Gute Vorlesungen

Seit Covid-19 grassiert und Präsenzveranstaltungen auf Eis liegen, wird von den einen gerne daran erinnert, wie wichtig die Präsenz-Vorlesung sei, und andere freuen sich lautstark, dass nun endlich die Digitalisierung der Lehre vorankomme.

Beides entspringt nicht nur einer einseitigen Betrachtung, sondern ist auch deswegen irreführend, weil zu wenige Lehrende verstehen, was den Kern einer guten Vorlesung ausmacht. K. Zierer (ZEIT 10.9.2020, S. 35) hat das auf den Punkt gebracht:

„Gute Vorlesungen zeichnen sich aus durch eine Atmosphäre des Vertrauens und Zutrauens, durch ein durchdachtes System von Regeln und Ritualen, durch klare Ziele, die weder zu leicht noch zu schwer, sondern herausfordernd sind, durch Austausch und Kooperation, Reflexion und Kritik, durch Beantwortung der Frage nach der Sinnhaftigkeit des zu Lernenden und durch Rückmeldungen für die Lehrenden, um die nächste Vorlesung planen zu können, und für die Studierenden, um zu erkennen, was sie geleistet haben und woran sie als nächsten arbeiten müssen. Digitalisierung kann in allen Aspekten hilfreich sein, wenn sie nicht anstelle von Präsenz, sondern für ihre Optimierung eingesetzt wird.“

 Das ist leider komplex und anstrengend. Und eben deshalb wurde und wird es auch kaum praktiziert, und auch Corona wird daran wohl nichts ändern.

Präsenz und Distanz

Die Covid 19-Pandemie ist eine gute Gelegenheit, über die Bedeutung von Präsenz und Distanz im Zusammenleben nachzudenken.

Neu ist das Thema nicht. In Zeiten einer großen Mobilität bei gleichzeitig drastisch gestiegenen Kommunikationsmöglichkeiten waren die beiden Pole in letzter Zeit verschwommen: Man konnte sich körperlich fern sein, aber virtuell-kommunikativ nah. Das erschien inzwischen irgendwie selbstverständlich und hat dazu geführt, die Bedeutung der tatsächlichen Präsenz – gleichzeitige körperliche Gegenwart am selben Ort – gering zu schätzen. Selbst Beziehungen auf Distanz waren Teil der modernen Normalität.

Was uns die Pandemie aber gelehrt hat, sind insbesondere folgende Erkenntnisse:

  • Freiwillige Distanz ist etwas anderes als verhinderte Präsenz.
  • Erzwungene Dauerdistanz ohne Kompensation im Präsenzbereich führt zu erheblichen Belastungen.
  • Präsenz ist zwar nicht dasselbe wie Nähe, aber sie erleichtert Nähe.
  • Dort wo Nähe keine nennenswerte Rolle spielt, sind Distanzkontakte ausreichend. Aber je wichtiger Nähe ist, desto wichtiger ist auch Präsenz.
  • Distanzkommunikation reduziert die Wirkung der non-verbalen Elemente, deren Bedeutung durch die fehlende Präsenz besonders deutlich wird.
  • Die meisten Menschen, von Einsiedlern und sonstigen Soziophoben abgesehen, sind nicht nur soziale Wesen, sondern sie sind soziale Präsenzwesen.