White man blues?

Manchmal weiß ich nicht, ob ich angesichts des Verhaltens anderer lachen oder weinen soll. So geht es mir bei dem Opfergehabe all jener, die keine heterosexuellen weißen Männer (hwM) sind, letztere aber zum Feindbild par excellence erkoren haben.

Solche Opfer vom zumindest mikroaggressivem (!) hwM-Reden und Handeln scheint es viele zu geben. Jede sich benachteiligt fühlende mikroidentitäre Gruppe, die irgendein anderes Merkmal als das der typischen hwM an sich entdeckt, betrachtet sich schon mal potenziell als Geschädigtenkollektiv. Und falls es dann einen echten (zumindest von ihr so empfundenen) hwM-Sündenfall anzuprangern gilt, tut man dies der Welt mit solcher begeisterter Verachtung und Forderungen nach Ächtung kund, dass man glauben muss, pauschales public bashing sei die neue Form gerechter Urteile und alle hwM seien der letzte Dreck.

Auch ich bin ein hwM, aber alles andere als schuldbewusst und bußbereit.

Warum?

Weil Gesinnungsdiktatur und Schauprozesse mit dem Ende des Kommunismus in die Klamottenkiste abnormer Formen sozialen Zusammenlebens gehören. Das moderne Rechts- und Gesellschaftssystem kennt keine Kollektivschuld, sondern individuelle Verantwortung, und sie arbeitet ohne Vorverurteilung, sondern mit konkreter Beweislast des Klägers und neutraler Prüfung durch unabhängige Richter.

Weil die kollektive Verurteilung von hwM nichts anderes als Rassismus darstellt, eine auf genetisch-rassischen Merkmalen beruhende Herabwürdigung und Schuldzuweisung.

Weil nicht nur hwM Diktatoren, Mörder und Frauenschänder sind und waren, sondern ebenso Afrikaner, Chinesen, Lateinamerikaner oder indigene Völker. Nicht hwM sind das grundsätzliche Problem, sondern die Rasse Mensch.

Weil hwM nicht nur Täter sind, sondern genauso Opfer. Millionen ermordeter Juden, ausgebeuteter Arbeiter und in sinnlosen Kriegen verheizter junger Männer waren hwM.

Weil der Ursprung der westlichen Zivilisation (in ihren positiven Dimensionen) dem Geist und der Moral hwM entsprungen ist.

Wenn sich jemand schämen sollte, dann sind es all jene, die zu faul sind zu denken, zu bequem zu differenzieren und zu feige konkret zu individualisieren. Wer Unrecht begeht, muss selbstverständlich bestraft werden. Ideologisch verbrämte pauschale Besserwisserurteile aber sind die Anzeichen einer morbiden Gesellschaft, welche die geistige und moralische Orientierung verloren hat und unter dem Deckmantel einer Scheinethik letztlich nur Egoismen und Narzissmen ausleben lässt, während die wirklichen Probleme der echten Hilfsbedürftigen ignoriert werden.

Das ganze Theater ist ein von den Medien noch zusätzlich hochgepeitschtes Instrument der Verblödung, was umso mehr ärgert, als es von den wirklich drängenden Problemen unserer Zeit ablenkt. Die Welt wird sicher nicht nur von hwM gerettet werden können, aber auch nicht ohne sie.

Bleibt zu hoffen, dass dieser Blödsinn sich auf jene Intellektuellenkreise beschränkt, die sich gerne in ihrer eigenen Wichtigkeitsblase bewegen und im Beifall ihresgleichen den Kick finden, den sich andere, auch hwM, in verantwortungsvoller Arbeit an echten Problemen erarbeiten.

Mehr als ein verächtliches Bedauern kann ich für so wenig Hirn und Charakter nicht übrighaben.