerern, Kurzfristdenkern, Größenwahnsinnigen, Vergnügungssüchtigen und ähnlichen Konsorten jeden Tag einen Schritt weiter in Richtung Abgrund geführt zu werden. Klar ist jedenfalls: Je länger die notwendige Anpassung des Systems hinausgezögert wird, desto stärker und langdauernder werden die Ausschläge der Reaktionen sein, die das System wieder stabilisieren.
Der Globus wird dieses Ziel eines neuen Gleichgewichts irgendwann erreichen. Wie viele Lebewesen dann hier noch eine sie ernährende Umwelt finden, wird sich zeigen müssen. Dass im derzeit plausibelsten Szenario Menschen dazu zählen werden, ist eher fraglich. Angesichts dessen, was wir heute erleben, muss man darüber nicht traurig sein. Die Erde und alle anderen auf ihr lebenden Wesen haben besseres verdient als die derzeit agierende Spezies Mensch.