Ich, wir und Covid

„Covid-19 hat offenbart, dass eine erzwungene Wahl zwischen dem egozentrischen Individuum und dem unterdrückenden Kollektiv eine falsche Alternative ist. Wenn wir das einundzwanzigste Jahrhundert überleben wollen, brauchen wir eine dritte Sichtweise: eine systematische Anerkennung, dass jede individuelle Erfahrung ein unersetzlicher Knotenpunkt in einem Netz der Wechselseitigkeit ist. Darum geht es im Leben. Und die Politik ist ein Teil des Lebens.“

Francesca Melandri, Gefährliche Tabus, ZEIT Nr. 53, 22.12.2021, S. 60

Leben wägen

1. Die Corona-Pandemie hat die Frage aufgeworfen, welchen Preis wir zu zahlen bereit sind, um Menschenleben zu retten.

Diese Frage ist keineswegs neu, sondern sie stellt sich in vielerlei Zusammenhängen, von der Organisation von Rettungseinsätzen über Lebensmittelgesetzgebung oder Geschwindigkeitsbegrenzungen auf der Autobahn bis hin zur TÜV-Zertifizierung von Kinderspielzeug. Die Antworten hierauf sind uneinheitlich: Zwar werden Gesundheit und Leben der Menschen als hohes Gut geschützt, aber in der konkreten Ausgestaltung handelt unsere Gesellschaft keineswegs einheitlich und logisch-konsequent (ohne dass uns dies jedoch immer bewusst wäre).

Die Corona-Pandemie wirft diese Frage in besonders akuter Weise auf: Zum einen sind unterschiedslos alle potenziell von einer Infektion (und einem frühzeitigen Ableben) bedroht, zum anderen sind die Kosten des Lebensschutzes gigantisch und weit jenseits dessen, was bislang als gerechtfertigt betrachtet wurde.

Aus der Analyse der hierfür auschlaggebenden Gründe ergibt sich, dass der Staat (ob bewusst oder unbewusst) nicht willens und/oder in der Lage ist, zu differenzieren und priorisieren, d. h. abzuwägen und zu entscheiden, und stattdessen lieber pauschale und totale (weitreichende) Maßnahmen trifft, die erhebliche Folgen für die kommende Generation haben werden.

In der Tat sind die hier zu treffenden Abwägungsentscheidungen grundlegend und existenziell, z. B.:

  • Welches Leben ist schützenswerter: Das der Jungen oder Alten? Das der Reichen oder Armen? Das der sozial Engagierten oder Egoisten? Usw.
  • Welche Wohlstandseinbußen sind wir bereit hinzunehmen, um Menschenleben zu retten? Wessen Wohlstand darf bzw. soll in wessen Lebensinteresse beschränkt werden? Wieviel darf die Verhinderung eines frühzeitigen Sterbens bzw. gesamtgesellschaftlich des „Übersterbens“ kosten?

Da das Besondere am Sterben ist, dass es früher oder später jeden trifft, geht es zudem genau genommen nicht darum, das Sterben an sich zu vermeiden, sondern frühzeitiges Sterben. Die Einbeziehung dieses Aspekts führt zur zusätzlichen schwierigen Abwägung, ab welchem Alter ein frühzeitiges Ableben ggf. hinnehmbar würde. Wollte man das ernsthaft entscheiden, dürfte man sich im Übrigen nicht auf eine reine zahlen- bzw. altersmäßige Betrachtung beschränken, sondern man müsste auch die Lebensqualität und vor allem den Beitrag zum Erhalt und zur Funktionsfähigkeit der Gesellschaft (also die kollektiven Interessen) berücksichtigen.

Der Staat als solcher verbietet sich solche abwägenden Überlegungen, notfalls mit Verweis auf die Ideen „unwerten Lebens“ der Nazis oder auf kommunistische Diktaturen, die ihren Ideologien Millionen Menschen geopfert haben, auch wenn es hier und heute ja gerade nicht um Entscheidungen einer Machtelite, sondern um demokratische Entscheidungen gehen würde.

Noch handelt es sich dabei jedenfalls um ein Tabuthema, dass zwar ständig im Raum steht, aber konsequent gemieden wird. Das scheint bislang auch noch der weit überwiegenden Volksmeinung zu entsprechen. Je gravierender die Lage aber für alle wird, und vor allem für junge Menschen, die den Eindruck haben, ihre Zukunft werde zugunsten der Lebensverlängerung der Alten ruiniert, umso unvermeidbarer wird diese Frage diskutiert und entschieden werden müssen, vor allem wenn schon im Herbst möglicherweise der nächste Lockdown droht. Und erst recht wird dies der Fall sein, wenn in ein paar Jahren die nächste Katastrophe eintritt und die staatlichen Ressourcen definitiv zu knapp werden, um noch Rettungsschirme aufzuspannen. Weiterlesen

Präsenz und Distanz

Die Covid 19-Pandemie ist eine gute Gelegenheit, über die Bedeutung von Präsenz und Distanz im Zusammenleben nachzudenken.

Neu ist das Thema nicht. In Zeiten einer großen Mobilität bei gleichzeitig drastisch gestiegenen Kommunikationsmöglichkeiten waren die beiden Pole in letzter Zeit verschwommen: Man konnte sich körperlich fern sein, aber virtuell-kommunikativ nah. Das erschien inzwischen irgendwie selbstverständlich und hat dazu geführt, die Bedeutung der tatsächlichen Präsenz – gleichzeitige körperliche Gegenwart am selben Ort – gering zu schätzen. Selbst Beziehungen auf Distanz waren Teil der modernen Normalität.

Was uns die Pandemie aber gelehrt hat, sind insbesondere folgende Erkenntnisse:

  • Freiwillige Distanz ist etwas anderes als verhinderte Präsenz.
  • Erzwungene Dauerdistanz ohne Kompensation im Präsenzbereich führt zu erheblichen Belastungen.
  • Präsenz ist zwar nicht dasselbe wie Nähe, aber sie erleichtert Nähe.
  • Dort wo Nähe keine nennenswerte Rolle spielt, sind Distanzkontakte ausreichend. Aber je wichtiger Nähe ist, desto wichtiger ist auch Präsenz.
  • Distanzkommunikation reduziert die Wirkung der non-verbalen Elemente, deren Bedeutung durch die fehlende Präsenz besonders deutlich wird.
  • Die meisten Menschen, von Einsiedlern und sonstigen Soziophoben abgesehen, sind nicht nur soziale Wesen, sondern sie sind soziale Präsenzwesen.

Menschsein/Humanitude

„Eine weise Mischung aus Fürsorge und kritischem Geist, Unterstützung und Radikalität, Gegenseitigkeit und Feinfühligkeit. All das, wozu Maschinen nicht in der Lage sind.“

(« Un savant mélange de sollicitude et d’esprit critique, d’entraide et de radicalité, de mutualité et de délicatesse. Tout ce que les machines sont incapables de nous transmettre. »)

Hugues Dorzée, Editorial, Imagine N. 140 sept-oct 2020, S. 5

Auferstehen wovon und wozu?

Am Ostersonntag erinnert die christliche Geschichte von Jesu Auferstehung vom Tode daran, dass auch die Gesellschaft nach der Covid-19-Pandemie auferstehen muss. Nicht aus Ruinen, sondern aus einem nicht mehr funktionsfähigen Wirtschafts- (und Gesellschafts-)Modell, das an Effizienz-, Profit- und Reichtumsmaximierung orientiert war und bei diesem Streben alle immateriellen Werte als verzichtbar hat erscheinen lassen.

Nun lernen wir, wie durch einen Virus der gesamte Wohlstand innerhalb kürzester Zeit zu Schutt und Asche zu werden droht. Der äußere Schein bleibt unzerstört, aber die Substanz bricht weg. Dabei kann man es als symbolhaft werten, dass ausgerechnet ein Virus uns in die Knie zwingt: Denn auch die Krankheit der Gesellschaft sitzt im Inneren, und sie wird sich nicht so leicht therapieren lassen wie ein mittelgefährlicher Virus. Weiterlesen

White man blues?

Manchmal weiß ich nicht, ob ich angesichts des Verhaltens anderer lachen oder weinen soll. So geht es mir bei dem Opfergehabe all jener, die keine heterosexuellen weißen Männer (hwM) sind, letztere aber zum Feindbild par excellence erkoren haben.

Solche Opfer vom zumindest mikroaggressivem (!) hwM-Reden und Handeln scheint es viele zu geben. Jede sich benachteiligt fühlende mikroidentitäre Gruppe, die irgendein anderes Merkmal als das der typischen hwM an sich entdeckt, betrachtet sich schon mal potenziell als Geschädigtenkollektiv. Und falls es dann einen echten (zumindest von ihr so empfundenen) hwM-Sündenfall anzuprangern gilt, tut man dies der Welt mit solcher begeisterter Verachtung und Forderungen nach Ächtung kund, dass man glauben muss, pauschales public bashing sei die neue Form gerechter Urteile und alle hwM seien der letzte Dreck.

Auch ich bin ein hwM, aber alles andere als schuldbewusst und bußbereit.

Warum? Weiterlesen

Verzichtsverzicht

Derzeit wird viel darüber nachgedacht, wie man die Menschheit daran hindern könnte, sich und den Planeten Erde zu ruinieren. Ich habe dazu das Modell der Rettungskatastrophe  skizziert, das mir noch ehesten in der Lage erscheint, die Menschen zur Umkehr zu bewegen.

Zur Vertiefung möchte ich noch einmal auf die Alternativen „freiwilliger Verzicht“ und dessen Gegenpart „Zwangsregulierung“ eingehen, die beide unbeliebt sein mögen, wohl aber mehr Akzeptanz erfahren dürften als ein Katastrophenszenario. Weiterlesen

dann

wenn die zeit kühlgesinnt
ohne halt sich vorwärts schiebt
und die kraft nicht zum widerstand reicht

wenn die zeit verrinnt,
und das jetzt zerstiebt,
fahrig, flüchtig und bleich,

wenn die zeit beginnt,
in der es kein später mehr gibt,
und wenn doch, dann nur jetzt gleich,

wenn die zeit sich verdünnt
und die erinnerung trübt,
und ein tag dem anderen gleicht,

wenn die zeit sich krümmt
und den rückzug übt,
weil das ende fast erreicht,

dann …
ja dann …
was dann?

Toleranz

„Wir müssen neu über Toleranz nachdenken [nicht nur die der anderen, sondern auch die eigene]. Glauben diejenigen, die die Auch-Konservativen weiter liberalisieren wollen, wirklich, sie erreichten dies, indem sie ihnen das Gendersternchen vorschreiben? Indem sie ihnen verbieten, Dekolleté-Komplimente zu machen? Indem sie wütend losfauchen, sobald einer sie fragt, wo sie geboren sind? Indem sie jeden schlechten Witz auf Kosten der queeren Community zum Skandal aufbauschen? […]

Klüger, weil integrierender, wäre es, Bürger mit eher traditionellen Wertvorstellungen nicht als Geisterfahrer zu deklarieren, sondern davon auszugehen, dass auch sie Richtung Zukunft fahren, dabei allerdings für ein Tempolimit plädieren. […]

Toleranz ist die Haltung des […] erwachsenen, zu einer gewissen Komplexität fähigen Menschen, der unterscheiden kann zwischen dem, was er tatsächlich befürwortet, und dem, was er mit Blick auf den gesellschaftlichen Frieden lediglich erträgt, obwohl er es eigentlich ablehnt.“

Thea Dorn, Abrüsten, Avantgarde!, ZEIT 28.3.2019, S. 3 (Textreihenfolge z. T. geändert)